Willemsen | Kleine Lichter | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Willemsen Kleine Lichter

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402550-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-10-402550-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit sechs Monaten liegt der Geliebte im Koma, jetzt bespricht Valerie am Krankenhausbett ein Tonband, das ihn wieder ins Leben zurückführen, zurückverführen, soll. Nun, wo es um alles geht, ist alles in ihrer Sprache Liebe. Wie kann man fühlen und sich nicht verlieren? Wie kann man dem Mangel begegnen, der alle Liebe treibt? Wie kann man erhalten, was man nicht halten kann? Zwischen Wien, wo sie liebt, und Tokio, wo sie arbeitet, hin und her gerissen, beschwört Valerie die eigene Liebesgeschichte noch einmal herauf und zeichnet die Veränderung ihrer Gefühle akribisch nach - bis zu dem Punkt, an dem sie fast überwunden scheinen. Ein magischer Monolog, eine Beschwörung des Lebens: In seinem literarischen Debüt nähert sich Roger Willemsen so leidenschaftlich wie klug, so innig wie genau dem Phänomen der Liebe. Er erzählt nicht nur eine Geschichte an der Bruchstelle zwischen Leben und Tod, sondern erkundet behutsam das Wesen und die Sprache der Liebe selbst.

 Roger Willemsen, geboren 1955 in Bonn, gestorben 2016 in Wentorf bei Hamburg, arbeitete zunächst als Dozent, Übersetzer und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis in Gold, den Rinke- und den Julius-Campe-Preis, den Prix Pantheon-Sonderpreis, den Deutschen Hörbuchpreis und die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft. Willemsen war Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin, Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und stand mit zahlreichen Soloprogrammen auf der Bühne. Zuletzt erschienen im S. Fischer Verlag seine Bestseller »Der Knacks«, »Die Enden der Welt«, »Momentum«, »Das Hohe Haus« und »Wer wir waren«. Über Roger Willemsens umfangreiches Werk informiert der Band »Der leidenschaftliche Zeitgenosse«, herausgegeben von Insa Wilke. Willemsens künstlerischer Nachlass befindet sich im Archiv der Akademie der Künste, Berlin.    Literaturpreise:   Rinke-Preis 2009 Julius-Campe-Preis 2011 Prix Pantheon-Sonderpreis 2012
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Autoren/Hrsg.


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Nach Wochen in Tokio habe ich dir das erste Foto von mir geschickt, in meinem hellblauen Bikini. Es hat mich einige Zeit gekostet, bis ich in meiner Fotokiste auf diese Aufnahme stieß, fotografiert von so weit weg, auf einem Brückengeländer, mit abgewandtem Kopf und breit gedrückten Oberschenkeln.

»Danke«, schriebst du, »jetzt hast du mir schon mal deine Tätowierung gezeigt. Normalerweise machen mir Tätowierungen Angst, aber…« Und dann hast du gedeutet, was ich mir hatte stechen lassen, chinesische Schriftzeichen, ein Tier, ein Emblem? Aber das war keine Tätowierung, es war ein blauer Fleck, weil ich in den Ruinen von Ostia drei Stufen tief gefallen war. Genauso solltest du mich sehen: Im Bikini, aber beschädigt.

Irgendwann hatte ich nicht mehr den Mann im Auge, der Fata Morganen schafft, sondern die Fata Morgana selbst, meine körperlose Luftspiegelung, und dann sah ich an mir hinunter, an meinem Körper. Meine Beine sehen gebraucht aus, die Haargrenze verläuft auf der Mitte des Knies, sie lösen wenig aus. Trotzdem hast du dich über sie her gemacht, dass mir Hören und Sehen verging.

Wenn er das mag, dachte ich damals, mag er alles. Dann fehle ich ihm genau so. Na also, spricht die dich mal eben mitten auf der Straße von hinten unterhakende Frau, die deine Frau wurde, ohne es zu merken. Ich fehle dir? Sag, was genau: Meine Stimme? Meine Blöße? Meine Fragen?

