E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Nautilus Flugschrift
Wimmer Land der Utopie?
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-96054-333-6
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alltag in Rojava
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Nautilus Flugschrift
ISBN: 978-3-96054-333-6
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christopher Wimmer, geboren 1989, ist Soziologe, freischaffender Journalist und Autor. 2022 berichtete er fu?r neues deutschland, Frankfurter Rundschau, taz, WOZ u.a. fu?r mehrere Monate aus Nord- und Ostsyrien.
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Zwischen Aufbruch und Bedrohung
Warum eine ganze Gesellschaft in einem Fußballstadion zusammenkommt
Feier zum 10. Jahrestag der »Rojava-Revolution« in Qamislo (Quelle: Simon Clement)Der 19. Juli 2022 ist ein brütend heißer, wolkenloser Tag. Ungewöhnlich sind 42 Grad Celsius allerdings nicht für den Sommer in Nord- und Ostsyrien. Zwischen Mai und September steigen die Temperaturen tagsüber regelmäßig in diese Höhen und fallen nachts auf immer noch warme 25 Grad. Der Hitze zum Trotz versammeln sich an diesem Tag mehrere tausend Menschen im zentralen Fußballstadion der nordsyrischen Großstadt Qamislo.
Das Stadion ist bunt geschmückt. Gelb, grün und rot sind die dominanten Farben. Neben dieser Trikolore der syrisch-kurdischen Freiheitsbewegung finden sich gelbe Flaggen des multiethnischen Militärbündnisses SDF (Syrian Democratic Forces; Demokratische Kräfte Syriens), das für ein säkulares, demokratisches und föderal gegliedertes Syrien steht, sowie die gelben und grünen Fahnen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG (Yekîneyên Parastina Gel) und der Frauenverteidigungseinheiten YPJ (Yekîneyên Parastina Jin). Beide Milizen sind Teil der SDF.
Zahlreiche Besucher*innen des Fests haben Fähnchen, Plakate, Schals oder Anstecker dabei, die ihre Verbundenheit mit der Freiheitsbewegung ausdrücken, die die Autonomieregion in Nord- und Ostsyrien derzeit verwaltet. Überlebensgroß und zentral platziert prangt mehrfach das Portrait Abdullah Öcalans, des von der Türkei inhaftierten Gründers der Arbeiterpartei Kurdistans (Partiya Karkerên Kurdistanê; PKK). Er wird vor Ort als Vordenker und Symbol der autonomen Region angesehen.
Im Stadion werden Reden gehalten. Musiker*innen spielen traditionelle kurdische und arabische Volks- und Revolutionslieder, Trommeln ertönen und immer wieder rufen die Besucher*innen Parolen. »Bijî Berxwedana Rojava« (Es lebe der Widerstand von Rojava) oder »Jin, Jiyan, Azadî« (Frau, Leben, Freiheit). Die Menschen diskutieren, feiern und tanzen. Sie feiern an diesem Tag den 19. Juli 2012, an dem die sogenannte Rojava-Revolution ihren Anfang nahm. 2012, als im Euroraum die Wirtschaftskrise einen Höhepunkt erreichte und die Menschen in der Bundesrepublik über den rechten Terror des NSU diskutierten, Husni Mubarak in Ägypten zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und Whitney Houston starb. Sie feiern ein ganzes Jahrzehnt. Im Windschatten des Syrischen Bürgerkriegs hatten die kurdisch dominierten Regionen in Nord- und Ostsyrien, auch bekannt unter dem Namen »Rojava« (kurdisch: Westen; für Westkurdistan), ihre Autonomie vom syrischen Staat des Machthabers Baschar al-Assad erklärt. Seitdem versuchen die Menschen nun, eine Gesellschaft aufzubauen, die auf Basisdemokratie, Geschlechtergerechtigkeit, multiethnischem Miteinander und Ökologie beruht.
Bereits am Morgen hat in der Nähe der rund 30 Kilometer von Qamislo entfernten Stadt Amûdê ein internationales Forum zur Geschichte und Aktualität der Revolution stattgefunden. Der Veranstaltungsort schien den Temperaturen angemessen – im Baylisan Tourist Resort gehen die Menschen sonst im Freibad schwimmen oder essen im angeschlossenen Restaurant. Diesmal wird das Resort von schwer bewaffneten Sicherheitskräften bewacht. Die Teilnahme am Forum ist nur mit einer Einladung möglich. 200 Politiker*innen, Schriftsteller*innen und Intellektuelle aus Nord- und Ostsyrien und dem Ausland diskutieren die Ereignisse des 19. Juli 2012 sowie die Herausforderungen beim Aufbau einer demokratischen Selbstverwaltung.
