Windheuser | Havengeburtstag | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Windheuser Havengeburtstag

Ein neuer Krimi aus Bremen-Nord
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7568-8267-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein neuer Krimi aus Bremen-Nord

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-7568-8267-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Bremer Stadtteil Vegesack besitzt ein Schmuckstück: einen der ältesten künstlichen Binnenhäfen Deutschlands. Er ist 400 Jahre alt und hat eine wechselvolle Geschichte. Dieser Geburtstag muss gefeiert werden! Viele Höhepunkte sind vorgesehen, darunter zwei Theaterstücke zur Geschichte des Heringsfangs in diesem Hafen und zur Walfängerei, vor-bereitet von einer Amateur-Schauspieltruppe. Echte Schiffe bilden dafür die Open-Air-Bühne: Ein alter Heringslogger und ein Walfängerschiff aus dem 19. Jahrhundert, ein Nachbau, eigens aus Island herbeigeordert. Im Mittelpunkt: Kay, ein junges, vom Walfang begeistertes Mädchen, zwei schwierige Freunde mit Familie, zwei Isländer, Kapitänin und Steuermann, ein Journalist, und Sea Shepherds mit Hauptquartier in Vegesack. Und: ein Schweinswal.

Jochen Windheuser wurde kurz nach Kriegsende im Ruhrgebiet geboren. Nach einem Berufsleben als Psychologe zog er zusammen mit seiner Frau als Rentner nach Vegesack im Bremer Norden. Dort begann er ein neues Hobby: Schreiben. Es entstanden ein historischer Island-Roman, ein Science-Fiction-Roman, gespickt mit Naturwissenschaft, Kulturbezügen und wiederum Historie, dann Lyrik: ein Band mit Sonetten und einer mit Limericks. Nebenbei schrieb er an einem Band mit Kurzgeschichten, sehr bunt, die zum Teil persönlich gefärbt sind. Schließlich - motiviert von seiner Frau, er solle doch mal etwas "Aktuelles" schreiben - veröffentlichte er einen ersten Bremen-Nord-Krimi, der um ein seinerzeit aktuelles Thema, die Verlegung eines historischen Schiffes von Vegesack nach Bremerhaven, kreist. Ein Mord und ein Anschlag auf das Schiff waren aufzuklären. Nun also der zweite Bremen-Nord-Krimi, der vom 400jährigen Geburtstag des alten Vegesacker Binnenhafens ausgeht und viel mit Walen zu tun hat.
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02

„Vierhundert Jahre!“ „Dreihundertneunundneunzig, mein Lieber.“ „Ja doch, du Superbürokrat. Nächstes Jahr sind es vierhundert. So lange steht das alles hier.“ „Ja, natürlich. Die Spundwände aus Stahl wurden damals von den kurfürstlichen Eisenhüttenwerken in Salzgitter hergestellt, per Schiff hierher gefahren und mit einer von Ochsen getriebenen Maschine eingerammt.“ „Werner, nimm mich nicht auf den Arm!“ Der so sprach, ein hochgewachsener, trotz seiner weißen Haare und seines in gleicher Farbe prangenden Rauschebarts kräftiger Naturbursche, blickte mit erhobenen Augenbrauen auf seinen Nachbarn herab. „Würde mir nicht einfallen“, sagte der Besserwisser, ein eher klein geratener, drahtiger Typ mit hellen, wachen Augen hinter seinen Brillengläsern.

