E-Book, Deutsch, 426 Seiten
Wilken Das Geheimnis des Schmetterlings
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95824-850-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 426 Seiten
ISBN: 978-3-95824-850-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Constanze Wilken studierte Kunstgeschichte in Kiel und promovierte in Wales. Neben ihrem Leben am Meer bestimmt auch die Liebe zur Kunst das Schaffen der erfolgreichen Autorin. Die Website der Autorin: constanze-wilken.de/ Die Autorin bei Facebook: facebook.com/Constanze.Wilken Die Autorin auf Instagram: constanzewilken/?hl=en Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die folgenden Romane: »Ein Cottage in Wales« (auch im Sammelband »Das kleine Cottage der Herzen« erhältlich) »Das Geheimnis des Schmetterlings« »Die vergessene Sonate« »Was von einem Sommer blieb« »Das Licht von Shenmóray« »Die Frauen von Casole d'Elsa« »Die Malerin in von Fontainebleau« »Die Tochter des Tuchhändlers« »Villa Seestern - Ein neuer Wind« - auch als Taschenbuch und Hörbuch bei Saga Egmont erschienen
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Lena erwachte mit einem stummen Schrei auf den Lippen. Kalter Schweiß bedeckte ihren Körper, und ihre Hand war ausgestreckt, als wollte sie etwas abwehren. Durch die dünnen Vorhänge ihres Schlafzimmers fiel das Licht der Straßenlaterne. Sie warf die feuchte Bettdecke von sich und schwang die Beine aus dem Bett. Es war lange her, dass dieser Traum sie mit solcher Intensität heimgesucht hatte. Er verfolgte sie seit ihrer Kindheit, doch heute war alles so plastisch und realistisch gewesen, dass sie sich davor fürchtete, wieder einzuschlafen.
Die Szenerie war immer dieselbe. Sie befand sich in einem endlos langen, dunklen Flur, dessen Wände von Kerzenleuchtern gesäumt wurden, deren flackerndes Licht gespenstische Schatten warf. Um sie herum gingen Türen auf und zu und ließen Menschen heraus oder verschluckten sie. Lena hörte Gelächter, Musik und Stimmen, doch niemand nahm von ihr Notiz. Alle trugen Masken, wie sie die Tänzer des thailändischen Tanztheaters benutzten. Die bunten Masken zeigten fratzenhafte dämonische Gesichter, und Lena zuckte jedes Mal zusammen, wenn sich ihr einer der seltsamen Gäste dieser Feier näherte. Bisher war es ihr nie gelungen, aktiv in das Geschehen des Traumes einzugreifen. Sie hatte immer nur stumm und wie gelähmt dem unheimlichen Treiben zuschauen können.
Heute jedoch war sie auf die Feiernden zugegangen, und die Menschenmenge vor ihr hatte sich geteilt, als hätte sie nur darauf gewartet, dass Lena den ersten Schritt tat. Sie hatte sich der Tür neben ihr zugewandt, um sie zu öffnen, doch die maskierten Gestalten verstellten ihr den Weg. Es war fast so, als erwarteten sie, dass Lena dem Flur bis zum Ende folgte. Dort stand sie allein vor einer grauen Tür. Sie streckte die Hand nach der Klinke aus, doch eine unbeschreibliche Furcht beschlich sie und schnürte ihr die Kehle zu. Hinter ihr drängten sich die Maskierten und schienen zu flehen, dass sie die Tür öffnete, doch sie brachte es nicht über sich.
Lena Bremer schloss die Tür zu ihrem Büro auf. Der Flur des Institutes war noch leer, denn Dozenten und Studenten bevölkerten die Gänge selten vor neun Uhr morgens. Sie selbst jedoch liebte die morgendliche Stille. Von ihrem Fenster im ersten Stock konnte sie direkt auf den gepflasterten Platz vor dem Afrika-Asien-Institut der Hamburger Universität schauen. Schwungvoll warf sie ihre Aktentasche auf den Schreibtisch und drehte den Thermostat der Heizung auf. In den letzten Tagen waren die Temperaturen ständig gefallen, und auf ihrem Weg zur Universität hatte die kalte Luft ihren Atem gefrieren lassen.
