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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 59, 224 Seiten

Reihe: Pulp Master

Willeford Filmriss


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-946582-22-9
Verlag: PULP MASTER
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 59, 224 Seiten

Reihe: Pulp Master

ISBN: 978-3-946582-22-9
Verlag: PULP MASTER
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Richard Hudson, ein begnadeter Gebrauchtwagenverkäufer, kennt die Schwachstellen der Männer und Frauen wie ein Zuhälter. Seine Anpreisungen rechtfertigt er mit einer höchst perversen Logik, bis auch er erkennt, dass er sein Leben mit der sinnlosen Jagd nach Geld vergeudet. Er muss sich an etwas Kreativem versuchen - einem ehrgeizigen und risikoreichen Filmprojekt. Doch Kräfte, die sich seiner Kontrolle entziehen, machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Der wütende und gedemütigte Gebrauchtwagenverkäufer trinkt sich daraufhin durch die Unterwelt von Los Angeles und nimmt monströse Rache an allen, die ihm in die Quere gekommen sind. Im Zentrum von Willefords Roman steht die Erfolgsethik des amerikanischen Traums, wonach alle, die im Sinne des Hyperkommerz nicht konkurrenzfähig sind, gnadenlos ausgestoßen werden. Kreativität bleibt auf der Strecke; Kultur versackt in einer grausam verzerrten Masse.

