E-Book, Deutsch
Wilhelm Margaret und ich
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-23144-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-23144-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Margaret Oliver ist bildhübsch, Mitte Zwanzig und verheiratet. Nach außen hin hat sie alles, was eine Frau sich wünschen kann, doch in Margaret sieht es ganz anders aus: ihre Ehe plätschert ereignislos dahin, und sie denkt darüber nach, ihren Mann zu verlassen. Als sie auf Josies Haus, eine Verwandte ihres Mannes, aufpassen soll, als diese nicht da sind, nimmt sie die Gelegenheit dankbar an, eine Weile für sich zu sein und ihre Gedanken zu ordnen. Und dann ist da noch „ich“, Margarets Unterbewusstsein, das eine ganz eigene Stimme hat, die immer lauter wird. „Ich“ sorgt dafür, dass Margaret den Fehler nicht korrigiert, als sie mit Josie verwechselt wird. Was Margaret nicht weiß: Josies Mann, der vor kurzem unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist, war ein Physiker, der an einem Geheimprojekt forschte. Schnell wird der jungen Frau klar, dass sie sich mitten in eine gewaltige Intrige hineinmanövriert hat, aus der sie ohne „Ich“ nicht mehr herauskommt …
Kate Gertrude Meredith wurde am 8. Juni 1928 in Toledo, Ohio geboren. Nach ihrem Highschool-Abschluss arbeitete sie zunächst als Model, Telefonistin und Schreibkraft, ehe sie 1947 Joseph Wilhelm heiratete. Sie begann 1956 mit dem Schreiben von Science-Fiction-Kurzgeschichten; noch im selben Jahr erschien „The Pint-Size-Genie“ im Magazin Fantastic. 1963 erschien ihr Debütroman „More Bitter Than Death“. Zwei Jahre später – Wilhelm hatte sich inzwischen von ihrem Mann scheiden lassen und den Schriftsteller Damon Knight geheiratet – veröffentlichte sie ihren ersten Science-Fiction-Roman, „Der Klon, Wesen aus Zufall“, der für den Nebula Award nominiert wurde. Sie etablierte sich als Vertreterin einer weniger technisch, sondern mehr psychologisch orientierten Science-Fiction: für ihren Roman „Hier sangen früher Vögel“ wurde sie 1977 mit dem Hugo und dem Locus Award ausgezeichnet; ein Erfolg, den sie 2006 mit ihrem Sachbuch „Storyteller“ wiederholte. Zudem gewann sie mehrfach den Nebula Award. Zusammen mit Damon Knight und Robin Scott Wilson gründete sie den Clarion Workshop für angehende Phantastik-Autoren, der im Laufe der Jahrzehnte Schriftsteller wie Octavia Butler, Monica Byrne, Cory Doctorow, Kim Stanley Robinson oder Jeff VanderMeer prägte. Sie starb am 8. März 2018 in Eugene, Oregon.
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Kapitel Eins
Selbst die parzellierten Grundstücke wurden weniger, nachdem Margaret Brookhaven hinter sich gelassen hatte, und sie begann nach der Abzweigung an der linken Straßenseite Ausschau zu halten, die sie zu Josies Haus führen sollte. Auf diesem Teil der Insel hatte es angeblich früher viele herrschaftliche Landsitze gegeben, und vielleicht gab es sie immer noch, aber von der Straße aus waren sie nicht zu sehen, und Margaret hegte den Verdacht, dass sie alle schon seit geraumer Zeit verlassen und dem Erdboden gleichgemacht waren, um unzähligen Reihenhäusern und hellen Betonstraßen Platz zu machen. Es war ein heißer Tag; eine ganz unzeitgemäße Hitzewelle hatte den trübgrauen Aprilregen verjagt, und die Schnellstraße wimmelte von Autos, die offenbar alle Richtung Jones Beach unterwegs waren. Doch ihre Wege trennten sich: Margaret nahm die Abzweigung nach Norden, während die endlose Wagenkolonne geradeaus weiterrollte. Brookhaven. Sie sah die Hinweistafeln – und? Ob sie sich wohl in diesem Augenblick daran erinnerte? Ich schon; ich habe mich damals und seither immer wieder daran erinnert, das weiß ich. Während ich also an Atomunfälle dachte, an mutiertes Gestrüpp, an purpurrotes Gras, an weiße Blätter, an unproportioniert verformte Bäume und Ähnliches, war sie von der Suche nach der Abzweigung vollauf in Anspruch genommen, obwohl diese frühestens nach dreißig Kilometern kommen konnte. Bennett hatte gesagt, nach dreißig Kilometern. Ich versuchte, Margaret dazu zu bringen, sich an seine Worte zu erinnern, mit dem Erfolg, dass sie unruhig wurde. Also gab ich es auf und fuhr fort, über Brookhaven nachzudenken. Die schmale Straße machte sie ängstlich, und sie hoffte, keinem Lkw zu begegnen. Außerdem fuhr sie nun grässlich langsam. Mich störte das nicht besonders, ich studierte die Gegend links und rechts von der Straße und verfolgte die dahinjagenden Wolken, roch die Meeresluft und überließ ihr die Sorge um Lkws.
