E-Book, Deutsch, 345 Seiten
Wilken Was von einem Sommer blieb
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95824-757-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 345 Seiten
ISBN: 978-3-95824-757-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Constanze Wilken studierte Kunstgeschichte in Kiel und promovierte in Wales. Neben ihrem Leben am Meer bestimmt auch die Liebe zur Kunst das Schaffen der erfolgreichen Autorin. Die Website der Autorin: constanze-wilken.de/ Die Autorin bei Facebook: facebook.com/Constanze.Wilken Die Autorin auf Instagram: constanzewilken/?hl=en Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die folgenden Romane: »Ein Cottage in Wales« (auch im Sammelband »Das kleine Cottage der Herzen« erhältlich) »Das Geheimnis des Schmetterlings« »Die vergessene Sonate« »Was von einem Sommer blieb« »Das Licht von Shenmóray« »Die Frauen von Casole d'Elsa« »Die Malerin in von Fontainebleau« »Die Tochter des Tuchhändlers« »Villa Seestern - Ein neuer Wind« - auch als Taschenbuch und Hörbuch bei Saga Egmont erschienen
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Pietro blies den weißen Staub von ihrer Stirn. Mit den Fingern fuhr er die Linien ihres feinen Profils entlang, das er in vielen Sitzungen eingehend studiert hatte. Er hatte sie beobachtet, wenn sie lächelte, amüsiert über eine seiner Bemerkungen, oder ihn ironisch in seine Schranken wies, wenn er sich ihr auf eine Weise näherte, die das in ihren Augen angemessene Maß überschritt. Ihr Verhältnis war das eines Künstlers zu seinem Modell. Nur war sie nicht irgendein Modell, das er auf der Straße oder in der Akademie aufgelesen hatte. Sie war die Frau seines Auftraggebers, und er durfte es sich mit dem Conte nicht verderben, denn dieser Auftrag war seine letzte Chance, sich einen Namen als Bildhauer zu machen und endlich den Schatten seines berühmten Meisters zu verlassen.
Seufzend legte Pietro den Meißel aus der Hand und polierte die Oberfläche der weißen Marmorbüste, bis sie glänzte. Seine Freunde in der Werkstatt hatten ihn einen Narren gescholten, daß er das sichere Einkommen als Mitarbeiter des verehrten Meisters gegen die unsichere Existenz als freischaffender Künstler eintauschen wollte. Doch Pietro hatte nur mit dem Kopf geschüttelt, alle Einwände mit seinen von der harten Steinmetzarbeit geformten Händen zur Seite gefegt und sich auf den Weg in den Norden gemacht. In einem Lederbeutel trug er sein Kapital, seine Werkzeuge, mit sich. Er war mit seinem Meister von Florenz nach Carrara in die Steinbrüche gegangen und hatte dort nach dem perfekten Stein gesucht. Atemlos hatte er daneben gestanden, als sein Vorbild mit kräftigen gezielten Schlägen aus dem Stein schlug, was in seinem Kopf als fertiges Bild vorhanden war. »Man muß die Figur nur vom Stein befreien«, sagte sein Meister immer. Pietro wußte, daß er es mit diesem begnadeten Mann, dessen Talente sich auf die Malerei wie auf die Baukunst und die Dichtkunst gleichermaßen erstreckten, niemals aufnehmen könne. Doch genauso wußte er, daß er das besondere Talent hatte, die Seele eines Menschen zu schauen und in Stein zu bannen. Im Schatten eines Genies jedoch war kein Raum für seine stille Kunst, und deshalb war Pietro, der aus dem kleinen Dorf Clusone stammte, zurück in seine Heimat gegangen, wo er hoffte, einen Auftrag bei dem für seine Liebe zur Kunst bekannten Conte in Bergamo zu erlangen.
