E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Windheuser Zeitenfuge
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-6919-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das zweite Leben des Benno von Ansperg
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-7534-6919-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jochen Windheuser wurde 1946 im Ruhrgebiet geboren. Nach einem Studium der Psychologie und praktischer Tätigkeit in den Bereichen Erziehungsberatung und Psychiatrie war er als Hochschullehrer in der Ausbildung von Sozialarbeitern tätig. Neben Fachartikeln und Projektberichten schrieb er gelegentlich Kurzgeschichten und Gedichte. Erst spät im Rentenalter hat er sich an literarische Veröffentlichungen gewagt. Anfang 2020 erschien sein erster Roman Ingólfur, Ein Leben in Island: ein Produkt jahrelanger Beschäftigung mit diesem Land, seiner Geschichte und Literatur sowie einigen Reisen dorthin. Ende 2020 erschienen zwei Gedichtbände, in denen er sich mit strengen lyrischen Formen auseinandersetzt: Sonette an Helden und Heldinnen der Geschichte, sowie Limericks aus dem Bremer Norden. Die Grundidee zum vorliegenden Science-Fiction-Roman hatte Jochen Windheuser schon vor einigen Jahrzehnten, aber jetzt die Muße und den Mut, sie auszuführen.
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Prolog: Die Benno-Fragmente
„Three Lucky Strike“, sagte der Junge mit starkem Akzent. Der Ami packte den Jungen am Kragen, schaute ihm in die Augen und sprach ihn auf Deutsch und Englisch an. „Was ist das? Where did you find that? Wo gefunden?“ Der Junge wand sich, hielt aber das Blatt fest in der Hand. „Weiß nicht. Irgendwo in den Trümmern.“ „Trümmer? Welches Haus?“ Der Griff des Soldaten wurde härter, sein Blick bohrte sich in das ängstliche Gesicht des dürren Kerls. „Where did you find this damned sheet of paper?“ Der Junge brauchte keine Übersetzung und gab auf. „Am Fluss, im Kloster. Lag im Schutt. Ich hab‘s nicht gestohlen!“
Der Sergeant drehte sich um. „Hi Karl, what means ‚Kloster‘?“ „Monastery, George“, gab der zur Antwort.
George nahm dem Jungen das Blatt ab. Zeichnungen waren darauf, soviel konnte er erkennen. Wie Konstruktionszeichnungen. Das kannte er aus der Autofabrik in Detroit, wo er vor fast zwei Jahren noch gearbeitet hat. Dann ging’s zur Armee, trainieren, trainieren, den D-Day in der Normandie hatte er mitgemacht, dann hatten sie die Deutschen vor sich hergetrieben. Seit ein paar Wochen war der Krieg zu Ende, und sein Haufen saß hier irgendwo im Süden. Eigentlich sollten sie auf Partisanen aufpassen, aber es gab keine. Die Deutschen waren gründlich k.o., so wie er damals bei seinem ersten Boxkampf in der Jugend.
Manchmal war der Schwarzmarkt lästig, aber manchmal auch ganz interessant. Für ein bisschen Schokolade oder ein paar Zigaretten kriegte man alles Mögliche. Ein schönes silbernes Zigarettenetui hatte er schon, und ein paar dieser Nazi-Klamotten: Parteiabzeichen, Eisernes Kreuz und so. Die würde er seinen Freunden mitbringen. Das war zwar verboten, aber wer nahm das schon ernst.
Diese Zeichnungen waren etwas anderes. Was sollte das sein? Das sah fast aus wie so eine fliegende Untertasse. In einem Film hatte er das mal gesehen. Waren das Pläne für eine Flugwaffe der Nazi-Armee? Jedenfalls musste er das bei seinen Vorgesetzten abliefern. Aber vorher wollte er nachsehen, ob da noch mehr war.
