E-Book, Deutsch, Band 3, 384 Seiten
Reihe: Die Wild Creatures-Reihe
Williams Wild Creatures - Die Hexe aus dem Brackermoor
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-24226-8
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Grandiose Fantasy für Rebel Girls und Boys
E-Book, Deutsch, Band 3, 384 Seiten
Reihe: Die Wild Creatures-Reihe
ISBN: 978-3-641-24226-8
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Hexe ohne Gnade, die die Gegenwart beherrscht.
Ein mutiges Mädchen, das über die Zukunft entscheidet.
Ottilie bleibt keine Zeit, sich nach dem Kampf um Fort Richter auszuruhen. Denn Whistler ist so mächtig wie nie zuvor und bereit, für ihre Rache alle ins Verderben zu stürzen. Sie würde sogar so weit gehen, die Schlafende Hexe zu wecken – und das dürfen Ottilie und ihre Freunde auf keinen Fall zulassen! Aber sind sie wirklich stark genug, die Herrin der Schattenschlinger aufzuhalten? Und reicht ihr Wissen über die Vergangenheit aus, um die Zukunft zu retten?
Alle Bände der „Wild Creatures“-Reihe:
Wild Creatures – Die Jagd von Narroway (Band 01)
Wild Creatures – Schatten über Ford Fiory (Band 02)
Wild Creatures – Die Hexe aus dem Brackermoor (Band 03)
Rhiannon Williams lebt und schreibt in Sydney, wo sie ihre Wohnung mit zwei Freunden teilt. Sie studierte Englisch und Geschichte an der Universität von Sidney und hat einen Bachelor in »Creative Arts«. Die Autorin hat bereits Erfahrungen am Theater gesammelt, ihre große Leidenschaft aber gilt dem Erfinden und Schreiben von Geschichten. »Wild Creatures. Die Jagd von Narroway« ist ihr fantastisches Debüt, das mit dem begehrten »Ampersand Prize« ausgezeichnet wurde.
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2
Der Albtraum
Etwas Schweres fiel auf Ottilies Bett.
Ein Bildersturm. Hochgedrückte Schulterblätter, dann geballtes weißes Fell, schwarze geifernde Reißzähne. Zwei Messer wirbelten in ihren kleinen Händen.
Obwohl sie noch gar keinen Überblick über den Raum hatte, wälzte sie sich auf den Boden und griff nach dem Dolch, den sie unter dem Bett versteckt hielt.
Ein vertrautes Lachen durchbrach die Dunkelheit.
Blinzelnd ließ Ottilie den Dolch fallen, kroch wieder ins Bett und schubste Gully herunter. »Du bist furchtbar.«
Ihr Bruder hörte nicht auf zu lachen.
Verschlafen warf sie einen Blick auf die geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen kein Licht schimmerte.
»Was machst du hier mitten in der Nacht?« Während der Schreck nachließ, merkte Ottilie, wie erschöpft sie war und wie weh ihr die Knochen taten. Sie war noch ganz steif, nachdem sie am Vortag auf der Jagd übel gefallen war, und der harte Fußboden hatte nicht geholfen. Doch das war sie gewohnt. Es zählte zu den leichteren Risiken, wenn man Jagd auf Ungeheuer machte. Ottilie und ihre Freunde waren Jagdleute in Narroway. Die Schattenschlinger, die grausamen Biester, gegen die sie kämpften, waren sehr viel gefährlicher als blaue Flecken und müde Muskeln.
»Hör auf zu lachen!« Doch eigentlich wünschte sie sich das gar nicht, denn sie konnte sich nicht daran erinnern, wann Gully zum letzten Mal so herzlich gelacht hatte. Nachdem sie einige Leuchtstäbe in den Wasserkrug an ihrem Bett gelegt hatte, musterte sie ihn, während er sich mit seiner daumenlosen linken Hand den Bauch hielt.
»Es ist kurz vorm Morgengrauen.« Er stieg wieder aufs Bett. »Ich muss zur Jagd, aber vorher wollte ich dir zum Geburtstag gratulieren.«
Er hatte recht, es war der zweiundzwanzigste Sommertag. Zu Hause im Brackermoor hatten Old Moss und Mr Parch, die beiden älteren Siedler, die in dem Durchgangstunnel vor ihrer Grotte schliefen, ihren Geburtstag an genau diesem Tag gefeiert.
