E-Book, Deutsch, 681 Seiten
Wildgans Gesammelte Werke
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-4007-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 681 Seiten
ISBN: 978-3-8496-4007-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anton Wildgans war ein österreichischer Lyriker und Dramatiker. Dieser Sammelband beinhaltet seine wichtigsten Werke, u.a. die Dramen 'Dies irae' und 'Armut', verschiedene Austriaca und die Autobiographie 'Musik der Kindheit'
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Dies irae
Gestalten
Dr. med. et phil. Vinzenz Fallmer
Elisabeth Fallmer, seine Frau
Hubert, beider Sohn
Rosl, eine Verwandte der Frau Fallmer
Professor Remigius Wohlgemut
Ein junger Mensch namens Rabanser
Ein Mädchen, genannt Taube
Mutter Pogatschnigg, Hausmeisterin
Melchior Magentrost, Kleiderverleiher
Die alte Babúsch, Kartenaufschlägerin
Ein Dienstmädchen
Stimmen von Angeheiterten
Chor von Knaben und Jünglingen
Das Drama (mit Ausnahme des dritten Aktes) spielt im Hause der Familie Fallmer, einer altertümlichen Villa in der ländlichen Umgebung einer großen Stadt der Gegenwart; der dritte Akt auf dem
Dachboden eines Vorstadthauses, der Unterkunft Rabansers. Zwischen dem ersten und zweiten Akt vergehen ungefähr zweimal vierundzwanzig Stunden. Die Vorgänge des zweiten, dritten und vierten Aktes ereignen sich zwischen Aveläuten und Mitternacht ein und desselben Tages, jene des fünften einen Tag darauf am späten Nachmittag.
Actus primus
Huberts Mansarde.
Die beiden Seitenwände des weitläufigen Raumes sind von ihrem oberen Drittel an abgeschrägt. In der Mitte der Linkswand eine Art Oberlicht in Gestalt eines mehrteiligen Fensters. Darunter ein geräumiger Tisch mit quadratischer Naturholzplatte und derbgedrechselten, braunpolierten Füßen. Jenseits des Tisches ein alter lederner Schreibtischsessel. Links vorne eine schräg ins Zimmer hereingestellte Ottomane mit Teppichüberwurf; an der Wand eine kleine, offene Bibliothek. Vorne rechts eine einflügelige, niedere, braune Holztür. Weiter rückwärts ein einfaches Eisenbett, an dessen Kopfende ein Nachtkästchen angerückt ist. Ganz rückwärts rechts ein altertümlicher Waschkasten, demgegenüber links ein ebensolcher Kleiderkasten. In der Mitte des Hintergrundes eine sehr breite, aber niedere, zweiflügelige Glastür auf einen Holzbalkon hinaus.
Wenn der Vorhang aufgeht, ist diese Tür in ihrer ganzen Breite offen, und man sieht über die Brüstung des Balkons hinaus in eine helle Julinacht, deren silbriger Schimmer auf den nächsten und nahen Wipfeln von Gärten liegt. Jenseits dieser, gegen den Himmel sich abhebend, dunkle
Waldkuppen, deren eine von den glitzernden Bogenlampen eines Hotels gekrönt ist. Der Raum ist vom Dämmer einer Studierlampe erfüllt, die, durch einen roten Papierschirm abgedämpft, auf dem Tische steht. Dieser ist bedeckt mit Schulbüchern, Lexikas, Heften und Requisiten aller Art.
Am Tische im Lehnstuhl.
PROFESSOR REMIGIUS WOHLGEMUT vorne, auf dem Rande der Ottomane vom Publikum halb abgekehrt sitzend.
HUBERT er ist ein junger Mensch von achtzehn Jahren und hohem schmächtigem Wuchse. Verschleierte blaue Augen in einem knabenhaften, doch frühgereiften etwas blassen Gesicht. Die Haltung seines Kopfes und seiner Schultern drückt aus: irgendein Lastendes, von außen her Hemmendes. Dementsprechend auch die Art seines Gehabens und Redens.
Professor Wohlgemut (kurz Remigius genannt) ist ein gütiger Greis. Zarte Gestalt. Gelehrtenhabitus. Das schmale blasse Gesicht, an das Antlitz Franz Liszts gemahnend, gekrönt von einer ungemein ausdrucksvollen Stirne, beherrscht von der Lebendigkeit eines wohlwollend, aber unbeirrbar erkennenden und beurteilenden Auges. In seiner
Stimme die weise Ruhe und Klarheit edler Priester, mit dem Beiklang einer gewissen ewigen Kindlichkeit. Manchmal das huschende Lächeln eines milden und gebildeten Humors. Er trägt dunklen Sommeranzug, ebensolche Kravatte und niederen, vorne geschlossenen Stehkragen, Hubert hingegen Sportanzug und Tennishemd mit offenem Kragen.
