E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Williams Selbstporträt in Schwarz und Weiß
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86287-243-5
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Unlearning race
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-86287-243-5
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Chatterton Williams ist Kulturkritiker und Autor, er schreibt für das New York Times Magazine, The New Yorker und ist Kolumnist beim Harper's Magazine. Er hat den Berlin Prize erhalten und ist Board Member der American Academy in Berlin und des Einstein Forum. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Paris.
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Prolog
Im Oktober 2013, nach einem späten Abendessen mit amerikanischen Freunden, platzte die Fruchtblase meiner Frau. Leicht benommen vor Euphorie taten Valentine und ich, was wir seit Wochen geplant hatten, und weckten Steve, den Freund ihrer Schwester, der uns tapfer den weiten Weg von unserer Wohnung im 9. Arrondissement im Pariser Norden zur Entbindungsklinik am südlichen Stadtrand fuhr. Gegen zwei Uhr morgens hatten wir die Straßen praktisch für uns allein, und die Route, die Steve nahm, war atemberaubend: von unserer Wohnung den Hügel hinab, vorbei am Gold und grünspanigen Kupfer der Oper, durch den prachtvollen Innenhof des Louvre mit seinen Glaspyramiden und akkuraten Gärten, über die Seine, links aufragend Notre Dame und rechts das Grand Palais und der Eiffelturm, dann die belaubten Boulevards Saint-Germain und Raspail entlang, hinein nach Montparnasse und über die von der Leuchtreklame mehrerer Cafés erhellte Kreuzung, die man aus Hemingways kennt.
Ich bin mir der Schönheit oder auch nur der Besonderheit von Paris nicht ständig bewusst. Doch als ich die Stadt in jener Nacht am Fenster vorbeirauschen sah, wurde mir plötzlich klar, dass sie – die bei aller Herrlichkeit nicht die meine ist – die Heimatstadt meiner Tochter sein würde. Es vergingen weitere 24 Stunden, bis Marlow zur Welt kam. Als bei Valentine endlich die Wehen einsetzten, war ich vor Müdigkeit wie betäubt und zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Nur pure Emotion hielt mich noch wach. Beim vierten oder fünften Pressen schnappte ich einen Fetzen des wahnsinnig schnellen Französischs der Ärztin auf: irgendwas, irgendwas, irgendwas, » …« Mein träges Hirn brauchte einen Moment, um die Laute zu verarbeiten. Dann wurde mir schlagartig klar, dass sie den Kopf meiner Tochter sah und uns mitteilte, dass sie sei. Alles Weitere sind neblige Erinnerungen. Ich erblickte eine Schale mit Plazenta, hörte einen allerersten Schrei und fiel fast in Ohnmacht. Die Schwester eilte mit meinem Kind aus dem Raum, die Ärztin kümmerte sich um meine Frau, und mir blieb nur, durch den leeren Flur zu irren, bis ich die Herrentoilette gefunden hatte, wo ich mich einschloss und heulte wie alle anderen Neugeborenen auf der Sta–tion. Abgesehen von den üblichen Einsichten – in eine neue und beängstigende Verantwortung, ins Älterwerden – dämmerte mir auch, dass meine eigene Identität, was immer sie bisher gewesen war, ab jetzt eine andere sein würde. Als ich schließlich mit gewaschenem Gesicht ins Zimmer zurückkam, um meine Tochter kennenzulernen, saugte man ihr gerade Fruchtwasser aus dem Bauch. Ich setzte mich ans Bett meiner Frau und musste hilflos zusehen, wie sich unser Kind ins Leben kämpfte. Als sie schließlich außer Gefahr und ruhig war, reichte die Schwester sie uns. Blinzelnd öffneten sich zwei nachtblaue Augen, von denen ich da schon wusste, dass sie noch deutlich heller werden würden, aber niemals braun. Dieses kostbare, nach Milch und Brust verlangende Wesen ließ etwas in mir pochen, das seither jede Minute in mir pocht: die innigste Liebe, die ich kenne. Gleichzeitig durchzuckte mich, um ehrlich zu sein, so etwas wie Todesangst. , fragte die Stimme meines Über-Ichs oder einer noch strengeren Instanz aus der Tiefe meiner Vernunft. Ich gebot der Stimme zu schweigen. Eine gute Stunde später, als Valentine und das Baby in nächtlichen Schlaf gefallen waren, sackte ich in den Sitz eines Taxis, und geistesabwesend fuhren meine braunen Augen jene schöne, irgendwie fremde Strecke noch einmal in umgekehrter Richtung ab.