Er hatte eine Probearbeit für den Conte anfertigen müssen, einen kleinen Engel, der sehnsuchtsvoll nach oben schaut. Diese Aufgabe war eine Leichtigkeit für Pietro gewesen, denn mit solchen Figuren hatte er Altäre und Kapellen in rauhen Mengen bestückt. Bevor er mit der Arbeit begann, beobachtete er mehrere Tage lang den kleinen Jungen des Stallmeisters, der im Garten mit den Tieren spielte. Der Engel erhielt das Gesicht des Jungen, und der Conte erkannte, wen Pietro porträtiert hatte. Damit war der Auftrag ihm sicher gewesen. Als er erfuhr, um welche Aufgabe es sich handelte, war er zuerst erschrocken, denn als er der Contessa Filomena das erste Mal angesichtig wurde, verschlug ihm ihre Schönheit den Atem. Er zweifelte, ob er dieses vollkommene Antlitz in Stein hauen und ihm auch nur im entferntesten gerecht werden könne. Daß der Conte seine Frau über die Maßen liebte und wie eine Kostbarkeit von unschätzbarem Wert behandelte, machte die Aufgabe nicht leichter. Das kritische Auge des liebenden Gatten würde keine Unvollkommenheit dulden und den geringsten Fehler sofort erkennen.
Pietros Hände zitterten, als Filomena sich zur ersten Sitzung in einen Sessel ihm gegenüber setzte und ihm unter ihren langen seidigen Wimpern einen forschenden Blick zuwarf. Sie tat genau, was er sagte, drehte, neigte oder hob den Kopf, wie er es von ihr verlangte, ohne sich zu beklagen. Als er jedoch die Kreide aus der Hand legte und auch den fünften Entwurf zerriß, begann sie zu lachen. Ihr Lachen füllte den lichtdurchfluteten Raum. Es lagen weder Kritik noch Schadenfreude in diesem Lachen. Sie lachte, weil sie sich seiner Unsicherheit ihr gegenüber bewußt war und ihm die Scheu vor ihrem vollkommenen Äußeren nehmen wollte.
»Lassen Sie mich doch einen dieser furchtbaren Entwürfe, die Sie so wütend zerrissen haben, ansehen.« Mit eleganten Bewegungen erhob sie sich aus dem Sessel und nahm eines der Blätter, die auf dem Fußboden lagen, in die Hand. Sie drehte es hin und her und meinte dann: »Ich bin keine Statue, auch wenn Sie eine aus mir machen sollen. Ich bin eine Frau aus Fleisch und Blut. Lassen Sie sich von meinem Gatten nicht einschüchtern. Ich atme. Sehen Sie sich diese Zeichnung an. Darin ist kein Leben.«
Pietro nahm das Blatt aus ihren schlanken Händen, die nur einen Ring trugen, entgegen. Sie hatte recht. Das Porträt war leblos. Was er dort abgebildet hatte, war ein Symbol der Schönheit, aber nicht diese Frau.
»Wir sollten uns unterhalten. Kommen Sie, gehen wir in den Garten. Ich zeige Ihnen meinen Lieblingsplatz.« Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sich Filomena um und verließ den Raum. Ihre Kleider raschelten, und der süßliche Duft ihres Haares hing leicht in der Luft, als er ihr folgte. Erst jetzt nahm er die Wölbung ihres Leibes unter dem sich im Wind bauschenden Stoff ihres Kleides wahr. Noch nie hatte er eine Frau gesehen, der ihre Schwangerschaft so gut stand wie Filomena. Sie schritt vor ihm durch die verzweigten Wege des kunstvoll angelegten Gartens. Hier und da strich sie mit den Fingern über eine Blüte oder einen Strauch. Nach einigen Minuten bog sie um eine dichte Buchshecke, und er glaubte schon, sie verloren zu haben, als er das Plätschern des Wassers hörte und sie auf einer Bank vor der kleinen Grotte entdeckte. Die Sonne schien warm in die Nische, in der die steinerne Bank stand, das Wasser glitzerte, und ein Vogel badete in einer Pfütze, die sich neben der Grotte im Sand gebildet hatte.
Filomena bedeutete ihm, sich neben sie zu setzen. »Ist das nicht wunderschön? Domenico hat die Grotte für mich anlegen lassen. Ich liebe das Meer, und wenn ich die Muscheln hier an den Wänden sehe und das Wasser höre, dann fühle ich mich zu Hause.«
Sie erzählte ihm, daß sie aus einer verarmten Adelsfamilie Siziliens stammte, einer Seitenlinie der Bourbonen. Ihre Kindheit hatte sie am Meer verbracht, wo die Familie in einem halbverfallenen Palazzo mehr schlecht als recht lebte. Die karge Schönheit der süditalienischen Insel erstand vor seinen Augen, während sie von den antiken Ruinen und der felsigen Küste erzählte, an der sie gelebt hatte.