Lena zog ihren Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. Schal und Handschuhe ließ sie auf einen Stuhl fallen und setzte sich an ihren Schreibtisch, wo sie den Computer einschaltete, um die eingegangenen eMails zu lesen. Der schale Nachgeschmack des Albtraumes verflüchtigte sich langsam.
Sie überflog das Posteingangsfach und stellte zufrieden fest, dass keiner ihrer Studenten um eine Verschiebung des Abgabetermins für die Hausarbeiten gebeten hatte. Die übrigen Nachrichten waren eine belanglose Mischung aus Grüßen und bürokratischen Mitteilungen der Verwaltung, mit denen sie sich bei Gelegenheit beschäftigen wollte. Was sie weitaus mehr interessierte, war das Buch, das sie aus ihrer Tasche nahm. Mit einem zufriedenen Seufzer vertiefte sie sich für die nächste Stunde in die Welt des thailändischen Hofes des 17. Jahrhunderts.
Dr. Lena Bremer lehrte die thailändische Sprache sowie Kultur und Geschichte des Landes, das sie seit ihrer Kindheit faszinierte und dessen Zauber sie nie losgelassen hatte. Daran hatten weder negative Bemerkungen von Verwandten und Freunden in Bezug auf die Nützlichkeit ihres Studienfachs noch die ernüchternden Berichte über die sozialen Missstände im heutigen Thailand etwas ändern können. Während ihrer Reisen durch Thailand hatte sie begriffen, dass dieses Land viele Gesichter hatte, von denen sie zwar einige missbilligte, die meisten aber liebte.
Sie strich über die Seiten der englischen Taschenbuchausgabe, die vor ihr lag: History of Siam in 1688. Ein französischer Jesuitenpater hatte die Erlebnisse seiner Siamreise niedergeschrieben und damit den Europäern einen der frühesten Einblicke in die exotische Welt des asiatischen Landes gegeben.
Als es auf einmal an die Tür klopfte, schreckte Lena aus ihrer Lektüre auf. »Ja, bitte!«
»Guten Morgen, Lena. Wie kann man nur freiwillig so früh hier erscheinen?« Daniel Penzkofer kam lächelnd mit zwei Bechern Kaffee in den Händen zu ihr.
Seine Cordhose war zu lang und der Saum ausgetreten, doch solche Dinge störten Daniel nicht. Lena kannte ihn seit Beginn ihres Studiums und schätzte seine ruhige, immer freundliche Art. Nichts schien ihn aus der Fassung bringen zu können, nicht einmal die Launen von Professor Christoph Dahl, dem profilierungssüchtigen Leiter des Institutes, und das war eine Kunst. Dankbar nahm sie den heißen Becher entgegen und sog den Kaffeeduft ein. »Ob ich nun zu Hause lese oder hier …« Sie zuckte die Schultern und nippte an ihrem Becher.
Daniel bedachte sie mit einem sorgenvollen Blick. »Wirklich, Lena, es gibt auch noch ein Leben außerhalb des Institutes …«
Augenblicklich straffte Lena den Rücken und nahm eine abwehrende Haltung ein. »Wenn du mir wieder einen deiner Vorträge halten willst …«, begann sie, wurde jedoch von Daniel unterbrochen.
»Jetzt nimm nicht alles so persönlich. Ich finde nur, du könntest ein bisschen mehr Spaß haben, das ist alles.« Trotz seines dicken Norwegerpullovers schien er zu frieren, denn er kontrollierte mit einem kurzen Blick den Thermostat der Heizung. »Die Verwaltung spart mal wieder Energiekosten.« Er grinste.
»Einige Dinge ändern sich nie.« Lena lächelte, doch das Lächeln erreichte ihre dunklen Augen nicht, die den Betrachter immer auf einer gewissen Distanz hielten. Sie schaute auf die Uhr an der Wand. »Deine Studenten warten, oder fällt der Lektürekurs heute aus?«
Widerstrebend erhob Daniel sich. »Wenn sie doch nur etwas mehr Begeisterung zeigen würden …« In gespielter Verzweiflung fuhr er sich durch die Haare. »Du warst eine echte Ausnahme, Lena.« Seine braunen Haare wehrten sich trotz des Kurzhaarschnittes in Wirbeln gegen eine einheitliche Richtung.
