Windheuser | Im Bauch des Schulschiffs | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 236 Seiten

Windheuser Im Bauch des Schulschiffs

Ein Krimi aus Bremen-Nord
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-0267-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Krimi aus Bremen-Nord

E-Book, Deutsch, 236 Seiten

ISBN: 978-3-7557-0267-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Schulschiff Deutschland ist ein alter Dreimaster, gebaut 1927. Sie diente über Jahrzehnte der Ausbildung des Offiziersnachwuchses der deutschen Handelsmarine. Seit 25 Jahren liegt sie nun in Vegesack, einem Stadtteil des Bremer Nordens, vertäut in der Mündung der Lesum in die Weser. Sie soll Touristen anziehen. Weil das nicht mehr gelingt, soll sie frühmorgens nach Bremerhaven verholt werden. Am Abend davor treiben sich sechs Gestalten auf dem Schiff herum, erfüllt von Angst vor Abschiebung, Gier auf Drogengeld, Rachlust für Verrat, Eifersucht, Zorn wegen eines sexuellen Übergriffs und vaterländischem Sendungsbewusstsein. Einer überlebt das nicht. Doch wer ist der Mörder und warum? Zwei professionelle Ermittler und drei Amateure haben nicht nur auf diese Fragen eine Antwort zu finden. Eine weitere Tat, gerichtet gegen das Schiff selbst, schreit nach Aufklärung.

Jochen Windheuser wurde 1946 im Ruhrgebiet geboren. Nach einem Studium der Psychologie und praktischer Tätigkeit im Bereich Erziehungsberatung und Psychiatrie war er als Hochschullehrer in der Ausbildung von Sozialarbeitern tätig. Neben Fachartikeln und Projektberichten schrieb er gelegentlich Kurzgeschichten und Gedichte. Erst spät im Rentenalter hat er sich an literarische Veröffentlichungen gewagt. Anfang 2020 erschien sein erster Roman: Ingólfur. Ein Leben in Island, ein Produkt jahrelanger Beschäftigung mit diesem Land und einigen Reisen dorthin mit seiner Frau. Ende 2020 erschienen zwei Gedichtbände, in denen er sich mit strengen lyrischen Formen auseinandersetzt: Sonette an Helden und Heldinnen der Geschichte, sowie Limericks aus dem Bremer Norden. Es folgte Anfang 2021 der Roman: Zeitenfuge. Das zweite Leben des Benno von Ansperg, ein phantasievolles Science-Fiction-Spiel mit Physik, Neuropsychologie, Geschichte, religiöser Mystik und Kulturen. Die Idee dazu hatte Jochen Windheuser schon vor einigen Jahrzehnten, aber jetzt die Muße und den Mut, sie auszuführen. Zum vorliegenden Buch kam der Anstoß von seiner Frau. Schreib doch mal einen Krimi mit aktuellem Bezug!, sagte sie. Am Anfang war es etwas mühsam, aber dann wuchs die Spannung, auch für den Autor.
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01


„Tun Sie mir bitte einen Gefallen: Behalten Sie die Masken auf, solange Sie auf dem Schiff sind, und halten Sie Abstand! Wir sind froh, dass wir das hier trotz Corona machen können!“ Die knapp zwanzig Besucher, die auf dem Oberdeck des Dreimastseglers versammelt waren, hatten Mühe, den Redner zu verstehen. Einmal, weil der freundliche Herr im hellblauen Pullover, der sich als Günter Thiele, Vorsitzender des Schulschiffvereins, vorgestellt hatte, so behutsam leise sprach. Zum andern, weil die Muttersprache der meisten Besucher nicht Deutsch war. Englisch, ja, das kam vielen von ihnen fließend von den Lippen, aber wer wollte auf einem Museumsschiff, das den stolzen Namen Schulschiff Deutschland trug, anderes erwarten als diese sperrigen, wenig schwingenden Klänge der Sprache ihres Gastlandes?

Zu Gast waren sie hier, im Stadtteil Vegesack im Bremer Norden, fast alle, diese jungen Leute verschiedener Hautfarbe, auch ein paar im mittleren Alter waren dabei, Weiße, aber mit dunklem Teint. Nur zwei ältere Besucher, ein Mann und eine Frau, hatten offensichtlich keine Mühe mit dem Verstehen und versuchten hier und da brummelnd ein paar Fetzen ins Englische zu übersetzen. Und dann standen da noch zwei am Rand, offensichtlich Einheimische, der eine mit einem Notizblock und der andere mit einer Kamera, die professionell aussah.

