E-Book, Deutsch, 502 Seiten
Wilkins Infernalis - Das Teufelsmal
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-446-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mystery-Thriller
E-Book, Deutsch, 502 Seiten
ISBN: 978-3-96655-446-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kim Wilkins ist in London geboren und in Australien aufgewachsen. Sie ist Autorin und Dozentin für Kreatives Schreiben und Buchkultur an der University of Queensland. Wenn sie gerade nicht schreibt oder lehrt, liebt sie es, durch nebelverhangene Landschaften zu spazieren, Led Zeppelin zu hören und über das England der Wikingerzeit oder pagane Mythologie zu lesen. Sie lebt mit ihrem Partner und ihren Kindern in Brisbane. Die Webseiten der Autorin: kimberleyfreeman.com/about/ Die Autorin auf Facebook: facebook.com/KimAuthorPage/ Bei dotbooks erscheinen von Kim Wilkins: »Grimoire - Das magische Buch« »Infernalis - Das Teufelsmal«
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Kapitel 1
Ich haßte den Freitag. An diesem Tag absolvierte ich eine Doppelschicht und fühlte mich deshalb bereits, wenn ich Freitagmorgen aufwachte, so erschöpft, daß ich fast wieder einnickte, noch bevor ich die Augen ganz offen hatte.
In einer Underground-Band zu spielen war cool, aber man verdiente nicht viel. In einer Kellerbar im Treasury Casino im Abendkleid und mit Perücke billige Celin-Dijon-Songs zu trällern, war nicht cool, aber man kann sich leicht vorstellen, warum ich es tat. Ich wohnte gerne in der Stadt, ich aß gerne gut, und ich kaufte mir gerne dann und wann eine CD. Ich beugte mich den wirtschaftlichen Notwendigkeiten wie jeder in unserer materialistischen Gesellschaft, und deshalb verkaufte ich mich Freitagabend, wenn ich mit Brad als Duo auftrat. Damals hoffte ich, bald reich und berühmt zu sein und glaubte daran, daß die kommenden BMW- und Kaviartage die Jahre mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Bohnensuppe irgendwie aufwiegen würden.
An diesem Morgen jedoch fand ich, daß es wieder nur ein beschissener Freitag war, den ich wie üblich erdulden mußte. Er sollte jedoch weitaus schlimmer werden als sonst. Ich drehte mich auf die andere Seite, schaltete das Radio ein und bekam gerade noch das Ende eines Regurgitator-Songs mit, bevor die Nachrichten kamen. Was ich hörte, war folgendes:
Heute morgen entdeckten Jogger in einem Kiefernwäldchen bei Brisbane die verstümmelte Leiche eines Mannes, der an einen Baum gefesselt war. Die Polizei geht davon aus, daß der Tod gegen ein Uhr morgens eingetreten ist und sucht nach eventuellen Tatzeugen. Bis jetzt gab es noch keine offizielle Bestätigung dafür, daß dem Opfer Herz und Augen fehlten. Der Name des Toten wurde noch nicht bekanntgegeben.
Das war alles, gefolgt von einer Geschichte über einen Hund in Deutschland, der seinem Frauchen das Leben gerettet hatte, und den Ausflugstips fürs Wochenende.
Um ein Uhr hatte ich auf der Bühne des Fire Fire gestanden, wo meine Band, 747, jeden Donnerstagabend spielte, weil der Veranstalter und unser Drummer eine Vorliebe für die gleichen Drogen teilten. Wir waren für eine Lokalband ziemlich bekannt und standen davor, in die Oberliga aufzusteigen. Mit siebenundzwanzig war Brad der älteste von uns. Er und ich spielten schon seit neun Jahren in verschiedenen Bands zusammen; eben seit damals, als ich von zu Hause weggelaufen war, um Rockstar zu werden und wir mit einer zweitklassigen Coverband eine Tour durch den Norden gemacht hatten. Aber wir haben nie miteinander geschlafen, obwohl er nur zu gerne gewollt hätte. (Okay, einmal haben wir’s gemacht, aber ich war erst sechzehn und hatte keine Ahnung. Seither wartete Brad auf eine Wiederholung – mit einer Engelsgeduld.) Wir beide spielten Gitarre und sangen. Ailsa war unsere extrem fette, neurotische, lesbische Bassistin, und Jeff, ein Wesen der Nacht mit strähnigen Haaren, gab unseren durchgeknallten Drummer. Wir kamen ganz gut miteinander aus, aber eigentlich war es eine Geschäftsbeziehung.
