Winkler | Die Müllsammlerin | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 356 Seiten

Winkler Die Müllsammlerin


2. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7392-5706-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

ISBN: 978-3-7392-5706-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Anfang fünfzig, geschieden, beliebter Lehrer eines süddeutschen Kleinstadtgymnasiums mit Müdigkeitserscheinungen, dazu eine verheiratete Geliebte, die kaum Zeit hat - war's das oder kommt noch etwas außer dem Alter?, fragt sich der Held dieses Romans. Kurzentschlossen lässt er sich für drei Jahre ohne Bezüge vom Schuldienst beurlauben; schon dieser Entschluss bringt eine neue Dynamik in sein Leben. Ein halbes Jahr später bricht er mit seinem Wohnmobil zu einer mehrmonatigen Reise auf. Die äußere Reise durch die spätsommerlichen Landschaften Frankreichs und Spaniens wird, nicht zuletzt nach einer Meditationswoche in der Auvergne, zunehmend zu einer inneren. Ängste tauchen auf, genauso wie Gestalten und Ereignisse aus seiner Vergangenheit. Muss er das Alte zulassen, um im Jetzt ankommen zu können? Streift Freiheit Verantwortung ab oder macht sie frei, Verantwortung - endlich für sich selbst - übernehmen zu können? Ein nachdenklicher Reiseroman für Menschen, die in die zweite Hälfte ihres Lebens schauen ... und dort noch etwas zu entdecken hoffen.

Gerhard Winkler, 1955 in Worms am Rhein geboren, unterrichtete als Deutsch-, Politik- und Jonglierlehrer an verschiedenen Gymnasien und Volkshochschulen in Süddeutschland. Er übt seit dreißig Jahren das meditative "Sitzen in der Stille". 1997 schloss er eine Ausbildung als Psychotherapeut ab und assistiert regelmäßig in diesem Kontext. Jahrelange Auszeiten mit ausgedehnten Rucksackreisen und seit einem Jahrzehnt mit dem Wohnmobil erfüllen seine Träume vom Leben in und mit der Natur. Seit 2015 wohnt er mit Frau und Hund in einem kleinen Dorf an der Altmühl. Im gleichen Jahr erschien sein Debütroman "Die Müllsammlerin".
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TEIL 1


ICH fange also mit dem Früher an, wenn ich diese Geschichte beginne. Obwohl ich von der Reise, die mich sehr verändert hat, längst zurück bin. Veränderung? Einspruch! Sie hat mich nicht verändert, diese Reise, aber sie hat fast vergessene, vorher kaum noch gelebte Schichten in mir freigelegt; verblasste Erinnerungen erneut mit Farben gefüllt; Traumbilder und Visionen in Realität umgesetzt und Realität in Traumbilder verrückt; ja, sie hat mir Zeit und Raum für mich geschaffen, mich oft glücklich, zeitweise verdammt unglücklich gemacht, diese Reise, und doch so angefüllt, dass ich sie aufschreiben möchte.

Also doch Veränderung?

Von mir aus auch das: aber letztlich nur so, wie es ist, wenn ich morgens aufwache, wenn du aufwachst.

Immer bin ich, wenn ich aufwache, bist du, wenn du aufwachst, der Gleiche und doch ein anderer. Das Wasser im nahen Fluss ist weitergeflossen, die Erde hat sich gedreht; vielleicht liegt scheinbar der gleiche Mensch wie gestern neben dir, vielleicht: und dennoch ist dieser Morgen ein neues Leben, genauer gesagt, der erste Tag vom Rest deines Lebens.

Du kannst ihn gestalten wie den Tag gestern und wie den morgen, du kannst, aber du musst nicht.

Veränderung also nichts anderes, als eine andere, lange nicht mehr oder noch nie benutzte Schublade im eigenen Inneren öffnen? Oder die Schublade langsam öffnen, etwas Kleines dazulegen, vielleicht auch nur das Alte umsortieren, eine neue Rangordnung ausprobieren? Könnte sein, aber so gesehen fühle ich mich doch sehr verändert.

Natürlich brauche ich einen Titel, wenn ich meine Geschichte aufschreiben möchte.

Das ist einfach, denn „Die Müllsammlerin“ schlummert schon lange tief in meinem Kopf und Bauch.

Warum gerade den?, frage ich mich selbst.

Die Antwort soll diese Geschichte geben, die Geschichte meiner Reise …

ALS es zur Pause klingelt, endlich klingelt, atmet er innerlich sichtbar auf. Ich habe es satt, denkt er, als er „Rechtschreibung: das-dass Übungen“ ins Tagebuch der 7c einträgt. Hausaufgaben hat er keine gegeben, viel zu anstrengend, sie in der nächsten Stunde kontrollieren und die zehn Schüler, die sie vergessen, verloren, nicht gemacht haben, bestrafen zu müssen.

Ich bin müde, und ich habe es satt. Er seufzt. „Es“ sind die pubertierenden Kinder eines Kleinstadtgymnasiums, dreizehn, vierzehn Jahre alt, quicklebendig, hormongesteuert, nervig, aufgedreht, wach und für jeden Mist bereit, ganz normale Jugendliche also; jeder und jede für sich wirklich okay, in einer dreißigköpfigen, durcheinander quasselnden Meute jedoch kaum zu ertragen.