Fasziniert lauschte Pietro den Worten dieser Frau, deren äußere Schönheit nur von ihrer Natürlichkeit und der Klarheit ihrer Seele übertroffen wurde. Ohne jede Scheu erzählte sie von ihrer Liebe zu Domenico und den anfänglichen Schwierigkeiten, die ihr das Leben in dem städtischen Palazzo bereitet hatte. Die Menschen im Norden waren weniger impulsiv, und Filomena lernte, ihre Direktheit hinter einem Mantel aus Verhaltensregeln zu verbergen. Ihr Mann jedoch verstand ihre Liebe zur Natur und respektierte ihren Wunsch nach einem persönlichen Rückzugsraum, in dem sie frei von gesellschaftlichen Zwängen ihren Gedanken nachhängen konnte. Der gesamte Garten wurde nach ihren Wünschen umgestaltet.
Pietro hörte zu, und in ihm entstand ein ganz anderes Bild von ihr, die er anfangs als Ikone betrachtet hatte. Wochenlang suchte er nach dem richtigen Stein, bis er einen ebenmäßig gemaserten Marmorblock fand, dessen Weiß in seiner Reinheit dem strahlenden Geist dieser Frau entsprach. Und nun war es so weit. Pietro wischte ein letztes Mal über die lebensgroße Büste und trat drei Schritte zurück. Ja, das war Filomena, das war die Contessa, die Gattin und werdende Mutter und auch das Mädchen, das das Meer liebte. Er hatte den Stein in lebendiges Fleisch verwandelt. Unter der zarten Haut pulsierten Adern, und die in die Ferne gerichteten Augen sprachen von Liebe und Sehnsucht. Eine Andeutung ihres dichten Haares schmiegte sich um die wohlgeformten Wangen. Es war ihm gelungen, ihr Wesen darzustellen, und er wußte, daß er ein Meisterwerk geschaffen hatte.
***
In den vergangenen Tagen war der Termin der Geburt immer näher gerückt. Seit zwei Wochen mußte sie liegen, weil sie von Fieber und Krämpfen geplagt wurde. Der Conte hatte alle Ärzte der Stadt in den Palazzo beordert, doch die bedrückten Gesichter, die Pietro auf den Fluren begegneten, verhießen nichts Gutes. Man schrieb das Jahr 1521, und Bergamo wurde von den Franzosen belagert. Die Lage war bedrohlich, denn die Soldaten waren von den seit zwölf Jahren andauernden Kämpfen mit Frankreich und Spanien erschöpft. Das Geld wurde knapp, und viele der Söldner hatten sich aus dem Staub gemacht, als der Sold nicht mehr gezahlt werden konnte. Der Conte behandelte seine Untergebenen mit milder Härte und wurde von den meisten geschätzt. Die Wachen hatten ihre Aufmerksamkeit im Palazzo verdoppelt. Sie sprachen mit gedämpften Stimmen, und es schien fast so, als vermieden sie es, ihren Fürsten mit dem Ernst der militärischen Lage zu konfrontieren, denn der Schmerz um seine leidende Frau stand dem Conte ins Gesicht geschrieben. Mit abwesendem Blick und tiefen dunklen Rändern unter den Augen lief er rastlos durch die Räume.
Plötzlich hörte Pietro schnelle Schritte auf den Fluren, Türen schlugen auf und zu, und dann durchzog ein erschütternder Schrei das Haus. Es war nicht der Schrei eines Neugeborenen, sondern der Schmerzensschrei eines Mannes, der sein Liebstes verloren hat. Nie in seinem Leben würde Pietro diesen Schrei vergessen, der Verzweiflung, Wut und Hoffnungslosigkeit in sich vereinte. Als die Tür aufschwang und der Conte mit blutverschmierten Kleidern und bleichem Gesicht eintrat, sah Pietro einen gebrochenen Mann vor sich. Wortlos, mit zusammengepreßten Lippen ging der Conte auf die Büste seiner soeben verstorbenen Frau zu. Pietro verharrte regungslos an...




