Wiggs | Zerrissenes Herz | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 7, 432 Seiten

Reihe: Lakeshore Chronicles

Wiggs Zerrissenes Herz


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86278-436-3
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 7, 432 Seiten

Reihe: Lakeshore Chronicles

ISBN: 978-3-86278-436-3
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es gibt Tage am Willow Lake, da ist der Wind so still und das Wasser so ruhig, dass man nur den eigenen Herzschlag hört. Auch Daisy Bellamy lauscht, doch sie kann anhand des Klopfens nicht herausfinden, für wen ihr Herz stärker schlägt. Für den verantwortungsvollen Logan, den Vater ihres Sohnes? Oder den abenteuerlustigen Justin, den sie seit ihrer Jugend liebt? Diese Entscheidung wird ihr auf schicksalhafte Weise abgenommen. Daisy stürzt sich in ihre Arbeit als Fotografin - und in die Arme des Mannes, der ihr und ihrem Sohn ein stabiles Zuhause geben kann. Langsam kehrt eine gewisse Ruhe in ihr Herz und in ihr Leben ein. Bis mit einem Mal der Mann vor ihr steht, den sie nie vergessen konnte. Wie wird sie sich jetzt entscheiden?



Susan Wiggs hat an der Harvard Universität studiert und ist mit gleicher Leidenschaft Autorin, Mutter und Ehefrau. Ihre Hobbys sind Lesen, Reisen und Stricken. Sie lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter und dem Hund auf einer Insel im nordwestlichen Pazifik.

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1. KAPITEL


Der Bräutigam sah so gut aus, dass Daisy Bellamy bei seinem Anblick beinahe das Herz geschmolzen wäre. Bitte, dachte sie. Oh bitte, lass es dieses Mal richtig sein.

Er schenkte ihr ein kurzes, nervöses Lächeln.

„Komm schon“, flüsterte sie kaum hörbar. „Noch einmal mit Gefühl. Sag Ich liebe dich so, als würdest du es auch meinen. Zeig mir, was du fühlst!“

Er war der Märchenprinz in seinem taubengrauen Smoking, kein Haar tanzte aus der Reihe, aus jeder Pore strahlte Bewunderung. Er schaute ihr tief in die Augen und sagte mit vor Ernsthaftigkeit brechender Stimme: „Ich liebe dich.“

Ja“, flüsterte Daisy. „Ich hab’s“, fügte sie dann hinzu und senkte die Kamera. „Genau davon habe ich gesprochen. Gut gemacht, Brian!“

Der Videograf kam näher, um die Reaktion der frischgebackenen Braut einzufangen, eine errötende, hübsche junge Frau namens Andrea Hubble. Als wäre die Kamera gar nicht anwesend, lockte Zach Alger das Pärchen mit einem oder zwei leisen Worten, und schon sprachen sie auf ganz vertraute Weise über ihre Liebe, ihre Hoffnungen und Träume, ihr Glück an diesem herrlichen Tag.

Daisy gelang eine ungestellte Aufnahme von den beiden, als sie einander den Kopf für einen Kuss zuneigten. Im Hintergrund erhob sich ein Seetaucher aus dem Willow Lake, Wassertropfen glitzerten im Licht der frühen Abenddämmerung. Die Schönheit der Natur machte den Augenblick noch romantischer. Und Daisy war gut darin, Romantik mit der Kameralinse einzufangen. Im wahren Leben hingegen …

Sie sehnte sich danach, die Freude zu finden, die sie in den Gesichtern ihrer Kunden sah, aber ihre romantische Vergangenheit bestand aus einer Aneinanderreihung von Fehlern und verpassten Chancen. Sie selbst nannte sich eine Vermasslerin, weil sie so viel in ihrem Leben vermasselt hatte. Eine Vermasslerin, die alles versuchte, um ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Denn sie hatte einen kleinen Sohn, der nicht ahnte, dass seine Mutter eine Vermasslerin war. Eine mit verantwortungsvollem Beruf, die in sich die Sehnsucht nach etwas verspürte, das sie nicht haben konnte – die schimmernde Liebe, die ihre Kamera durch die sehr teure Linse beobachtete.

