Winkler | Der eigene Weg | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 532 Seiten

Winkler Der eigene Weg


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7407-5923-0
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 532 Seiten

ISBN: 978-3-7407-5923-0
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tom Treppin ist Professor für Neurochirurgie - und er ist stumm. Als bei seinen Söhnen kurz nach der Geburt eine Gehörlosigkeit diagnostiziert wird, scheint der Weg zur Cochlear Implantation selbstverständlich. Doch in Tom wehrt sich alles gegen die Operation und die übliche Frühförderung. Wird es ihm trotz seiner Stummheit und Zurückhaltung gelingen, seiner Frau, ihrer Familie und den ärztlichen Kollegen seine Motivation verständlich zu machen?

Beate Winkler, 1973 geboren in Hamburg, studierte Medizin in Lübeck. Ihre Weiterbildung zur Kinderonkologin absolvierte sie in Tübingen und Würzburg. Seit 2015 lebt sie mit ihren zwei Söhnen in ihrer Heimatstadt. Sie arbeitet weiterhin als Ärztin und schreibt in ihrer Freizeit. 2016 erschien die Trilogie "Viersamkeit, Flucht in die Zweisamkeit, Aus der Einsamkeit"
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II


Kathrin saß auf dem Sofa und betrachtete lächelnd ihre drei Männer, die gemeinsam auf dem Fußboden am Heiligabend die frisch ausgepackten Weihnachtsgeschenke bespielten. Sie hatten den Jungen eine große Packung Duplosteine geschenkt. Kathrin war überrascht gewesen, welchen Spaß Tom plötzlich beim Einkaufen der Spielsachen entwickelt hatte. Er hatte Abende vor dem Internet gesessen und immer wieder überlegt, was die schönsten Geschenke wären. Sie hatte sich im Stillen gefreut, es war so normal, so weit weg von seiner Weihnachtsangst, der Melancholie, die ihn sonst immer in der Adventszeit überfallen hatte. Noch überraschter war sie gewesen, als er vorschlug, dieses Jahr das große Familienfest in ihrem Hause auszurichten, ihre ganze Familie einzuladen. Sie hatte es nicht hinterfragt, die Unsicherheit in seinem Gesicht bei dem Angebot wahrgenommen. Sie hatte einfach erfreut zugestimmt.

Alexander griff nach dem roten Duplostein. Tom hielt ihn kurz fest, redete mit seiner freien Hand zu Alexander.

Tom überließ mit einem belohnenden Lächeln Alexander den Legostein, den er mit einigem Ruckeln auf der grünen Platte befestigte. Tom tippte Gregor an, dieser sah auf.

» er hatte das Spiel schon verstanden, sein Vater wollte das Wort, dann bekam er den Stein. Seine kleinen Hände zeigten es fast beiläufig. So bauten beide Kinder einen Legoturm und trainierten nebenbei die Farben und weitere Adjektive, den großen, den kleinen, man konnte die Form der Steine wunderbar in die Luft malen. Der Turm wurde hoch und höher, schließlich mussten die Kleinen im Stehen die neuen Steine oben an dem Gebäude befestigen.

Alexander zeigte: » vor Begeisterung juchzte er. Sie lächelte ihm zu.

Gregor war still dabei, weitere Steine an dem Turm zu befestigen, mit einer ungeheuren Konzentration widmete er sich seiner Aufgabe. Tom saß auf dem Fußboden, hinten auf seine Arme gestützt sah er seinem Zweiten versonnen zu.

Alexander war auf Kathrins Schoß gekrabbelt, unruhig hibbelte er hin und her, sah sie an.

»Tom?«

Er sah auf, bei dem einzigen Laut, der neben dem Klicken der Legos die Stille durchschnitt.

Tom verdrehte ein wenig die Augen.

Sie hob Alexander von ihrem Schoß.

Er lief davon auf seinen Bruder zu, sammelte weitere Steine, um den Turm noch zu vergrößern. Tom gesellte sich kniend zu den beiden, hielt den Turm, damit er unter den Baumeistern nicht zusammenbrach.

Kathrin mühte sich auf die Füße. Innerlich lächelte sie. Vor einem Jahr war es noch fast unmöglich gewesen, sie hatte genauso lange gebraucht wieder zum Laufen zu kommen, wie ihre Zwangspause angedauert hatte. Sie ging in ihrer üblichen langsamen und schwerfälligen Gangart in die Küche. Sie war so dankbar, dass es wieder ging, wieder alles so war, wie vor der Schwangerschaft, es hatte sie viel Kraft gekostet, es hatte eines unermüdlichen Trainings bedurft, wie oft war sie fast verzweifelt und kurz davor gewesen aufzugeben und sich in den Rollstuhl zu setzen. Tom war immer da gewesen, wenn es ihr zu viel wurde. Der Stress, zwei Säuglinge, füttern, windeln, eine unendliche Aneinanderreihung halb durchwachter Nächte. Phasenweise war sie an die Grenzen ihrer Kraft gekommen. Tom hatte es gespürt und war zur rechten Zeit zur Stelle gewesen. Er war nicht nur einfach dagewesen und hatte ihr zugehört, sie hatte bei ihm ihren Frust abladen können und dann war es schon besser gewesen, sondern er hatte auch für Strukturen und Unterstützung von außen gesorgt. Eine Tagesmutter und Putzhilfe an mehreren Tagen die Woche, damit sie in Ruhe ihre Krankengymnastik machen konnte, in der Praxis ihrer Mutter, nicht zu Hause, wo immer die Kinder ihr Recht forderten. Und schließlich hatte ihr das Konstrukt sogar ermöglicht wieder arbeiten zu gehen, halbe Tage, seit die Kinder zwölf Monate alt waren, wie in so vielen anderen Familien auch. Die Tagesmutter, Tina, war wunderbar. Eine Freundin von Tom aus Kindertagen, zu der er lange keinen Kontakt mehr gehabt hatte. Sie war aus Stuttgart zufällig nach Lübeck zurückgekommen und brauchte einen Job. Es war schwierig für sie wegen ihrer Gehörlosigkeit und der geringen Ausbildung, sie war in einem Heim groß geworden und hatte nie eine richtige Chance gehabt in ihrem Leben. Für Kathrin und Tom war es ein Glücksfall, als sie sich meldete. Die Idee, Tina einzustellen, kam von Tom. Tina hatte sie fassungslos angesehen.

