E-Book, Deutsch, 308 Seiten
Winkler Der Vampir von Hinterwaldeck
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-19447-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 308 Seiten
ISBN: 978-3-347-19447-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922 wird auf dem Einödhof 'Hinterwaldeck' eine ganze Familie ausgelöscht. Während die Öffentlichkeit über Jahrzehnte rätselt, wer der Mörder ist, weiß es Markus Winkler ganz genau. Jetzt, einhundert Jahre nach der Bluttat, öffnet er das Familienarchiv und erzählt die Geschichte seines Urgroßvaters Anton Winkler, der alles miterlebt hat - ein Geheimnis, das die Familie über Generationen bewahrte, wird nun gelüftet. Der Roman 'Der Vampir von Hinterwaldeck' basiert auf einer wahren Begebenheit und überlieferten Sagen und Legenden aus dem Schrobenhausener Land.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1: An der Westfront (1914-1918)
AUGUST-NOVEMBER 1914
Mitte August 1914 kamen Anton Winkler und Karl Laag in das 13. Königlich Bayerische Reserve-Infanterie-Regiment. Sie wurden in einem Rekrutendepot ausgebildet und traten am 01.10.1914 an der Westfront ihren Kampfeinsatz an. Es ging direkt in die Schlacht bei Arras, die Teil des Wettlaufs zum Meer war, dem Vordringen zur belgisch-französischen Nordseeküste. Es folgten die Stellungskämpfe im Artois und damit der Beginn des Stellungskrieges, also der Kampf im Schützengraben, der so sinnbildlich für die Westfront war. Noch waren die Gräben eher behelfsmäßig und liefen ständig mit Wasser voll – stundenlang standen die Männer im Wasser, bei einbrechender Winterkälte! Die Verluste in den ersten Monaten waren zahlreich, da die Reservisten keine große militärische Erfahrung hatten, wogegen vor allem bei den Engländern fast nur Berufssoldaten in den Reihen standen, die schon in den zahlreichen britischen Kolonialkriegen gekämpft hatten. Anton und Karl überlebten diese erste Zeit jedoch mit Glück, das viele ihrer Kameraden nicht hatten. Im Dezember war allen klar: Weihnachten würden sie nicht zu Hause verbringen, entgegen aller Beteuerungen des Kaisers und der Generalität.
11. DEZEMBER 1914
Trotz der ersten Feuertaufe und vieler Gefallenen, war die Begeisterung unter den Soldaten immer noch groß, an diesem gewaltigen Geschehen teilnehmen zu dürfen. Den beiden Bauernburschen Anton und Karl schwante jedoch, dass das hier nicht das französische Abenteuer war, von dem die Großväter erzählten, die den Krieg von 1870/71 miterlebten. Das war eigentlich für Viele die Motivation, auch für Anton. Bei Karl lagen die Dinge allerdings etwas anders: Er hatte sich Anton wenigstens so weit anvertraut, dass er aus der kurzen Ehe wegwollte, denn Viktoria war zwar schön, aber die Familie schlecht und er rückte mit mindestens einem pikanten Detail heraus. Anton verstand andeutungsweise, was dort vorgegangen sein musste – und das Schlimmste war: Karls Frau wollte sich bei dem Problem nicht helfen lassen; er hätte den alten Greiner, Viktorias Vater, am liebsten rausgeschmissen und des Anwesens für immer verwiesen, aber er konnte sich nicht durchsetzen. Anton war sich immer schon sicher, dass es etwas mehr sein musste, als nur das magere Essen, das Karl auf Hinterwaldeck aufgetischt bekam. Deswegen die schwangere Frau zu verlassen, hätte er nicht gutgeheißen, aber das! „Unfassbar“, sagte Anton zu dem, was Karl ihm enthüllte.
Durch den Krieg war die Scheidung zwar zunächst vom Tisch, aber wie es mittelfristig weitergehen sollte, wusste Karl nicht, war doch nicht einmal sicher, ob er lebend aus dem Krieg zurückkehren würde. Aber Karl merkte, dass auch bei den anderen Männern aus Bauernfamilien nicht alles eitel Sonnenschein war. In den Briefen der Kameraden ging es selten um die Liebe und oft um knallharte Entscheidungen in privaten und wirtschaftlichen Dingen, denn die Frauen waren nun alleine und mussten die Geschäfte auf dem Hof führen. In vielen Briefen wurde hart gerungen und teilweise auch Unfreundlichkeiten ausgetauscht. Diese Erkenntnis machte es Karl etwas leichter, mit seiner Situation zurechtzukommen. Die Viktoria regelte sowieso alles ohne ihn, denn für sie war es immer noch ihr eigener Hof und Karl nur ein Gast.
Briefe wollte Karl nur seinen Eltern und anderen Angehörigen der eigenen Familie schicken – mit seiner Frau wechselte er wohl nur ein einziges Mal Worte und das war wegen der Schwangerschaft. Und doch musste er sie geliebt haben, seine Viktoria, denn ein Bild von ihr trug er bei sich.
