E-Book, Deutsch, Band 5, 300 Seiten
Reihe: Sterenholm
Wimmer Dünenherzen
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95818-680-4
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Ostsee-Roman
E-Book, Deutsch, Band 5, 300 Seiten
Reihe: Sterenholm
ISBN: 978-3-95818-680-4
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karin Wimmer lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Niederösterreich. Seit sie denken kann, sind Bücher ihre treuen Begleiter und Freunde und schon im Teenageralter entdeckte sie auch das Schreiben für sich. Ihre Ideen kommen meist spontan aus alltäglichen Situationen und lassen sie dann nicht mehr los, bis sie sich an den Laptop setzt. Die Liebe spielt in ihren Romanen immer die Hauptrolle. Ihre eigene Leidenschaft gehört ihrer Familie, dem geschriebenen Wort und Schokolade - in etwa in dieser Reihenfolge.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Seufzend verberge ich mein Gesicht in den Händen. Auf dem Wohnzimmertisch vor mir liegt ein Vertrag. ist dort in meiner geschwungenen Handschrift zu lesen. Rechtlich gesehen komme ich aus der Sache nicht mehr raus, doch es gibt eine Person, die mir noch einen Ausweg gewähren könnte. Ich greife nach meinem Handy und wähle die Nummer meiner Freundin Sylvie, die im Namen der Stadtverwaltung von Sterenholm meine Vertragspartnerin für das neue Lokal beim eben entstehenden Indoorspielplatz ist. Es dauert nicht lange, bis sie sich meldet.
»Hey, Livia! Wie geht’s?«
Ich hole tief Luft und stehe auf.
»Sylvie, wir müssen noch mal über den Vertrag sprechen.« Wie immer, wenn ich nervös bin, wandere ich mit dem Telefon durch meine Wohnung.
»Nein, nein, nein, das tust du mir nicht an! Ich habe wochenlang gebettelt, damit du Ja sagst. Und jetzt, wo die Bauarbeiten begonnen haben und ich bis zum Hals in der Organisation stecke, machst du einen Rückzieher?«
Sie stöhnt hörbar auf, doch so schnell lasse ich mich nicht beirren.
»Du hast mich in dem Glauben gelassen, dass ich die einzige Beraterin bin, aber in Wahrheit willst du zwei Einzelkämpfer zu einem Team machen. Das geht nicht gut!«
»Pustekuchen!«, wischt sie mein Argument vom Tisch. »Das Konzept ist genial. Das deckt Herzhaftes und Süßes ab. Und wir möchten, dass der Charme der und des aus der Stadt dort draußen wieder auftaucht. Die Touristen sollen auch dort das Urlaubsflair von Sterenholm haben.«
Ich lasse meinen Kopf in den Nacken fallen. Das ist schwieriger, als ich dachte.
»Sylvie, es ist mir egal, neben welchen Produkten meine Cupcakes und Kuchen dann im Endeffekt liegen. Ich muss ja nur liefern. Aber ich kann einfach nicht mit Frederik zusammenarbeiten.«
Ich höre, wie sie in ihrer Teetasse rührt.
»Süße, ich brauche euch aber beide, damit wir eure Konzepte in dem alten Bauernhof in den Dünen wieder aufgreifen können. Ende der Woche ist der Rohbau so weit fertig und es müssen Entscheidungen für die Innenausstattung getroffen werden. Aber ich kämpfe immer noch mit Frederik und dir, weil ich euch einfach nicht an einen Tisch bekomme. Kann mir mal jemand sagen, was da los ist, das ich einfach nicht auf dem Schirm habe?«
Scheiße, wie konnte ich mich in diese Lage bringen? Sylvie hat ewig an mir gesägt, damit ich das neue Lokal mit meinen Backwaren beliefere und sie vor allem auch bei der Planung unterstütze und dann setzt sie mir den einzigen Menschen vor die Nase, mit dem ich nicht zusammenarbeiten kann. Erneut fällt mein Blick auf den Vertrag. Darin steht nirgends geschrieben, dass ich die einzige Geschäftspartnerin für das neue Lokal werde. Allerdings ist eindeutig festgehalten, dass ich nicht nur liefere, sondern mich bei der Planung mit meinem Know-how einbringe, damit die örtlichen Gegebenheiten entsprechend gestaltet werden.
»Livia, bitte lass mich jetzt nicht hängen.« Sylvies Stimme ist ein Flehen. Ich schließe resignierend die Augen und lasse mich auf die Couch sinken.
»Also gut! Sag mir, wann ich wo auftauchen muss.«
»Ich schicke dir eine Nachricht, sobald der erste Termin steht. Danke!« Sylvie atmet auf. Ihr fällt offenbar ein Stein vom Herzen, denn das ist nicht ihre einzige Baustelle. Eigentlich arbeitet sie für die Eventagentur unserer gemeinsamen Freundin Lexi. Doch die Stadtverwaltung hat sie für einige Projekte unter Vertrag genommen, sodass ich nicht weiß, wie Lexi die vielen Anfragen für Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Taufen und andere Events allein gestemmt bekommt.
Das allerdings ist nicht mein Problem, ganz im Gegensatz zum , für dessen Umsetzung ich mich einer ganz bestimmten Sache erst stellen muss oder besser gesagt einem bestimmten Jemand – Frederik Petersen.
