Willett | Ein Paradies in Cornwall | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 397 Seiten

Reihe: Lübbe

Willett Ein Paradies in Cornwall

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7325-0156-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 397 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7325-0156-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im 'Paradies', einem malerischen Cottage in St. Meriadoc, Cornwall, pflegt Joss ihre Großmutter Honor, die auf ein erfülltes Leben in Indien und England zurückblickt. Der Gesundheitszustand der liebenswerten alten Dame verschlechtert sich rapide, als ein junger Amerikaner auf der Suche nach seiner Familie auftaucht, um Honor ein verblichenes Foto zu zeigen. Niemand ahnt, dass dieses Foto ein Geheimnis enthüllen könnte, das Honor schwer auf der Seele lastet. Als sie Joss einen Stapel Briefe anvertraut, tritt eine Lebenslüge zutage, die Honor aus Liebe viele Jahrzehnte aufrechterhalten hat und an der die Familie nun zu zerbrechen droht. Doch zugleich belegen Honors Briefe den Mut einer außergewöhnlichen Frau, die zum Schutz ihrer Tochter eine schicksalhafte Entscheidung treffen musste. Meisterhaft erzählt Marcia Willett von Lebenslügen und schenkt uns einen mitreißenden Roman voller Wahrheit.

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EINS


Baumhohe Rhododendren mit tief verwurzelten, knorrigen Stämmen säumten den Weg von der Wiese herauf. Die zähen lanzenförmigen Blätter zitterten in der frostigen Brise. Am Ende des Wegs leuchteten Schneeglöckchen zart aus dem Halbdunkel. Aus einem Fenster im ersten Stock drang Licht. Eine Gestalt mit weit ausgebreiteten Armen spähte hinaus und zog energisch die Vorhänge zu.

Die junge Frau war nun wieder im Haus, schlüpfte aus den Stiefeln und ging ins Wohnzimmer, wo Mousie Holz in den offenen Kamin schichtete.

»Da bist du ja, Joss.« Die Stimme klang irgendwie erleichtert. »Ich habe mich schon gefragt, wohin du verschwunden bist. Hast du die Esel zu Bett gebracht?«

»Ja, mit ein paar Äpfeln.« Joss hockte sich auf den Kaminvorsetzer, die Füße in mollig warmen Socken, und genoss die Hitze der Flammen, die mit gelb und orangerot lodernden Zungen an den groben Scheiten leckten. »Wie geht’s Mutt?«

»Sie schlummert friedlich. Nachher bringe ich ihr ein Tablett hoch und setze mich eine Weile zu ihr. Kommst du mit?«

Joss schüttelte den Kopf. »Ich geh später rauf und lese ihr vor. Nach dem Abendessen ist sie immer unruhig, und das Zuhören lenkt sie ab. Was war das für ein Mann, der gerade hier war? Was wollte er?«

Mousie zögerte, als falle es ihr schwer, die Frage korrekt zu beantworten. »Ein Amerikaner, der nach einer Verwandten sucht. Anscheinend glaubt er, dass deine Großmutter während des Kriegs seine Großtante gekannt haben könnte. Er hat sich nicht gerade den günstigsten Zeitpunkt ausgesucht, fürchte ich.«

»Und kennt Mutt sie?«

»Ich habe sie nicht gefragt«, gab Mousie zurück. »Möchtest du Tee?«

»Ich nehme mir gleich eine Tasse. Lass die Kanne einfach stehen!« Joss schenkte Mousie ein Lächeln. Die ältere Dame war klein und hielt sich kerzengerade. Um den Hals trug sie mehrere Brillen an langen Ketten. »Ich komme sehr gut allein zurecht, falls du nach Hause gehen möchtest, Mousie.«

»Das weiß ich, mein Schatz.« Mousie entspannte sich sichtlich, und ihre Sorgenfalten verschwanden. Aus ihren graublauen Augen unter dem schwer zu bändigenden weißen Haar sprach Zuneigung. »Aber vielleicht sollte ich doch noch mal nach ihr sehen. Dieses neue Antibiotikum…«

