Willett Die Wärme eines Sommers
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7325-0150-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 413 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-0150-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Louise öffnet das Fenster, das auf's Moor hinausging und atmete tief durch. Das ferne Murmeln des Flusses und der fröhliche Gesang einer aufsteigenden Lerche drangen zu ihr herein. Einen Moment lang tauchte das Bild einer lachenden Frau mit Kind vor ihr auf, und Louise wandte sich abrupt ab ... Mit zarten Tönen erzählt Marcia Willett von Menschen, die nach einem schweren Verlust einen Neuanfang wagen und eine erfüllende Liebe finden, sensibilisiert für die kleinen und großen Dinge des Lebens, die Glück und Geborgenheit schenken.
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EINS
Der Mann gegenüber, der per Handy telefonierte, belog seine Frau. Er lehnte sich an den Tisch, betrachtete die Landschaft, die draußen vorbeizog, und sprach mit leiser Stimme. Seine kräftigen Finger mit den gepflegten Nägeln und dem schweren Goldring trommelten nervös auf die Tischplatte, während er sich hin und wieder einen tiefen, ärgerlichen Seufzer abrang.
»Haben wir das nicht alles schon getan, Liebling?« Unüberhörbar schwangen Wut und Ungeduld in der höflich gestellten Frage mit, und dieses »Liebling« war eher eine Ohrfeige als eine Zärtlichkeit. »Ich habe dir doch gesagt – oder etwa nicht? –, dass ich heute Abend wahrscheinlich nicht nach Hause kommen kann… Es interessiert mich, ehrlich gesagt, nicht im Geringsten, was Jill meint… wie lange die Sitzung dauert. Sie hat keine Ahnung… Okay, sie weiß also, dass Lisa auch kommt. Wir waren uns doch einig, dass es keine gute Idee ist, die Ehefrauen meiner Kollegen zu Rate zu ziehen, wenn du wieder einmal einen dieser – Anfälle hast… Ich weiß, aber das ist die Wahrheit. Sie ist zufällig in meiner Abteilung, und wir arbeiten gemeinsam an diesem Projekt. Mehr nicht… Natürlich ist es schwierig, aber ich kann doch nicht verlangen, dass man sie rauswirft, nur weil sie jung und attraktiv ist… Meine Güte…«
Er wurde immer lauter, zügelte seine Ungeduld nicht mehr und warf Louise über den Tisch hinweg einen argwöhnischen Blick zu. Louise fühlte sich ertappt, wandte hastig die Augen ab und schaute aus dem Fenster. Auf einer Wiese, die sich zu einem schmalen glitzernden Bach senkte, stand eine junge Frau, ein Kind im Arm, und blickte dem vorbeifahrenden Zug nach. Sie winkte und ermunterte auch das Kind dazu, bewegte seine Hand und ließ es lachend auf der Hüfte wippen, während es unverwandt zum Zug aufsah. Louise beobachtete die beiden erschrocken und war einen Augenblick wie gelähmt, bevor sie sich vorbeugte und fast allzu ungestüm zurückwinkte, bis Frau und Kind in der Ferne verschwanden. Ihr Atem ging rasch, als sie in ihren Sitz sank, bemüht, die Gefühle zu unterdrücken, die sie mit einem Mal überwältigten.
Ihr Mitreisender hatte sein Telefongespräch beendet und musterte sie neugierig. Er taxierte sie wie ein Angler die Chancen auf einen guten Fang. Sie wusste schon, was jetzt kam. Gleich würde er seine Chancen austesten.
»Freunde von Ihnen?«
Das war ein ziemlich harmloser Köder, eine leicht auf und ab wippende, hübsche kleine Fliege, ein nicht gerade aufregender, aber charmanter Versuch, ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Sie beschloss, sich ein Stück weit darauf einzulassen, war es doch eine willkommene Ablenkung von ihren verwirrenden Gefühlen beim Anblick der Frau mit dem Kind.
