Wilson | Anne - verehrt und begehrt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 169, 256 Seiten

Reihe: Historical

Wilson Anne - verehrt und begehrt


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95446-043-4
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 169, 256 Seiten

Reihe: Historical

ISBN: 978-3-95446-043-4
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



England, 1813: Die liebreizende Anne Darlington verzaubert die Sinne von Major lan Sinclair, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Doch lan weiß, dass diese Liebe nicht sein darf! Denn seit einer schweren Kriegsverletzung, verursacht durch die Feigheit von Annes Vater Colonel Darlington, ist lan dem Tode geweiht und kann die junge, betörend schöne Anne niemals glücklich machen. Davon ahnt sie nichts. Sie weiß nur, dass sie vom ersten Moment an, als sie lan - im Testament ihres Vater zu ihrem Vormund bestimmt - begegnet ist, ihr Herz an ihn verloren hat. Und so sind all seine Bemühungen, für Anne während zahlreicher Weihnachtsbälle einen geeigneten Ehemann zu finden, zum Scheitern verurteilt. Denn niemals wird sie einen anderen als lan lieben...



Gayle Wilson hat zweimal den RITA® Award gewonnen. 2000 und 2004 in der Kategorie 'Romantic Suspense Novel'. Im Angesicht, dass sie zweimal den RITA® - Award gewonnen hatte, wurde sie für 50 andere Preise nominiert oder damit ausgezeichnet. Gayle Wilson hat einen Master - Abschluss in Lehramt. Sie arbeitet als Geschichts- und Englischlehrerin. Sie liebt jede Minute, die sie im Klassenzimmer verbringen kann. Sie hat 41 Romane und Novellen bei Harlequin Enterprises veröffentlicht.

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1. KAPITEL

„Verzeihung“, sagte Anne Darlington und hob, auf dem Steinboden kniend, endlich den Blick, in der Hand den verschmutzten Saum von Sally Eddingtons wollenem Unterrock, der gekürzt werden musste, damit die Kleine ihn beim Gehen nicht über den Boden schleifte. Ihre Näharbeit, die sie verrichtete, während die Sechsjährige den Unterrock anbehielt, hatte sie so in Anspruch genommen, dass sie den ersten Teil der Nachricht, die die Vorsteherin ihr überbringen ließ, überhörte.

„Es ist dein Vormund“, sagte Margaret Rhodes wichtigtuerisch. „Er ist gekommen, um dich über Weihnachten nach Hause zu holen.“

„Wie schön für dich, Sally“, sagte Anne. Sie nähte hastig einen großen Stich, beendete ihr Werk mit einem festen Knoten und biss den Faden ab, ehe sie hinzusetzte: „Ich wusste gar nicht, dass du heute abreisen sollst.“

Tatsächlich hatte sie gar nicht gewusst, dass Sally einen Vormund hatte. Anne konnte sich deutlich erinnern, dass das kleine Mädchen die letzten Ferien im Internat verbracht hatte. Es gab nur eine Hand voll Zöglinge, die das mussten, und da Anne selbst immer zu ihnen gehörte, wusste sie, wer die anderen waren. Und kannte deren Geschichte.

Den Verlust der Mutter, meist im Kindbett nach dem nächsten, zu rasch empfangenen Kind. Die neuerliche Heirat des Vaters etwa. Oder sein mangelndes Interesse.

Anne nahm an, dass auch sie in letztere Kategorie fiel, doch hatte sie schon längst aufgehört, sich über das Desinteresse ihres Vaters den Kopf zu zerbrechen. Tatsächlich war sie ihm dankbar für die Erziehung, die er ihr angedeihen ließ, auch wenn sie auf seine Nähe verzichten musste. Erst vor kurzem hatte Mrs. Kemp ihr hier eine Stelle als Lehrerin für das kommende Schuljahr angeboten.

Dann werde ich nie fortgehen müssen, dachte Anne zufrieden. Sie zupfte Sallys Rock zurecht und strich das karottenrote Kraushaar glatt, von dem das Sommersprossengesicht der Kleinen umrahmt war.

„Aber ich gehe nicht fort“, sagte Sally, deren Augen bei dieser Vorstellung ganz rund wurden.