Die beiden ungleichen Herren lehnten sich auf die Brüstung der hochmodernen Ziehbrücke, die endlich wieder, nach monatelangem Stillstand wegen angeblich komplizierter Reparaturen an der elektrischen Hebeanlage, für das Publikum zugänglich war. Der Kleinere zeigte auf eines der im Haven liegenden alten Segelboote. „Was ist das für ein Boot?“, fragte er, „Das ist neu hier!“ „Der ist nur zu Besuch, Werner“, versetzte der Angesprochene. „Ein holländisches Flachschiff, vom Ijsselmeer. Da, du siehst am Heck die Aufschrift: ‚De Stormvogel‘ aus Medemblik, das ist der Heimathafen.“ „Hinrich, du traust mir das wohl nicht zu? Ich kenne das Ijsselmeer. Ich war da schon überall, mit dem Fahrrad, sogar mit einem Segelschiff!“ „Donnerwetter“, flachste der weiße Hüne, „ich dachte, du kriechst nie hinter deinem Schreibtisch hervor!“ „Wenn du morgens aus deiner Koje gekrabbelt bist, dann bin ich schon dreimal kreuz und quer durch Vegesack gelaufen und habe meine Arbeit als Leiter des Ortsamts gemacht.“ Hinrich Kröver, den die Eigner der Museumsboote im Vegesacker Haven neulich zu ihrem Sprecher gewählt hatten, war es genug. „Werner Blumberg,“, sagte er etwas gravitätisch, „wenn wir dich nicht hätten, dann ginge hier alles drunter und drüber.“ „Hauptsache, du siehst das ein!“, grinste der Kleinere, „aber jetzt lass uns nicht zu spät zur Versammlung kommen!“ Er packte seinen Gesprächspartner am Arm und bugsierte ihn von der Brücke. Mit dem Rücken zum Haven steuerten die beiden ein kleines, modernes Häuschen an, eine schlichte weiße Schachtel, als hätte ein Architekt, der eigentlich anderes zu tun hatte, sie mit der linken Hand mal eben dort abgesetzt. Links davon erhob sich ein offensichtlich altes, ja historisches Gebäude, ein wuchtiges Steinhaus, das den Platz davor beherrschte und sich seiner Würde bewusst war. Ein hohes Plakat offenbarte gleich zwei Namen: und, darunter, . Blumberg wies dorthin: „Weißt du, dass Karen gleich nicht teilnimmt? Die hat selber ihre Leute zusammengerufen, die beim Projekt Geschichtenhaus mitmachen.“ „Planen die auch was?“ „Ja, natürlich.“

Rechts vom weißen Schachtelhaus nahm das Verwaltungsgebäude der Lürssen-Werft die gesamte Landspitze zwischen Haveneinfahrt und Lesummündung ein. Im Vergleich zum Packhaus wirkte es, auch wenn es deutlich mehr Fläche bedeckte und nicht viel niedriger war, eher bescheiden. Es strahlte eben nicht gediegene Würde aus als vielmehr eine zurückhaltende, fast betuliche Geschäftsmäßigkeit.

Die beiden Männer wurden am Eingang des kleinen weißen Würfels von einem fröhlich dreinblickenden Brillenträger erwartet. „Willkommen im Nautilus-Haus“, sprach er wie der römische Wassergott persönlich und ließ sie ein. Wummernd schlug die Tür hinter ihnen zu: eine derbe, massive Stahlkonstruktion. Blumberg fuhr bei dem Geräusch zusammen: „Haa, Konrad, was knallst du die Tür so? Willst du zeigen, wer hier der Hausherr ist?“ Der Angesprochene grinste: „Die trotzt jeder Sturmflut. Das habt ihr im Ortsbeirat damals genauso gewollt. Treppe oder Fahrstuhl?“ Die beiden mochten voreinander nicht einknicken und sagten gleichzeitig „Treppe natürlich“. Zu dritt stapften sie die Wendeltreppe hoch, auch sie aus trittfestem Stahl. Wenn die Jahrtausendflut kommt, dachte Blumberg, und nichts dem Wasserdruck standhält: Diese Treppe wird alles überdauern.

Ich liebe diese Truppe, dachte Karen. Sie saß etwas erhöht in ihrem geliebten Regiestuhl, den sie überall mit hinschleppte, wenn sich diese fabelhaften Laiendarsteller irgendwo niederließen, um konzentriert zu proben, um eine Szene, einen Ablauf mit Leidenschaft auf die Bretter zu stellen, oder auch um hinterher die gelungene Arbeit ein bisschen zu feiern. Seit Jahren war sie die Seele dieses Theaters. Damals traf sie eine biedere, ihrer Amateurhaftigkeit allzu bewusste Gruppe an, die sich jedes Jahr zaghaft an eins dieser flachen Salonstücke wagte und sich von fremden Regisseuren Aktionen und Auftritte vorschreiben ließ, die ihnen manchmal sehr wesensfremd blieben.

