E-Book, Deutsch, 763 Seiten
Willocks Das Sakrament
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8412-0631-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 763 Seiten
ISBN: 978-3-8412-0631-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liebe, Krieg & Glaube.
Malta 1565 - die letzte Bastion der Christenheit im Kampf gegen die Türken. Die Insel wird von den Türken belagert. Nur ein Mann, so scheint es, kann den Christen noch helfen: Der Deutsche Mattias Tannhäuser wurde als Zwölfjähriger von den Türken entführt und ist bei ihnen aufgewachsen. Er kennt ihre Kultur und ihre Waffen. Um ihn auf die Insel zu locken, schickt der Großmeister des Malteser Ordens die schöne Contessa Clara nach Sizilien, wo Tannhäuser mit einem jüdischen Freund erfolgreich Handel treibt. Schafft die Contessa es, Tannhäuser nach Malta zu locken, darf sie ihn auf die Insel begleiten, auf der ihr verlorener Sohn lebt.
Kaum hat sich Tannhäuser entschieden, den Christen zu helfen, wird sein Haus zerstört, sein Freund gefoltert - die Inquisition ist ihm auf den Fersen. Der Inquisitor Ludovico versucht mit aller Macht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Was Tannhäuser auf Malta finden könnte, würde den Untergang der Inquisition bedeuten ...
Tim Willocks hat mehrere erfolgreiche Thriller geschrieben, bevor er sich dem historischen Roman zuwandte. Er lebt in Irland.Bei Aufbau Taschenbuch und Rütten & Loening lieferbar - die beiden Romane um Mattias Tannhäuser: 'Das Sakrament' und 'Die Blutnacht'.Mehr zum Autor unter: www.timwillocks.com
Weitere Infos & Material
In den Fogarasch-Bergen – Auf der ostungarischen Steppe
1540 IM FRÜHJAHR
Eines Nachts trugen ihn die purpurroten Reiter mit sich fort – weit weg von allem, was er kannte. Der Vollmond stand im Zeichen des Skorpions, seinem Geburtszeichen, und das Licht leuchtete den Teufeln den Pfad zu seiner Tür. Wenn sich die Kriegshunde nicht verirrt hätten, wäre der Junge niemals gefunden worden, und Liebe und Frieden hätten ihn sein Leben lang begleitet. Aber so ist nun einmal das Schicksal in Zeiten des Aufruhrs. Und wann hätte es jemals eine Zeit ohne Aufruhr gegeben? Wann war nicht der Krieg die Brutstatt alles Bösen? Wer trocknete die Tränen der Namenlosen, wenn sogar Märtyrer und Heilige in ihren Grabmälern liegen und schlafen? Ein König war gestorben, sein Thron war bitter umkämpft, und Kaiser fochten miteinander wie Schakale um ein Aas. Wenn sich schon Kaiser wenig um die Gräber scheren, die sie ringsum hinterlassen, warum sollte es ihre Diener mehr kümmern? Wie der Herr, so die Knechte, sagen die Weisen.
Der Junge hieß Mattias und war zwölf Jahre alt. Seine Familie waren sächsische Schmiede, die der wandernde Großvater in ein Tal in den Karpaten verpflanzt hatte, in ein Dorf, das für niemanden von Belang war, außer für die Menschen, die es ihr Zuhause nannten. Mattias schlief beim Herdstein in der Küche und träumte von Feuer und Stahl. Bereits vor der Dämmerung wachte er auf. Sein Herz pochte ihm wie ein wilder Vogel in der Brust. Er schlüpfte in die Stiefel und zog sich den Mantel über. Ganz leise, weil zwei Schwestern und die Mutter nebenan schliefen, holte er Holz und entfachte aus der Glut im Kamin Flammen, damit die Wärme die Mädchen beim Aufstehen begrüßen würde.
Wie alle Erstgeborenen seiner Familie war Mattias ein Schmied. An diesem Tag wollte er einen Dolch zu Ende schmieden, und der Gedanke an dieses Vorhaben erfüllte ihn mit Freude. Er nahm ein brennendes Scheit aus dem Kamin und stahl sich auf den Hof. Die scharfe Nachtluft strömte in seine Lungen. Ringsum wurde die Welt vom Mondlicht in schwarze und silberne Farben getaucht. Über dem Bergkamm zogen die Sterne ihre Bahnen. Mattias suchte bekannte Formen und benannte sie flüsternd. Die Jungfrau. Der Bärenhüter. Kassiopeia. Weiter unten auf den Berghängen zeichneten Streifen gleißender Helle den verzweigten Lauf des Bergbachs nach. Unterhalb der Wälder schwebten die Weiden im Dunst. Auf der anderen Seite des Hofs stand die Schmiede des Vaters wie ein Tempel für einen unbenannten Propheten. Der Feuerschein auf ihren hellen Steinmauern versprach Zauber, Wunder und Taten, die niemand je vollbracht hatte.