„Nicht sie, du Dummchen“ , berichtigte Margaret den Irrtum. „Dich holt er ab.“

Anne drehte den Kopf und sah nun erst Margaret an. „Mich?“ wiederholte sie erstaunt.

„Und Mrs. Kemp sagt, dass du ihn nicht warten lassen darfst.“

Anne wollte protestieren, ließ es dann aber sein. Was immer im Gange sein mochte, es war eine Abwechslung in der üblichen nachmittäglichen Routine des Naseputzens und Abhörens von Hausaufgaben.

Entweder erlaubten sich die Mädchen einen Scherz, oder es handelte sich um einen Irrtum. So oder so, wenn sie mitging, war es unterhaltsamer als ihre gegenwärtige Tätigkeit.

„Na, da kann ich ihn natürlich nicht warten lassen“, sagte Anne munter. „Sicher ist er aus London gekommen.“

„Das weiß ich nicht“, vertraute Margaret ihr an. „Aber er kam in einer schicken Kalesche mit dem flottesten Vierergespann, das man sich vorstellen kann.“

„Wenn Mrs. Kemp dich so reden hört, wirst du ganz flott was zu hören bekommen“, warnte Anne die Kleine.

Sie milderte die Ermahnung mit einem Lächeln und lief auch schon, gefolgt von den kleinen Mädchen, den breiten Korridor entlang. Kein gutes Beispiel, hätte Mrs. Kemp gerügt, zumal von jemandem, der Lehrerin werden wollte.

Da aber die Pensionatsvorsteherin nicht zugegen war, sah Anne keinen Grund, nicht zu laufen und ihre überschüssige Energie abzureagieren, die sich durch das vom Wetter bedingte Eingeschlossensein aufgestaut hatte. Wie froh würde sie sein, wenn der Frühling kam und sie wieder Felder und Wälder durchstreifen konnte.

Als sie sich der offenen Tür des Büros näherte, verlangsamte sie ihren Schritt und steckte ein paar lose Strähnen in den ordentlichen Knoten, dem sie entschlüpft waren, richtete die Schultern ihres Kleides aus billigem Wollstoff zurecht und strich das Leibchen glatt. Dann warf sie einen hastigen Blick hinter sich, um Margarets Erscheinung zu prüfen, wohl wissend, dass diese nach Mrs. Kemps Meinung sicher verbesserungswürdig war.

Sie hatte Recht. Der Kittel des jüngeren Mädchens war nicht zugeknöpft. Anne drehte sich um und versuchte, die Zehnjährige rasch ein wenig zurechtzumachen.

Margarets verblüffter Ausdruck hätte sie warnen müssen, doch bemerkte sie nichts, bis es zu spät war. Ein leises Aufstöhnen war zu hören, nachdem sie gegen etwas Festes gestoßen war.

Gegen jemanden, wie ihr zu spät klar wurde, als sie sich rasch umdrehte. Gegen jemand sehr Großen, der elegant und modisch gekleidet war, wie sie – obschon Provinzlerin – mit einem Blick feststellte, von den blank polierten, quastengeschmückten hohen Stiefeln bis zu den breiten Schultern des erstklassig geschnittenen Gehrockes aus marineblauem, feinem Tuch. In Anbetracht des Wetters musste er dazu zweifellos einen Mantel mit mehrfachem Schulterkragen und einen hohen Biberfilzzylinder tragen, die er sicher in Mrs. Kemps Büro abgelegt hatte.

„Ach, du meine Güte“, stieß sie hervor. „Hoffentlich habe ich Ihnen nicht wehgetan.“

Er sah zwar nicht so aus, als könnte man ihm leicht etwas anhaben, doch hatte sein Aufstöhnen schmerzlich geklungen. Und der angespannte Zug um den schön geformten Mund verriet ebenfalls großes Unbehagen.

Erst als er den Mund verzog und diesen Eindruck zunichte machte, blickte Anne auf und sah seine Augen. Sie waren braun und lächelten so unverkennbar wie seine Lippen.

Lächelnde Augen. Sie hatte diesen Ausdruck aus einem Roman, von dessen Lektüre Mrs. Kemp natürlich nichts wissen durfte. Bis heute hatte Anne nicht gewusst, was er bedeutete. Bis jetzt. Ihr Herzschlag geriet ein wenig aus dem gewohnten Rhythmus.