Die Bewunderung in meinen Augen?

Ist das noch Sprache? Ist es schon Sex?

Als ich meine Fingerspitzen küsste und sie auf deiner Brust spazieren führte, hast du nicht selbst vom Wasserzeichen gesprochen? Ich bin, glaube ich, nicht geübt darin, einen Körper zu haben. Habe ihn, auch bei den Männern, nie so richtig gebraucht. Du weißt ja: Kaum nackt, weiß ich nicht mehr, wohin mit meinen Händen, und meine Bewegungen stolpern.

Nachts habe ich an dich gedacht. Du musstest in mein Bett kommen. Deine Augen waren schön. Deine Beine angewinkelt. Dein Geschlecht lag fest und genau richtig in meiner Hand. Wir waren wirklich glücklich.

Warum hatte ich das Gefühl, dass dir deine Begierde peinlich ist? Dass du dir, wie du einmal sagtest »vor Angst in die Hose machst«? Beruhige dich. Ich finde es selbst manchmal unbegreiflich, dass man mich begehren kann.

Im Antiquariatsjargon nennt man meinen Zustand: Berieben und bestoßen, mit Gebrauchsspuren. Sogar, dass man dich begehren kann, erscheint mir manchmal so … ich weiß nicht, einfach abwegig, und manchmal habe ich geglaubt, noch lieber wäre dir die Liebe gewesen, hätte sie nicht aus Gefühl bestanden. Komisch, dass du zu mir gekommen bist, die so lange so ratlos vor dem Sex gestanden hatte und doch ständig gestreichelt werden will. Wo eigentlich?

»Meine geliebte Magnolie«, hast du mal gesagt, »wenn das kein Bild ist: Meine Knospe, meine noch ungeöffnete, alles versprechende, die mich in einen Schwarm der Phantasien und Vorstellungen entlässt…«

Wenn ich deine Stimme am Telefon hörte, mit dem erwachenden Japan rings um mich, mit dem Schweigen des nächtlichen Wien rings um dich, dann klang sie wie in einer Zelle, nein, wie in einer Krypta gesprochen. Von solcher Andacht bis in die Bewusstlosigkeit der Umarmung, das ist ein weiter Weg. Ja, mein Nackter, sieh nur an dir runter, das will ich alles noch in Besitz nehmen, und zum Vor-Angst-in-die-Hose-Machen bleibt dir keine Zeit und keine Hose.

Du hast mit mir geschlafen, als sei es die größte Tat deines Lebens. Jetzt kommt der Sex, dachte ich, und wir wechseln unser Element. Aber so war es nicht.

Einmal nackt, wurden wir nicht Mann und Frau, so begann es nur. Wir wurden etwas Drittes, Ungeschlechtliches, ich weiß nicht, was es war, ich habe mich ja nicht einmal getraut, dich richtig zu betrachten. Nur in deine Augen sah ich, fand deinen Körper darin, und unter mir erhob es sich, und ich dachte: Alles, Gott, das Ganze, das Leben, du, Staub, Wasser, und ich zog deinen Kopf an mich und bedeckte ihn mit Küssen, ihn, oder was immer es war.

Schon damals warst du nach dem Sex nicht traurig, aber ein paar Jahre jünger. Du hattest so eine Art, dich an mich zu pressen, die ich nie mochte, wurdest fast kindlich dabei, und ich nahm deine Hand, führte sie meine Hüfte entlang, zwischen meine Beine, bis zu dem von irgendeinem Jüngelchen früher einmal »süß« genannten Arsch, den du viel freundlicher und fraulicher beschrieben hast, also so etwa bin ich mit dir gereist, mit deiner Hand, damit du die Frau fühlst, die ich fühle und dich wieder in den Mann zurückverwandelst, dem ich mich hingegeben hatte.

Wir haben uns dabei sogar ganz forsch in die Augen gesehen. Und du hast dir ziemlich schamlos Bewegung im Schritt gemacht, und ich musste wegsehen, denn dass du eben noch ein Schuljunge gewesen warst und dir im nächsten Augenblick deinen Schwanz so männlich hingelegt hast, wie du ihn gerade gebrauchen konntest, das war zu viel.