Mein Leben lang habe ich aufrichtig an den uramerikanischen Spruch geglaubt, ein einziger »Tropfen schwarzen Bluts« eine Person »schwarz«, vor allem deshalb, weil sie damit auf keinen Fall »weiß« sein kann. Ich sage »uramerikanisch«, weil das andernorts anders ist. In Brasilien zum Beispiel ein Tropfen »weißen Bluts« einen Menschen -schwarz.2 Bevor meine Tochter Marlow in jener Nacht zur Welt kam, hegte ich nicht den geringsten Zweifel, dass meine Kinder, wenn ich welche hätte, wie ich »schwarz« sein würden. Sie würden sein, ja, aber das ist für uns alle, deren Wurzeln weit genug zurückreichen, nur etwas Graduelles. Für mich jedenfalls wären sie so schwarz wie Frederick Douglass oder W. E. B. Du Bois, Lenny Kravitz oder Halle Berry. Schwarzsein als Entweder-oder war für mein Selbstverständnis so elementar, dass ich das dahinterstehende Denken nie ernsthaft hinterfragt hatte. Mein Vater, den wir in Anspielung auf seine Südstaaten-Wurzeln Pappy nennen, ist ein rotbrauner Mann. Trotz Sommersprossen unter den Augen und einer markanten und, wie meine Mutter neckend sagt, »indianischen« Nase, ist er stets nur als »schwarz« bezeichnet worden. Seine äußere Erscheinung in Verbindung mit seiner starken Persönlichkeit ließen mich annehmen, er werde die Identität der Familie Williams für alle Zeit bestimmen, auch wenn meine Mutter eindeutig eine Weiße ist: blond, blauäugig und mit einem Stammbaum aus lauter nordeuropäischen Protestanten.
Als mein Vater ein Baby war, gab es dort, wo er lebte, noch Pferdewagen und Plumpsklos. Das war in den 1930er-Jahren in Galveston, Texas, einer schmalen Insel im Golf von Mexiko mit dem unrühmlichen Ruf, der letzte Ort in den USA gewesen zu sein, an dem die Sklaven befreit wurden, gut zweieinhalb Jahre nach Lincolns Emanzipationserklärung. Pappy, dessen Großvater noch im letzten Jahr der Besitzsklaverei geboren worden war, hatte nie viel Geld besessen. Doch dank einer Ausbildung konnte er gleich mehrere Generationen überspringen und uns jenes Mittelschichtsleben bieten, das mein Bruder und ich für normal hielten. Als ich 1981 in New Jersey zur Welt kam, hatte mein Vater faktisch alle schwarzen Südstaaten-Wurzeln unserer Familie gekappt. Mein Bruder und ich wuchsen in einem kleinen Haus voller Bücher auf, bei liebevollen und fürsorglichen Eltern, die von anderswoher stammten und nur wenige Fotos oder sonstige Zeugnisse ihrer Vergangenheit aufbewahrten. Individualität, Bildung und Selbstverwirklichung waren ihnen wichtiger als Stammbäume und Zugehörigkeit zu einer Sippe. Mir fehlten damals noch die Ausdrücke dafür, aber was meine Eltern von meinen polnischen, italienischen, puerto-ricanischen und schwarzen, irischen und katholischen Nachbarn und Mitschülern unterschied, war, wie sehr sie sich jedem Stammesdenken verweigerten. Wir gehörten keiner Gruppe an. Meine Mutter ist gläubige Christin, aber ihr Glaube war Privatsache, und erst nachdem mein Bruder und ich aus dem Haus waren, besuchte sie wieder Gottesdienste. Wir gingen zwar auf katholische Schulen, aber nur, damit wir aus unserer kleinen Heimatstadt herauskamen. Den Besuch der Heiligen Messe verboten uns unsere Eltern. Jeden Dienstagmorgen, wenn die ganze Schule über die Straße zur Kirche ging, saßen wir mit den Sekretärinnen im Foyer und schmökerten in unseren Büchern und Zeitschriften – eine frühe, harte und unbezahlbare Lektion im Ausbilden der Gewohnheit, sich abseits zu halten.