Wie es ihn sein Vater Kristofer gelehrt hatte, bekreuzigte sich Mattias auf der Schwelle und flüsterte ein Gebet zum heiligen Jakobus. Sein Vater war unterwegs, beschlug Pferde und schärfte Gerätschaften auf den Bauernhöfen und in den Herrenhäusern. Würde er bei seiner Rücckehr zornig werden, wenn er herausfand, daß Mattias drei Tage für einen Dolch verschwendet hatte? Anstatt Angelhaken oder eine Säge oder eine Sense zu schmieden – Dinge, für die man jederzeit Käufer fand? Nein, nicht, wenn die Klinge perfekt geworden war. Dann wäre sein Vater stolz auf ihn.
Die Schmiede roch nach Ochsenhuf und Meersalz, nach Pferden und Kohle. Der Feuertopf war bereit, wie er ihn am Vorabend hinterlassen hatte, und bei der ersten Berührung mit dem brennenden Holzscheit loderten die Kienspäne auf. Mattias betätigte den Blasebalg und gab die am Vortag verkokste Kohle auf das Feuer, baute es auf, bis die brennende Holzkohle zwei Fingerbreit auf der Spitze des Blasebalgrohres lag. Dann zündete er die Lampe an und nahm seine Klinge aus der Asche, in der er sie über Nacht vergraben hatte.
Zwei Tage hatte er gebraucht, um den Stahl zu begradigen und zu härten, sechs Fingerbreit in der Klinge und vier im Heftzapfen. Messer hatte er schon vorher gemacht, aber dies war sein erster Dolch. Das Schmieden des starken Grats forderte ein Vielfaches an Geschick. Mattias blies die letzte Asche fort und schaute an den Schrägen entlang, konnte weder Verwerfungen noch Verdrehungen entdecken. Mit einem feuchten Lappen wischte er die Klinge sauber und glättete beide Oberflächen mit Bimsstein. Dann polierte er sie mit Schmirgelpulver und Butter, bis sie dunkelblau glänzte. Nun würde seine Kunst beim Härten auf die Probe gestellt werden.
Auf die Unterlage aus Holzkohle häufte er einen Viertel Fingerbreit Asche auf, darauf legte er die Klinge. Anschließend beobachtete er, wie sich die Farbe langsam im Stahl ausbreitete, drehte die Klinge mehrmals herum, damit die Hitze gleichmäßig blieb. Als die Schneiden so hell glühten wie frisches Stroh, zog er die Klinge mit der Schmiedezange heraus und stieß sie in einen Eimer mit feuchter Erde. Beißende Dämpfe stiegen auf, und der Geruch machte ihn beinahe trunken. Bei diesem ersten Abschrecken, so hatte es ihm der Großvater beigebracht, erhob die Klinge im Augenblick ihrer Geburt Anspruch auf die Macht aller vier Elemente: Erde, Feuer, Wasser und Luft. Eine solche Klinge würde vieles überdauern. Mattias schichtete in der Esse wieder das Bett aus Holzkohle auf, legte die Asche darüber und nahm den Deckel vom Gefäß für die zweite Abschreckung, einem Eimer mit Pferdepisse. Er hatte ihn erst am Vortag gefüllt, vom schnellsten Pferd des Dorfes gesammelt.
»Darf ich zuschauen, Mattie?«
Einen Augenblick lang ärgerte ihn die Stimme seiner Schwester. Das war seine Arbeit, sein Ort, ein Ort für Männer, nicht für fünfjährige Mädchen. Aber Britta betete ihn an … Mattias bemerkte, wie ihre Augen aufleuchteten, wenn sie ihn anschaute. Sie war die Jüngste in der Familie. Der Tod zweier kleiner Brüder blieb Mattias stets im Gedächtnis. Vielleicht weniger ihr Tod als die Erinnerung an den Schmerz seiner Mutter und die stumme Trauer seines Vaters. Als er sich zu seiner Schwester umdrehte, war sein Zorn schon verraucht, und er lächelte, wie er Britta in der Tür stehen sah und ihre Silhouette sich puppenhaft vor dem ersten grauen Licht der Morgendämmerung abzeichnete. Sie trug ein Nachthemd und Holzpantinen und umfaßte die dünnen Ärmchen mit den Händen, weil sie vor Kälte zitterte. Mattias zog seinen Mantel aus, ging zu ihr und legte ihr den Stoff um die Schulter. Dann hob er sie auf die Salzsäcke bei der Tür.
