E-Book, Deutsch
Wilhelm Huysmans Schoßtierchen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-23142-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-23142-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stanley Huysman, einst gefeierter Wissenschaftler und Nobelpreisträger, verbrachte seine letzten Lebensjahre mit eigensinnigen Experimenten, die bei seinen Kollegen wenig Beachtung fanden. Erst nach seinem Tod wird klar, wie brillant der Exzentriker wirklich war, als Huysmans Witwe Irma den Schriftsteller Drew Lancaster damit beauftragt, die Biografie ihres verstorbenen Mannes zu schreiben. Drew entdeckt in dessen Notizen schier Unglaubliches: Huysman hat es tatsächlich geschafft, das Erbgut seiner Testsubjekte so zu manipulieren, dass sie zur Telepathie fähig werden. Doch das ist nicht alles. Drew entdeckt außerdem, dass Huysmans Assistent, Clyde Dohemy, das Projekt an sich gerissen und Forschungsgelder beantragt hat. Drew, Irma und eine kleine Gruppe von Huysmans Studenten machen sich daran, Clyde das Handwerk zu legen – und geraten dabei in eine Verschwörung, die sich bis in die höchsten Kreise der Regierung zieht …
Kate Gertrude Meredith wurde am 8. Juni 1928 in Toledo, Ohio geboren. Nach ihrem Highschool-Abschluss arbeitete sie zunächst als Model, Telefonistin und Schreibkraft, ehe sie 1947 Joseph Wilhelm heiratete. Sie begann 1956 mit dem Schreiben von Science-Fiction-Kurzgeschichten; noch im selben Jahr erschien „The Pint-Size-Genie“ im Magazin Fantastic. 1963 erschien ihr Debütroman „More Bitter Than Death“. Zwei Jahre später – Wilhelm hatte sich inzwischen von ihrem Mann scheiden lassen und den Schriftsteller Damon Knight geheiratet – veröffentlichte sie ihren ersten Science-Fiction-Roman, „Der Klon, Wesen aus Zufall“, der für den Nebula Award nominiert wurde. Sie etablierte sich als Vertreterin einer weniger technisch, sondern mehr psychologisch orientierten Science-Fiction: für ihren Roman „Hier sangen früher Vögel“ wurde sie 1977 mit dem Hugo und dem Locus Award ausgezeichnet; ein Erfolg, den sie 2006 mit ihrem Sachbuch „Storyteller“ wiederholte. Zudem gewann sie mehrfach den Nebula Award. Zusammen mit Damon Knight und Robin Scott Wilson gründete sie den Clarion Workshop für angehende Phantastik-Autoren, der im Laufe der Jahrzehnte Schriftsteller wie Octavia Butler, Monica Byrne, Cory Doctorow, Kim Stanley Robinson oder Jeff VanderMeer prägte. Sie starb am 8. März 2018 in Eugene, Oregon.
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Prolog
14. März 1970: Kansas City. Nasser Schnee schmolz und bildete Rinnsale, die ineinanderflossen und in den Gossen zu Strömen wurden. Bereits gegen acht war die Luft lind. Kinder trugen die Mäntel offen, die Fausthandschuhe steckten in den Taschen; ihre Finger waren feurig rot und fühlten sich heiß an. Der schwere, nasse Schnee eignete sich hervorragend für Schneebälle. Die Schulglocke schrillte, und zögernd trottete die Horde Kinder zu den Türen, hie und da wurde noch ein letzter Schneeball geworfen, noch einmal über die Fläche geschlittert. Einer der Jungen stopfte einem der Mädchen zwei Handvoll Schnee unter den Pullover, und das Mädchen jagte ihn kreischend um das Backsteingebäude herum. Die Glocke klingelte zum zweiten Mal; von jetzt an würden sie eine Eintragung wegen Zuspätkommens erhalten. Lisa Robbins, die die sechste Klasse besuchte, hatte sich abgesondert, da sie nicht mit den kleineren Kindern spielen wollte. Jetzt rannte sie hinter den anderen her die breite Treppe hinauf, auf der obersten Stufe hielt sie jedoch abrupt inne. Jemand prallte von hinten auf sie, und sie strauchelte; sie griff nach dem Geländer, um sich einen Halt zu verschaffen. Ihr Gesicht sah zusammengeschrumpft aus, wie vor Kälte erstarrt. Sie drehte sich um und ging die Treppe wieder hinunter, gegen den Strom der Nachzügler, die jetzt noch in die Klassenzimmer hasteten. Nach der letzten Stufe beschleunigte sie ihren Schritt, entfernte sich vom Gebäude; sie warf keinen Blick zurück, ihre Körperhaltung war steif, mit starr geradeaus sehenden Augen und verkrampften Händen. Bei jedem Schritt stieß ihr der Behälter mit der Pausenverpflegung gegen das Bein.
