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E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Wilson Kontrolle

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-15463-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-641-15463-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Amerika im Jahr 2014. Die achtzehnjährige Cassie lebt in einer scheinbar perfekten Welt: Seit hundert Jahren herrscht Frieden, es gab keine Wirtschaftskrisen und keine Anschläge am 11. September 2001. Stattdessen regieren Wohlstand und soziale Sicherheit. Doch der Preis für das schöne Leben ist hoch: Was es nämlich ebenfalls nicht gibt, sind Fortschritt und Freiheit, denn die Menschen werden seit Jahrzehnten von einer außerirdischen Spezies kontrolliert. Als Cassie eines Tages hinter das Geheimnis ihrer heilen Welt kommt, gerät sie in Lebensgefahr …

Robert Charles Wilson, geboren 1953 in Kalifornien, wuchs in Kanada auf und lebt mit seiner Familie in Toronto. Er zählt zu den bedeutendsten Autoren der modernen Science-Fiction. Er hat etliche Romane veröffentlicht, darunter den internationalen Bestseller "Spin". Neben zahlreichen Nominierungen wurde er mehrfach für seine Romane ausgezeichnet, unter anderem mit dem Philip K. Dick Award, dem John W. Campbell Award und dem Hugo Award.
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2

Vermont, auf dem Land

Früh am Morgen, nicht lange nachdem die ersten Sonnenstrahlen die kahlen Äste der Ahornbäume berührt hatten und allmählich die Frosthaut aus den Schatten vertrieben, näherte sich ein Mann dem Farmhaus von Ethan Iverson. Der Unbekannte war allein und ging so langsam, dass Ethan reichlich Zeit blieb.

Ethan verfolgte das Vorankommen des Fremden auf einem Bildschirm im Speicher, wo er seine Schreibmaschine, seine Korrespondenzunterlagen und ein kleines Arsenal von Schusswaffen aufbewahrte. Beim Schrillen des Alarms war er gerade in der Küche damit beschäftigt gewesen, sein Standardfrühstück aus Eiern und Schinken in einer Eisenpfanne zu braten. Jetzt wurde das Gericht unten auf dem Herd kalt, und die Eier erstarrten im Fett.

Ethan lebte seit sieben Jahren in dem Farmhaus – seit sieben Jahren und drei Monaten inzwischen. Manchmal sprach er wochenlang mit niemandem außer der Kassiererin im Lebensmittelgeschäft Kierson und dem Angestellten im Buchladen Back Pages, seinen zwei unvermeidlichen Anlaufstellen, wenn er nach Jacobstown fuhr, um seine Vorräte aufzustocken. Wie er festgestellt hatte, war ein nützliches Mittel für einen allein lebenden Menschen, der nicht den Verstand verlieren wollte, ein strikt eingehaltener fester Tagesablauf. Jeden Abend stellte er den Wecker auf sieben, jeden Morgen zog er sich nach dem Duschen an und hatte bis acht sein Frühstück beendet, gleich, an welchem Wochentag und zu welcher Jahreszeit. Und genauso gewissenhaft achtete er auf die Instandhaltung der zahlreichen Bewegungsmelder und Videokameras, die er schon bald nach seinem Einzug auf dem Grundstück installiert hatte.

Sieben Jahre lang hatte dieses System nichts von Belang angezeigt. Ausnahmen hatten lediglich einige verirrte Jäger und Pilzsammler gebildet, dazu ein religiöser Flugblattverteiler, der der Auffassung war, dass die vielen gut sichtbaren BETRETEN-VERBOTEN-Schilder auf dem Gelände für einen Stellvertreter Gottes keine Gültigkeit besaßen, ein zu allem entschlossener Volkszähler und bei zwei Gelegenheiten ein Mitglied der Schwarzbärenfamilie, die hinter der westlichen Grenze von Ethans Grundstück lebte. Bei jedem Anschlagen des Alarms war Ethan hinauf in den Speicher geeilt, wo er den Eindringling auf dem Bildschirm beobachten und sein Gefahrenpotenzial abschätzen konnte. Und jedes Mal bisher hatte sich der Eindringling als harmlos erwiesen.

