Wilken Ein Sommer in Wales
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-16159-0
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-641-16159-0
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Constanze Wilken, geboren 1968 in St. Peter-Ording, studierte Kunstgeschichte, Politologie und Literaturwissenschaften in Kiel und promovierte an der University of Wales in Aberystwyth. Als Autorin ist sie sowohl mit großen Frauen- als auch mit historischen Romanen erfolgreich.
Autoren/Hrsg.
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Morlan House, August 2002
Etwas außer Atem kam Simon am Ende der unbefestigten Straße an, die an einem Gatter vor dem Herrenhaus endete. Die Säulen vor dem Eingangsportal waren deutlich zu erkennen, genau wie die mit rotem Efeu überwucherten Mauern. Morlan House! Die Nähe zum Meer hatte dem prächtigen Haus seinen Namen gegeben. Simon wusste alles über die Geschichte des Hauses, hatte sich jedes Buch aus der Bibliothek ausgeliehen, jeden Zeitungsartikel gelesen, der auch nur entfernt die Legenden berührte, die sich um Morlan House rankten. Sollten sie ruhig über ihn lachen. Er wusste es besser, auch wenn er erst zehn Jahre alt war.
Simon Carter trank den Rest aus seiner Wasserflasche und stopfte sie zurück in seinen Rucksack. Er war weder groß noch besonders kräftig, aber wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte ihn niemand davon abbringen. Nicht einmal Ally. Er grinste, während er über das Gatter kletterte, das die Zufahrt versperrte. Seine Schwester war sechs Jahre älter und hübsch, jedenfalls sagten das die anderen Jungs. Eigentlich konnte er sie gut leiden. Sie half ihm beim Nähen der Kostüme, die er für seine Mittelalterfestivals brauchte. Oft fuhr sie mit ihm in Museen und alte Herrenhäuser und nannte ihn ihren kleinen Professor. Ally war in Ordnung.
Seit fünf Jahren war das Anwesen unbewohnt, das über vierhundert Jahre im Besitz der Jones of Paith gewesen war. Irgendwann war der letzte Nachfahre der walisischen Familie verstorben, und in den Achtzigerjahren war das Haus in fremden Besitz übergegangen. Man brauchte viel Geld, um so ein Anwesen zu unterhalten. Das war Simon bewusst. Ehrfurchtsvoll sah er an den Säulen hoch, die den Baldachin vor dem Eingang trugen. Umgeben war das dreistöckige georgianische Haus von einer ausgedehnten Parkanlage.
Dieser August hatte mit einer Hitzewelle überrascht. Simon wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die flachsblonden Haare klebten an seinen Schläfen. Hellblaue wache Augen zierten sein schmales, meist ernstes Jungengesicht. Wenn Ally gut gelaunt war, sagte sie oft, dass er einmal eine Gefahr für die Damenwelt werden würde. Fragte er sie, was das bedeutete, lachte sie und küsste ihn auf die Wangen.
Er konnte das Meer hinter den Klippen hören. Sobald er hier fertig war, würde er zum Strand hinuntergehen und sich im Wasser abkühlen. Er liebte das Meer und war ein hervorragender Schwimmer. Neben seinen Büchern war das Schwimmen seine Leidenschaft und bewahrte ihn vor dem Los des Klassenstrebers. Ein glänzender Anstecker an seinem Rucksack war Simons ganzer Stolz. Er wies ihn als Rekordhalter in einhundert Meter Brustschwimmen der Greenwood Highschool aus.
Er sah auf seine Uhr. Vor einer Stunde hatte er den Bus aus Aberaeron hierher genommen. Ally war mit diesem älteren Typen verabredet und würde erst am Nachmittag zurück sein. Wobei David eigentlich ziemlich nett war. Sie waren zusammen segeln gewesen, und David hatte ihm nicht das Gefühl gegeben, dass er störte. Aber Simon hatte begriffen, dass Ally gern etwas Zeit allein mit David verbringen würde. Und die Gelegenheit war einfach perfekt.
Zufällig hatte er den freundlichen Mann am Strand wiedergetroffen, der ihm schon einmal einiges über Morlan House erzählt hatte, was in keinem Buch zu finden war. Sie hatten sich lose hier verabredet. Simon sah sich um. Noch war er allein. Vielleicht hatte der Mann auch keine Zeit und kam überhaupt nicht, aber wenn er schon einmal hier war, wollte er sich zumindest umsehen.
Seine Eltern waren mit Freunden verabredet, um sich Häuser anzuschauen. Das gab ihm mindestens drei Stunden, in denen ihn niemand vermissen würde. Seit Jahren fuhren sie in den Ferien ans Meer, und seine Eltern sprachen manchmal davon, sich hier ein Ferienhaus zu kaufen. Solange sie nicht für immer herziehen wollten, war es Simon gleichgültig. Es war schön hier, aber in London gab es die große Bibliothek und die Museen, die er so liebte. Nein, er wollte nicht weg aus der Stadt.
Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel. Simon suchte den Schatten des Eingangsbereichs auf und sah erneut auf die Uhr. Er war zwanzig Minuten zu früh. Vor Gespenstern hatte er keine Angst. Und es gab mehrere in Morlan House. Im blauen Zimmer spukte ein weiblicher Geist, der um 1800 angeblich eine Zofe aufgeweckt hatte, deren Herrin bei einer Geburt in Lebensgefahr schwebte. Dieser Geist war später von verschiedenen Gästen im blauen Zimmer gesehen worden. Simon rüttelte erfolglos an der Klinke der Eingangstür. Es half nichts, er musste auf den Mann warten, der ihm das Haus zeigen wollte.