Auch im weltlichen Leben hielten wir uns abseits. Pappy hat eine angeborene Allergie gegen den vorsätzlichen Snobismus schwarzer Wohlfahrtsorganisationen wie . Auch mit deren weißen Pendants wollten er und meine Mutter nichts zu tun haben. Zu viert bildeten wir eine Insel in unserer faktisch segregierten Kleinstadt, in deren weißem Teil wir lebten, aus stillem Protest gegen die Versuche mehrerer Immobilienmakler, uns auf die andere Seite ihrer unsichtbaren, aber nur allzu realen roten Linie zu bugsieren. Doch aller Eigensinnigkeit zum Trotz stand nie infrage, dass wir ein Haushalt waren. Halb im Scherz sagte mein Vater manchmal sogar, seine Frau sei in Wirklichkeit gar keine Weiße, sondern einfach nur »hellhäutig«. Einmal, als ich vielleicht zehn war, fragte ich nach. »Hör mal«, sagte ich, »das glaubst du doch nicht wirklich, oder?« »Na, sie hat doch ein schwarzes Bewusstsein, oder etwa nicht?«, antwortete er nur. Erst jetzt, als Erwachsener, wird mir klar, dass es einen solchen Dialog nur in den USA und nirgendwo sonst auf der Welt geben konnte. Damals aber leuchtete es mir irgendwie ein. Auf jeden Fall weiß ich, dass meine Eltern meinen Bruder und mich bestmöglich auf die Wirklichkeit jenseits unserer Türschwelle vorbereiten wollten, indem sie sich selbstbewusst und stolz zu unserem Schwarzsein bekannten, damit wir, wenn die Welt unweigerlich von uns verlangen würde, Stellung zu beziehen, dasselbe täten.
Jenseits unserer Türschwelle musste ich allerdings von klein auf feststellen, dass andere Menschen beharrlich Unterschiede zwischen mir und meiner Mutter sahen. Trotz ihres »schwarzen Bewusstseins«. In meiner frühesten Erinnerung an diese Diskrepanz stehen wir in einem ShopRite-Supermarkt in der Kassenschlange. Ich muss vier Jahre alt gewesen sein und mit meinem Bruder irgendwelche Faxen gemacht haben. Mom, die gerade ihr Kleingeld und ihre Rabattmarken abzuzählen versuchte, fuhr herum und ermahnte uns, still zu sein. Nach dieser Schelte beugte sich eine ältere weiße Dame, die das Ganze beobachtet hatte, vor und sagte allen Ernstes: »Es muss ja so schwer sein, solche Ghetto-Kinder zu adoptieren.«
In den 1980er-Jahren und noch bis weit in die 1990er ernteten wir als Familie mal irritierte, mal böse Blicke, wenn wir auswärts essen gingen – und das in einer Gegend von New Jersey, die im Einzugsgebiet von Manhattan liegt. Und obwohl ich eine Menge »schwarzer« Kinder verschiedenster Hauttöne und Haarstrukturen kannte, war mir vor meinem Studienbeginn an der Georgetown University 1999...