Das Haus, in dem sie wohnte, lag nur vier Blocks entfernt, eine Doppelhaushälfte in einer Wohnanlage, wo alle Gebäude nichtssagend grau waren und weder Garagen hatten noch richtige Gärten, sondern nur ein Fleckchen Rasen zwischen jedem Haus und der Straße, wo die Autos so dicht, wie es nur ging, geparkt waren – Schnauze an Heck an Schnauze. Ihre Fußabdrücke im Schnee waren zerflossen, jeder war größer als ihre beiden Füße zusammen, rund und schwarz durch geschmolzenen Schnee und schmutziges Wasser.
Zu dieser Zeit war niemand auf der Straße; die Kinder waren alle in der Schule und die Eltern zur Arbeit gegangen, oder sie machten sich noch fertig, um zur Arbeit zu gehen; für den Postboten oder die Lieferanten war es noch zu früh. Sie musste erst den Schlüssel in ihrer Tasche suchen, bevor sie die Tür aufschließen konnte. Ihre Mutter befand sich im Badezimmer und machte sich für ihren Job im Restaurant fertig. Das Kind zog weder Stiefel noch Jacke aus. Es stellte den Behälter mit der Pausenverpflegung auf den Küchentisch und klopfte an die Tür des Badezimmers.
Judy war bereits mit Duschen fertig und halbwegs angezogen. Als sie die Tür öffnete und ihre Tochter sah, mit aschfahlem Gesicht und vor Angst wie gelähmt, sog sie heftig die Luft ein.
»Jene Leute sind in der Schule«, sagte Lisa.
»Ich beeile mich«, antwortete ihre Mutter. »Hol die Kiste aus der Kammer und die Koffer!«
Fünfzehn Minuten später saßen sie in dem zwei Jahre alten Ford und verließen die Stadt in Richtung Westen. Es dauerte noch fast eine Stunde, bis sich das Kind langsam erholte.
3. April 1970: In diesem Jahr besuchten sechs schwarze Kinder die sechste Klasse der Lincoln-Grundschule, und in den Pausen sonderten sie sich mit Bedacht gegen die anderen Schüler ab. Es waren vier Mädchen und zwei Jungen; sie spielten mit einem Ball nach Regeln, die nur sie kannten. Die Schüler der dritten Klasse hatten zur gleichen Zeit Pause, aber die größeren Kinder schenkten den kleineren keinerlei Beachtung. Ihr Spiel war zu rau für diese Babys. Die Glocke ertönte, und sie schossen wie ein winziger Insektenschwarm durcheinander, wobei sie den Ball immer noch in der Luft hielten. Einer von ihnen, Franklin Gillette, blieb plötzlich stehen, mit einem Gesichtsausdruck, als ob er auf etwas lauschte. Ein Mädchen gab ihm einen Stoß in die Seite und flitzte davon, aber er bewegte sich nicht von der Stelle. »Los, komm!«, riefen sie ihm zu und rannten lachend vor und zurück. Er drehte sich um und lief schnell weg, zu den Fahrradständern, wo er die Kette eines Rads aufschloss und mit höchster Geschwindigkeit davonbrauste.
Er fuhr in Richtung des Apartmenthauses, in dem er wohnte, aber als er fast dort angekommen war, bog er scharf ab und radelte stattdessen eine Allee entlang und anschließend durch eine Seitenstraße, bis er schließlich auf die Hauptstraße kam, die zum Highway und aus der Stadt hinaus führte. Er trat mit aller Kraft in die Pedale. Der Geschmack der Angst in seinem Mund erinnerte ihn an die Münzen, die sie manchmal auf Eisenbahnschienen legten; es war der gleiche kupferne Geschmack, der nicht verschwinden wollte.
Er wusste, dass er nicht auf dem Highway weiterfahren konnte. Er nahm eine Ausfahrt in der Nähe der Verladeanlage, und dort ließ er das Fahrrad fallen und schwang sich auf die Ladefläche eines Güterwaggons. Er hatte so etwas noch nie gemacht, aber er hatte es im Kino gesehen, und die anderen Kinder hatten davon erzählt. Er kauerte sich so weit in die Ecke, wie er konnte, und man fand ihn erst, als der Zug schon außerhalb von Oklahoma City war; dort warf man ihn hinaus.
1. Juni 1970: Mrs. Hendersons Gesicht war gerötet, und ihr Haar war vom Schweiß durchnässt, als die Sechstklässler endlich in die Turnhalle getrottet kamen und ihre Plätze einnahmen, ohne dass einer von ihnen hingefallen wäre oder einen anderen angerempelt hätte, ohne jedes ungehörige Geräusch, das sie alle zu einem Ausbruch wilden Gelächters hingerissen hätte, ohne ungebührliches Scharren und Schieben und Poltern beim Einnehmen der Plätze. Es war ein Fehler, dachte sie missgestimmt, sie paarweise hereinmarschieren zu lassen. Sie hatte es allen anderen immer wieder gesagt, dass das ein Fehler war, aber wer hörte schon auf sie? Keiner! Fünfmal war sie gezwungen gewesen, die Übung wiederholen zu lassen. Fünfmal!