Die massive Tür sah nicht so aus, als wäre sie kürzlich geöffnet worden. Auch die Fenster im Erdgeschoss waren verschmutzt, stellenweise rankte der Efeu über die Scheiben. Furchtlos stromerte Simon an der Hausmauer entlang und kontrollierte die Fenster. Der letzte Besitzer hatte sich große Mühe gegeben, das Haus vor Einbrechern zu schützen. Simon rieb an einer der kleinen Scheiben, die von Sprossengittern eingefasst waren, und lugte hindurch. Das musste die Küche sein. Er pfiff durch die Zähne. Der Raum war riesig!
Hier waren sicher üppige Mahlzeiten für fünfzig oder mehr Personen vorbereitet worden. Und in der Broschüre hatte etwas von einem Mord in den Zwanzigerjahren gestanden. Dieses Detail hatte er nirgends sonst gelesen. Die Geliebte des damaligen Hausbesitzers, eine junge Amerikanerin, soll während einer ausschweifenden Party auf tragische Weise ums Leben gekommen sein. Ihr Mörder war nie gefunden worden, und in hellen Mondnächten wandelte ihr Geist angeblich an den Klippen. Simon schauderte und schrak zurück, als er im Haus eine Bewegung wahrzunehmen meinte. Es gab keine Gespenster! So ein Unsinn!
Vom Schmutz, den er von der Scheibe gewischt hatte, musste Simon mehrfach niesen. Er schnäuzte sich und ging an einer steinernen Kugel vorbei, die den Treppenabsatz zum Garten schmückte. Von der einstmals gepflegten Parkanlage waren nur der verwilderte Baumbestand, riesige Oleanderbüsche und in allen Farben blühende Rosen geblieben. Was musste es einmal schön hier gewesen sein, dachte er. Wenn Ally und er in einer anderen Zeit hier groß geworden wären, hätte er ein Pferd besessen, wäre auf die Jagd geritten, und Ally hätte in Kleidern mit bauschigen Röcken auf Teepartys den Gentlemen die Köpfe verdreht.
Er grinste und ließ den Blick über den verwilderten Rasen bis zu den Bäumen schweifen. An alten Herrenhäusern fand er vor allem die Eishäuser faszinierend, die meist abseits im Wald lagen, damit kein Sonnenstrahl das kostbare Gefriergut schmelzen konnte. Eigentlich doch schade, dass er Ally nicht mit hierhergenommen hatte. Sie interessierte sich zumindest für solche Sachen. Ihre Freundinnen sprachen über nichts anderes als Jungs und Klamotten. Aber Ally fand sein Hobby spannend. Und Wales war voller Legenden und Mythen. Was für ein Glück, dass ausgerechnet Morlan House in der Nähe ihres Urlaubsorts lag!
Simons Steckenpferd war die Gralslegende. Am meisten mochte er das Buch von Sir Thomas Malory, das er zum Geburtstag als illustrierte Ausgabe bekommen hatte. Die steckte nun in seinem Rucksack, dessen Gewicht er langsam auf den Schultern spürte. Ally zog ihn schon auf, weil er das dicke Buch immer mit sich herumschleppte. Simon wischte sich die verschwitzte Stirn und nahm den Rucksack ab.
Aus einem Seitenfach zog er ein zerfleddertes Notizheft, in das er sich die wichtigsten Eckdaten der walisischen Gralslegende notiert hatte. Durch Zufall war Simon in einem Führer über Mid Wales auf Morlan House und seinen Schatz gestoßen. Zufrieden blätterte er in dem Heftchen und frischte sein Gedächtnis auf, damit er vorbereitet war. Aber der Mann, der den Schlüssel zum Haus hatte, war auch so schon beeindruckt von seinem Wissen gewesen.
Der Heilige Gral war von Josef von Arimathäa nach Großbritannien gebracht worden. Der Legende nach hatte Josef in einem Kelch das Blut aufgefangen, welches dem gekreuzigten Christus aus der Lanzenwunde tropfte. Die geläufige Version der Geschichte war, dass der Gral von Josef von Arimathäa nach Glastonbury gebracht worden war.
Es hieß, dass die Mönche aus Glastonbury geflohen waren, nachdem ihr Kloster niedergebrannt worden war, und den Gral mit sich in die walisische Abtei von Strata Florida genommen hatten. Dort war der Kelch in den Besitz der Jones of Paith gelangt und in Morlan House versteckt worden. Zu gern hätte Simon den Keller untersucht, der aus einem verzweigten Gewölbesystem bestehen sollte. Er wollte sehen, wo der heilige Kelch angeblich versteckt worden war, und vielleicht fand er etwas, mit dem er seine Freunde beeindrucken konnte.
Als es ihm zu warm auf der Terrasse wurde, ging er auf die Bäume zu. Hinter dem schmalen Waldstück konnte er das Rauschen des Meeres hören. Es knackte im Unterholz, und ein Vogel flatterte auf. Er blickte der Krähe nach, die sich mühelos durch die Baumkronen in den Himmel schwang. Sicher gab es einen privaten Zugang zum Strand. Ein Anwesen wie dieses hatte bestimmt eine Treppe, die zum Meer hinunterführte. Und vielleicht gab es Höhlen in den Felsen, in denen die Kinder gespielt hatten. Schmugglerbanden konnten hier ihr Unwesen getrieben haben!
Zwischen den Bäumen zeichnete sich ein Pfad ab, und weil die Mücken in Schwärmen aus den hohen Gräsern aufstiegen, verschob er die Suche nach dem Eishaus und rannte durch das dichte Gestrüpp. Er musste über umgestürzte, vermoderte Baumstämme springen, Zweige zerkratzten ihm Arme und Beine, und einmal stolperte er und fiel hin. Simon war schnell wieder auf den Beinen und klopfte sich Blätter und...