Joss gluckste in sich hinein. »Du bist ein hoffnungsloser Fall. Das liegt vermutlich daran, dass du so viele Jahre Verantwortung als Krankenschwester tragen musstest. Die Macht der Gewohnheit. Glaub nur nicht, dass ich keine Ahnung habe. Ich bin zwar keine Krankenschwester, aber ich kann Mutt schon heben. Und ich prophezeie dir, dass eine sanfte Massage wirklich hilft, nachdem sie nun den Gips los ist.«

»Du weißt ganz genau, dass ich keine Vorurteile gegen Osteopathie habe«, erklärte Mousie mit Nachdruck. »Ich habe nichts dagegen, dass du dich um deine Großmutter kümmerst. Aber diese Lungenentzündung finde ich sehr beunruhigend. Außerdem ist Mutt ziemlich verwirrt, was bestimmt auf die Antibiotika zurückzuführen ist.«

Wieder blickte sie so besorgt drein, dass Joss die Lust verging, sie zu necken. Ihr Magen krampfte sich vor Angst zusammen.

»Sie braucht einfach Zeit, um sich zu erholen«, meinte sie. »Es war ein komplizierter Bruch, und die Lungenentzündung macht die Sache nicht besser. Sie wird schon wieder gesund, Mousie.« Ihre Stimme klang so verstört, dass Mousie sofort reagierte.

»Natürlich wird sie wieder gesund, mein Schatz. Gott sei Dank hast du Zeit, ihr Gesellschaft zu leisten. Das ist die beste Medizin.« Sie lächelte schelmisch, ihr Humor und ihr Lebensmut hatten erneut die Oberhand gewonnen. »Und natürlich die Massagen.«

Als Mousie den Raum verlassen hatte, zog Joss die Füße an, stützte das Kinn auf die Knie und dachte an den gut aussehenden Amerikaner. Ihr gefiel der Eifer, den er an den Tag gelegt hatte. Wie schade, dass sie so zurückhaltend gewesen war! Sie hätte sich ruhig einmischen und ihm etwas zu trinken anbieten können. Sie hatte ihn auf der Wiese stehen sehen, aber die Zurückhaltung, die sie sich neuerdings zum Selbstschutz auferlegt hatte, hatte ihr verboten, ihm einen freundlichen Gruß zuzurufen. Allerdings wunderte sie sich über Mousies Misstrauen, denn so kannte sie Mousie gar nicht. Sie hatte den Mann ziemlich brüsk abgefertigt. Aber unter den gegebenen Umständen war es wohl nur natürlich, dass Mousie andere Dinge im Kopf hatte.

Als Joss nun ins Feuer starrte, stellte sie sich eine andere Szene vor: wie sie auf ihn zuging, seinen freundlichen Blick mit einem Lächeln erwiderte und sagte: Meine Güte, das klingt ja spannend! Worum geht’s? Sie hätten miteinander Tee getrunken, und er hätte ihr das Foto seiner verschollenen Großtante gezeigt. Wie frustrierend diese ständige Vorsicht war, die ihre Zunge lähmte! Wenigstens konnte sie noch mit ihren Patienten offen und vertrauensvoll umgehen. Die erkundigten sich selten nach dem Privatleben ihrer Therapeutin, und so brauchte sie ihnen gegenüber nicht auf der Hut zu sein. Wenn die gefürchtete Frage kam: »Sind Sie verheiratet? Haben Sie einen Freund?«, konnte sie lockerer damit umgehen, als wenn Menschen, die ihr nahestanden, sie darauf ansprachen. Die Beziehungen zu ihrer Familie waren komplizierter geworden, seit sie aus ihrem Einzimmerapartment in Wadebridge ins »Paradies« übergesiedelt war, während sie das kleine Cottage in der Bucht renovierte. Aber wie hätte sie vorhersehen können, dass aus einer Sandkastenfreundschaft eine Liebe werden würde, die geheim gehalten werden musste?

»Der Tee ist fertig«, rief Mousie ihr von der Treppe aus zu.