Remigius blättert in einem Repetitorium der Weltgeschichte, aus der er Hubert überhört. Währenddessen aus einem nahen Heurigengarten Musik von Geigen, Gitarre und Ziehharmonika.
REMIGIUS lächelnd. Zum Schluß ein rascher Flug durch die Jahrhunderte! Willst du?
HUBERT. Gerne.
REMIGIUS. Eroberung Ägyptens durch die Hyksos?
HUBERT. Zweitausend vor Christus.
REMIGIUS. Verfassung des Lykurg?
HUBERT. Achthundertzwanzig.
REMIGIUS. Bellum Gallicum?
HUBERT. Achtundfünfzig bis einundfünfzig.
REMIGIUS. Vertrag zu Verdun?
HUBERT. Achthundertdreiundvierzig.
REMIGIUS. Winkelried bei Sempach?
HUBERT. Dreizehnhundertfünfundachtzig.
REMIGIUS. Vierundachtzig! – Habeascorpusakte?
HUBERT. Sechzehnhundertneunundsiebzig.
REMIGIUS. Bravo! – Dritte Teilung Polens?
HUBERT. Siebzehnhundertund –
REMIGIUS. – fünfund –?
HUBERT. – fünfundneunzig.
REMIGIUS. Richtig. Schließlich und endlich: – Friede zu St. Stefano?
HUBERT. Achtzehnhundertundachtundsiebzig.
REMIGIUS das Buch zuklappend. Sufficit! Wenn du morgen auch so antwortest, kann Auszeichnung nicht fehlen.
HUBERT trüb. Wenn ich so antworte, guter Onkel!
REMIGIUS. Warum solltest du nicht?
HUBERT. Habe noch immer versagt, wenn es einmal galt; und morgen gilt es.
REMIGIUS. Das ist allerdings die beste Vorstellung, um die Nerven in Unordnung zu bringen.
HUBERT. Vielleicht sind sie das bereits, und daher die Vorstellung.
REMIGIUS. Aber Kind du, mit deinen achtzehn Jahren!
HUBERT. Wenn ich an das Gesicht meines Vaters denke, falls es schiefginge –
REMIGIUS. Du mißkennst deinen Vater, Hubert! Hast keinen bessern Freund als ihn. Weißt du das?
HUBERT. Ich – weiß es.
REMIGIUS behutsam. So laß es ihn auch – bisweilen fühlen! Vielleicht wartet er heimlich darauf. – Doch für dieses Thema ist heute nicht der Augenblick. Wenn ich raten darf: die Bücher zugeklappt, ein kleiner Spaziergang und dann aufs Ohr gelegt! Morgen um die Zeit alles überstanden, die Welt in Rosenrot, das Leben saathungriges Ackerland! Willst du mir folgen?
HUBERT. Gerne; könnte heute ohnehin nichts mehr aufnehmen.
REMIGIUS. Gute Nacht also! Dein Vater wartet auf mich, wollen noch zur Friedhofsbank, zum täglich gesuchten Schauspiel: die lichterglitzernde Stadt! Hast am Ende Lust mitzuhalten?
HUBERT verlegen. Nein, vielen Dank! Verzeih mir, bleib' heute lieber allein.
REMIGIUS. Passiert! Aber kein Buch mehr angerührt! Hand darauf!
HUBERT nimmt die gebotene Hand und beugt sich rasch, sie zu küssen; in plötzlicher, verschämter Inbrunst. Ich danke – danke.
REMIGIUS die Hand entziehend, fast knabenhaft errötend. Was fällt dir denn ein? Für das bißchen Examinieren?
HUBERT schamvoll. Bist immer so gut zu mir gewesen.
REMIGIUS ebenso, aber heiter. Unsinn! – Kann leider nicht anders sein als gut. Zu anderem reicht's nicht bei mir. Weiter hab' ich's im Leben nicht gebracht. Rosl tritt ein. Da kommt holdere Gesellschaft. Leb wohl! Ab.
Rosl ist eine junge, blonde, ländliche Person, aber ihr gesundes Blühen hat nichts Derbes, ihr Wesen nichts Lautes. Sie gehört in den Wald und ist in die Stadt verschlagen. Als entfernte Verwandte der Mutter ist ihre Art sich zu geben freier und familiärer als die eines fremden Dienstmädchens. Demgemäß auch ihre Kleidung mehr die einer Haustochter.
ROSL stellt ein Servierbrett mit einem Glas Milch und kaltem Nachtmahl auf den Studiertisch. Dein Abendbrot, Hubert.
HUBERT. Schon gut. Danke.
ROSL geht zum Bett und deckt es auf.
HUBERT der sie dabei betrachtet hat, beklommen. Was hat es heute unten wieder gegeben?
ROSL unter der Arbeit, gedämpft. Zwischen den Eltern? – Ich weiß nicht.
HUBERT mißmutig. Habe ihre Stimmen doch bis herauf gehört!
ROSL herb. Der Horcher an der Wand –
HUBERT. Diese dummen...