Man erlebt ja in der Liebe viele Anfänge. Dieser Anfang fiel in die Zeit, in der ich mich gegen dich wehrte. Doch du warst schlau und hast meinen Worten nicht mehr getraut als meinem Körper. Erröten sollte ich, meine Haare sollten sich aufstellen, meine Stimme sollte zittern, und wenn ich dich abwehrte, hast du gelächelt, weiß schon, weiß schon…

Nicht, dass das alles nur aus Sex bestünde. Ich weiß nicht. Eigentlich werde ich, was das angeht, ja immer selbstloser. Eine Frau hat immer Angst vor Männern, die in der Nähe des Sexuellen das Temperament wechseln. Diese Angst hatte ich, so lange ich dich nicht nackt erlebt hatte, die Angst vor dem eigentlichen Rashid.

Waren sie vorher phlegmatisch, kommen manche Männer beim Sex plötzlich vollends durcheinander. Ihre Art, uns zu nehmen, ist die Antwort auf ihre Erregung, gewiss. Aber aus Schwäche oder Verlegenheit finden sie zuerst oft nur eine sportliche Antwort. Eine Leistung, eine Riesenanstrengung wird daraus. Wie in der Kür einer Leibesübung wechseln sie fliegend ihre Griffe, werfen sich hin und her. Sie wollen aufgeregt erscheinen, bedient werden, fassungslos scheinen, sind aber dabei ziemlich lausige Lustdarsteller.

Die anderen wiederum kommen aus ihrer Arbeitswelt und werden fauler, glauben, die Liebe sei ein Tempowechsel, rollen sich in eine Umarmung herein und schwappen hin und her wie dicke Suppe. Anschließend haben sie Feierabend. Mahlzeit!

Zwischendurch schieben sie dir noch irgendwelche Körperteile in den Mund, in den Griff, sperren den Mund auf, damit man die Zunge hineinsteckt und finden sich wer weiß wie empfänglich, ohne selbst etwas zu tun. Dieser Egoismus, diese Fuck-and-Go-Mentalität! Stört es dich nicht, ein Mann unter Männern zu sein?

Aber ich bin nicht besser, jedenfalls nicht vernünftiger. Nur habe ich früher meinem Fetischismus eher nachgegeben. Mal konnte mich ein Mann verrückt machen, wenn er nach der Hälfte der Rasur aus dem Bad ins Zimmer kam und seine Lippen sich rot und nass im Rasierschaum bewegten. Oder es erregte mich, wenn er ganz langsam in einer Illustrierten blätterte und dabei so versonnen mit seinen Brauen spielte. Selbst wenn er nur da stand und ich ihm von hinten dabei zusah, wie er sich ganz selbstvergessen Spiegeleier briet, hat es mich elektrisch gemacht.

Mein Problem mit meinen vergangenen Liebhabern lag in diesem abgespaltenen Blick. Ich habe gute Augen, und wo ich es nicht ernst meine, lasse ich mich gern verkennen. Aus Faulheit, nicht aus Großherzigkeit. Ich hatte es lieber, wenn sich die Männer weniger anstrengten, vielleicht weil sie mich sexuell eher schlicht fanden. Wenn sich also so ein biederer Ehemann auf Freigang für mich entschied, dann ließ ich das geschehen, weil ich für kurze Zeit durch ihn hindurch sehen konnte in ein anderes Leben, in dem ich vielleicht auch hätte so still und ruhig existieren und mir Normalität hätte zuziehen können wie einen Schnupfen.

Weil es mir so viel einfacher schien, für mich und einen unscheinbaren anderen zu leben, habe ich eigentlich immer ein Doppelleben führen wollen. Was meinst du, wie einfach die Liebe wird, wenn man nicht dauernd erkannt, verstanden, ergründet werden will? Dann nennt man sie »Partnerschaft«, glaube ich, und deshalb gibt es auch keine Liebes-, nur eine Partnerschaftsberatung.