»Nein, nein. Ein Reflex vermutlich. Wenn jemand winkt, ist es doch nur natürlich zurückzuwinken, oder?«
»Tja, ich weiß nicht.« Er rutschte auf seinem Sitz hin und her und streckte dann die Beine unter den leeren Sitz neben ihr. »Kommt ganz darauf an, wer winkt.«
Sein Lächeln und ein kurzes Hochziehen der Augenbrauen deuteten an, dass er ganz bestimmt zurückwinken würde, wenn sie es wäre oder eine andere attraktive junge Frau. Sie ließ sich nicht anmerken, dass sie mit genau dieser Reaktion gerechnet hatte.
»Da ist was dran.« Träge umkreiste sie den Köder.
»Tut mir Leid, dass ich Sie mit meinen… äh… privaten Problemen belästigt habe«, sagte er hastig und deutete auf das Handy, das zwischen ihnen auf dem Tisch lag. »Das gehört sich nicht, aber…« Er spitzte spöttisch die Lippen und fügte in verschwörerischem Ton hinzu: »…diese argwöhnischen Ehefrauen…«
Die Fliege zitterte verführerisch, eine Einladung, sie genauer in Augenschein zu nehmen.
»Woher wollen Sie wissen«, fragte sie beiläufig, aber mit einer Spur amüsierter Koketterie, »dass ich nicht auch so eine ›argwöhnische Ehefrau‹ bin?«
Er machte es sich auf seinem Sitz noch bequemer, voller Zuversicht, sodass sie sich den Angler vorstellen konnte, seinen schief sitzenden Hut, seine Hand, die Rute locker, aber fest im Griff. »Oh, Sie sehen überhaupt nicht danach aus. Dafür sind Sie viel zu hübsch.«
»Finden Sie?«
Angebissen? Er schickte sich an, die Leine ein wenig einzuholen. »Auf jeden Fall. Und offenbar auch selbstbewusst. Nur unsichere Frauen werden eifersüchtig. Und reizlose natürlich.«
»Ist Ihre Frau denn reizlos?« Sie spielte mit dem Köder, verlockte den Mann zum Verrat. »Oder unsicher?«
»Nur ein wenig unausgeglichen. Schwieriges Alter. Ziemlich zermürbend auf die Dauer.«
»Dann bildet sie sich alles nur ein?« Ihre Stimme klang beinahe verächtlich; der Köder erwies sich als ziemlich fade.
»Oh, das würde ich nicht sagen.« Er ließ den Köder erneut tanzen, das spitzbübische Lächeln, das Erfahrung und Lust versprach. »Was sie nicht weiß, macht…« Er zuckte die Achseln.
»Scheint so, als wüsste sie mehr, als Sie gedacht haben.«
Überraschenderweise lachte er, und angesichts dieser spontanen Reaktion konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen. Wider Willen fühlte sie sich von ihm angezogen.
»Eins zu null für Sie«, sagte er und lächelte zurück… Eine Pause entstand, sie sahen einander an. Die Angelleine straffte sich.
»Heikel, das Ganze, nicht…?« Sie ließ die Frage einen Augenblick im Raum stehen. »Vielleicht habe ich einen argwöhnischen Ehemann.«
»Das würde mich kein bisschen überraschen.« Seine Stimme klang erregt. »Andernfalls wäre er ein Dummkopf.«
»Also?« Sie beugte sich vor, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, und täuschte Vertraulichkeit vor. »Wie machen Sie das?«
»Ah.« Er lächelte beinahe selbstgefällig, und sie hatte das Gefühl, langsam, aber unaufhaltsam in seinen Bann gezogen zu werden. »Das habe ich meinem Freund hier zu verdanken, wissen Sie.«
Er hob das Handy hoch, und sie starrte verblüfft darauf. Er kicherte.
