Willmann | was es ist | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 230 Seiten

Willmann was es ist

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-03848-456-1
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 230 Seiten

ISBN: 978-3-03848-456-1
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Violas Erfolg im Beruf fühlt sich an wie eine kugelsichere Weste. In ihrem gläsernen Büro entwickelt sie Marketingstrategien für Stofftiere und sieht ihrem Assistenten dabei zu, wie er für sie das Telefon abnimmt. Die Feierabende bieten ein anderes Bild. Da steht Viola am Fenster ihrer Loft-Wohnung und bügelt sich ins gedankliche Nichts. Weg von den Jahren zuhause. Weg von der Zeit mit Yannick, den sie geliebt hat, so mutig sie konnte. Als ihre Mutter erkrankt und ins Koma fällt, verliert Viola die Waffe, die sie geschützt hat: Kontrolle. Die Zugreisen zwischen Elternhaus und Wohnort, zwischen damals und heute, führen sie an unerwartete Orte. Zurück in ein Leben, mit dem sie nicht mehr gerechnet hat. 'Was es ist' erzählt von der Zeit einer inneren Wende - in kraftvollen Bildern und einer Sprache, die kein Wort zu viel sagt.

Julia Willmann, geboren 1973 in Freiburg im Breisgau, studierte Romanistik, Germanistik und Medienwissenschaften in Aix-en-Provence und Düsseldorf, anschließend Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Nach Tätigkeiten als Regieassistentin und Lektorin, als Spielfilmredakteurin und Creative Producer in Deutschland und Frankreich, lebt sie heute mit ihrer Familie in Berlin und arbeitet als Dramaturgin und freie Autorin. Seit 2003 veröffentlicht sie Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften, im Jahr 2010 war sie Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg. Die Frage nach den Möglichkeiten eines verwirklichten Lebens ist zentraler Ausgangspunkt ihrer literarischen Arbeiten.
Willmann was es ist jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Zurück


Die Erde unter dem Gras ist hart und trocken. Weiter unten, am Ende der Wiese, stehen drei dicke Frauen unter den Duschen. Ich kann sie lachen hören. Jedes Mal, wenn eine von ihnen den Duschknopf drückt und das Wasser losrauscht, entsteht ein kleiner Regenbogen. Dahinter führen Stufen aus Stein zum Schwimmbecken hinunter. Auf dem Wasser tanzt das Licht. Mir fallen die Augen zu.

Hufgetrappel schreckt mich auf.

Ein Widder hechtet über den Drahtzaun, der den Wald vom Freibad trennt. Er galoppiert den Abhang herab, direkt auf mich zu. Ich schaue ihm entgegen. Vergesse zu atmen. Am Rand meines Handtuchs macht er Halt. Erde spritzt unter seinen Hufen hoch. Er beugt den Kopf zu mir herunter. Grinst vergnügt. Wie eine Figur aus Margaretes altem Kartenspiel.

«Was?», frage ich.

«Die Kiste in der Bettschublade. Dein Vater schläft jetzt dort. Sie ist voller Staub.»

«Woher weißt du das?» Eine heftige Freude fährt durch meinen Körper.

«Ich weiß alles», sagt der Widder.

Ich rolle auf die Seite, ein Stück Handtuch wird frei. Der Widder knickt die Beine ein und streckt sich neben mir aus. Der Geruch seines Fells schlägt mir in die Nase. Im Einklang mit seinem Atem hebt und senkt sich mein Arm auf seinem warmen Körper.

Es klingelte schon eine Weile. Das Rauschen des Zuges kam zurück, die Wärme der Wintersonne, die durch die Fenster auf ihre Beine fiel. Zeitungsseiten knisterten. Vereinzelt murmelten Stimmen.

Viola fand ihr Telefon, kurz bevor sich die Mailbox einschaltete. Sie zwang sich, wach zu klingen.

«Schelling?»

Am Ende der Leitung blieb es einen Augenblick still. Dann rief er in den Hörer, als erkunde er einen lichtlosen Keller.

«Hallooo?»

«Ja.» Sie räusperte sich. «Hallo Papa.»

Ihr Sitznachbar hob den Kopf. Als er ihren Blick sah, beugte er sich wieder über seine Papiere. Viola schirmte das Telefon mit der Hand ab.

«Lala, bist du das?»

Sie spürte, wie die Ungeduld in ihr hochkroch.

«Natürlich bin ich das. Du hast mich ja angerufen.»