Joss ging auf den Flur, blieb kurz stehen und ließ die Atmosphäre des Hauses auf sich wirken, das sie so innig liebte. Es war ein Kleinod, elegant proportioniert mit hohen Schiebefenstern. Manchmal stellte sie sich vor, sie könne das Dach wegschieben und wie in ein Puppenhaus von oben hineinsehen. Durch die geschlossene Tür des Schlafzimmers drang Mousies beruhigende Stimme, und Joss frage sich, ob ihre Großmutter in jungen Jahren wohl tatsächlich die Großtante des Amerikaners gekannt hatte. Sie hatte Verständnis dafür, dass er den Spuren verschollener Verwandter nachging. Familiäre Bindungen vermittelten ein Gefühl von Geborgenheit. Sie selbst fühlte sich hier, im Tal des heiligen Meriadoc, wo ihre Familie mütterlicherseits seit Jahrhunderten lebte, viel tiefer verwurzelt als in ihrem Elternhaus in Henley oder in der Londoner Wohnung, wo ihr Vater während der Woche lebte.

Sie würde Mousie bitten, ihr das Foto zu zeigen. Vielleicht bestand ja wirklich eine Verbindung, die dem jungen Mann bei seiner Suche weiterhalf. Während Joss sich Tee einschenkte und mit dem Becher ans Feuer zurückkehrte, weilten ihre Gedanken immer noch bei ihm.

Oben räumte Mousie das Tablett fort, vergewisserte sich, dass Mutt wieder eingeschlafen war, und ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. Ein kleines Feuer flackerte hinter dem hohen Schutzgitter im Kamin. Ein hübsch bemalter Paravent schirmte die alte Dame im Bett vor dem Licht der Lampe auf dem Klapptisch am Fenster ab. An diesem Tisch hielt Mousie Krankenwache; darauf stapelten sich Bücher, Zeitungen und alles, was man zum Briefeschreiben braucht.

Sie nahm sich einen Augenblick Zeit, ordnete die Zeitungen und sammelte die beschriebenen Briefbögen ein, die sie dann in einer Lederkladde verschwinden ließ. Die Füller und Stifte landeten in einem blau-weißen Keramikbecher. Schließlich zog sie das Bild unter der Kladde hervor und betrachtete es. Offensichtlich war es ein neuerer Abzug vom Originalfoto, nicht vom Negativ, denn es wies Kratzer und Abnutzungsspuren auf. Dennoch hatte sie es sofort erkannt: 1941 hatte ihr Cousin Hubert aus dem fernen Indien das gleiche Foto an seine Tante in Portsmouth geschickt.

Damals hatte er geschrieben:

Die Nachricht, dass Onkel Hugh beim Untergang der Hood ums Leben gekommen ist, hat mich zutiefst erschüttert. Aber ich freue mich, dass du nach St Meriadoc gehst, um bei meinen Eltern zu wohnen… Ich kann es gar nicht erwarten, dass ihr Honor endlich kennenlernt, sie ist ein Schatz. Viele liebe Grüße an Mousie und Rafe…

Noch heute saß ihr der Schock in den Gliedern, den sie bei dieser Nachricht so kurz nach dem Tod ihres Vaters empfunden hatte. Von klein auf hatte sie Hubert bedingungslos geliebt. Sie hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als bald groß zu sein, und sich den wundervollen Augenblick ausgemalt, wenn er sie als erwachsene Frau wiedersehen und erkennen würde, dass auch er sie schon immer geliebt hatte. Hubert hatte ihr den Kosenamen »Mousie« gegeben, und obwohl er sie erbarmungslos aufzog, konnte er sie immer zum Lachen bringen. Hubert war einzigartig. Für Huberts junge Frau, die ein bezauberndes Hütchen trug, schräg aufgesetzt — wie albern! –, und sie von dem Foto rätselhaft anlächelte, empfand sie dagegen nichts als bitteren Hass. Im Laufe des Krieges waren immer wieder Briefe mit Neuigkeiten aus Indien eingetroffen: Honor hatte einen Sohn – Bruno – zur Welt gebracht und drei Jahre später eine Tochter, Emma. Mousie war siebzehn gewesen, als Hubert versuchte, für Frau und Kinder die Überfahrt nach England zu buchen, um sie vor den Unruhen zu schützen, die mit der Teilung Indiens einhergingen. Er wollte ihnen noch im selben Jahr folgen, sobald seine Kündigung durch war. Aber wenige Tage vor der geplanten Abreise seiner Familie war er an einer Lebensmittelvergiftung gestorben. Und so war Honor, die Hubert liebevoll Mutt nannte, mit den Kindern allein in sein Elternhaus zurückgekehrt.

...



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