Er schaltete um auf eine neue Kamera. Der Unbekannte näherte sich in gleichmäßigem Schritt auf dem unbefestigten Zugangsweg. Der Mann, den Ethan auf dem Monitor erblickte, wirkte völlig gewöhnlich, wenn auch ein wenig fehl am Platz. Er wirkte wie höchstens fünfundzwanzig, das Haar braun, der Kopf unbedeckt, leicht übergewichtig, nach Art eines Stadtbewohners gekleidet in eine graue Jacke und schwarze Schuhe, die ihren Glanz in der feuchten Erde des Wegs eingebüßt hatten. Dem Aussehen nach hätte er ein Immobilienmakler sein können, der Ethan fragen wollte, ob er nicht vielleicht Lust hatte, sein Grundstück zu verkaufen. Doch Ethan war sich ziemlich sicher, dass der Typ nicht mal ein Mensch war.

Natürlich hatte das Äußere des Mannes überhaupt nichts zu sagen. Es sei denn, man wollte die ins Auge springende Harmlosigkeit als strategisches Mittel deuten. Was Ethan hingegen aufmerksam machte – und vielleicht sogar absichtlich darauf ausgelegt war, ihn aufmerksam zu machen –, war, dass der Fremde beim Passieren der Kameras in jedes einzelne Objektiv blickte, als wüsste er genau, dass er beobachtet wurde, und als wollte er Ethan sein Kommen ankündigen.

Während sich der Mann der Tausendmetergrenze näherte, dachte Ethan über die Wahl der Waffen nach.

Hier oben verfügte er über ein ansehnliches Arsenal. Überwiegend Jagdbüchsen, weil man sie problemlos und legal erwerben konnte. Aber er verfügte auch über zwei militärische Pistolen. In dem Gestell beim Fenster stand ein voll geladenes Remington-Elchgewehr mit deutschem Zielfernrohr bereit, mit dem er dank jahrelangem Üben so vertraut war, dass er den Eindringling mit einem einzigen Schuss durch das kleine Speicherfenster leicht hätte erledigen können. Dank ihrer besonderen Anatomie waren Simulakra weniger verletzungsanfällig als Menschen, doch sie waren längst nicht unangreifbar. Ein gut gezielter Kopfschuss genügte.

Ethan überlegte. Das war sicher das Einfachste in dieser Situation. Den Eindringling erschießen, dann eine Tasche packen und abhauen. Denn wenn ihn die Hyperkolonie aufgespürt hatte, war es Selbstmord zu bleiben. Und wenn er ein Sim tötete, musste er bald mit dem Auftauchen der nächsten rechnen.

Falls es sich hier überhaupt um ein Sim handelte. War er sich seiner Sache völlig sicher? Zumindest so sicher, dass er einen hohen Geldbetrag darauf gewettet hätte. Doch ein Instinktgefühl reichte nicht, um das Todesurteil über jemanden zu sprechen.

Mit einem bedauernden Blick wandte er sich von dem langen Gewehr ab. Stattdessen griff er nach einer Schrotflinte und einem Gerät, das an eine klobige Pistole erinnerte, mit dem man jedoch über zwei Kupferstifte einen Stromschlag von dreihundert Kilovolt verabreichen konnte. Aufgrund eigener Forschungen war er zu der Auffassung gelangt, dass dies eine wirksame Waffe für den Nahkampf gegen ein Simulakrum war, ohne für einen Menschen tödlich zu sein. Allerdings hatte er noch keine Gelegenheit gefunden, diese Theorie auf die Probe zu stellen.

Den Blick auf den Bildschirm gerichtet, versuchte er, seine Angst abzuschütteln. Er hatte von Anfang an damit gerechnet, dass dieser Tag kommen würde. Er hatte sich darauf vorbereitet und ihn sich in seiner Fantasie tausendmal ausgemalt. Warum zitterten ihm dann jetzt die Hände? Die Antwort war so naheliegend, dass er nicht danach suchen musste. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, trotz seiner hohen Feuerkraft und der sorgfältig geplanten Fluchtrouten zitterten seine Hände, weil sich hinter dem Mann, der auf sein Haus zusteuerte, möglicherweise eines jener Wesen verbarg, die vielen seiner Freunde und Verwandten das Leben genommen hatten – ein Wesen, das kein Bewusstsein hatte und mit der gleichen Beiläufigkeit den Tod bringen konnte wie ein Blitzschlag.