Eine untersetzte, asiatisch wirkende junge Frau im gelben Anorak trat einen Schritt zur Seite und stieß einen schlaksigen Schwarzen an, der etwas verloren neben ihr stand. „Over the nose“, sagte sie, und als er fragend guckte, deutete sie auf den oberen Rand ihrer FFP2-Maske, tippte mit dem Zeigefinger darauf und tat so, als würde sie die Maske etwas höher schieben wollen. Der Angesprochene verstand, korrigierte den Sitz seines Coronaschutzes, und sein ganzes Gesicht verwandelte sich in eine Landschaft des Lächelns. Die Augen blitzten. Selbst sein breites Grinsen konnte die Frau ahnen, weil sich die Ränder seiner OP-Maske merklich zu den Ohren hin verschoben. „What’s your name?“, fragte sie. „Abdulahi“, antwortete er. „Chenlu“, sagte sie und fügte, als er die Stirn runzelte, hinzu: „My name.“ Dann wandten sich beide, obwohl vor allem er kaum ein Wort verstand, wieder Herrn Thiele zu.

Dies sei ein Segelschiff, ein altes Segelschiff, erklärte dieser gerade. Früher hätten angehende Matrosen und Offiziere auf diesem Schiff vieles Praktische gelernt, was man für die Seefahrt damals wissen und können musste. Mehrmals sei das Schiff um die Welt gesegelt. Als er anfing, die vielen Häfen aufzuzählen, die das Schiff besucht hat, und lustige Details von der fälligen Äquatortaufe zu berichten, legte ihm ein flotter blonder Mann im grauen Anzug, kantiges Gesicht, die Hand auf die Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Vorher hatte er an der Reling gestanden und mit jemandem telefoniert, ja gestritten, so hörte sich das an, obwohl er die Stimme senkte und sich abwandte. Dann hatte er sich neben Thiele gestellt und seinen stahlgrauen Blick über die Gruppe und darüber hinaus auf die nahe vorbeifließende Weser schweifen lassen.

„Ach ja“, sagte der Angeflüsterte, „wir haben gar nicht so viel Zeit. Also denn, wir laden Sie ein zu einem Rundgang. Bitte teilen Sie sich in drei Gruppen auf. Diese drei netten Menschen hier“, er verwies auf zwei abseits stehende Männer und eine Frau, einheitlich in einen dunkelblauen Overall mit blauweißem Halstuch gekleidet, „die werden Sie durch das Schiff führen. Mich müssen Sie leider entschuldigen, ich habe noch einen anderen Termin. Danach wird Sie der Schulschiffchor hier draußen mit ein paar Seemannsliedern erfreuen. Am Schluss steht Ihnen Herr Baier“, er zeigte auf den Anzugträger an seiner Seite, „für Fragen zu Verfügung.“

In diesem Augenblick stapfte ein weiterer Mann die Treppe hinauf, offenbar auch ein Helfer auf dem Schiff, denn er trug den gleichen Overall mit dem Schal, dazu aber eine dunkelblaue Schirmmütze mit einem Anker vorne drauf. Er schritt auf die anderen drei Helfer zu und überreichte ihnen je einen kleinen Packen mit Papieren – Flyer mit Bildern, Daten und Zeichnungen zum Schulschiff, wie sich später herausstellte. Dann machte er kehrt und stapfte wuchtig die Treppe wieder hinab. Das Merkwürdige war: Er sah keinem Besucher ins Gesicht, schaute entweder auf den Boden, auf seine Kollegen oder auf irgendwelche Details am Schiff. Aber nur wenigen fiel das auf.

„Und ihr seid alle von der Jacobs University, hier gleich nebenan?“, fragte die Frau im blauen Overall. Ihr hatte sich die größte Gruppe angeschlossen. „Ja“, sagte Chenlu, „Sie haben gesagt, Sie werden Englisch reden – deshalb!“ „Sie können aber doch Deutsch!“ „Ja, ich habe ein bisschen gelernt. Aber die hier alle nicht.“ Chenlu wies auf die bunt zusammengewürfelte Gruppe von Studenten und Studentinnen aus allen möglichen Ländern.

Dann stiefelte die Frau los, nun mit Maske. Treppe runter, die Gruppe stolperte hinterher, Kehrtwende, und marsch hinein in einen langen schmalen Gang nach hinten. „Don’t hurry, be happy!“, rief ein krausköpfiger Student, und alles lachte. Sie hielt an, und ihr Englisch war gut: „Hört mal, ihr Sleepyheads, was meint ihr, wie die Kadetten hier gerannt sind, wenn alle ran mussten, auf die Masten oder an die Taue. Und das auf hoher See, wenn das Schiff schwankte und alles nass war!“ Und schon strebte sie weiter zum Ende des Gangs.