Wir vier hatten also gespielt, während dieser Typ ermordet wurde, und ich begann darüber nachzugrübeln, wie diese Welt eigentlich funktioniert, etwas, über das ich mir sowieso mehr Gedanken mache, als gut für mich ist. Ich hatte immer die Vorstellung, daß das Universum so was ähnliches wie ein großes Spinnennetz ist, in dem wir alle hängen. Jedesmal, wenn ein Unglück naht, spüren wir vorher das Zittern in den glitzernden Fäden, eine Warnung, aus dem Weg zu gehen. Aber so funktioniert es nicht. Das Problem bei einem Spinnennetz ist seine Zartheit. Manchmal reißt es ohne Vorwarnung. Manchmal begegnet dir ein Perverser, der dir die Augen aus dem Kopf schneidet.
Ich stellte mir vor, wie das Verbrechen geschehen sein mochte … als das Telefon klingelte. Natürlich konnte das nur Karin sein, weil sonst niemand wagte, mich vor zwölf Uhr mittags anzurufen. Sie wußte, daß ich endlose Geduld mit ihr hatte, besonders jetzt: Schließlich wollte sie am nächsten Tag heiraten und schwankte zwischen Aufregung und Angst hin und her.
»Lisa? Ich bin’s.«
»Hi Karin. Ich wußte, daß du es bist. Das Klingeln klang nach dir.«
»Hmmh.« Das war eines der Dinge, die ich an Karin liebte, wie sie ›hmmh‹ sagte, wenn sie der Meinung war, daß ich etwas sehr Unwitziges geäußert oder einen völlig blöden Vorschlag gemacht hatte, was recht oft vorkam. Ich hatte viele Bekannte, aber nur eine gute Freundin, und diese Freundin war Karin. Was darauf hindeutet, daß ich nicht immer die Rebellin gespielt hatte. Karin und ich waren zusammen aufgewachsen und hatten mit Puppen gespielt. Brad mochte Karin zwar, aber er hatte nie verstanden, warum wir uns so eng verbunden fühlten. Jeder Fremde merkte sofort, daß wir vollkommen verschieden waren. Vielleicht ergänzten wir, was der anderen jeweils fehlte – Karin blühte auf, wenn sie von meinen Eskapaden hörte, während ich mich an ihrer Verläßlichkeit aufrichten konnte. Sie war ein echtes Goldstück, man mußte sie einfach liebhaben. Und deshalb war ich höllisch eifersüchtig, weil sie heiratete. Ich wollte sie für den Rest meines Lebens ganz für mich allein, aber wenn eine vierundzwanzigjährige Jungfrau sich Hals über Kopf in einen zweiundvierzigjährigen Buchhalter verliebt, ist auch die besitzergreifendste beste Freundin machtlos.
»Was ist los?« fragte ich, denn irgend etwas mußte los sein – sie würde mich nicht anrufen, nur um ein bißchen zu plaudern. Schon deswegen nicht, weil sie sich vollkommen unwohl fühlte, wenn sie durch ein Gespräch ohne festes Thema steuern mußte.
»Dreimal darfst du raten. Jemand macht mir die Hölle heiß.«
»Wer könnte das denn sein?«
Sie bemerkte meinen sarkastischen Ton nicht einmal. »Lisa, du weißt, wen ich meine.«
Natürlich wußte ich das – Karins Mutter war berüchtigt für so etwas –, aber ich schwieg, weil ich nicht schon wieder diejenige sein wollte, die Dana Anders ein Biest nannte.