Er schob die Schockpistole in seinen Gürtel und vergewisserte sich noch einmal, dass die Schrotflinte geladen war. Zur Sicherheit steckte er zwei zusätzliche Patronen in die Hemdtasche. Plötzlich spürte er den Drang, seine Blase zu leeren, doch dafür blieb keine Zeit mehr.

Der Tod schritt die knarrende Außentreppe herauf und läutete höflich an der Tür. Ethan stieg nach unten, um ihm zu öffnen.

Die innen grünen Männer (und Frauen – Ethan durfte nicht vergessen, dass einige von ihnen auch Frauen waren) hatten ihn seine Ehe und seine Karriere gekostet. Und diese bemerkenswerte Leistung hatten sie an einem einzigen Tag des Jahres 2007 vollbracht.

Damals war Ethan ordentlicher Professor an der University of Massachusetts in Amherst gewesen, Autor von mehreren positiv aufgenommenen Fachartikeln und von zwei relativ erfolgreichen populärwissenschaftlichen Büchern, ein angesehenes Mitglied seines Instituts und ein aktiver Forscher mit großem Rückhalt in der Studentenschaft. Sein Fachgebiet war die Entomologie, doch in letzter Zeit hatten ihn seine Projekte in den Bereich der Paläobotanik geführt, die sich mit fossilen Pflanzen beschäftigte. Er arbeitete in einem Team, das Sporen in zehntausend Jahre alten antarktischen Eiskernen isolierte. Darüber hinaus betrieb er auch geheime Forschungen, die für die Korrespondenzunion von Interesse waren.

Die Korrespondenten waren Wissenschaftler und Akademiker, die ihre Ergebnisse nie in offiziellen Fachjournalen veröffentlichten. Die Union war eine geschlossene Gruppe, deren Mitglieder sich zur strikten Geheimhaltung verpflichtet hatten. Schon als Student war Ethan von seinem Doktorvater am Massachusetts Institute of Technology eingeführt worden, dessen Intelligenz und Moral Ethan vorbehaltlos bewunderte. Dennoch war er anfangs skeptisch. Korrespondenzunion – das klang nach einem exzentrischen, äußerst altmodischen Relikt aus den klösterlichen Hallen von Oxford und Cambridge. Und er hätte sie umstandslos als Witz – und zwar als ziemlich läppischen Witz – abgetan, wenn die dort vertretenen Namen nicht eine andere Sprache gesprochen hätten. Mathematiker, Physiker, Anthropologen, viele von ihnen mit ausgezeichneten Referenzen. Und die Liste der Toten, falls sie der Wahrheit entsprach, war noch beeindruckender: Dirac, von Neumann, Fermi …

Man hatte ihn vor der Gefahr gewarnt, die er durch die Verbindung mit der Gruppe einging. Es galten strenge Regeln. Die Korrespondenten durften über ihre Angelegenheiten nur per Post oder unter vier Augen kommunizieren. Wer sich mit Äußerungen über die Union zu weit aus dem Fenster lehnte, musste mit Repressalien rechnen, allerdings nicht vonseiten anderer Mitglieder, sondern aus anderen, unbekannten Kanälen. Wenn Ethan gegenüber der falschen Person eine falsche Bemerkung machte, konnte es passieren, dass seine Forschungsprojekte ohne ersichtlichen Grund abgelehnt wurden, dass er in Fachkreisen und bei Prüfungsausschüssen in Ungnade fiel und dass er vielleicht sogar seine Professur verlor. Er war sich dieser Risiken bewusst und ließ daher nach seinem Beitritt zur Union größte Vorsicht walten. Doch niemand hatte ihn davor gewarnt, dass er...


Wilson, Robert Charles
Robert Charles Wilson, geboren 1953 in Kalifornien, wuchs in Kanada auf und lebt mit seiner Familie in Toronto. Er zählt zu den bedeutendsten Autoren der modernen Science-Fiction. Er hat etliche Romane veröffentlicht, darunter den internationalen Bestseller "Spin". Neben zahlreichen Nominierungen wurde er mehrfach für seine Romane ausgezeichnet, unter anderem mit dem Philip K. Dick Award, dem John W. Campbell Award und dem Hugo Award.



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