Charles Ray Willeford wurde 1919 in Little Rock, Arkansas, geboren. Als Vollwaise wuchs er bei seiner Großmutter auf, bis die Depression das Überleben nahezu unmöglich machte und er sich den Tausenden von »Road Kids« anschließen musste, die im Südwesten der USA von einem Obdachlosencamp zum anderen trampten. 1935 schummelte er bei der Altersangabe und heuerte bei der US-Army an, wo er es bis zum mehrfach ausgezeichneten Panzerkommandanten brachte. Nach dem Militärdienst begann er zu schreiben und veröffentlichte zahlreiche Pulp Originals. Der endgültige Durchbruch gelang ihm in den späten Achtzigern mit der Tetralogie um Hoke Moseley. Charles Willeford verstarb im März 1988.
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LEO STEINBERG
Eines der ersten Dinge, die einem an Leo Steinberg auffielen, war der Haarkranz, der um seinen bleichen kahlen Kopf lief. Es war ein dünner schwarzweißer Ring, in dem jedes zweite Haar schwarz oder meinetwegen auch jedes zweite Haar weiß war. Jeder normale Mann, und keineswegs nur ein eitler, hätte wegen dieses behaarungstechnischen Desasters etwas unternommen. Da Leo ohnehin nicht viele Haare hatte, hätte eine Flasche Colorback bei ihm jahrelang gehalten.
Was Filme anging, war Leo ein Ex-Wunderkind. Meiner Meinung nach, mit der ich nicht allein dastehe, war sein Beitrag zum Kino enorm. Ein außergewöhnlicher Film hebt die Welt nicht aus den Angeln, weil schon am nächsten Freitag ein neuer Film mit größerer Besetzung in die Kinos kommt und eine Geschichte erzählt, die bisher nie erzählt werden konnte. Aber Leos Filme waren außergewöhnlich; das galt sogar für den letzten, der seine Karriere ein für alle Mal beendete und Leo in den frühzeitigen Ruhestand zwang. Man kann mit einem Film Geld verlieren, aber bitte nicht zu viel ...
Wahrscheinlich eignet sich dieser Moment so gut wie jeder andere, um zu gestehen, dass ich ein Filmfan bin. Ich mag Filme, alle möglichen Arten von Filmen. Große, kleine, Western, Liebesgeschichten, Tragödien, große Epen, alle. Ich mag Filme in CinemaScope, Todd-AO, 16 mm, 8 mm und 3-D. Ich mag die Kassenschlager, die Flops und alles dazwischen. Natürlich bin ich nicht begeistert, wenn ein Film lausig schlecht ist, und wenn ein Film gut ist, freue ich mich. Aber ich mag Filme.
Als ich das Wohnzimmer betrat, sah Leo fern, und Becky stand hinter seinem Sessel. Leo machte den Fernseher sofort aus und schüttelte mir, aufrichtig erfreut, die Hand.
»Mein Sohn!«, sagte Leo stolz und machte in unserer kleinen Scharade auf starke Emotionen. »Endlich zu Hause!«
»Hi, Pop«, sagte ich. »Wie geht’s dir?« Ich zog meine Hand aus seiner und zählte genau die Finger. »Was macht meine kleine Schwester Becky hier? Geht sie nicht in New Jersey zur Schule?«
»Privatschulen kosten Geld, Richard.« Leo zuckte vielsagend die Achseln. »Und ich bin pleite. Hier kann sie für fünfzehn Cents mit dem Bus zur Hollywood High fahren.«
»Das allerdings. Wie gefällt’s dir in Kalifornien, Becky?«
»Ganz gut, glaube ich.« Sie errötete reizvoll.
»Die Hollywood High ist jedenfalls was anderes als eine Klosterschule.« Ich wandte mich Leo zu. »Wo ist Mutter?«
»Im Bett. Es ist schon nach acht.«
»Klar, klar.« Mir fielen ihre Schlafgewohnheiten wieder ein. »Aber dieses eine Mal muss ich sie, glaube ich, wecken.«
Ich stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf, öffnete die Tür von Mutters Schlafzimmer und ließ, statt den Wandschalter zu betätigen, das Licht aus dem Flur auf ihr Bett fallen. Das Öffnen der Tür und das plötzlich einfallende Licht weckten sie nicht. Sie lag reglos in der Mitte eines großen Doppelbetts, auf ihren Augen eine schwarze Schlafmaske, an jeder Schläfe sichelförmige Heftpflasterstreifen und ein großes dreieckiges Pflaster zwischen ihrer Unterlippe und ihrem herzförmigen Kinn. Die nicht von Heftpflaster bedeckten Partien ihres Gesichts glänzten von Cold Cream. Unter ihrem Kinn verlief ein Streifen Gaze, der oben auf ihrem Kopf zu einer hübschen Schleife gebunden war. Ihre Hände lagen auf der Bettdecke und steckten tief in Gummihandschuhen. Ich wusste, dass die Handschuhe große Klumpen Cold Cream enthielten. Mutter pflegte sich immer noch gründlich – warum nicht?
Ich setzte mich auf die Bettkante, beugte mich vor und küsste Mutter behutsam auf die Lippen. Aus tiefem Schlaf schlang Mutter ihre Arme fest um meinen Kopf und küsste wild zurück. Ich zuckte lachend zurück, und Mutter setzte sich rasch im Bett auf und entblößte ihre großen, festen, vorspringenden Brüste. Nie hatten sie die Berührung eines Büstenhalters gekannt. Leo konnte sich glücklich schätzen. Mutter hob mit den Handkanten die Schlafmaske an und sah mich in dem schwachen Licht blinzelnd an.
»Ich bin’s, Sonny Boy, liebste Mutter«, sagte ich. »Dein eigener kleiner Liebling.«
»Ich dachte, es wäre Leo«, antwortete Mutter mit zusammengebissenen Zähnen. Sie löste die Schleife auf ihrem Kopf, um besser sprechen zu können. »Was führt dich mitten in der Nacht nach Hause?«