»Von da aus darfst du zuschauen, solange du nicht ans Feuer herangehst.« Dieser Handel behagte ihr offensichtlich nicht, aber sie muckte nicht auf. »Schlafen Mama und Greta noch?« fragte er.
Britta nickte. »Ja, aber die Hunde im Dorf bellen. Da habe ich Angst bekommen.«
Mattias lauschte. Tatsächlich, von unten im Tal ertönte ein Knurren und Bellen. Er war so auf das Knistern des Feuers in der Esse konzentriert gewesen, daß er nichts davon gehört hatte.
»Sie müssen einen Fuchs gefunden haben«, sagte er.
»Oder einen Wolf.«
Er lächelte. »Wölfe kommen nicht mehr hierher.«
Mattias wandte sich wieder seiner Klinge zu. Sie war nun so abgekühlt, daß man sie anfassen konnte. Er wischte sie sauber, legte sie noch einmal auf das Feuer. Er war beinahe versucht, erneut den Blasebalg zu betätigen, denn er liebte es, wie die Kohlen dann zu wildem Leben erwachten. Doch wenn die Temperatur zu schnell anstieg, wurde der Stahl vielleicht im Kern geschwächt. Also widerstand er der Versuchung.
»Warum kommen die Wölfe nicht mehr hierher?«
Mattias drehte die Klinge um. »Weil sie sich vor uns fürchten.«
»Warum fürchten sich die Wölfe vor uns?«
Die Kanten liefen in einem dunklen Braun an, wie Rehe im Herbst. Er packte die Klinge mit der Zange, drehte sie noch einmal um. Ja, die Farbe war noch gleichmäßig, breitete sich weiter aus, mit einem tiefen Violett am Grat der Klinge und am Heftdorn. Nun war es Zeit für die zweite Abkühlung. Er zog die Klinge aus der Esse und stieß sie in den Urin. Das Zischen war wie eine Explosion, und er mußte das Gesicht von dem beißenden Dampf abwenden. Sogleich begann er ein Ave Maria zu beten. Auf der Hälfte fiel auch Britta ein, stolperte aber über die lateinischen Wörter. Mattias betete allein weiter, maß die Zeit für die Abkühlung am Takt des Gebets. Als er fertig war, zog er den rauchenden Stahl aus dem ätzenden Gebräu, steckte ihn wieder in den Aschenkasten und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Die zweite Härtung war vollendet. Mattias hoffte, daß sie gut genug verlaufen war. Der Urin würde auf das Metall übergehen und ihm seine Schärfe bewahren. Vielleicht würde auch die Leichtfüßigkeit des Pferdes den Dolch auf seinem Weg zum Ziel beschleunigen. Für das dritte Härten, den magischsten Vorgang, würde Mattias die glühende Klinge auf das üppige grüne Gras beim Gemüsegarten tragen und es dort mit dem frisch gefallenen Morgentau abschrecken. Kein Wasser war reiner, denn niemand hatte diese Tropfen je fallen sehen, selbst wenn er über Nacht Wache gestanden hätte. Manche glaubten, es seien die Tränen, die Gott über seine schlafenden Geschöpfe vergoß. Durch diesen kühlenden Tau würde der Geist des Berges selbst in das Herz des Dolches eingehen. Mattias schob die Härtezange in die Kohlen und fachte das Feuer an, bis die Enden gelbrot glühten.
»Mattie, warum fürchten sich die Wölfe vor uns?«
»Weil sie Angst haben, daß wir sie jagen und töten.«
»Warum sollten wir das tun?«
»Weil sie unsere Schafe reißen. Und weil ihre warmen Felle uns vor dem Winter schützen. Deswegen trägt doch Vater einen Wolfspelz.«
»Hat er den Wolf getötet?«
Kristofer hatte ihn tatsächlich getötet,...