»Und denkt morgen daran, es wieder genauso zu machen«, hatte sie sie streng ermahnt. »Wenn ihr wieder durcheinanderlauft, dann werde ich … werde ich …«
Jemand kicherte, und auch sie musste lächeln. Was konnte sie tun?
»Das hat gut geklappt«, sagte sie dann. »Es hat wirklich ordentlich ausgesehen. Bobby, scharre nicht mit dem Stuhl, wenn du dich hinsetzt, ja? Und Sandra …«
Eins der Mädchen – Michelle? – war aufgestanden. Sie sah bleich aus, krank.
»Was ist los, meine Liebe?«
Das Mädchen schüttelte den Kopf, mit weit aufgerissenen Augen, alle Farbe war bis zu den Lippen aus ihrem Gesicht gewichen.
»Alle übrigen gehen jetzt zurück in ihre Klassenzimmer. Also los, und seid leise in den Fluren! Denkt daran, dass die anderen Klassen Unterricht haben. Setz dich, Michelle! Geht es dir nicht gut?«
Ein paar der Mädchen drängten sich in einer Traube um Michelle. Einige der Jungen spielten quer durch die Turnhalle Fangen; Stühle wurden mit dem scharrenden Geräusch von Holz auf Holz verschoben. Der Turnlehrer würde einen Anfall bekommen …
»Ihr Mädchen, geht jetzt! Ich werde mich um Michelle kümmern.« Mrs. Henderson griff nach der Hand des Mädchens. Sie war kalt, feucht. »Komm mit, meine Liebe! Ich bringe dich ins Büro, dort kannst du dich etwas ausruhen. Ich nehme an, die Aufregung war zuviel für dich.«
»Ich muss nach Hause gehen«, flüsterte sie.
»Das werden wir sehen. Vielleicht solltest du dich einfach erst mal für eine Minute oder zwei hinlegen.«
»Ich muss gehen. Ich … ich muss mich übergeben.«
Mrs. Henderson drückte sie sanft auf einen Stuhl. Sie sah die drei Mädchen an, die immer noch herumstanden. »Sandra, bitte geh ins Büro und bitte Mr. Holbein, herzukommen! So, und jetzt weg mit euch, mit euch allen! Hinaus!«
Offensichtlich zögernd entfernten sie sich. Mrs. Henderson setzte sich neben Michelle und hielt ihre Hand. »Ich werde dich nach Hause bringen, aber wir müssen erst die Erlaubnis von Mr. Holbein einholen. Einverstanden? Kannst du es noch eine oder zwei Minuten aushalten?«
Sie nickte, aber es war nicht zu übersehen, dass sie krank war und unter Schüttelfrost litt. Mrs. Henderson seufzte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass jemals eine Abschlussfeier ohne irgendeinen Zwischenfall abgelaufen wäre, und jedes zweite Jahr war sie für die verdammte Veranstaltung verantwortlich.
»Was ist los?«, fragte Gregory Holbein in gebieterischem Ton, als er die Halle betrat, die sein Echo zurückwarf. Er war der Schuldirektor.
»Ich muss Michelle nach Hause bringen. Sie fühlt sich nicht wohl.«
Er kam zu ihnen, sah das Mädchen forschend an und runzelte die Stirn. »Würden Sie für einen Moment mit mir hier hinübergehen, Mrs. Henderson?« Er durchkreuzte die Halle bis zur Wand und wartete ungeduldig, dass sich Mrs. Henderson zu ihm gesellte.
»Sie wissen, dass wir eine vollzählige Teilnahme bei diesen Tests benötigen«, sagte er mit einem strengen Unterton. »Heute ist der erste Tag seit einem Monat, an dem alle Teilnehmer vollzählig anwesend sind. Sie wissen doch, wie wichtig das Ganze ist.«
»Sehen Sie sie doch an! Sie wird sich jeden Augenblick übergeben.«
»O Gott! Ich habe angerufen und gesagt, dass sie heute kommen könnten. Sie warten, alles ist vorbereitet. Ich habe gesagt, dass heute alle Teilnehmer vollzählig anwesend wären.«
»Nun, lassen Sie es bei dieser Information. Was soll ich sagen? Sie ist krank. Ich dachte schon, sie würde ohnmächtig. Die Kleine muss nach Hause. Sagen Sie keinem, dass jemand fehlt. Dies ist kein Test, der...