»Ich habe es immer bei mir. Keine verdächtigen Anrufe zu Hause, nicht die Ausreden, jemand habe sich verwählt, wenn meine Frau rangeht. Ich bin immer und überall erreichbar. Ich kann Nachrichten verschicken. Na ja, vorausgesetzt, dass die andere Person auch ein Handy hat. Auf der Telefon- oder der Hotelrechnung taucht nichts auf. Natürlich« – ein unmerkliches Augenzwinkern –, »natürlich schalte ich es aus, wenn ich in einer… Sitzung bin.«
»Nachrichten verschicken?«
»Genau. Man kann dem Menschen, den man liebt, alles schriftlich mitteilen. Man muss gar nicht sprechen. So kann man die Verbindung aufrechterhalten. Und in der nächsten Sekunde kann man die Nachricht wieder löschen. Keine Beweise und damit keine Lügen. Haben Sie keins?«
»Nein«, erwiderte sie langsam. »Nein. Ich bin ein bisschen technikfeindlich. Mikrowelle und Video – das genügt. Deshalb – nein, ich besitze kein Handy.«
Er beugte sich noch weiter zu ihr herüber und lächelte wieder, als sei er sicher, sie schon am Haken zu haben. »Vielleicht sollten Sie sich eins zulegen. Ich würde Sie gern beraten…«
Sie musterte ihn eine Weile, bis sie in einen Bahnhof einfuhren. Sie blickte aus dem Fenster.
»Ich muss aussteigen.«
»Was?« Er starrte sie ungläubig an. Die Leine schnellte zurück, seine Beute entwischte ihm, die Angelrolle surrte hilflos. »Wo sind wir? Totnes?«
»Richtig.« Sie schulterte ihre Tasche und nahm ihren Mantel. »Ich mache hier zwei Wochen Ferien. Vielen Dank für die Tipps.«
»Warten Sie.« Er kritzelte eine Nummer auf ein Blatt Papier und riss es aus seinem Filofax. »Falls Ihnen langweilig wird…«
Sie schüttelte lachend den Kopf. »Ganz bestimmt nicht. Viel Spaß bei Ihrer… Sitzung.«
Die Abteiltür ging auf und schloss sich hinter ihr. Der Zug hielt. Er blickte ihr nach, als sie über den Bahnsteig ging.
»Mist!«, murmelte er. Übellaunig wählte er eine Nummer. »Hallo, Lisa… natürlich ist es okay.« Er schmiegte sich in seinen Sitz, als der Zug wieder anfuhr. Seine Miene hellte sich auf. »Du Ärmste, hast du dir etwa Sorgen gemacht? Es ist alles in Ordnung. Ich fahre gerade durch Totnes. Nein, eine sterbenslangweilige Fahrt. Ich habe die ganze Zeit gearbeitet…«
Brigid Foster wartete in ihrem alten Kombi und beobachtete den Ausgang des Bahnhofs, während sie gleichzeitig die Taxireihe im Blick behielt, aus Angst, den Verkehr zu blockieren. Als sie Louise entdeckte, sprang sie aus dem Wagen, um ihr mit dem Gepäck zu helfen und sie herzlich zu umarmen.
»Ich habe keinen Parkplatz gefunden, deshalb konnte ich dich nicht vom Bahnsteig abholen«, sagte sie, als sie losfuhren. »Gott sei Dank war der Zug pünktlich. Die Leute haben mir schon böse Blicke zugeworfen. Wie war die Fahrt?«
»Gut, danke.«
Louise wirkte etwas geistesabwesend, und Brigid musterte sie von der Seite. Seit drei Jahren machte Louise Urlaub in einem von Brigids Ferienhäusern, und die beiden Frauen hatten sich angefreundet. Brigid wusste, dass Martin Parry zweimal im Jahr mit drei alten Freunden vierzehn Tage zum Golfspielen fuhr und Louise diese Zeit in Devon verbrachte. Sie wanderte gern und war von der Flora und Fauna Südwestenglands begeistert. Brigid, deren...