Sie tränkte sie mit Selbstbewusstsein, erkannte die schlummernden Qualitäten jedes Einzelnen und ermutigte sie zu angepassten Varianten klassischer, auch hochmoderner Stücke, die immer eine Nuance zu anspruchsvoll waren, so dass sie sich strecken mussten, noch ein bisschen mehr aus sich herausgehen mussten, um im Spiel lebendig zu werden und die schwierigen Rollen nicht aus schierer Angst nur hölzern zu deklamieren. Mal führte sie selbst Regie, mal holte sie jemand von außen, der ein Gespür für genau diese Menschen hatte und sie forderte, ohne Niederlagen zu provozieren. Dann konnte sie selbst befreit mitspielen und ihr Talent ausleben.

Heute waren sie alle zusammen: Die große Theatertruppe für die Auftritte mit den anspruchsvollen Stücken, und das kleine Ensemble des Geschichtenhauses. Das waren ehemals Arbeitslose, die hier seit Jahren den neugierigen Besuchern, oft auch Schulklassen, historische Szenen aus der Vergangenheit dieses Havengeländes vorführten. Genau an dieser Stelle lag nämlich mal ein Familienbetrieb, die Lange-Werft, und sie setzten einige Vorkommnisse in dieser Werft lebendig in Szene. Karen trainierte auch dieses Ensemble, das war ihr Broterwerb – die Theatertruppe ihre Leidenschaft.

Heute hatte sie alle zu einer Versammlung zusammengerufen. Sie hatte eine Idee im Kopf, eine doppelte Idee: Szenen hier im Packhaus, die sich die Geburtstagsgäste jeden Tag ansehen konnten, und Stücke mit Bezug zum Haven, die draußen gespielt werden sollten. Karen wusste, was nebenan im Nautilus-Haus vor sich ging, und hatte deshalb genau die gleiche Zeit für ihre Besprechung angesetzt. Sie wollte drüben nicht mitpalavern, das lag ihr nicht. Worum es gehen sollte, war ja grundsätzlich klar.

Sie blickte in die Runde und riss ihre Arme weit auseinander, so dass sich alle in dem großen Raum unwillkürlich zu ihr umschauten. „So richtig weit sind wir mit dem Umbau noch nicht“, sagte sie zu den Darstellern vom historischen Ensemble. „Was meint ihr, müssen wir bald noch einen Arbeitstag einschieben?“ „Wir haben immer noch nicht entschieden, welche Requisiten wir behalten können und welche wegmüssen.“ Der das sagte, ein quirliger, untersetzter Mittdreißiger, wie geschaffen für lärmende, lustige Rollen, sprang auf und wies fuchtelnd auf diverse Möbelstücke, Staffagen und Vorhänge. „Hast du schon eine Annonce geschaltet? Antike Möbel, mit edler Patina kreativer Schauspielkunst?“ „Es ist nicht so einfach, Wilko“, erwiderte Margarete, eine ruhige, vornehm wirkende, leicht angegraute Kollegin, der man sofort eine Gräfin, eine reiche Geschäftsfrau, aber auch eine antike Prophetin abgenommen hätte. „Wir haben bisher die Zeit der ersten mittelgroßen Werften gelebt, um 1900. Jetzt müssen wir einen Spagat schaffen: einerseits viele Jahre zurück, in die Walfängerzeit, und gleichzeitig fünfzig Jahre nach vorn, in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als hier die Heringsfischerei blühte.“

„Ich weiß schon, ihr könnt euch von dieser Umgebung nicht trennen“, sagte Karen. „Ihr habt über Jahre den Besuchern hier vorgespielt, wie die kluge und handfeste Frau Lange in einer Männerwelt eine Werft geschmissen hat. Das ist jetzt Vergangenheit! Aber wie heißt es doch mit dem Zauber der Anfänge?“ Sie erhob sich und stieg mitsamt ihrem Regiestuhl von der Bühne herab. „Ich komme jetzt mal zu euch runter. Die Bühne muss sowieso bald weg, wir haben nur noch eine Musikaufführung, am nächsten Samstag. Dann setzen wir diese Vermietungen vorläufig aus.“

„Also“, machte sich Robert von der Theatertruppe bemerkbar, Typ jugendlicher Liebhaber, der mit seinem robusten Körperbau eigentlich lieber kleine Ganoven, Diebe und Raufbolde spielte, „dann rück mal raus mit der Sprache. Was ist denn jetzt schon vereinbart? Habt ihr schon Szenen entworfen? Habt ihr schon Stücke ausgesucht,...



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