E-Book, Deutsch, 369 Seiten
Wille Die Abendburg
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-4008-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 369 Seiten
ISBN: 978-3-8496-4008-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In 'Die Abendburg' erzählt Wille von den Abenteuern des Johannes Trielsch, der sich nach der vergeblichen Jagd aufs Gold in der Nähe der Abendburg niederlässt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Das andere Abenteuer - Das Johanniskind will den winkenden Schatz heben
Den Kräutertobias zu besuchen, hatte sich mein Vater mit mir im Frühjahr nach geschehener Übersiedelung aufgemacht. Fuhren auf einem Bauernwagen dem Zackenfluß entgegen, jedoch nur bis Petersdorf, wo wir abstiegen, um zu Fuß das steile Waldgebirge zu erklimmen. Zur Linken in der Felsenschlucht brausete der Zacken. Rechts ging es einen schroffen Hang empor zu einem ragenden Stein.
Von hier erscholl eines Mannes Zuruf. Der Oheim war es, so droben auf uns geharret hatte und nun gelaufen kam. Nachdem er mit Freuden seinen Willkommen geboten, berichtete er, wie ihm schon von weitem unser Wagen sichtbar gewesen. Mein Vater antwortete: »Allerdings gewähret dieser Stein, Wachstein geheißen, eine weite Aussicht über das Zackental, wie man ihn schon in der Hussitenzeit als Warte verwendet hat, den Paß nach Schreiberhau zu überwachen.«
Der Weg, den wir nun gingen, stieg fast steil durch einen Bachgrund. Anfangs von schroffen Felsen und Fichten begleitet, führte er zu einer Aue, wo Bauden um ein Kirchlein lagen, und Kühe nebst weißen Gänsen weideten. »Hie beginnet Schreiberhau,« sagte mein Vater; »es erstreckt sich eine gute Stunde in die Länge, und wir haben bis zu Oheims Häusel noch ein Stück Weges.«
Nach fürderem Ansteigen ward der Weg eben, wir hatten seine höchste Erhebung erreicht und schauten in ein sanft abfallend Tal, breit und lieblich. Hinter vorderen Waldhöhen stieg jene Gebirgswand himmelan, die ich von fern oft betrachtet hatte. Jetzo, da sie in der Nähe ragete, ward mein Gemüt bewegt wie von tiefem Orgeldröhnen. Ein weithin ausgereckter Riesenrumpf, mit Tannen gleichwie mit bläulicher Wolle bewachsen. Wo der Wald zu Ende, schimmerten Matten, dann kam kahler Fels, mit dunkelgrünem Moose bedeckt. Droben in den Abgründen lag noch Schnee, und der Oheim wies mir, wie die weißen Flächen manchmal seltsame Formen bildeten, einen Stier oder eine Hose, von der die Leute sagten, es sei Rübenzagels Hose. Der Gebirgskamm bildete eine Reihe von Kuppen, die in der Ferne von zartem Blau waren. Gewölk kroch von der anderen Seite des Gebirges über den Sattel herüber, wie graues Raubgezücht, wie Drachen.
Derweilen mein Vater in den Anblick seiner lieben Berge versunken war, wies der Oheim die einzelnen Gipfel: den Reifträger, die Sturmhaube, das Hohe Rad, den Mittagstein, die Schneekoppe. Erklärte mir auch, das graudüstere Gewächs zwischen den Felsen droben sei kein Moos, sondern Knieholz, ein struppicht Nadelgebüsch, so nicht in die Höhe wachse, sondern über das Geröll hinkrieche, die knorrigen Ruten wie zum Verhau verschränkt.
Bald langten wir bei Oheims Häusel an. Es lag in der grünen Aue, wo Murmelbächlein rannen. Neben der Wiese gab es Saatfelder, Gärtlein und etliche Bauden. Gleichwie ein freundlich Auge lugte ein Mühlteich aus des Tales Mitte. Unweit waren dunkle Felsen und lichte Birken mit zarten Frühlingsblättlein. Einen freundlichen Anblick gewährte Oheims Häusel. Baute sich aus rohen Steinen auf, doch war die große Stube aus Balken gezimmert, wobei Moos und Lehm die Fugen verkitteten. Über das bemooste Schindeldach wölbeten zwo alte Linden ihre Kronen. Am Hause war auch ein Viehstall, und ein paar Kühe nebst Ziegen weideten auf der Wiese.
Als wir durch das Blumengärtel gingen, wo gelbe Märzenbecher blüheten, während die Kirschbäume gleich Silberwölklein prangten, sprang ein Hund aus dem Hause auf uns zu und hüpfte mit jauchzendem Gebell am Oheim empor. War mein zukünftiger Freund, der gelbe Schäferspitz Wächter. Vor der Türe des Häusels stund ein weißhaarig Weibel und grüßte freundlich. Beate war es, des Oheims Base, die ihm Haus hielt.
Wir gingen in die Balkenstube, und hier war es sehr warm, da mächtige Holzklötze im Ofen loheten. Weißgescheuert die Diele, alles Hausgeräte sauber und traulich. Bunt bemalt der große Schrank, sowie die Truhe daneben. Wir setzten uns um den Tisch, und nachdem der Vater das Gebet gesprochen, ließen wir uns Brot und Schinken munden.