„Ich denke, wir sind hier fertig“, sagte Zach und warf einen Blick auf die Uhr. „Und ihr zwei werdet, glaub ich, dringend auf einer Feier erwartet.“

Das Brautpaar drückte einander die Hände. Ihre Gesichter waren ein einziges großes Lächeln. Daisy spürte die aufgeregte Vorfreude, die von ihnen ausging. „Die größte Party unseres Lebens“, sagte Andrea. „Ich will, dass alles perfekt ist.“

Das wird es aber nicht, dachte Daisy. Sie hielt die Kamera immer noch so, dass sie jederzeit auf den Auslöser drücken konnte. Die besten Fotos entstanden in Momenten, in denen sich die Menschen unbeobachtet fühlten. Und die kleinen Makel waren es, die eine Hochzeit besonders und erinnerungswürdig machten. Der Glanz der Unvollkommenheit gehörte zu den ersten Entdeckungen, die Daisy in ihrer Anfangszeit als Hochzeitsfotografin gemacht hatte. Jedes Ereignis, egal wie sorgfältig es auch geplant worden war, hatte seine Unvollkommenheiten. Es würde immer einen Trauzeugen geben, der mit dem Gesicht in der Punschschüssel landete, ein zusammenbrechendes Pavillonzelt, Haare, die in Brand gesetzt wurden, weil sich jemand zu weit über eine Kerze gebeugt hatte, eine übergewichtige, ohnmächtig werdende Tante, ein weinendes Baby.

Das waren die Dinge, die das Leben interessant machten. Und als alleinerziehende Mutter hatte Daisy das Ungeplante zu schätzen gelernt. Denn einige der schönsten Erlebnisse ihres Lebens waren passiert, als sie es am wenigsten erwartet hatte – die kleinen Hände ihres Sohns, als sie ihre umklammert und sie viel stärker auf dem Boden gehalten hatten als die Schwerkraft. Einige der schlimmsten allerdings auch – ein Zug, der aus dem Bahnhof gefahren und sie allein mit ihren Träumen zurückgelassen hatte –, aber sie versuchte, nicht allzu lang darüber nachzudenken.

Sie schlug vor, dass die Frischverheirateten Hand in Hand über die große Wiese am Willow Lake gingen. Während des Zweiten Weltkrieges hatte es hier einen Victory Garden gegeben – ein Garten, in dem Gemüse und Kräuter angepflanzt wurden, um die Bevölkerung zu versorgen und die Moral zu stärken. Jetzt war die Wiese eine von Daisys liebsten Fotokulissen, vor allem zu dieser goldenen Stunde des Tages, wenn die Zeit zwischen Nachmittag und Abend schwebte.

Die letzten rosa- und bernsteinfarbenen Strahlen der Sonne fielen auf die Wiese. Dieser Moment war für Andrea und Brian einfach perfekt. Die Braut ging ein kleines Stückchen vor ihrem Mann, das Kinn stolz erhoben. Die Haltung des Bräutigams war beschützend, und zugleich strahlte jede seiner Gesten pure Freude aus. Der Wind hob ihr Kleid an, sodass die Schatten die beiden wie ein zartes Netz miteinander verbanden. Das ungeprobte Schauspiel der Bewegung fiel mit dem wie Gewehrfeuer klingenden Klicken des Kameraauslösers zusammen.

Als Daisy sich die Bilder auf dem Display anschaute, wusste sie, dass sie das Foto dieses Pärchens gemacht hatte – das Bild, das für immer an diesen Tag erinnern würde.

Obwohl … Sie zoomte einen kleinen Fleck am Horizont näher heran.

„Verdammt“, murmelte sie.

„Was?“ Zach beugte sich über ihre Schulter.

„Jake, der Hund der Fritchmans, ist wieder ausgerissen.“ Sie sah ihn in all der hochauflösenden Pracht, ein Scherenschnitt vor dem Himmel, der gerade ein Häufchen machte.

„Ein Klassiker“, merkte Zach an und machte sich wieder daran, seine Kabel zusammenzurollen und seine Ausrüstung für die Feier zusammenzupacken.

Daisy drückte einen Knopf, um das Bild für spätere Retuschen zu markieren.

„Bereit?“, fragte sie Zach.