Ein Knautschen am Ende der Leitung.

Sie sah, dass das Akku-Warnlicht ihres Laptops blinkte.

«Dachte, es ist jemand aus dem Büro.» Sie gähnte.

«Wie bitte?»

«Ich bin im Zug. Wollen wir später sprechen?»

Plastik scheuerte auf Plastik.

«Papa? Hast du die neuen Hörgeräte gekriegt?»

«Ähm. Hallo?»

«Ja!»

«Ah. Hm. Wie geht's?»

Sie schloss die Augen. «Ganz gut. Danke.»

Ihr Sitznachbar schlug eine Tageszeitung auf.

«Viola?»

«Ja, Papa.»

«Ich hab Blumen gekauft.»

«Gott sei Dank.»

«Wie bitte?»

«Gut! Ich habe auch was für sie.»

Die Verkäuferin hatte den Füller in ein Kästchen gelegt, das mit Samt ausgeschlagen war, und in Seidenpapier verpackt. Er war nicht billig gewesen. hatte auf der Postkarte gestanden, die vor einigen Wochen in Violas Briefkasten lag.

«Hallo? Papa?»

Sie hörte den Zug über die Gleise rattern und das Klicken einer Computertastatur in ihrer Nähe.

«Ich versteh dich nicht», sagte er niedergeschlagen.

«Jetzt gerade habe ich auch gar nichts gesagt.»

«Was?»

«Papa …» Sie drehte sich zum Fenster. Ihr Wintermantel hing neben dem Sitz am Haken. Mit dem Telefon am Ohr verbarg sie ihr Gesicht in dem schweren Stoff. «Was gibt's denn?!», rief sie.

«Was soll ich ihr sagen, wann du kommst?»

«Ach so.» Viola biss die Zähne zusammen. «Verstehe.» Sie sah auf ihre Armbanduhr. «Morgen gegen Mittag.» Ihre Lippen schliffen am Metall des Telefons. «Heute habe ich noch zu tun.»

Draußen zogen Felder vorbei. Die Sonne verschwand hinter einer Wolkenbank. Mit einem Mal sah die Landschaft aus, als würde sie frieren.

«Papa?»

«Ja», knurrte er.

«Ich leg dann mal auf.»

«Was?»

«Ich. Lege. Auf!»

«Du kommst rauf?» Er klang erleichtert.

«Genau», rief sie hastig. «Genau, Papa, ich komme rauf. Morgen, morgen komm ich rauf, Papa, bis dann, Papa, bis bald, bis morgen!»

Viola legte auf, in eines seiner «Ahas» hinein, und schaltete das Telefon aus. Sie sank in den Sitz. Vor ihren Augen flimmerte der Bildschirm des Laptops. Eine filigrane Tabelle. Zahlen, klein wie Fliegendreck.

Ihr Sitznachbar hüstelte in seine Zeitung. Sie spürte die Stille des Zugabteils, die über ihr hing. Ihr Mund war trocken. Der Rollkragenpullover klebte am Rücken.

—

Sie drückte den Klingelknopf und hörte das Läuten im Innern des Hauses.

Im Flur ging das Licht an. Hinter der verglasten Haustür näherte sich ein Schatten. Margaretes Statur, schmal, hochgewachsen. Eine Gerade, dachte Viola, an der man sich aufrichten kann.

Die Tür öffnete sich. «Große Frau Anzug.» Margaretes Augen lächelten. Falten durchzogen ihr Gesicht.

Sie platzierte Violas Rollkoffer auf dem Treppenabsatz. «Wissen deine Eltern, dass du hier bist?»

«Sie hat erst morgen Geburtstag.»

«Weiß ich doch, Schatz.» Sie nahm Violas Mantel entgegen. «Nimm dir Hausschuhe, hier ist es zugig. Hast du Hunger? Siehst so aus.»

Auf dem Fensterbrett in der Küche trockneten Kräuter. Die Heizung gluckerte. Unter dem Esstisch sammelte sich Wärme.

«Hier war es so kalt, dass ich dachte, mir erfriert der Feigenbaum.»

Margarete saß neben den geschlossenen Vorhängen, ein Schälmesser in der Hand. Vor ihr stand eine Schüssel mit Äpfeln. Sie griff nach dem obersten.

«Wie geht es dir?» Die Schale des Apfels fiel auf den Küchentisch.

«Gut. Macht Spaß. Ich muss nicht mehr fliegen. Jetzt fahre ich Zug.»