Jetzt drängten sich alle vor einem Seil, das den Zugang zu einem Raum versperrte. Alte, edle Möbel waren zu sehen, braunes Leder, dazu fein gearbeitete Schränke. „Captain’s saloon“, sagte die Frau. „Ich lasse euch kurz hier rein, aber nichts anfassen!“ Der junge Mann mit der Kamera drängte sich etwas nach vorn und machte Aufnahmen: der Saloon, Besucher von hinten im Profil vor einem alten Möbelstück, und schon trabte er die steile Treppe nach unten zu einer der anderen Gruppen.

Chenlu stand vor einem schmalen Schrank, dessen obere Tür aus Glas war. Dahinter funkelten zwei Kristallgläser. Das gefiel ihr. Aber sie dachte an die riesigen Frachtschiffe, die sie von zu Hause kannte, wenn sie vor Singapur auf Reede lagen. Wie winzig ist dieses alte Schiff dagegen! Trotzdem: Warum fuhren die damals in einem doch recht kleinen Schiff, auf dem über hundert Mann hausten, so ein schickes Wohnzimmer spazieren?

In dem Moment spürte sie eine Berührung am linken Arm. „Darf ich Sie etwas fragen?“, hörte sie auf Deutsch. Sie wandte sich dem Fragenden zu. Das war der Mann mit Notizblock. Sie hatte schon gemerkt, dass er auf dem Gang versucht hatte, in ihre Nähe zu kommen. Und als der Fotograf auftauchte und sie ins Bild nehmen wollte, hatte er „Nicht jetzt, Maik!“ gerufen und ihn weggeschickt.

Höchstens fünfzig, dachte sie, legt wenig Wert auf Klamotten, stoppeliger Bart, er wirkt irgendwie gutmütig. Die Augen, ja, und wie er mich ansieht … Das kannte sie. Oft wurde sie so angeschaut, sie hatte sich daran gewöhnt, hatte registriert: Die Männer hier gucken eher kühl auf typisch chinesische Frauen, aber auf mich mit diesem leicht feuchten Blick, der ein unwillkürliches Begehren durchschimmern lässt. Meine malaiische Oma! Ihre Gene haben meiner Haut einen wärmeren Ton gegeben, und meinen Augen eine Spur von kindlicher Offenheit. Wegen dieser Mesalliance mit einer Malaiin kriegte mein Opa von meiner eingebildeten Familie einiges zu hören. Mein geliebter Opa! Ein Jammer, dass er letztes Jahr gestorben ist. Er war ein richtiger Rebell, ein Freigeist, und sein Erbe ist in mir! Aufmüpfigkeit! Stärke! Das hat mir in der Eliteschule geholfen, wo ich von den feinen Pinkeln aus der singapurischen Oberschicht geschnitten wurde.

Sie löste sich von den Erinnerungen und konzentrierte sich auf den Mann. „Was wollen Sie denn wissen? Und warum?“ „Ich bin Journalist“, bekam sie zu hören, „und ich soll über diesen Besuch hier einen Artikel schreiben.“ Chenlu lächelte: „Und wieso fragen sie mich?“ Der Journalist wurde rot, tatsächlich rot!, und stotterte etwas von zu schlechtem Englisch. Chenlu musste ein Kichern unterdrücken. Aber dann sagte er: „Ich habe den Eindruck, dass Sie eine andere Rolle haben als die anderen. Nicht nur, weil Sie so gut Deutsch sprechen. Haben Sie das hier organisiert?“

Die Frage ließ sie wieder ernst werden. Sie nickte bedächtig. Ja, diese Idee komme von ihr, und von einer Frau aus dem Flüchtlingskomitee, mit der sie ein paar Sachen für das Wohnheim in Gang gebracht hat. Kinderbetreuung, Sprachhilfen durch Studenten mit gleicher Muttersprache wie die Flüchtlinge, und so weiter. Irgendwann sei ihr bei einem Spaziergang dieses Segelschiff aufgefallen. „Wissen Sie, Schiffe, damit bin ich aufgewachsen. Mein Vater ist Reeder. Ich habe früh segeln gelernt, zusammen mit meinem Bruder. Wir beide haben sogar mal eine Segelmeisterschaft in Singapur gewonnen!“ Deshalb habe sie dieses Schiff interessiert. Sie habe ein paar Studierende zusammengekriegt, und die Frau aus dem Komitee hat dafür gesorgt, dass einige Bewohner des Wohnheims kommen, und ein paar...



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