„Zeit weiterzufeiern“, antwortete er. Sie folgten dem Brautpaar den Weg am See entlang zum Hauptgebäude des Camp Kioga, wo die Hochzeitsfeier stattfinden würde. Das Pärchen zog sich noch kurz zurück, um sich für seinen Auftritt frisch zu machen. Währenddessen bereitete sich Daisy darauf vor, die Feier fotografisch festzuhalten.

Die Braut war ihr von Anfang an sympathisch gewesen, und Camp Kioga liebte sie sowieso. Das ruhige Resort am See war ein historisches Wahrzeichen und gehörte Daisys Großeltern. Inmitten der Wildnis von Ulster County und in der Nähe des Städtchens Avalon gelegen, war Camp Kioga als Zufluchtsort für die Elite aus New York City gegründet worden – ein Ort, an dem die gut Betuchten der drückenden Sommerhitze der Stadt entfliehen konnten.

Inzwischen war Camp Kioga von Daisys Cousine Olivia zu einem Luxusresort umgebaut worden. Letztes Jahr war das neu eröffnete Resort auf www.Iamthebeholder.com erwähnt worden, und seitdem war es stets gut gebucht.

Für Daisy war Camp Kioga mehr als nur ein schöner Ort. Sie hatte hier die schönsten – und schmerzvollsten – Augenblicke ihres Lebens erlebt, und die Landschaft hatte ihre Auffassung von ästhetischer Fotografie geprägt.

Die Firma, für die sie arbeitete, seit sie den Collegeabschluss hatte, hieß Wendela’s Wedding Wonders und war in der Region fast eine Institution geworden. Daisy war sehr dankbar für den Job. Die Aufträge kamen stetig, die Arbeitszeiten waren verrückt, das Einkommen war angemessen, wenn auch nicht üppig. Es würde nie an Menschen mangeln, die heiraten wollten. Aber ja, sie gab es zu, sie träumte davon, Hochzeiten und Porträts hinter sich zu lassen. Denn ihre tiefste Liebe galt der erzählenden Naturfotografie, wie sie es nannte.

Denn im Grunde genommen war sie eine Geschichtenerzählerin. Ihre Fotos boten intime Einblicke durch die Kameralinse. Daisy fing die zerbrechliche, vergängliche Natur der sie umgebenden Welt mit Bildern ein, die sie tief bewegten und starke Gefühle weckten, allein durch die Anmut von Bäumen, die ihre Äste ins Wasser tauchten, durch die Fülle eines grünschattigen Waldes im Frühling oder durch die epischen Formen der Granitklippen über einem Abgrund. Im College hatte sie immer unter Zeitdruck gelitten, weil die Abgabetermine festgestanden, die Motive sich aber nicht hatten drängen lassen – Kaulquappen, die sich verwandelten, ein Rehkitz, das sich einen Weg über eine Lichtung suchte, ein regungslos in den sumpfigen Ebenen stehender Fischreiher, der auf seine nächste Mahlzeit lauerte.

In der Fotografie hatte sie ihre künstlerische Stimme gefunden und die Leidenschaft für ihre Arbeit. Die Faszination hatte mit einer geschenkten Kodak-Kamera zu ihrem achten Geburtstag angefangen. Daisy hatte ein Foto von ihrer Grandma geschossen, die an jenem Tag gelernt hatte, wie man Hula Hoop tanzt. Dieses Erlebnis hatte sie mit so viel Befriedigung erfüllt, dass es sich beinahe wie eine Segnung angefühlt hatte. Es war ein Augenblick gewesen, der nie wiederkehren würde; sie hatte ihn für alle Zeiten eingefangen. Und obwohl es ein Foto ihrer Großmutter war, hatte das Bild etwas Universelles, das jeder verstand.

In jenem Moment hatte sie die Macht der Fotografie verstanden. Heute wünschte Daisy sich oft mehr Zeit, um mit ihrer Kamera wahre Kunst herzustellen, aber sogar bildende Künstler – und deren kleine Söhne – mussten essen. Für eine alleinstehende Mutter stach ein geregeltes Einkommen jede hohe Kunst aus. Und die Snobs unter den Fotografen schienen eine Tatsache zu vergessen: Inmitten einer Hochzeit boten sich unzählige Gelegenheiten, einen überirdischen Moment zu finden. Ein guter Fotograf wusste einfach, wo man Ausschau hielt und wie man diese Momente einfing. Auf einer...



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