Doch Ottilie hatte es vergessen und ein Wunder war das nicht. Sie war mit zu vielen schrecklichen Dingen beschäftigt. Welche Rolle spielte es, dass sie vierzehn wurde, wenn ihre Freunde in Gefahr waren – in noch größerer Gefahr als ohnehin schon? Scoot war zu Stein erstarrt und Bill war verschwunden und wurde von der Hexe Whistler gefangen gehalten. Sie lauerte in einer dunklen Ecke von Narroway, wo sie sich zweifellos auf den nächsten Angriff vorbereitete. Ein Geburtstag war in schrecklichen Zeiten wie diesen einfach zu banal.
Gully drückte sie mit einer Umarmung aufs Bett. »Nie denkst du dran!«
»Aber du zum Glück«, keuchte sie und befreite sich, um Luft zu holen. »Mit wem gehst du auf die Jagd?« Sie versuchte, lässig zu klingen. Die Frage war ihr zur Gewohnheit geworden, denn sie wollte sichergehen, dass er mit Jägern zusammenarbeitete, die ein Auge auf ihn hatten.
Anfangs, als Ottilie aus dem Reich der Uskler gekommen war, hatte sie Narroway für gefährlich gehalten und hätte sich niemals vorstellen können, dass es noch viel schlimmer kommen konnte. Narroway verband die Usklers wie eine Brücke mit den zerstörten Laklands, in denen die Schattenschlinger hausten, und wurde selbst ebenfalls von diesen Ungeheuern heimgesucht. Einst hatte die Jagd geglaubt, die Schattenschlinger würden aus den Laklands auf ihr Gebiet übergreifen, doch Whistler hatte aufgedeckt, dass dies nicht der Fall war.
Sie hatte sie zum Narren gehalten, denn Whistler hatte die Schattenschlinger selbst heraufbeschworen und insgeheim ein großes Heer geschaffen. Sie wartete nur auf den richtigen Moment, um zuzuschlagen.
Die Laklands waren die perfekte Tarnung. Niemand hatte nach einem Schuldigen oder einem Grund für die Plage in Narroway gesucht, und Whistler hatte in der Jagd ihre Rolle als Anführerin der Knochensinger spielen können, ohne dass auch nur der Hauch eines Verdachts auf sie gefallen wäre. All das gehörte zu ihrem Racheplan, mit dem sie den König Varrio Sol für ein Verbrechen bestrafen wollte, das nur ihr allein bekannt war.
Vor einem Monat hatte Whistler den ersten Schritt gewagt und ihr Heer gegen Fort Richter, den westlichsten Stützpunkt der Jagd, in die Schlacht geführt. Seit ihrer Niederlage hielt sie sich versteckt, doch jeder wusste, dass sie nicht für immer verschwunden war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie erneut angreifen würde, und wenn Gully eine Schicht jenseits der Grenzmauer hatte, befürchtete Ottilie mehr denn je, dass er nicht zurückkommen würde.
Gully verzog das Gesicht, während er sich anstrengte, sich an seine Mitstreiter zu erinnern. »Fawn und Horst – glaube ich.«
»Das sind alle?« Ottilie runzelte die Stirn. Eine größere Gruppe wäre ihr lieber gewesen.
»Und Ned.«
Sie entspannte ihre Schultern. Selbstverständlich würde Ned mitkommen, sie waren schließlich keine Grünschnäbel mehr. Mittlerweile waren sie zu Jägern der zweiten Stufe aufgestiegen, die nicht mehr von Mentoren angeleitet werden mussten. Dennoch wurden der ehemalige Mentor und sein Grünschnabel fast immer in eine Gruppe gesteckt, um auf die Jagd zu gehen oder Patrouille zu schieben. Ottilie hatte so ein Gefühl, dass dies Neds Idee war. Als Jäger der vierten Stufe konnte er derartige Ansprüche stellen.
Als die Glocken läuteten, zuckte Gully zusammen. »Ich muss mich fertig machen!« Er warf sich quer übers Bett und legte seine Stirn an Ottilies. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag«, flüsterte er und eilte zur Tür hinaus.
Ottilie fischte die Leuchtstäbe aus dem Krug und ließ sich auf ihr Kissen zurückfallen. Ein blasses Rechteck umrahmte die verdunkelten Fensterläden. Sie würde erst später auf die Jagd gehen und überlegte, was das Wetter wohl für sie bereithielt. Wenn es regnete, konnte sie sich eine Pause gönnen. Bei Regen verschanzten sich die Schattenschlinger. Er war zu rein und zu sauber für sie.