Lena hatte gerade mit ihrer Doktorarbeit begonnen, als Daniel als Dozent an das Institut gekommen war. Zusammen mit Professor Dahl hatte er die Doktoranden betreut und Lena als arbeitswütige Studentin kennengelernt. »Auch wenn du es mir nicht glauben willst, mir macht die Arbeit Spaß, mehr als alles andere.«
Zweifelnd ging Daniel an ihr vorbei. »Irgendwann finde ich heraus, ob das wirklich stimmt, Lena.«
»Na los, deine Studenten warten, und eine ganz besonders. Wie heißt sie doch gleich? Jessica, genau, sie fragt jedes Mal nach dir, wenn ich sie sehe.« Lena drehte ihren Kaffeebecher in den Händen und nickte Daniel aufmunternd zu.
»Erzähl mir so was nicht, das macht mich ganz nervös.« Kopfschüttelnd verließ Daniel ihr Büro, und Lena wusste, dass er es ernst meinte, auch wenn er einem gelegentlichen Flirt nicht abgeneigt war.
Daniel war neben Yuwadee Samabuddhi, die alle nur Dee nannten, Lenas liebster Kollege. Dee war eine Thailänderin, die seit über 20 Jahren in Deutschland lebte und vor fünf Jahren nach Hamburg gekommen war.
Lena stellte ihren Kaffee ab und starrte auf ihren Kalender. Sie hatte Dee versprochen, heute deren Grundkurs zu übernehmen. Rasch griff sie nach ihrer Tasche und eilte aus dem Büro in den kleinen Seminarraum am Ende des Flures, in dem acht Studenten schon geduldig auf sie warteten.
In ein Gespräch mit einem der Studienanfänger vertieft, ging sie eineinhalb Stunden später den Flur entlang, als ihr Professor Dahl begegnete.
»Frau Dr. Bremer, wären Sie so gut, eben in mein Büro zu kommen?« Dahl war zwei Köpfe größer als sie und hielt sein Kinn stets nach oben gereckt, was seine Gesprächspartner einschüchtern sollte, wie Lena vermutete. Dee war jedoch der Meinung, dass er lediglich versuchte, sein Doppelkinn zu kaschieren, und wenn Lena den untersetzten Dahl von der Seite betrachtete, musste sie ihrer Freundin recht geben.
Lena nickte als Antwort zustimmend.
»Kommt Dr. Samabuddhi nächste Woche wieder?« Einer der Studenten sah sie fragend an.
»Ich denke schon. Bis dahin hat sie die Grippe sicher überstanden.« Lena nickte dem Studenten zum Abschied zu und ging zu Dahls Büro. Die Tür stand offen, und Lena klopfte kurz an, um sich anzukündigen.
Dahl saß in einem graublauen Anzug hinter seinem eindrucksvollen Schreibtisch, der jedem Konzernchef zur Ehre gereicht hätte. Sein Büro war doppelt so groß wie das seiner Kollegen und ließ, genau wie Dahl selbst, keinen Zweifel darüber aufkommen, wer der Leiter des Institutes war. Lediglich eine repräsentative Sammlung ornamentaler Holzschnitzereien, ein antiker Wandbehang aus dem Norden Thailands und einige erlesene Lackschalen mit Perlmuttmuster deuteten an, dass Dahl einer der führenden Wissenschaftler für Thailand, Birma und deren politische Beziehungen war.
Jedes Mal wenn Lena in Dahls Büro war, fragte sie sich, wie man in dieser Atmosphäre akkurater Ordnung, die weder von Notizzetteln noch von anderen Arbeitsmaterialien gestört wurde, entspannt arbeiten konnte. Heute jedoch erregte ein Haufen loser Papiere und Dokumentenrollen, die auf Dahls Schreibtisch lagen, ihre Aufmerksamkeit.
Selbstgefällig legte Dahl eine sorgfältig manikürte Hand auf den Papierstapel. »Wissen Sie, was das ist?«
Lena trat an den Tisch und warf einen prüfenden Blick auf die vergilbten Papiere. Einer der Gründe, warum Dahl es schon mit Mitte 40...