Es war Tom, der diese Worte sagte, mit einer Wärme und Freundlichkeit im Gesicht, die Tina hatte lächeln und schließlich das Angebot annehmen lassen. Tina wohnte in der oberen Etage des Hauses, die ohnehin leer gestanden hatte. Für heute Abend hatte sie sich zurückgezogen. Sie war immer wieder zurückhaltend, in Sorge Kathrin und Tom zu nahe zu kommen. Es war aus vielerlei Gründen gut, sie zu haben. Sie verstand sich bestens mit den Kindern, sie teilte die Sprache mit den Kleinen und Tom und sie war eine der wenigen in ihrem Leben, die Tom von früher kannte, mit seiner Mutter, seinem Bruder, aus der Zeit vor der Katastrophe, die ihm die Familie genommen hatte und ihn in eine unendliche Einsamkeit geworfen hatte. Sie kannte Tom noch mit seinem Zwilling Michael. Manchmal wenn sie die kleinen Jungen, Gregor und Alexander, ansah, musste sie an Tom und Michael als Jungen denken, an ihre eigene Kindheit, deren wenige guten Tage in der Familie von Tom gewesen waren. Jetzt konnte sie ihm etwas zurückgeben. Seine Mutter hatte sie damals entdeckt, gefunden, in dem Kinderheim, in dem alle dachten, sie wäre zurückgeblieben und ihre Taubheit nicht bemerkt hatten. Toms Mutter hatte ihre Hörstörung diagnostiziert und sich ihr angenommen, das kleine Mädchen immer wieder an den Feiertagen und in den Urlauben mit in ihre Familie genommen. Zu Michael, aber vor allem zu Tom, der ihr Gefährte wurde, der ihr eine Sprache gab, der für sie dolmetschte, ihr die Welt erklärte. Er war nur zwei Jahre älter, aber schien ihr damals so unendlich klug. Sie leistete ihm im Gegenzug Gesellschaft, lachte über seine vorsichtigen Witze und gab dem stillen, schüchternen Jungen Freundschaft, ein Lachen. Sie waren nie ein Paar gewesen, viele hatten es gedacht, aber sie waren Gefährten gewesen, die sich in ihrem Alleinsein gefunden hatten. Sie war gut für ihn gewesen, weil sie so einfach fröhlich sein konnte, so unkompliziert war und sich fraglos in die Familie einfügte. Sie ging nach jedem Aufenthalt in dem Haus seiner Eltern mit einem traurigen Blick, immer zu tapfer, um wirklich die Tränen zuzulassen, wenn sie wieder in das Heim musste. Dort war sie allein, das Verstehen so schwierig, auch die Schule setzte ihr nur Widerstand entgegen. Vielleicht war sie mit acht Jahren einfach zu alt für den Spracherwerb gewesen, ein Verlust, den sie ihr Leben lang nicht wieder aufholen konnte. Sie lernte mühsam, etwas zu sprechen, aber blieb schwer zu verstehen. Ein Buch zu lesen war schwieriger als einen Berg zu besteigen für sie. Sie mied die Buchstaben, wo sie nur konnte und hatte somit kaum eine Chance auf eine gute Ausbildung. Mit Mühe und Unterstützung durch Tom und seine Mutter schaffte sie den Hauptschulabschluss, sie hatte mit ihm gelernt, er war so ein geduldiger Lehrer gewesen, er hatte erklärt, erklärt und erklärt, immer wieder versucht, ihr die Dinge nahe zu bringen. Zahlen lagen ihr mehr als die Buchstaben und sie konnte wunderbar zeichnen.

Tom hatte Kathrin viel von Tina erzählt. Kathrin dachte bei Anrühren des Kinderbreis mit einem Lächeln an ihre gute Fee, die ihr all die Hausarbeit ohne eine Klage abnahm und so wunderbar erledigte, die ihre zwei Kinder liebte. Neben dem Kinderbrei entschloss sie sich, noch Pasta zu machen, Pasta mit Pesto, einfach aber lecker und auch für Tom einigermaßen zu essen. Morgen käme das große Weihnachtsbuffet.

Sie...



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