George nahm den Jungen beim Arm, jetzt schon freundlicher. „Wie heißt du?“ „Bernhard.“ „I call you Bernie, okay?“ Er schnappte sich Karl und zwei weitere seiner Leute. Karl machte Bernie klar, dass er mit ihnen zum Kloster gehen muss. Dort sollte er ihnen die Stelle zeigen, wo er das Blatt gefunden hat. Und sollte da noch mehr sein, würde er Schokolade kriegen.
Bernies Gesicht hellte sich auf. Er wusste, dass da noch mehr Blätter waren, eine ganze Menge in einer alten Kiste. Eigentlich wollte er sie einzeln verkaufen, aber jetzt musste er wohl alle rausrücken. Vielleicht gab es ja eine ganze Tafel dafür? Und noch Luckys dazu? Und wenn er sich mit dem Offizier anfreundete, konnte er später noch mehr Geschäfte machen.
***
Der Major hatte die Papiere auf dem Tisch ausgebreitet. Seinen ganzen technischen Stab und den Doc hatte er sich dazu geholt. Und später noch Karl, weil es vielleicht was zu übersetzen gab.
An die drei Dutzend Blätter waren es, gelblich die meisten, einige sogar fast braun. Leichte Beschädigungen hatten sie alle. Bei etlichen waren Stücke abgerissen, bis zur Hälfte und mehr. Schnipsel hatten sie noch gefunden, aber da war kaum etwas drauf. Auch bei den besser erhaltenen waren die meisten Schriften und Zeichnungen blass. Das sei kein Wunder, meinte der Major, sie hätten ja lange in der Kiste unter dem Schutt gelegen.
Er fragte seine Leute nach ihrer Meinung. Die meisten sagten etwas zu den Zeichnungen, denn die Schrift kam ihnen merkwürdig vor. Sie bestätigten den ersten Eindruck von George, dass einige Bilder so etwas wie Flugobjekte darstellten, teilweise wie moderne Flugzeuge mit langem Rumpf und Flügeln, teils aber auch rund oder oval. Manche waren nur grob skizziert, andere bis in kleine Details ausgeführt. Aber auch Wagen konnte man erkennen, vierrädrige, sechsrädrige. „Manche Dinger sehen aus wie Elektromotoren“, spekulierte Richie, der Fahrzeugtechniker. Hier und da, neben oder unter die Zeichnungen, hatte der Zeichner kleine Wörter oder Sätze hingekritzelt, die sie nicht entziffern konnten. „Guckt mal hier“, rief einer, „das sieht aus wie eine Gasmaske!“
John, der Texaner, im Zivilleben bei einem Architekten beschäftigt, meinte: „Das können keine modernen Zeichnungen sein, das würde man heute anders machen. Oder die Nazis sind technisch völlig hinterm Mond, aber das kann nicht sein.“ Da räusperte sich der Doc und sagte, er habe sich die Schriften angeschaut. Das sei keine moderne Schrift. Manche Wörter sähen aus wie Latein. „Seht hier, das Wort ganz unten, das könnte ‚volare‘ heißen, das lateinische Wort für fliegen.“ Bei den meisten Texten finde er aber keine Ähnlichkeit mit Latein. Karl meinte, er könne das wegen der komischen Schrift nicht richtig beurteilen, aber ihm springe keine Stelle ins Auge, die wie normales Deutsch aussehe.
Der Major fasste zusammen. „Also, Leute, wahrscheinlich keine Geheimwaffen Hitlers, aber modernes technisches Zeug. Das Ganze auf vergilbten Blättern und mit einer altmodischen Schrift, vielleicht sogar auf Latein. Das kriege ich nicht beieinander!“ Er rief seinen Adjutanten zu sich. „Mike, du packst den ganzen Kram sorgfältig ein und schickst das ans Hauptquartier. Schreib dazu, wo genau ihr es gefunden habt. Die sollen entscheiden, ob sie das wegwerfen oder nach Hause schippern zur Analyse. Sollen sich da doch die Eierköpfe drum kümmern, ob das technisch wertvoll ist, oder was Altes, oder was weiß ich.“
Mike machte sich an seine Aufgabe, aber dem Major fiel noch etwas ein. „George, sei so nett und gib dem Jungen, der da draußen wartet, noch seine Schokolade. Er kann ja nichts dafür, was die Krauts alles angerichtet haben.“
***
„Kommst du nachher zu meinem Vortrag?“ Simon Rosenblad versuchte, seinem vis-à-vis, Kate Morgan von der Yale University, tief in die Augen zu schauen. Ob er Chancen bei ihr hatte? Wenn sie tatsächlich kam, würde er sie heute Abend zum Essen einladen.