Sie erwog aus dem Fenster zu schauen, kam aber noch nicht so richtig hoch. Als sie gerade wieder unter die Decke schlüpfen und die restliche Zeit in ihrem sicheren kleinen Hafen genießen wollte, klopfte es. Das war vermutlich ihr Freund Preddy. Leo, ihr ehemaliger Mentor, dachte nicht daran zu klopfen. Und Scoot auch nicht. Sie kniff die Augen zu. Solche Gedanken setzten ihr zu – es war, wie wenn man vergaß, sich unter einen vertrauten Ast zu ducken.
Ottilie wälzte sich aus dem Bett und zuckte zusammen, als sie ihr steifes Bein belastete. »Ich habe nicht abgeschlossen«, krächzte sie und ging zur Tür.
Als sie geöffnet wurde, errötete sie vor Überraschung, Ned auf der Schwelle zu sehen. Sie setzte gerade noch ein Lächeln auf, das hoffentlich nicht zu nervös ausfiel.
»Gully ist schon weg, um sich fertig zu machen.« Sie sprach leise, um die anderen Jäger der zweiten Stufe nicht zu wecken, die in den Nachbarräumen schliefen. Ihr Blick glitt zu Scoots verwaistem Zimmer, das direkt neben ihrem lag. Gerüchtehalber hätte Preddy dort einziehen sollen, doch er hatte es nicht übers Herz gebracht. Scoot hätte gescherzt, dass Preddy nur sein weitläufiges Zimmer auf dem Gang der ersten Garde nicht aufgeben wollte. Doch Ottilie wusste, dass es nicht stimmte. Preddy lag etwas daran, es für Scoot zu verwahren.
Sie riss sich aus ihren Gedanken. Ned sah sie verwirrt an.
»Bist du gar nicht auf der Suche nach Gully?«, fragte Ottilie. »Ich dachte, du wärst deshalb …«
Er lächelte. »Ich bin deinetwegen hier.«
Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Ned war blass, und seine Augen waren verquollen, doch so sahen heutzutage viele von ihnen aus. Sie saßen in dieser Ruhe vor dem Sturm in der Falle. Es war ein Albtraum ohne einen Schimmer der Morgendämmerung, die ihn vertreiben könnte. Ein Albtraum, der sie alle mit gebeugten Schultern, erschöpften Gesichtern und Verletzungen zeichnete. Ihre Wunden, Prellungen und Blutspritzer, die einst als Ehrenabzeichen für eine hohe Punktzahl sprachen, bewiesen heute nur, dass sie noch einmal davongekommen waren und Schlimmeres zu erwarten hatten.
»Ich habe Gully getroffen. Deshalb weiß ich, dass du wach bist«, sagte Ned. »Ich wollte dir nur zum Geburtstag gratulieren.«
Ottilie hatte ein merkwürdig kippendes und dümpelndes Gefühl, als würde ihr Herz auf Wasser tanzen. Sie sollte etwas sagen. Danke wäre eindeutig angebracht, doch sie war immer noch sprachlos, als Ned einen Schritt näher kam und ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückte.
Sie schloss kurz die Augen und öffnete sie erneut, als er wieder zurücktrat. Ottilie wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte.
Auf der Suche nach irgendetwas, womit sie ihr Schweigen brechen konnte, blieb ihr Blick an dem untersten der drei Brandmale auf Neds Unterarm hängen. Die Wunde war geschwollen und blau an den Rändern. Mittlerweile hätte sie längst verheilt sein müssen. Unwillkürlich nahm sie seine Hand und hielt seinen Arm in den Schein der Laterne. Ihre Verlegenheit war verflogen.
»Ned …«
Seine Hand zuckte, doch er riss sich nicht los. »Nicht so schlimm«, sagte er. »Ich war damit in der Krankenstation. Die Patchies meinen, das Brenneisen sei möglicherweise verunreinigt gewesen. Sie behalten mich im Auge.«
»Tut es weh?«
Sein Blick glitt zur Seite. »Manchmal.«
»Du siehst nicht gut aus.«
»Ich schlafe schlecht.«
Ottilie konnte sich gut vorstellen, dass viele seit der Schlacht um Richter Schlafprobleme hatten. Whistlers Schweigen...