Margarete nahm einen weiteren Apfel und betrachtete die schrumpelige Haut. «Und deine Wohnung?»

«Auch gut. Auch anders.» Viola merkte, dass ihr Lachen bemüht klang.

Ihre Tante hob den Kopf.

«Doch», sagte sie schnell. «Ich hatte nur noch nicht viel davon. Glücklicherweise habe ich einen Assistenten. Zwar nicht meine erste Wahl …»

Viola sah Max unter dem Licht seiner Schreibtischlampe sitzen. Vielleicht ist er fertig mit der Bilanz. Dann hat der «Schwarze Anzug» sie am Montag auf dem Tisch.

Sie dachte an die Art und Weise, wie ihr Chef sagte, wenn sie ihm Ergebnisse präsentierte. war ein Lieblingswort des Schwarzen Anzugs. Bevor er es aussprach, machte er eine Gedankenpause. Jedes Mal, wenn sie das Wort von ihm hörte, erlebte sie einen Moment der Erleichterung. Eine Art Glück. Der Druck ließ für einige Stunden nach, manchmal für Tage. Bis die nächste Herausforderung kam. Und mit ihr die Angst, dass ein weiteres ausbleiben könnte.

«Hast du wieder Internet?»

«Ich habe den ganzen Abend vor der Kiste gesessen. Furchtbar.»

«Ach komm.» Viola blies in ihre Teetasse. «Du hast ganz andere Versuchungen gemeistert.»

Ihre Tante sah von den Äpfeln auf. Sie hob eine Augenbraue.

Viola musste lachen.

Aus ihrer Kindheit erinnerte sie sich an Margarete als eine Frau mit einem weichen Rücken und geflochtenem Zopf. Eine Lieblingstante, die sich nicht wehrte, wenn man ihr ein Salatsieb über den Kopf stülpte und unter der Kaffeetafel die Schuhe auszog.

Als Viola acht Jahre alt war, hatte Margarete mit dem Rauchen aufgehört und sich von ihrem Verlobten getrennt. Sie begann, sich um kranke Menschen zu kümmern und allein in den Bergen wandern zu gehen. Sie schnitt ihr Haar kurz. In den Jahren, die folgten, wurde es weiß. Ihr Blick veränderte sich. Ihre feine Gestalt wurde noch feiner, es sah aus, als würde sie wachsen. Zu Violas Erstaunen schien ihre Tante mit den Jahren jünger zu werden.

Sie trennte ihre Finger voneinander, die begonnen hatten, an der Haut rund um die Nägel zu reißen.

«Und du?»

«Danke», sagte Margarete. «Heute war ich bei Hilde Roth. Wir sind bis zum Ende des Gartens gelaufen und wieder zurück.»

«Diese Frau, die immer im Bett lag?»

Ihre Tante nickte. «Es geht ihr besser.» Sie fing an, die Äpfel zu vierteln.

Viola versuchte, ihren Blick einzufangen. «Was hast du gemacht?»

«Nichts Besonderes.» Sie hob die Schultern. «Eigentlich das Gleiche wie immer.» Margarete zückte den Zeigefinger. «Guck mal. Ist das nicht eine schöne Farbe?» Sie beugte sich über die Apfelschalen.

Viola sah den Bilderrahmen, der über Margaretes Kopf an der Wand hing. Ihr Großvater, schwarzweiß, Schnäuzer und Brille. Ringsum Aufnahmen von Margaretes Neffen, Nichten, Patenkindern. Violas Großmutter, die in Sonntagskostüm und Kopftuch vor einem VW-Käfer stand. Daneben ein Bild ihrer Mutter. Sie trug Regenkleidung, saß in einem Ruderboot und strahlte. Nasse Locken hingen ihr in die Stirn. Viola beugte sich vor.

«Ist mir noch nie aufgefallen, das da.»

Ihre Tante sah auf.

«Das auf dem See.» Viola hob die Hand. «Wie jung sie da ist.» Und wie schön, dachte sie.

«Möchtest du Honig?», fragte Margarete.

Sie griff hinter sich. Neben dem Honigtopf reihten sich Fläschchen und Gläser im Regal. Auf den Deckeln klebten Etiketten. Gemahlene Kräuter zeichneten sich hinter Braunglas ab. Der Anblick tat Viola gut. Ihre Tante kannte sich aus. Sie wusste, welche Pflanze die Durchblutung fördert und welche den Schlaf. Wie man sich...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.