E-Book, Deutsch, 421 Seiten
Wilken Der Duft der Wildrose
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-797-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 421 Seiten
ISBN: 978-3-98952-797-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Constanze Wilken studierte Kunstgeschichte in Kiel und promovierte in Wales. Neben ihrem Leben am Meer bestimmt auch die Liebe zur Kunst das Schaffen der erfolgreichen Autorin. Die Website der Autorin: constanze-wilken.de/ Die Autorin bei Facebook: facebook.com/Constanze.Wilken Die Autorin auf Instagram: constanzewilken/?hl=en Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die folgenden Romane: »Ein Cottage in Wales« (auch im Sammelband »Das kleine Cottage der Herzen« erhältlich) »Das Geheimnis des Schmetterlings« »Die vergessene Sonate« »Was von einem Sommer blieb« »Das Licht von Shenmóray« »Die Frauen von Casole d'Elsa« »Die Malerin in von Fontainebleau« »Die Tochter des Tuchhändlers« »Villa Seestern - Ein neuer Wind« - auch als Taschenbuch und Hörbuch bei Saga Egmont erschienen
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Portmeirion, Snowdonia, Wales, 1970
Die Musik drang zu ihnen herauf, mischte sich mit dem Flüstern des Windes in den Blättern und dem Rauschen des Meeres, das die Klippen von Portmeirion umspielte. Über den nächtlichen Himmel zogen regenschwere Wolken, doch noch störte kein Tropfen die Feiernden. Wenn der Mond durch die Wolken blitzte, tauchte er den Pfad, der sich den dicht bewachsenen Hügel emporwand, in silbriges Licht. Vier junge Leute schlenderten in ausgelassener Stimmung unter den herabhängenden Zweigen hindurch. Die jüngere der beiden Frauen warf die Arme in die Luft und rief: »Endlich frei! Keine Zwänge mehr! Nie wieder unnützes Zeug lernen!«
Dichte, kastanienbraune Haare wirbelten durch die Luft, als sie sich drehte und vor ihren Freunden tanzte. Ihr schlanker Körper bog sich wie eine Weidengerte und schien die Blicke ihrer männlichen Begleiter magisch anzuziehen.
»Und was willst du mit deiner Freiheit anfangen, Anne?« Die Frage klang eine Spur zynischer als beabsichtigt, und Charlotte Bennett, die von allen Birdie genannt wurde, biss sich auf die Lippe. Sie war zwei Jahre älter als ihre Schwester und sah die Welt mit dem nüchternen Realismus einer Frau, die auf Männer nicht wirkte wie das Licht auf die Motten. Ein Mauerblümchen war sie keineswegs, aber ihre Unverblümtheit war nicht jedermanns Sache.
»Keine Pläne machen zu müssen gehört zum Freiheitskonzept! Komm, Anne!« Ihr dunkelhaariger Begleiter ergriff Annes Hand und zog sie mit sich fort. Oliver Craddock war der Sohn reicher Landbesitzer. Er war nicht nur eine gute Partie, sondern sah noch dazu unverschämt gut aus.
Birdie seufzte und blies sich eine widerspenstige Locke aus der Stirn. Welches Mädchen würde sich nicht von der Aufmerksamkeit des charmanten Craddock geschmeichelt fühlen? Anne war beinahe erwachsen und wusste, was sie tat.
Eine sanfte Berührung an ihrer Schulter lenkte sie ab. Nathan Turner schob ihr Schultertuch höher. »Du klingst wie ihre Mutter, Birdie. Sie muss ihre eigenen Erfahrungen machen. Du kannst sie nicht ewig beschützen.«
»Ach, Nathan ...« Sie wollte nach seiner Hand greifen, doch als sie ihn ansah, war sein Blick in die Dunkelheit gerichtet, in der Anne und Oliver verschwunden waren.
Nathan war Tischler und arbeitete in der Sägemühle seines Vaters. Das Land der Turners grenzte an die Besitzungen der Craddocks, und sie kannten einander seit Kindertagen. Wo Oliver impulsiv und voller verrückter Einfälle war, gab der hochgewachsene Nathan sich bedächtig. Mit seinen schönen Händen und den halblangen, dunkelblonden Haaren hätte er auch ein Poet sein können. Birdie dachte oft, dass Nathan vielleicht lieber Literatur studiert hätte, wenn sein Vater ihn nicht schon mit vierzehn in die Werkstatt beordert hätte.
»Du verstehst das nicht. Anne ist so jung, sie tut einfach, wonach ihr ist. Bisher ist zwar immer alles gut gegangen, aber irgendwann ...«, sagte Birdie leise.
»Irgendwann muss sie ganz allein entscheiden. Das müssen wir alle. Und jetzt Schluss damit. Was willst du denn jetzt machen? Weiter am College bleiben?«
Energisch schüttelte Birdie den Kopf. Die kühle Nachtluft jagte ihr eine Gänsehaut über die nackten Beine unter dem hellblauen Minikleid. »Das ist nichts für mich. Ich will was Praktisches, vielleicht einen Laden und da meine Töpferwaren verkaufen.«
Nathan warf den Kopf nach hinten und lachte schallend. »Damit kann man doch kein Geld verdienen! Und dafür hast du zwei Jahre Kunst studiert?«
Er trug Jeans und ein enges weißes Oberhemd, unter dem sich seine Muskeln abzeichneten. Die Arbeit in einer Sägemühle verlangte harten körperlichen Einsatz, und das sah man ihm an. »Hätte ich die Möglichkeit gehabt, das kannst du mir glauben, ich hätte was daraus gemacht!«
»Und wenn ich mein eigenes Geschäft habe, ist das vielleicht nichts?«, erwiderte Birdie schnippisch. »Es geht ja wohl auch darum, was einen glücklich macht! Und diese Aktionskunst ist nicht mein Ding.«
»Hm. Wo sind sie denn nur?« Nathan hörte offenbar gar nicht mehr zu und beschleunigte seinen Schritt.
