E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Williams Bittersüß
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3657-2
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | So überwältigend, intim und süchtig machend wie die erste Liebe
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3657-2
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hattie Williams ist als junge Musikerin ausgiebig durch Europa getourt. Sie hat drei Studioalben aufgenommen und erfolgreich als Komponistin gearbeitet. Ihre Tracks werden nach wie vor regelmäßig im Fernsehen und bei Streaming-Diensten in aller Welt gespielt. Mit Mitte zwanzig landete sie eher zufällig in der Verlagsbranche, und aus einem Aushilfsjob wurde eine zwölfjährige Karriere, in der sie mit einigen der größten Autoren der Welt zusammenarbeitete. Sie verbringt so viel Zeit wie möglich in Island und organisiert das Iceland Noir Literary Festival, das jeden November in Reykjavík stattfindet. Instagram @hattiewilliamswrites
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2
Ich hatte mich im Frühjahr 2009 bei Winden & Shane beworben, ein Jahr bevor ich Richard kennenlernte. Ich war dreiundzwanzig, es war mein zweiter Job nach der Uni. Ich wollte schon seit meiner Jugend in der Buchbranche arbeiten, damals hatte meine Mum mir erklärt, was Verlage eigentlich machten. Bis dahin hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie Bücher entstanden und dass sie nicht durch Zauberhand in meinem Bücherregal landeten.
Im Bewerbungsgespräch hatte man mich gefragt, was ich gerne las. Ich hatte erzählt, dass ich Richard Aveling schätzte, aber nicht, wie sehr, um nicht wie ein fanatischer Fan rüberzukommen. Beim zweiten Gespräch, diesmal mit Cecile, meiner zukünftigen Chefin, hatte ich Richards Namen erneut erwähnt, um damit zu punkten. Ihre Anschlussfrage erwischte mich unvorbereitet.
»Sollten wir Sie nehmen, würden Sie direkt mit Richard und seinem Team zusammenarbeiten. Sie haben bestimmt bereits gesehen, dass er im nächsten Jahr etwas Neues veröffentlichen wird. Da er schon seit Längerem nichts mehr publiziert hat, werden wir uns 2010 natürlich ganz auf sein Buch konzentrieren. Wie gehen Sie mit Drucksituationen bei der Arbeit um?«
Ich versagte auf ganzer Linie und war überzeugt, dass ich nie mehr etwas von Winden & Shane hören würde. Um ehrlich zu sein, war ich mir nicht sicher, ob ich mich in Anwesenheit dieses Mannes, den ich im Stillen mit geradezu religiösem Eifer verehrte, überhaupt zusammenreißen könnte. Doch im Laufe der Woche erhielt ich entgegen meiner Annahme eine Zusage. Ich hatte damals als Assistentin bei einem Frauenmagazin gearbeitet, sehr viel Kaffee gekocht und sehr viele Belege kontiert, in seltenen Fällen den ein oder anderen Platzhaltertext schreiben dürfen. Als ich kündigte, teilte man mir mit, dass ich ungeachtet meiner Kündigungsfrist bereits zum Ende der Woche aufhören könne, das zeigte, wie austauschbar ich war. Vielleicht, weil es in London unendlich viele Berufsanfänger gab, die alles für einen schlecht bezahlten Einstiegsjob tun würden. Vielleicht hatte man mir aber auch einfach angesehen, dass ich meine Arbeit nicht mochte.
Und so trat ich eine Woche später meinen Job als Presseassistentin bei Winden & Shane an. An meinem ersten Tag saß ich wartend im Empfangsbereich, betrachtete diesen Knotenpunkt, der den Charakter einer Ehrfurcht gebietenden Bibliothek hatte, und wusste, hier würde ich etwas Echtes anfangen. , dachte ich. . Meine Haare, bis vor Kurzem von pinken, grünen und zeitweise blauen Strähnen durchzogen, hatten jetzt einen seriösen Braunton. Ich trug ein neues Kleid, eine neue Handtasche, neue Schuhe und sogar neue Strumpfhosen ohne Löcher an den Zehen. Ich war die Person geworden, von der ich immer geträumt hatte. Eine kluge junge Frau, die ein unabhängiges Leben in London führte. Cecile höchstpersönlich holte mich ab, und bei einer Tasse Tee sprachen wir im großen Pausenraum im Untergeschoss über meine ersten Aufgaben und das, was in der Woche anstand. Ich notierte mir alles in schönster Schreibschrift in einem blauen Notizbuch, das ich mir wie eine Erstklässlerin in einem Schreibwarenladen gekauft hatte. Ich lächelte und nickte und hoffte, dass sie nicht merkte, wie nervös ich war. Dann dankte ich ihr erneut für die Möglichkeit, hier arbeiten zu dürfen. Sie wirkte fahrig, das war sie immer, für nette Pläuschchen hatte sie keine Zeit. Je länger ich mit ihr arbeitete, desto mehr verstand ich, dass viele der langjährigen Mitarbeiter so tickten. Sie wollten pünktlich Feierabend machen, und das funktionierte bei dem Arbeitspensum, das sie hatten, nur dann, wenn das soziale Drumherum, jedes Schwätzchen, im Keim erstickt wurde. Sie waren Furcht einflößend, und es war mir eine Ehre, mich vor ihnen fürchten zu dürfen.