»Na schön«, sagte Karin schließlich. »Es ist meine Mutter. Dieses Mal hat sie sich selbst übertroffen.«
Kurz – nur ganz kurz und mit schlechtem Gewissen – dachte ich: ›Also gut, jetzt geht es los, Karin jammert über ihre psychotische Mutter, und letzte Nacht ist so ein armer Kerl im Wald aufgeschlitzt worden‹, aber dann verdrängte ich den Gedanken. Karin konnte nichts dafür, daß sie bis zu ihrer Begegnung mit David ein Leben wie in einer Puppenstube geführt hatte, und diese Liebesgeschichte würde sicherlich das Aufregendste bleiben, was ihr je zustoßen konnte. Ihre Mutter, Dana, war eine Tyrannin der übelsten Sorte, die ihre Tochter während der Teenagerjahre buchstäblich zu Hause eingesperrt hatte, damit sie nicht wegen eines Jungen ›in Schwierigkeiten‹ kam. Man muß wohl kaum erwähnen, daß ich nicht gerade Danas Liebling war, aber ich hatte mich nie abschrecken lassen, weil ich wußte, daß Karin eines Tages erwachsen werden und von zu Hause fortgehen würde. Nur hatte ich nicht damit gerechnet, daß sie es zusammen mit einem langweiligen alten Kerl tun würde.
»Was hat sie denn jetzt gemacht?«
Kaum hatte ich gefragt, als Karin schluchzend und stammelnd einige Worte hervorbrachte. Ich verstand ›Deutschland‹, ›Flugkosten‹, ›Verwandte‹, und ich nahm an, daß Dana ihr altes Blatt ausgespielt hatte, mit der Trumpfkarte ›Ich habe dich von Deutschland hierher gebracht, damit du es besser haben sollst. All meine Freunde und Verwandten habe ich zurückgelassen‹; und weiter dann mit ›David hat genug Geld, um ihnen die Flugreise zu bezahlen, aber er hat es nicht einmal angeboten‹. Wahrscheinlich hatte sie noch ein paarmal ›selbstsüchtig‹ und ›undankbar‹ untergemischt. Ich an Karins Stelle hätte die alte Fregatte ignoriert, aber ich war nicht an ihrer Stelle, und vierundzwanzig Jahre Gehirnwäsche lassen sich nicht durch eine sechswöchige Verlobung auslöschen.
Also sagte ich ein paar tröstende Worte, und Karin entschuldigte sich ungefähr ein dutzendmal. Ich ließ sie gewähren, weil ich sie zu sehr mochte, um mich über ihre Hypersensibilität zu ärgern. Was ich betonen möchte. Manchmal denke ich, daß ich sie inzwischen gar nicht mehr richtig kenne, und wir stehen uns auch sicherlich nicht mehr so nah. Zu viel ist geschehen.
Aber ich greife vor.
Als ich eine Viertelstunde später den Hörer auflegte, hatte sich ihre Stimmung deutlich gebessert. Ich hatte ihr nichts von der Leiche im Wald erzählt – und ärgerte mich fast, daß ich selbst nicht mehr daran gedacht hatte. Vielleicht beschäftigen wir uns mit trivialen Problemen, damit wir nicht schreiend vor dem Horror in der Welt davonlaufen.
Am Abend fragte ich Brad, was er über den Mord dachte. Er hatte stets interessante, wenn auch etwas oberflächliche Ansichten zu diesen Dingen. Wir stiegen an der Laderampe des Treasury in den Wagen, um zu unserem Auftritt im Universal Theatre zu fahren, einem alten Kino aus den Zwanzigern, das in eine halbseidene Neunziger-Bar umgebaut worden war. Es schien mir absurd, daß ein Mord, der in der Nähe geschieht, so bedeutsam wird, während überall auf der Welt Mord und Totschlag herrschen, und ich haßte mich dafür, daß ich es so aufregend fand, über den Tod zu sprechen. Trotzdem fing ich davon an. Alte Gewohnheiten kann man nicht einfach abschütteln.
»Hast du von diesem Typen gehört, der im Wald getötet wurde?«
»Ja, grauenhaft.«
»Macht es dich nicht auch ganz nervös?«
»Wieso – weil es ganz in der Nähe passiert ist?« Wir fuhren los.
»Ja, deswegen und … weil es jedem von uns passieren könnte, ohne Vorwarnung.«
Brad zuckte mit den Schultern. »Wir wissen ja gar nichts darüber. Vielleicht hatte dieser Typ mit einer dieser verrückten Sekten zu tun;...