Anton selbst kannte die Greiner-Familie nicht sehr gut, denn mit der Landwirtschaft hatte er nichts am Hut und daher auch keinen engen Kontakt zu den Landwirten der Umgebung – auch und erst recht nicht zu den Hinterwaldeckern. Aber Antons Mutter meinte, dass sie nichts Gutes über diese Familie zu erzählen wüsste. Anton war, was Gerüchte betraf, immer schon schlecht informiert, weil er sich dafür normalerweise nicht interessierte, aber nun betraf es seinen Freund. Offensichtlich überwog bei der Heirat das wirtschaftliche Interesse, denn Karl konnte in eine recht begüterte Familie einheiraten und der Hahn im Korb werden – zumindest theoretisch. Auch durfte man nicht vergessen, dass Karl fünf Brüder hatte und er war der älteste, also erbte er eigentlich den Hof und die anderen mussten schauen, wo sie blieben. Das führte gerne und oft zu Spannungen in den Familien – wenn dann die Chance bestand, einen der Söhne gut unterzubringen, dann musste diese genutzt werden; Liebe hin oder her. Im Fall der Laags rückte nun der zweitälteste Sohn Josef als Erbe des Hofs nach, weil Karl mit Hinterwaldeck nun mit einem eigenen Hof versorgt war. Somit war diese Beziehung sinnvoll, wenn auch emotional ungefestigt.
Was die Liebe betraf, lief es bei Anton harmonischer: Er hatte eine Verlobte, in die er sehr verliebt war, und die hieß Klara. Sie kam aus Ingolstadt und war eine Metzgerstochter. Das war nicht einfach durchzusetzen, weil Antons Vater für ihn schon eine andere Frau ausgesucht hatte, aber der ließ sich überreden, und so übernahm Antons jüngerer Bruder Jakob, der wegen eines Gehfehlers ohnehin nicht wehrtauglich war, die ausgesuchte Frau (Rosa, die Tochter eines anderen Landwirts aus Waldhofen). In Jakobs Händen war der Hof eindeutig besser aufgehoben, denn der konnte nicht im Krieg fallen. Und auch der Vater musste erkennen: Anton und Landwirtschaft waren zwei Dinge, die nicht auf einen Nenner zu bringen waren. Anton freute sich daher, dass sein Vater verständnisvoll war und ihn gewähren ließ. Umso mehr traf es Anton, dass Wolfgang Winkler Ende Oktober 1914 verstarb und er nicht bei ihm sein konnte, als er seinen letzten Atemzug tat. Die Mutter Josepha informierte Anton über die Feldpost über des Vaters Tod; eine Lungenentzündung raffte ihn dahin. Die Lunge des Vaters war wegen des vielen Pfeiferauchens sowieso schon angegriffen und auf den Rat anderer wollte er nicht hören. Das hatte sich nun gerächt. Ein Brief seines Bruders Jakob folgte einige Zeit später, in dem es um das Testament und die Erbschaft ging.
Der Unterstand war eine Art Bunker, mit Holzbrettern ausgekleidet, der vom Schützengraben aus zugänglich war. Hier hielten sich die Soldaten auf, wenn sie sich vor dem gegnerischen Granatfeuer in Sicherheit brachten oder sich ausruhen durften. Einige Meter unter der Erde, war vom Granatfeuer nur noch ein dumpfes Grollen und leichte Erschütterungen zu vernehmen, sodass ein wenig Entspannung möglich war. Karl saß an diesem Abend am Tisch, der in der Mitte des Schlafraums stand, und spielte mit drei anderen Kameraden Schafkopf. Umgeben waren die vier Kartenspieler von fünf Stockbetten, in denen jeweils zwei Mann schliefen. In einem davon lag Anton, der gerade einen Brief an seine Klara schrieb, was seine liebste Beschäftigung nach dem Lesen ihrer Antworten war:
Neuville, d. 11. Dezember 1914, Freitagabend 3/411 Uhr.
Mein heißgeliebtes Mädchen! Klara
Jetzt habe ich etwas Ruhe. Liege hier im Unterstand auf meinem Strohbett und versuchte ein wenig zu schlafen, aber es wollte mir nicht gelingen. Das Ungeziefer lässt mich nicht. Ein Lichtblick – man ist hier nie ohne Gesellschaft. Dann machen die Kameraden so viel Krach beim Kartenspielen. Und dann kracht regelmäßig eine Granate vom Franzosen herunter und man wacht sowieso wieder auf. Manche haben aber so einen gesegneten Schlaf – die würden sogar ihren Tod verschlafen.
Draußen ist es bitterkalt, aber unser Unterstand ist ein Backofen. Viele sind krank wegen dem ganzen Hin und Her, heiß und kalt. Übrigens soll ich Grüße vom Michler ausrichten. Den hast du ja beim Maifest kennengelernt. Der ist in einer Nachbarkompanie und ist auch schon am Fluchen. Hier und da sehe ich beim Essenholen ein paar bekannte Gesichter, aber wenns ums Essen geht, da herrscht keine Geduld und ich kann mich nicht unterhalten mit den Leuten. Und wir dürfen auch nicht zu weit weg und herumstreunen, wenn wir an der Front sind. Aber schön haben wir es uns doch gemacht. Gestern kam einer der Kameraden vorbei und hatte einen kleinen Tannenbaum dabei – den haben wir geschmückt mit tollen Sachen, die hier die Leute schnitzen und feilen, aus Splittern und Patronenhülsen. Schön ist er geworden, unser Christbaum.
Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich um jeden Tag bin, den ich weiterleben darf. Ich schlafe nachts ein und denke an dich – ich wache morgens auf und denke immer noch an dich. Und ich will jeden Tag an dich weiterdenken, bis ich wieder zuhause bin und wir dann heiraten. Weißt du noch, als wir im Juli am See waren? Nur wir zwei? Ich lebe diesen Augenblick immer wieder und wieder. Du mußt mir das nächste Mal etwas von dir schicken, an dem dein Geruch ist. Ein Taschentuch, das du nahe an dir getragen hast. Ich will, daß du mir nahe bist. Du bringst mir Glück.
Bist du jetzt bei Mama? Ich finde es schön, daß du bei ihr sein wirst, jetzt da mein Vater gestorben ist. Sag ihr,...