Portmeirion war ein höchst ungewöhnlicher Ort. Die winzige Traumstadt im toskanischen Stil war das »letzte Folly« eines Exzentrikers, phantastische Spielerei eines begabten Architekten. Sir Clough hatte sich Anfang des letzten Jahrhunderts eine italienische Oase auf einem idyllischen Landzipfel an der Mündung von Tremadog Bay geschaffen. Feierlichkeiten aller Art wurden seitdem im Hotel von Portmeirion vor zauberhafter Kulisse abgehalten. Eine ausgedehnte Parkanlage mit üppiger südländischer Vegetation lud zu Spaziergängen ein, bei denen die Gäste auf weitere Wunderlichkeiten stießen: kleine Tempel, Bänke unter Rosenranken, bizarre Brunnen, Skulpturen und sogar einen weiß-blauen Leuchtturm, von dem man die gesamte Bucht überblickte.
»Sie sind bestimmt zum Leuchtturm hoch«, sagte Birdie, der die Parkanlage von früheren Besuchen vertraut war. Vor ihnen gabelte sich der Pfad. Entlang der Mauer, die der Hotelanlage folgte, waren Windlichter aufgestellt, deren warmes, flackerndes Licht nur bis zu den ersten Bäumen heraufschien. Hier oben im dichten Mischwald waren sie auf das Mondlicht angewiesen. In der Nähe kicherte jemand. Sie waren nicht die Einzigen, die einen Mitternachtsspaziergang unternahmen.
»Anne! Oliver!«, rief Nathan ungeduldig.
»Wir müssen hier entlang.« Birdie legte die Hand auf Nathans Rücken und gab ihm einen leichten Schubs in die richtige Richtung. Sie widerstand der Versuchung, ihre Hand über seine festen Muskeln gleiten zu lassen. Wenn er nicht sehen konnte, was sie für ihn empfand, konnte sie nichts daran ändern. Mit der Nase auf ihre Gefühle stoßen würde sie ihn nicht.
Der Pfad führte einige Meter steil bergan. Ein Strauch mit zarten weißen Blüten verströmte den Duft von Orangen, an anderer Stelle wurden sie vom süßlichen Duft einer Wildrose eingehüllt. Leicht außer Atem blieb Birdie stehen und sog die intensiven Blumendüfte ein. Für einen Junitag war es außergewöhnlich warm, aber sie waren an wechselhaftes Wetter gewöhnt.
Nathan hielt nach zwei Schritten ebenfalls an und drehte sich zu ihr um. Als sähe er sie zum ersten Mal an diesem Abend richtig an, betrachtete er sie mit schief gelegtem Kopf. »Du siehst ganz anders aus, Birdie, richtig sexy. Du solltest öfter Kleider tragen.«
Überrascht zupfte Birdie an ihrem Schultertuch. »Danke. Solange ich dich kenne, und das ist fast mein ganzes Leben, ist dies das erste Kompliment, das du mir gemacht hast, Nathan Turner.«
Er grinste und strich sich eine helle Haarsträhne aus dem Gesicht. »Du bist keins von diesen Girlies, denen man ständig schöntun muss. Für so was bist du zu intelligent, und außerdem ...«
Ein Geräusch oberhalb des Weges ließ Nathan innehalten. Doch es war nur ein Kauz, der flügelschlagend aus dem dichten Blattwerk hervorkam. Nathan streckte ihr die Hand entgegen. »Na, komm. Gleich haben wir es geschafft.«
Hinter der Biegung schimmerte der weiße Leuchtturm bereits durch die Bäume. »Du wolltest noch etwas sagen. Außerdem?«, hakte sie nach.
»Was? Ach, nichts.« Nathan zog sie mit Schwung die letzten Meter bis zum Aussichtspunkt hinauf. Nur ein Oleander versperrte noch den Blick auf den kleinen Leuchtturm, der über einige Stufen zu erreichen war.
Wie alle architektonischen Wundersamkeiten in Portmeirion diente auch der kleine weiß-blaue Leuchtturm einem ausschließlich dekorativen Zweck. Die Wolken schoben sich genau in dem Moment am Mond vorbei, als Birdie und Nathan um den Oleander herumtraten. Eine beinahe unwirklich romantische Szene bot sich ihnen und jagte Birdie einen Schauer über den Rücken. Der Seewind hatte Annes lange Locken erfasst und ließ sie wie einen Schleier um den schlanken Körper tanzen, der sich in Oliver Craddocks Arme schmiegte. Die beiden waren so in ihren Kuss versunken, dass sie alles um sich herum vergessen zu haben schienen. Birdie schluckte. Der Mann und die Frau dort oben schienen miteinander im Mondlicht zu verschmelzen. Vollkommene Schönheit, dachte Birdie und wusste doch, dass das Bild eine Illusion war. Oliver war nicht der Richtige für ihre Schwester. Er würde sie zerstören.
»Anne!«, rief Nathan ungerührt und wollte die Stufen hinaufsteigen.
Oliver hob den Kopf und warf ihm einen Blick zu, den Birdie niemals vergessen würde. Es war der Blick des Siegers, voller Triumph und Verachtung für den Verlierer. Kein Mitgefühl, keine Liebe, dachte Birdie und sah zu, wie das Paar hinter dem Leuchtturm verschwand.
»Komm, Nathan, lassen wir sie. Ich möchte zurück. Mir wird kalt«,...