Nachdem ich am nächsten Tag mein Café gegen fünf Uhr schließe, ziehe ich das Haargummi aus meinen langen blonden Haaren und wuschle sie mit den Händen durch. Meine pink-weiß gestreifte Schürze, die ich während der Öffnungszeiten trage, hängt bereits an ihrem Haken und ich werfe einen Blick in den kleinen Spiegel in meinem winzigen Privatbereich. Hellblaues Sommerkleid und Riemchensandalen mit Keilabsatz – ich finde, dass ich annehmbar aussehe. Nur in meinen blauen Augen spiegelt sich meine Nervosität. Rasch greife ich nach meiner Handtasche.
Seit einigen Jahren ist die nun schon einer meiner Nachbarn am großen Hauptplatz am Hafen von Sterenholm. An schönen Tagen, wenn wir Tische und Stühle vor unseren Läden aufgebaut haben, können sich unsere Gäste sogar miteinander unterhalten. Früher von morgens bis spät nachts geöffnet, wurde vor einigen Monaten die Bar vom Restaurant baulich getrennt, sodass man tagsüber zwar den ganzen Bereich nutzen kann, aber ab zweiundzwanzig Uhr nur mehr das – also die Cocktailbar – geöffnet hat. Johnny, der Betreiber ebendieser, musste seine Traumbar in seiner Heimatstadt im letzten Sommer leider schließen und bekam von Frederik das Angebot, diese hier neu zu eröffnen und die Nachtgastronomie seiner zu übernehmen. Das pink glitzernde Auftreten des war zwar für die Sterenholmer ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen können wir es uns gar nicht mehr ohne Johnny und seine Cocktailkreationen vorstellen, die alle nach Liedern seines Lieblingsfilms benannt sind. Auch ich fühle mich in der Bar inzwischen sehr wohl und habe in Johnny einen Freund gefunden. Doch ich tauche immer erst dann auf, wenn Frederik nicht mehr da ist und die große Schiebewand zur bereits geschlossen wurde. Denn dieses Lokal habe ich noch nie betreten.
Nun stehe ich jedoch vor genau dessen Tür in einem zweigeschossigen Fachwerkhaus. Vor dem Gebäude ist ein altes Segelboot aufgebockt, das mit Blumen bepflanzt ist. Die Sonne scheint warm an diesem frühsommerlichen Spätnachmittag und ich versuche, mich einigermaßen zu beruhigen.
»Du bist fünfundzwanzig Jahre alt und kein Teenager mehr. Du kannst das!«, mache ich mir selbst Mut. Dann greife ich nach der Türklinke und trete ein. Drinnen dominiert Mobiliar aus dunklem Holz, die Wände sind weiß gestrichen und die Decke ist mit dunkel gebeizten Balken durchzogen. Fischernetze, Rettungsringe und Laternen geben dem großen Raum eine gemütliche Atmosphäre. Die lange Theke ist blitzblank und dahinter entdecke ich ein vertrautes Gesicht, denn Johnny flitzt bereits umher. Als er mich entdeckt, kommt er sofort zu mir.
»Herzchen, welch ungewöhnliche Zeit für deinen Besuch. Darf ich dir schon mal was zu trinken bringen?« Seine lockere Art beruhigt mich etwas.
»Hi, Johnny. Ein Wasser wäre toll. Danke!« Ich nehme am Tresen Platz und wappne mich innerlich für das Gespräch, das ich gleich führen muss. Vorsichtig linse ich in Richtung Küche, wo ich Frederik vermute. Mein Puls steigt beim Gedanken, ihn gleich zu sehen und mit ihm zu reden. Doch dann springt die Jukebox des an. Einer der Gäste hat einen Song gewählt und schon die ersten Klänge der E-Gitarre lassen mich erstarren. Ich blinzle, rede mir ein, dass ich es aushalte, doch nach 32 Sekunden, als die ersten rau gesungenen Worte ertönen, verursacht der Song mir körperliche Schmerzen. Alles in mir krampft sich zusammen.
»Mach das aus«, stoße ich mühsam hervor, als Johnny mir mein Wasser bringt, doch er sieht mich nur verständnislos an, während Dire Straits mit mir den Atem rauben. Ich höre, wie eine Tür zuschlägt und Frederik aus dem Lager auftaucht. Unsere Blicke treffen sich, er erkennt die glitzernden Tränen in meinen Augen und ist innerhalb von Sekunden bei der Jukebox, um den Stecker aus der Dose zu ziehen. Die Musik erstirbt sofort. Ich schaffe es, zu blinzeln, doch meine Augen laufen über.
»Kann mir bitte jemand erklären, was hier los ist?«, fragt Johnny in die plötzliche Stille und sieht von Frederik zu mir und wieder zurück.
»Diesen Song hat Frank immer gehört.« Frederiks Worte sind leise und schlicht, doch für mich sind sie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und ich flüchte aus dem Lokal.
Erst gehe ich noch, dann beginne ich zu laufen. Vom Hauptplatz zum Hafen, dann den Strand entlang. Meine Schuhe füllen sich mit Sand, ich reiße sie mir von den Füßen und lasse sie achtlos fallen. Ich renne einfach weiter, als würde es um mein Leben gehen.
Mein Vorhaben war doch schwer genug für mich. Musste der schlimmste Fall nun auch noch eintreten, dass mich etwas noch mehr an Frank erinnert, als Frederik es ohnehin getan hätte? Ich bekomme Seitenstechen, weil ich gleichzeitig schluchze und laufe. Außerdem beschwert meine Lunge sich eindringlich, dass schon etwas mehr Sauerstoff zum Überleben notwendig wäre. Doch erst als ich den alten Bootssteg mit seinen rauen Brettern unter meinen Füßen...