Kaum aus der Army entlassen, hatte er vor gut einem Jahr seinen alten Job an der Harvard University wieder aufgenommen: Assistenzprofessor im Department für Germanistik, Spezialgebiet: Hochmittelalter. Dafür hatte er sich schon während des Studiums in Berlin interessiert. Dann war die Familie vor den Nazis aus Deutschland geflohen, gerade noch rechtzeitig. Nach Amerika. Warum hatte er dann sein Studium der Germanistik fortgesetzt? Und das selbst dann, als die Nachrichten aus dem alten Heimatland immer schlimmer wurden: Verfolgungen, Enteignungen, Morde, … und dann der Krieg.
Vielleicht, so dachte er, weil es am einfachsten war. Ich wollte rasch zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Vielleicht auch aus Trotz: Das ist meine Sprache, das ist meine Kultur, nicht die der Nazis. Und so ergriff er mutig die Gelegenheit, sich um eine freie Stelle für Mittelhochdeutsch zu bewerben, und hatte Erfolg.
Den Krieg hatte er gehasst. Natürlich war es seine Pflicht, zum Sieg über die Nazis beizutragen, diese Armee und diese Leute dafür zu bestrafen, was sie den Juden und vielen anderen angetan hatten. Aber das Militärische war ihm eigentlich zuwider. Und so nutzte er die erste Gelegenheit, in die USA, zweifellos jetzt seine Heimat, zurückzukehren.
Aber so leicht ließ ihn die Army nicht los. Wenige Wochen nach Wiederaufnahme seiner Tätigkeit trudelte ein Paket auf seinen Schreibtisch. Es enthielt einen Packen vergilbter Blätter. Die Heeresleitung bat um eine Sichtung und Einschätzung des Materials, nicht ohne versteckten Appell an die Verbundenheit des Veteranen. Veteran, dachte er, merkwürdiger Gedanke! Aber er machte sich an die Arbeit. Das Ergebnis würde er heute, auf dem jährlichen Treffen der Medieval Academy of America, vortragen, als dritter Redner in der Vortragsreihe vier.
Eigentlich war er enttäuscht, dass sich nur ein knappes Dutzend Zuhörer im Hörsaal verlor. Aber dann machte er sich klar, dass man ein Jahr nach Kriegsende keine Begeisterung für das deutsche Mittelalter erwarten konnte. Also begann er damit, sich selbst vorzustellen, aber richtig in Schwung kam er erst, als sich die Tür auftat und ein verspäteter Gast auf einen Platz rechts hinten hastete: Kate!
Inspiriert von ihrem Lächeln, zündete ihm ein Einfall: Zuerst habe er bei den Zeichnungen, um die es hier ging, an ähnliche Konstruktionen des Meisters der Mona Lisa, Leonardo da Vinci, gedacht. Auch er war ein Erfindergeist und mit manchen Ideen seiner Zeit weit voraus. Aber die Form der Schrift auf diesen Blättern – er verwies auf den Stapel –, das Mittelhochdeutsch alemannischer Färbung, auch bestimmte Eigenheiten der lateinischen Kunstsprache verwiesen eindeutig auf das 14. Jahrhundert in Süddeutschland. Die Chemiker, die er um eine Analyse des Papiers und der Tinte gebeten hatte, kamen zum gleichen Befund. Also: Anderer Ort und andere Zeit als Leonardo. Das entsprach ja auch dem Fundort. Letztes Beweisstück war die Selbstbezeichnung des Autors, die aus zwei Stellen...