Dann begann auch ich, nach der Abzweigung zu spähen, und wenn sie sie verfehlte, hatte ich vor, ihr ein Kribbeln zu verpassen, das für Stunden vorhielt.
Mit einiger Überraschung bemerkte Margaret die Klippen auf der linken Seite und erhaschte hin und wieder einen kurzen Blick auf die Meerenge. Seit einer halben Stunde hatte sich die Luft gewandelt: sie roch nach Luft, die von salzigem Sprühregen und Sonnenschein gereinigt worden war. Margaret fuhr durch Baiting Hollow, ohne sich im Geringsten bewusst zu werden, dass sie nach weniger als zweihundert Metern abbiegen musste. Ich verstärkte den Druck ihrer Hände um das Lenkrad, und sie entschied, dass es nun bald kommen musste. Dann ließ ich sie das Tempo verringern, die Kurve nehmen und die Augen nach links richten, damit sie von oben her einen ersten Blick auf das Haus werfen konnte. Ich erinnerte mich genau an die ganze Szene mit Bennett, während er ihr die Stelle beschrieb, aber natürlich erinnerte Margaret sich nicht daran. Sie war angenehm überrascht, als sie das kleine graue Gebäude zwischen den riesigen Felsen sah, neben denen es sich winzig klein ausnahm, und die knorrigen, windschiefen Kiefern, die es vor dem stetigen Wind von der See her schützten. Ich werde den Sund ›die See‹ nennen.
Die Straße drehte sich, und der Ausblick war nicht mehr vorhanden. Margaret sah das Haus erst wieder, als sie erneut abbog, diesmal von der drittklassigen Straße voller Furchen und Schlaglöcher auf eine Zufahrt, die in noch schlechterem Zustand war. Dort hatte sich der Belag in der Vergangenheit schon so oft aufgeworfen, war gesprungen und in der Hitze geschmolzen, dass die ganze Zufahrt nur aus Teersplitttrümmern, tiefen Rinnen und grasbewachsenen Erdhaufen bestand. Der Weg zum Haus war zwar in langsamem Tempo passierbar, nur durfte sich nicht später die Notwendigkeit ergeben, ganz schnell wieder heraus zu müssen. Margaret kam der Gedanke, dass sie möglicherweise nie mehr von hier wegwollte. Sie blickte in den Rückspiegel, während der Wagen auf das Häuschen zu schaukelte und ächzte, und sah, dass sie bereits allein war auf der Welt. Die schlechte Straße war verschwunden; nichts gab es mehr außer den Felsen, der steilen Zufahrt und dem Haus.
Die See war es, um derentwillen sie gekommen war. Sie blieb im Wagen sitzen, als sie ihn zum Stehen gebracht hatte, und starrte hinaus auf das Wasser – blaugrün, grau, purpurn, weißgischtig und rau über einer Untiefe in hundertfünfzig oder zweihundert Metern Entfernung vom Ufer, glatt und gläsern zwischen der Sandbank und dem Strand, wo kleine Wellen sanft flüsterten, wenn sie den rauen Sand berührten.
Margaret verließ den Wagen. Ich führte sie zu den Felsblöcken, die wie hingeworfen umherlagen, und ließ sie auf einem von ihnen innehalten, während der Wind ihr den Rock um die Beine peitschte; durch sie fühlte ich die See und die Brise und die Kühle, die alle Gedanken an die Hitze der Stadt und die lange Fahrt hier heraus tilgten. Sie hörte den leisen Wellen zu und dem Rascheln der Gräser, die sich aneinander rieben, auseinanderbogen und wieder berührten. Zum Schwimmen war es zu spät, schon wurden die Schatten lang und dunkel, und die Luft kühlte schnell ab. Morgen, gelobte sie sich selbst oder der See, sie war nicht ganz sicher. Morgen.
Dann schloss sie die Haustür auf und trat ein, ohne dem Haus mehr als flüchtige Beachtung zu schenken. Des Hauses wegen war sie nicht gekommen. Bennett hatte gesagt, es sei sehr nett; er sagte auch, das Metropolitan Museum sei sehr nett, desgleichen der Buckingham Palast; das Hotelzimmer in Atlanta, von dem aus er sie am vergangenen Abend angerufen hatte, war sehr nett; und Josies Haus. Später würde Margaret es eingehender betrachten, würde es erforschen und im Geiste neu einrichten, aber jetzt war sie daran nicht interessiert. Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich, als die Gedanken an Bennett immer wieder an die Oberfläche drängten. Sie war zwar hergekommen, um über Bennett nachzudenken, aber nicht heute Abend. Nicht jetzt.