Aldar Khalil ist Revolutionär der ersten Stunde. Der Mann mit dem markanten Schnauzbart spielte beim Aufbau der »Autonomen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien«, wie Rojava mittlerweile offiziell heißt, eine Schlüsselrolle. Aldar wurde 1970 in der nordsyrischen Stadt al-Hasaka geboren und war bereits vor 2012 in der kurdischen Bewegung aktiv. Im Untergrund organisierte er die kurdische Bevölkerung und half, demokratische Strukturen wie Räte und Komitees aufzubauen. Er ist Mitglied im Präsidium der Partei der Demokratischen Union (Partiya Yekitiya Demokrat; PYD) sowie im Exekutivkomitee der Bewegung für eine demokratische Gesellschaft (Tevgera Civaka Demokratîk; TEV-DEM). Die PYD spielte 2012 eine wesentliche Rolle und ist auch gegenwärtig die stärkste Partei innerhalb der Selbstverwaltung. TEV-DEM ist als Dachverband dafür zuständig, beim Aufbau der Zivilgesellschaft zu helfen. Gekleidet in ein dunkelrot kariertes Hemd und mit einem gewinnenden Lächeln wirkt Aldar Khalil ein wenig wie der freundliche Onkel der Revolution. Zweifel an ihr hegt er nicht. »Unsere Revolution unterschied sich grundlegend von anderen Revolutionen. Uns ging es damals und heute nicht darum, einen neuen Staat aufzubauen, sondern die Mentalität der Menschen zu ändern«, sagt er. »Wir arbeiten weiter daran, eine demokratische und freie Gesellschaft für alle Menschen in Syrien aufzubauen.« Als einer der ersten prominenten Beteiligten der »Rojava-Revolution« hat er seine Erfahrungen aufgeschrieben. Sein auf Arabisch verfasstes Buch Seiten der Volksrevolution in Rojava ist eine autobiografisch inspirierte Chronik der kurdischen Bewegung in Syrien. Für den kurdischen Vollblutpolitiker scheint die »Rojava-Revolution« ein voller Erfolg zu sein. Grund genug zu feiern – könnte man meinen.
Doch weder bei den Funktionär*innen in Amûdê noch bei der Bevölkerung in Qamislo kommt an diesem Tag eine bedingungslose Feierlaune auf – und das liegt nicht nur an den Temperaturen. Zeitgleich zu den Veranstaltungen findet in der iranischen Hauptstadt Teheran ein Gipfel statt, der entscheidenden Einfluss auf die Zukunft der Selbstverwaltung haben soll. Bei diesem Treffen diskutieren der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der Präsident Russlands Wladimir Putin und der iranische Staatschef Ebrahim Raisi die weitere Beteiligung ihrer Länder am Krieg in Syrien. Insbesondere Ankara hatte auf dem Gipfel bestanden. Der Türkei ist die syrisch-kurdische Autonomieregion ein Dorn im Auge. Erdogan kündigte im Sommer 2022 immer wieder an, eine Invasion zu starten. Die Türkei sieht in der Selbstverwaltung lediglich einen Ableger der als terroristisch eingestuften und verbotenen PKK. Auf dem Gipfeltreffen wollte sich Erdogan bei Russland und dem Iran, die jeweils eigene Interessen in Syrien verfolgen, grünes Licht für einen Einmarsch geben lassen. Aus diesem Grund blicken viele Teilnehmer*innen der Jubiläumsfeier in Qamislo regelmäßig auf ihre Smartphones. Sie verfolgen die aktuellen Entwicklungen des Gipfels in Echtzeit. Auch viele der Gespräche drehen sich um einen drohenden Angriff der Türkei.
Als am späten Abend die Nachricht Qamislo erreicht, dass weder der Iran noch Russland einer türkischen Militäroperation zugestimmt haben, ist das Feuerwerk über dem Stadion bereits erloschen und die meisten Besucher*innen sind zu Hause. Der Krieg scheint abgewendet – könnte man meinen.
Doch auch wenn sich die Türkei an diesem Tag nicht durchsetzen konnte, führt Ankara seither einen intensiven Drohnen- und Artilleriekrieg gegen Nord- und Ostsyrien, um gezielt politische und militärische Funktionär*innen zu töten und die Bevölkerung zu verunsichern. Aus Angst vor Anschlägen, so wird mir erzählt, seien weniger Menschen zur Feier in Qamislo gekommen als erhofft.
Nahezu täglich ist der Norden Syriens den Angriffen der Türkei ausgesetzt. Der 19. Juli 2022 bildet keine Ausnahme. In der Nacht zuvor beschießen von der Türkei unterstützte Milizen das Dorf Mayasa in der nordsyrischen Region Sehba, wobei der 30-jährige Zivilist Zalukh Hamsho verwundet wird. Gegen Mittag werden bei einem Drohnenangriff in der Stadt Tall Rifaat zwei syrische Soldaten verletzt. Am frühen Morgen des 20. Juli meldet der Militärrat der Stadt Manbij, der zur Selbstverwaltung gehört, dass seine Kämpfer*innen »das Eindringen einer Gruppe türkischer Besatzer« in das Dorf al-Muhsinli nördlich von Manbij »nach längeren Gefechten« verhindert haben. Zeitgleich werden bei einem Artillerieschlag der türkischen Armee in der Nähe von Duhok in Irakisch-Kurdistan neun irakische Zivilist*innen getötet und 33 verwundet. In der Nacht tötet eine türkische Drohne westlich von Kobanê in einer Akademie der SDF die beiden Soldaten Kendal Rojava und Berxwedan Kobanê. Trotz dauernder Angriffe feiert die Region den zehnten Jahrestag der »Rojava-Revolution«. Am 19. Juli 2022 verdichten sich gewissermaßen die Geschichte und Gegenwart Nord- und Ostsyriens.
Mit dem Beginn des Aufstands in Syrien 2011 im Rahmen...