»Es ist erst halb neun. Ich wollte dich eigentlich nicht wecken, hielt es dann aber doch für besser. Es ist schon eine Ewigkeit her, meine Süße.«
»Fast zwei Jahre, du verdammter Streuner. Wie sehe ich aus, Richard?« Mutter drückte den Rücken durch und zog die Schultern nach hinten. Ihre bloßen weißen Brüste wölbten sich stolz, die dunklen Nippel reckten sich der Decke entgegen.
»Einfach großartig, liebste Mutter. Großartig! Du hältst dich einfach hervorragend«, sagte ich voller Bewunderung. Genau, was sie hören wollte.
»Ich gebe mir jedenfalls Mühe.« Mutter lächelte verschämt und sah mich unter gesenkten Lidern hervor an. »Wusstest du, dass deine Mutter letzte Woche einundfünfzig geworden ist?« Natürlich stimmte das nicht.
»Nein, wusste ich nicht. Ich dachte, meine Mutter wäre dreiundfünfzig.«
»Themenwechsel.« Mutter rutschte unter die Decke und zog sie sich bis unters Kinn hoch. »Was macht mein Schatz in Los Angeles? Warum haben sie dich aus San Francisco weggeschickt? Wo wohnst du? Erzähl.«
»Ich bleibe auf Dauer hier unten und baue eine neue Firma für Honest Hal auf. Im Moment wohne ich im Fig Hotel, aber sobald ich was finde, nehme ich mir eine Wohnung.«
»Warum bleibst du nicht bei uns, Angel Pants?«
»Na, ich weiß nicht.«
Diese Möglichkeit hatte ich bisher noch gar nicht in Erwägung gezogen, aber warum nicht? Genügend Platz gab es jedenfalls. Mit einer eigenen Wohnung hätte ich natürlich hin und wieder ein Mädchen mit nach Hause nehmen können. Aber das konnte ich auch zu Hause, wenn mir danach war – Mutter lag jeden Abend ab acht im Bett und schlief. Leo wäre es egal, und was Becky davon hielt, interessierte mich nicht. Warum also nicht?
»Ich bin es gewöhnt, meine eigenen vier Wände zu haben, liebste Mutter. Und meine Möbel und die Stereoanlage habe ich in San Francisco eingelagert ...« Ich zögerte.
Mutter spitzte nachdenklich die Lippen.
»Und wie wär´s mit der alten Dienstbotenwohnung über der Garage? Inzwischen haben wir nur noch Leona, und sie wohnt nicht bei uns. Sie hat wieder geheiratet und lebt mit ihrem neuen Mann unten in der 39th Street. Für ein Paar wäre die Wohnung ohnehin zu klein, aber für dich wäre sie ideal. Großes Wohnzimmer, Schlafzimmer und Kochnische. Dort ist auch ein Kühlschrank für dein Schweppes und die Eiswürfel.«
»Ich weiß noch, wie es dort ist.« Ich ließ es mir durch den Kopf gehen. »Ich könnte die ganze Wohnung renovieren lassen. Einverstanden, liebste Mutter, ich lasse meine Möbel kommen.«
»Gut! Schön, dich wieder hier zu haben. Und jetzt gib mir einen Gutenachtkuss und schließ die Tür beim Rausgehen. Es ist spät, und ich brauche meinen Schlaf.«
Ich zog ihr die Schlafmaske wieder über die Augen, küsste sie behutsam und schloss beim Verlassen des Zimmers leise die Tür. Kein Mann auf Erden hatte eine so wundervolle Mutter wie ich. Sie ist die größte.
Am Fuß der Treppe nahm mich Leo mit einer offenen Flasche Bier in Empfang. Er hatte Becky ins Bett geschickt, und wir gingen zum Reden in sein Arbeitszimmer. Das Bier war kalt, und es gab niemanden, mit dem ich lieber redete als mit Leo. Warum? Lag es vielleicht daran, dass Leo das Reden hauptsächlich dem anderen überließ? Aber er hörte zu, er konnte wirklich zuhören. Und wenn Leo redete, machte er nicht viele Worte. Ein Heben der Schulter, ein Hochziehen der Augenbraue, eine ausdrucksstarke Handbewegung, ein bedächtiges, aussagekräftiges Nicken, ein überlegt erhobener Zeigefinger – das war, wie Leo redete, und seine Gesten und Bewegungen waren immer unterstrichen von sorgfältig gewählten Worten. Es war ein Vergnügen, mit Leo zu reden. Und es war leicht zu erkennen, warum er ein großartiger Regisseur war.
Die Zunge von vier Flaschen Bier gelöst, erzählte ich Leo von meinen Abenteuern auf der Suche nach einem Gebrauchtwagengelände und meinem Deal mit Ehlers.
»Dann willst du also in Los Angeles bleiben?« Leo spitzte die Lippen.
»Wenn alles glatt läuft. Und ich sehe keinen Grund, warum es nicht glatt laufen sollte.«
»Dann bleib doch bei uns, Richard. Das würde mir helfen.«
»Mutter hat mich auch schon gefragt, Leo. Ich hätte es dir sagen sollen. Sie meint, ich könnte die Wohnung über der Garage haben. Sie wäre ideal für mich. Aber es freut mich natürlich, dass es auch in deinem Sinn...


Charles Ray Willeford wurde 1919 in Little Rock, Arkansas, geboren. Als Vollwaise wuchs er bei seiner Großmutter auf, bis die Depression das Überleben nahezu unmöglich machte und er sich den Tausenden von »Road Kids« anschließen musste, die im Südwesten der USA von einem Obdachlosencamp zum anderen trampten. 1935 schummelte er bei der Altersangabe und heuerte bei der US-Army an, wo er es bis zum mehrfach ausgezeichneten Panzerkommandanten brachte. Nach dem Militärdienst begann er zu schreiben und veröffentlichte zahlreiche Pulp Originals. Der endgültige Durchbruch gelang ihm in den späten Achtzigern mit der Tetralogie um Hoke Moseley. Charles Willeford verstarb im März 1988.



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