Da wir nun erquickt waren, sagte mein Vater: »Lieber Bruder Tobias! Schreiberhau und das elterliche Häusel zu schauen, hat mich in der Fremde oft inniglich verlanget. Nun wird meine Sehnsucht durch Gottes Güte gestillet. Die Berge, Bäume und Bäche, alle lieben Orte und Dinge habe ich wiedergefunden. Nur weniges dünket mich verändert. Neu ist jedoch die große Backstube bei den Felsen mit dem tüchtigen Schornstein ...«
»Keine Backstube ist das,« antwortete der Oheim belustigt; »das ist ja mein Laboratorium.«
»Laboratorium? Ei wie denn? Bist etwan ein Chymiste worden?« meinte der Vater befremdet.
Und bedächtig versetzte der Oheim: »Hum! Du weißt ja ... hum! Glas kann ich nicht mehr machen. Vom Blasen und staubigen Schleifen ist mir der Odem benommen. Und wann die Berge verschneiet liegen, mag ich nicht immer bloß Pillulen drehen. Habe mich also der chymischen Kunst ergeben und mir ein Laboratorium angelegt.«
»Und bist wohl gar dem Goldmachen auf der Spur?«
Es war dem Oheim ganz ernst, als er erwiderte: »Aus menschlichem Vermögen kann ich sagen: ich hoffe. Wirst nun freilich denken: da haben wir abermalen einen neuen Grillenfänger, rußigen Kohlenbläser und gefährlichen Schwarzkünstler. So lauten ja wohl die Ehrentituli, mit denen die stolze Disputiergelahrtheit gemeiniglich den Jünger einer Kunst beleget, die in der ganzen untermondlichen Atmosphäre zwar die unsicherste, aber auch die allerkostbarste ist.«
»Nun, nun,« – begütigte mein Vater – »will dich nicht schelten; alle Kunst ist ja von Gott, wohl auch die alchymistische, wofern ...«
»Amen, Amen,« unterbrach ihn der Oheim freundlich und rüttelte des Vaters Schulter: »Bruder Martin, hüpfen tut mein Herze, bisweilen du nicht bist wie jene törichten Prädikanten, so behaupten, daß allen Goldmachern und Schatzgräbern der Teufel im Nacken sitze. Solche Pfaffen mögen im Catechismo Lutheri beschlagen sein – von Magia verstehen sie so viel wie die Kuh vom Kanzelreden.«
»Nun ja doch, Tobias, wohl, wohl! Indessen du hast mich unterbrochen. Von Gott ist alle Kunst, wofern man sie rechten Sinnes übet. Sonsten aber schwarze Kunst und verwerflich.«
Der Oheim winkte mit der Hand ab und kämpfte einen Hustenanfall nieder: »Schwarz? Ah, nur die falsche Kunst ist schwarz, die Gaukelei der Afterchymisten! Was der Mensch aus seines Geistes hohen Kräften suchet und vermag, ist weiß wie himmlisch Licht. Könnte es etwan wider Gottes Willen sein, so einer die Natur zu urkunden und zu meistern trachtet? Soll ich mein Pfund vergraben und faul liegen lassen? Wie spricht denn der Heiland? Werdet vollkommen, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.«
»Die wahre Vollkommenheit« – gab mein Vater zurück – »bestehet im reinen Herzen. Diene der Magiae reinen Herzens, nicht, wie die Schatzgräber, aus Goldgier.«
Der Oheim stutzte: »Als ob nicht auch ein Schatzgräber reinen Herzens sein könnte!«
»Schon gut,« sagte mein Vater; »wenn er mit dem Golde nicht seinen Lüsten dienen will, sondern dem Reiche Gottes.«
»Selbiges will ich« – versetzte der Oheim fest. »Meine Lüste? Die sind abgestorben! Nur die Lust an der magischen Kunst ist übriggeblieben; und so der Himmel sie segnet, will ich gern nach seinem Willen das Gold verwenden.«
»Zum Exempel, wofür?«
»Zum Exempel für deinen Sohn, unsern Johannem, damit er auf hohen Schulen ein großer Physikus und Adepte werde – ein rechter König Salomo.«
Seit dieser Zeit hörte ich in mir eine Stimme mahnen: »Halte zum Oheim, er soll dich leiten!« Je öfter ich nun nach Schreiberhau kam, desto besser behagte es mir daselbst. Die Wiesen mit ihrem Vieh, das Gärtlein und Roggenfeld, die großen Steine, das Laboratorium und der Stall, die Balkenstube, das Häusel mit allen Winkeln, auch die benachbarten Bauden, die Glashütte mit ihrer Schleifmühle, rings die Höhen mit Tannen und Rauschebächen – das alles ward mir bald so traut und lieb, daß es mich in jeder Schulvakanz zum Oheim, zur alten Beate und zu meinem Freunde Wächter zog. Selbst in den Tagen meines Hirschberger Aufenthaltes ist manch heimlich Stündlein gekommen, wo meine Gedanken gen Schreiberhau geflogen sind. Wenn ich zum Exempel vor dem Schlafengehen mit den Eltern das Abendlied sang:
»Ich danke dir von Herzen,
Daß du an diesem Tag ...«
und dann an die Worte kam:
»Noch meinem Vieh was schade,
Es sei klein oder groß«,
so dachte ich an des Oheims Kühe und Ziegen, die ich mit Wächter, eine Peitsche in der Hand, gern auf der Wiese hütete. Schloß sie voll einfältiger Liebe in mein Gebet mit ein, auch Gänse, Hühner und Karnikulein, auf daß nicht etwa Fuchs und Marder sie würge.
Während der langen Ferien begunnte des Oheims Laborantenwesen und chymistisch Treiben meinen Sinn magnetisch zu fesseln. Von Wächter begleitet und auf dem Rücken die Hucke, tat ich manche Suche nach Kräutern. Lernte...