Sie holte die Lebensmittel aus dem Wagen, musterte das letzte Stück der Zufahrt, die zur Garage führte, über der sich eine kleine Wohnung befand, und schüttelte den Kopf. Es war definitiv unpassierbar. Bennett hatte ihr aufgetragen, den Wagen nicht draußen zu lassen, wo salziger Sprühregen und Flugsand die Lackoberfläche angreifen würden, aber der Rest der Zufahrt bestand nur aus Löchern. Sie drehte sich um, warf einen Blick auf jenen Teil, den sie bereits befahren hatte, und bemerkte, dass es eigentlich keinen Unterschied gab. Sie holte das restliche Gepäck aus dem Wagen, trug es ins Haus und ließ ihn draußen stehen, wo der Wind ihn mit Salz und Sand zerkratzen würde. Zerkratzen und zerkratzen und zerkratzen.
Margaret war zu müde, um zu denken, zu müde, um sich daran zu stoßen, dass das Haus von einem Ende zum anderen in weißen Schutzüberzügen steckte. Ich musste sie dazu bringen, die Überzüge von den Möbeln zu nehmen und in eine Ecke zu werfen; sie empfand keine Neugier – ich sehr wohl. Also ließ ich sie damit anfangen, die Lebensmittel auszupacken, und betrachtete die Küche durch ihre Augen. Während sie die Sachen einräumte, stellte ich meine Vermutungen an – über Josie, über das Haus, über den Grund, weshalb sie es so verlassen hatte; ich fragte mich, was Bennett wohl gerade eben machte und was Margaret als nächstes tun würde. Es berührte mich jedoch nicht sehr. Es interessiert mich zwar für gewöhnlich, berührt mich aber nicht, außer wenn es sich um Medikamente handelt. Ich halte sie fern davon, wenn ich kann. Schlaftabletten sind am schlimmsten; sie wirken auf mich stärker als auf sie. Die anderen interessieren mich nicht, nur manchmal lassen sie sie den Versuch machen, an mich heranzukommen, und das kann recht lästig sein. Sie hat schreckliche Angst vor mir. Andernfalls würden mir diese Sondierungen nicht viel ausmachen, ja sie könnten sogar hübsch sein für uns beide, aber sie hat Angst vor dem, was sie finden könnte, und ich kann sie nicht beruhigen, ohne wieder die akuten Ängste herbeizuführen, die sie nach den Schlaftabletten greifen lassen: die Katze, die sich in den Schwanz beißt. Ich frage mich: Wenn der Wurm so viel von seinem eigenen Schwanz frisst, dass er an seine Verdauungssäfte gerät – wie lange könnte er sich selbst verdauen, bevor er an Autokannibalismus eingeht?
Aus der letzten Tasche holte Margaret eine Flasche Bourbon und starrte sie an, als hätte sie vergessen, dass sie sie selbst eingepackt hatte. Unvermutet ließ sie sich auf einen Stuhl fallen, die Flasche immer noch in der Hand. »Mein Gott«, flüsterte sie. »Oh, mein Gott, was mach' ich nur?« Sie fühlte sich, als sei sie eben aufgewacht, und ließ einen starren Blick durch die Küche wandern, als sähe sie sie zum ersten Mal an diesem Abend. Dieselben Gedanken kreisten in ihrem Kopf und erstickten alles andere: Sie musste nachdenken über Bennett und sich selbst; sie musste ihn vor acht Uhr anrufen; sie musste etwas essen. Beim Gedanken ans Essen fiel ihr plötzlich ein, dass sie seit neun Uhr morgens nichts gegessen hatte, und da nur Kaffee und Toast.
Margaret kramte sich kurz durch die Lebensmittel, die sie im Kühlschrank verstaut hatte, und holte kaltes Fleisch, Salat und Tomaten und ein Päckchen Milch heraus. Da sie ganz bei der Sache war, ließ ich sie in Ruhe. Sie bereitete sich ein Sandwich und aß es, während sie nochmal durch das Häuschen wanderte, ein Glas Milch in einer Hand. Ihr Zimmer, in Blau und Weiß, nett … »Brrr«, sagte sie bei dem Wort ›nett‹. Das war seine Schuld. Der Raum war gemütlich, feminin, hübsch eingerichtet mit einem Sofa, einem Fauteuil, einem großen Bett, mit Schreibtisch und Frisierkommode. Fin Schrank war halb mit Kleidern gefüllt, alle in Staubhüllen. Die Kleider...