Winden & Shane war der kleinste unter den großen Verlagen und der größte unter den kleinen. Alle redeten immer von seinem »unabhängigen Spirit«, aber im Grunde war das nur eine Ausrede für das Chaos, das überall herrschte, und den Mailserver, der dauernd abstürzte. Der ganze Laden war schlect organisiert und alles dementsprechend immer eilig oder schon zu spät. Auch die Büroräume, die in der Nähe vom Bahnhof King’s Cross lagen, waren chaotisch und alles andere als blitzblank und chromfunkelnd, so wie ich sie mir vorgestellt hatte. Stattdessen hatte man zwei riesige altehrwürdige georgianische Wohnhäuser mit einem Wanddurchbruch verbunden. Es gab ein breites, rechts und links von Fluren gesäumtes Treppenhaus, das über vier Stockwerke führte, und eine Vielzahl niedriger Gänge, über die man unendlich viele kleine, schlecht beleuchtete und nicht unterscheidbare Konferenzräume erreichte. Die Türen, gefühlt allesamt aus schwerer Eiche, konnte man nur unter Einsatz des eigenen Körpergewichts öffnen.
Jede Abteilung hatte ihren eigenen offenen Flur mit einer kleinen Teeküche und Schreibtischen, auf die durch die hohen, schmalen Fenster, die zur Straße hinausgingen, viel Licht fiel. Auf den Tischen türmten sich Zeitungen, Bücher und Manuskripte, und überall standen Pappkartons auf dem Boden, jedes Mal eine neue Stolperfalle, wenn man um die Ecke bog. Im Winter zog es empfindlich, also saßen wir mit Jacken und Mützen vor unseren alten Dell-Computern. Wir starrten auf die kleinen sich drehenden Sanduhren, bis wir irgendwann aufgaben, mit behandschuhtem Finger lange auf den Aus-Knopf drückten und leise der verlorenen Arbeit der letzten Stunde hinterhertrauerten.
Am gefürchtetsten war die Verlegerin, eine eiskalte Frau namens Allegra Evans-Milberg. Allegra war halb Amerikanerin, halb Engländerin, spindeldürr, und man munkelte, dass sie jeden Morgen jemanden kommen ließ, der ihr den weißblonden Bob föhnte. Sie trug eine auffällige rote Brille an einer klimpernden Brillenkette aus Perlen und riesige Hängeohrringe, die länger waren als ihre Haare. Uns jüngere Mitarbeiter behandelte Allegra wie Luft. Hatte man den Fehler begangen, sich bei einer Konferenz in ihre Nähe zu setzen, warf sie einem einen so stechenden Blick zu, dass man sich sofort in den hintersten Winkel des Raumes verkrümelte, um auf dem Boden oder mit etwas Glück auf einem Ablageschrank Platz zu nehmen. Allegra hatte einen alten Terrier, der Woolf hieß (nach Virginia), von Mundgeruch und zunehmender Inkontinenz geplagt war und regelmäßig rausmusste. Sich um Woolf zu kümmern – was unter anderem bedeutete, seine Pfützen wegzuwischen –, war Aufgabe der Assistenten oder Praktikanten. Doch da es die einzige Möglichkeit war, von Allegra wahrgenommen zu werden, machten wir die Arbeit gerne.
Bald spürte ich unterschwellig, dass es einen Unterschied zwischen mir und meinen gleichaltrigen Kollegen gab. Seit ich denken konnte, hatte ich das Gefühl gehabt, nicht dazuzugehören, manchmal wusste ich, warum, die meiste Zeit jedoch nicht. Ich war mir so sicher gewesen, dass ich jetzt, als Erwachsene, mit dieser fantastischen Welt voller großartiger Bücher einen Ort gefunden hatte, an den ich gehörte, mit großartigen Menschen, die sich ebenso gerne in fiktiven Welten verloren wie ich. Doch so war es nicht. Die Verlagswelt war ganz anders als erwartet, vor allem die Menschen in ihr.
Vor Winden & Shane hatte ich nie darüber nachgedacht, wie ich aufgewachsen war. Ich hatte nie das Gefühl gehabt, arm zu sein, aber wir lebten bescheiden. Dass ganz normale Menschen so reich sein konnten wie viele meiner Kollegen, wäre mir vorher nie in den Sinn gekommen. Unbewusst begann ich, anders zu sprechen. Mich anders zu verhalten. Ich passte mich an, doch ich war unendlich nervös und befangen und hatte wahnsinnige Angst, dass meine Fassade irgendwann bröckeln würde. Denn man kann sich nur bis zu einem gewissen Grad verstellen. Mir kam es so vor, als wäre ich die einzige Berufsanfängerin in London ohne eine eigene Wohnung, die den Eltern gehörte. Die anderen waren in Oxford, Cambridge oder Durham zur Uni gegangen und hatten Autoren oder Journalisten des und der in der Verwandtschaft. Gefühlt waren sie alle miteinander verbandelt und verfügten über Netzwerke, von denen ich nichts wusste und zu denen ich keinen Zugang hatte. Ich hatte an der Sussex University meinen Abschluss gemacht und wohnte anfangs in einem stickigen WG-Zimmer im Norden Londons ganz in der Nähe der berühmt-berüchtigten Hornsey-Lane-Brücke, die unter Selbstmördern sehr beliebt war. Ich wurde rot, als ich erfuhr, dass eine der unnahbaren hübschen Pressereferentinnen auf die Schule gegangen war, an der mein Dad Sport unterrichtet hatte. Ich schwieg und schämte mich später dafür.
Trotzdem fand ich unter den Jüngeren gute Freunde. Bei gutem Wetter setzten wir uns mittags mit unseren abgepackten Sandwiches an den Kanal, und nach Feierabend ging es in einen der vielen Pubs rund um King’s Cross, wo wir Unmengen an billigem Wein tranken, ohne am nächsten Tag verkatert zu sein. Ich rauchte Selbstgedrehte und ernährte mich zu Hause fast ausschließlich von Nudeln ohne alles. Ich trug Ballerinas oder spitz zulaufende Stiefel, kurze Röcke und weite Blusen mit auffälligen...