Deine Antwort war also genau richtig: Du hast gleich mit mir gelebt wie mit einer Hälfte deines Doppellebens. Es lag immer ein Lichtkegel auf uns, ein Verfolgerscheinwerfer, unser persönlicher, mit wandernder Lichthof. Aber man sah nicht weit aus ihm heraus. Außerhalb von uns hättest du irgendwer sein können. Das war sekundär, denn zuerst einmal wollte ich dich nicht an sich, sondern für mich. Das war ein neuer Egoismus, außerdem ein praktischer, weil du mir anfangs ohnehin nicht mehr zu sehen gabst.

Deine Verlegenheit erkannte ich an deiner Drastik. Wie unreif, mich dauernd wie die Sünde zu behandeln, wie eine Unersättliche. Den Unsicheren fällt es immer leichter, die Frau schamlos, geil, obszön zu finden und die Lust selbst wie eine Schuld zu behandeln. Ja, und dann liegt sie da, und unter diesem Männerblick ist sie nackt und irgendwie schmutzig, und die Liebe ist degradiert und wenn nicht unmöglich, dann jedenfalls in eine andere Sphäre verbannt. Freud wäre begeistert gewesen, zu sehen, wie auch du das Objekt der Liebe vom Objekt der Begierde abspaltetest, aus mir, mein Liebster, zwei machtest, die sich nie mehr begegnen dürfen.

Du wolltest, dass ich die Beine spreize, du stiertest mich an. Du wolltest, dass ich mit meiner hohlen Hand meine Scham bedecke, dass ich die Spitze meiner Brust befeuchte. Das hast du nicht für die Gegenwart, das hast du für die Erinnerung getan, für die Zeit deines Alleinseins mit mir. Deshalb habe ich alles mitgemacht.

Wo sind diese Bilder jetzt? Und warum hast du so panisch ausgesehen, während ich tat,...


Willemsen, Roger
Roger Willemsen, geboren 1955 in Bonn, gestorben 2016 in Wentorf bei Hamburg, arbeitete zunächst als Dozent, Übersetzer und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis in Gold, den Rinke- und den Julius-Campe-Preis, den Prix Pantheon-Sonderpreis, den Deutschen Hörbuchpreis und die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft. Willemsen war Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin, Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und stand mit zahlreichen Soloprogrammen auf der Bühne. Zuletzt erschienen im S. Fischer Verlag seine Bestseller 'Der Knacks', 'Die Enden der Welt', 'Momentum', 'Das Hohe Haus' und 'Wer wir waren'. Über Roger Willemsens umfangreiches Werk informiert der Band 'Der leidenschaftliche Zeitgenosse', herausgegeben von Insa Wilke. Willemsens künstlerischer Nachlass befindet sich im Archiv der Akademie der Künste, Berlin. 

Literaturpreise:

Rinke-Preis 2009
Julius-Campe-Preis 2011
Prix Pantheon-Sonderpreis 2012

Roger WillemsenRoger Willemsen, geboren 1955 in Bonn, gestorben 2016 in Wentorf bei Hamburg, arbeitete zunächst als Dozent, Übersetzer und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis in Gold, den Rinke- und den Julius-Campe-Preis, den Prix Pantheon-Sonderpreis, den Deutschen Hörbuchpreis und die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft. Willemsen war Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin, Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und stand mit zahlreichen Soloprogrammen auf der Bühne. Zuletzt erschienen im S. Fischer Verlag seine Bestseller 'Der Knacks', 'Die Enden der Welt', 'Momentum', 'Das Hohe Haus' und 'Wer wir waren'.Über Roger Willemsens umfangreiches Werk informiert der Band 'Der leidenschaftliche Zeitgenosse', herausgegeben von Insa Wilke. Willemsens künstlerischer Nachlass befindet sich im Archiv der Akademie der Künste, Berlin.

Literaturpreise:

Rinke-Preis 2009
Julius-Campe-Preis 2011
Prix Pantheon-Sonderpreis 2012



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