„Ich glaube, ich habe Ihren Angriff überlebt“, sagte er.

„Aber eigentlich sollte man immer in die Richtung schauen, in die man geht. Nur um zu vermeiden, dass man über das Unerwartete stolpert.“

Anne lachte. „Bedenken Sie aber, wie langweilig es wäre, wenn man immer nur in die Richtung schaute, die man einschlägt. Ich muss gestehen, dass ich es vorziehe, rücklings durchs Leben zu gehen.“ Am liebsten hätte sie hinzugesetzt: Auf diese Weise begegnet man so interessanten Menschen, doch war sie nicht sicher, ob sich das weltläufig oder nur keck anhörte.

Und während sie mit diesem Dilemma beschäftigt war, ließ er den noch immer lächelnden Blick von ihr zu Margaret gleiten. Anne schluckte ihre Enttäuschung hinunter und sah ihre kleine Freundin auch an. Margarets braune Augen waren noch immer groß, ja sogar so rund, dass ihr Blick fast ungezogen wirkte, als sie den Besucher offenen Mundes anstarrte.

„Guten Tag“, sagte der Besucher.

„‘Tag“, antwortete Margaret.

Die Selbstsicherheit, mit der sie Anne die Nachricht überbracht hatte, war verschwunden – kein Wunder, da sich hier nicht oft jemand blicken ließ, der auf den ersten Blick als den Oberen der Gesellschaft zugehörig zu erkennen war.

„Ich weiß zwar nicht genau, wie ich es schaffte“, sagte der elegante Gentleman an Margaret gewandt, „doch gelang es mir, Mrs. Kemp hinsichtlich meiner Identität und meiner rechtlichen Position als dein Vormund zufrieden zu stellen. Sie ist einverstanden, dass wir aufbrechen, sobald du fertig bist. Da ich unangekündigt kam, könnte ich mir denken, dass das Packen einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte, doch hoffe ich, dass du dich beeilst, da das Wetter sich mit jeder Minute verschlechtert.“

Margaret schwieg. Als er geendet hatte und sekundenlang Stille eintrat, löste sie widerstrebend den Blick von seinem Gesicht und blickte Anne an.

„Sie holen nicht mich“, sagte sie und deutete mit einem zitternden Finger auf Anne. „Das ist Anne Darlington.“

Sein Blick folgte der Richtung, in die sie zeigte, und als Anne ihm begegnete, sah sie, dass in seinen Augen kein Lächeln mehr lag. In ihnen lag nun dasselbe Erstaunen wie in Margarets, doch auch so wirkten sie ungemein ansprechend, wie sie fand.

Sie sind Anne Darlington?“ fragte er sichtlich verblüfft.

Der Name steht jetzt fest, dachte Anne, die versuchte, sich einen Reim auf alles zu machen.

„Das bin ich“, sagte sie und neigte zustimmend den Kopf in der Hoffnung, diesem Eingeständnis damit einen Hauch von Würde zu verleihen.

„Die Tochter Colonel Darlingtons?“

„Kannten Sie meinen Vater, Sir?“

Wieder trat Stille ein.

„Ich diente mit Ihrem Vater unter Wellington, Madam. Darf ich Ihnen zu Ihrem Verlust mein Beileid aussprechen?“

Anne, die noch nie im Leben mit Madam angesprochen worden war, fand es ziemlich schockierend, doch abgesehen davon, dämmerte ihr allmählich, um was es ging. Vielleicht war der Mann tatsächlich ihr Vormund. Vielleicht hatte ihr Vater in jüngeren Jahren für den Fall seines Todes einen Freund dazu bestimmt. Und nun war dieser Fall eingetreten …

„Danke“, sagte sie verhalten.

Da sie ihren Vater seit über sieben Jahren nicht mehr gesehen hatte und davor auch nur selten, hatte sie die Trauer um ihn als unwirklich empfunden und sich von der Nachricht seines Todes, die erst vor zwei Monaten eingetroffen war, rasch erholt.

„Mein Name ist Ian Sinclair....



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