Aber ich konnte doch damit die ganzen letzten Jahre umgehen, denkt er. Was ist los, was kaputtgegangen? Wieso verliere ich nach zehn Minuten die Beherrschung und schreie herum, frustriere nach zwanzig Minuten, verliere jeden Humor und sehne nur noch das Ende der Stunde herbei? Ich schaue ja mehr auf die Uhr als die Kids.

Er fühlt sich schwerfällig und alt, als er seine Unterrichtsvorbereitung, von der er nur einen Bruchteil in der Stunde umsetzen konnte, zusammenpackt und den Gang zum Lehrerzimmer entlang schlurft.

Ausgebrannt! Ja, ich bin ausgebrannt, gesteht er sich ein.

Große Pause. Etliche Kolleginnen und Kollegen schimpfen lautstark über ihre Klassen und die letzte Stunde. Die Kinder werden immer schwieriger, unzumutbar dieser Job; das Niveau sinkt ab, Computer und Fernseher haben die Schüler längst im Griff, die Eltern haben allemal den Erziehungsauftrag versäumt, die Frechheiten sind kaum noch zu überbieten … in allen Variationen hört er Gesprächsfetzen dieser Art im langsam sich füllenden Raum. Früher hat er wenigstens innerlich gegen diese verzweifelten Entlastungen und Verdammungen rebelliert. Nein, die Jugend ist nicht dümmer, desinteressierter, gewalttätiger, Medien versklavter geworden, nur wir älter, frustrierter, neidisch auf das unbekümmerte Jungsein, das hat er vertreten und wirklich geglaubt.

Außerdem hat er die Geschichten hinter den Kids gesehen: geschiedene Eltern mit aufreibenden Kämpfen zwischen den früheren Partnern, Alkoholprobleme und häusliche Gewalt, bei den ausländischen Jugendlichen der Crash zwischen den Kulturen. All das hat er in vielen Gesprächen erfahren und gehört, es hat sein Verständnis für die Schüler gestärkt, seine Toleranz bei Konflikten haltbar und sicher gemacht.

Aber jetzt fällt ihm das nicht mehr ein. Am liebsten würde er in den Frustrationskanon einstimmen, er setzt schon dazu an, doch da wird er an die Tür des Lehrerzimmers gerufen. Eine eifrige Schülerin der Oberstufe gibt ihr Handout für das Nachmittagsreferat ab, pünktlich und gut ausgearbeitet, ob er es für alle kopieren könne?

Kann er natürlich … und während die Kopien durchlaufen, wird ihm klar, dass er gerade das Gegenteil von dem erlebt hat, was er noch eine Minute vorher im Lehrerzimmer gehört und gedacht hat. Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Engagement, all das gibt es in dieser Schule, genauso wie das Gegenteil.

Ich muss hier raus, weiß er plötzlich, ich bin ein Großteil meines Problems, nicht die anderen. Ich funktioniere ja fast nur noch, da ist kaum noch Freude und Kraft für meinen Beruf …

Genau dieses Gefühl taucht wieder in ihm auf, als er im Gemeinschaftskundekurs in der letzten Reihe sitzt und dem Referat zuhört. Es ist gut aufgebaut, nicht zu viele, nicht zu wenige Medien, klare Gliederung, gute Beispiele, von der Schülerin mit leicht nervöser, aber stimmiger Lebendigkeit vorgetragen, und auch das Thema „Greenpeace – eine NGO im Umbruch“ stimmt. Selbst der Kurs scheint, dem Nachmittagstermin entsprechend, am Thema interessiert, nur er ist nicht wirklich dabei. Kein Funke an echtem Interesse ist in mir … ich arbeite mein Leben nur noch ab, denkt er plötzlich, zutiefst verzweifelt über die Leere und Hoffnungslosigkeit, die da mitschwingt.

Und auch als sie das „Wahlsystem der Bundesrepublik Deutschland“ anschließend an das Referat vor der Klausur in der nächsten Woche wiederholen und vertiefen, spürt er nicht nur, dass die Schülerinnen und Schüler vor allem wegen der Klausur mitarbeiten, was ja eigentlich verständlich ist, auch er funktioniert nur, weil er halt da ist … und so verrinnen die Minuten seines Lebens, Anfang fünfzig, noch 15 Jahre bis zur Pension, immer im müden Trab weiter … und diese frustrierte Auflehnung begleitet ihn in den frühen Abend und bereitet ihm eine von Zweifeln zermarterte Nacht.

AM nächsten Morgen sitzt er wie gerädert auf seinem Meditationskissen und wieder kommt dieses Gefühl von „Es ist genug!“ in ihm auf. Atme ein und aus, gibt er sich vor, lass es weiterziehen wie Wolken am Himmel … doch das graue Wolkenband bleibt, bis die Uhr nach fünfundzwanzig Minuten piepst.

Ich muss Esther anrufen, denkt er plötzlich, die kennt mich auswendig; mal hören, was die spontan zu meinen Ideen sagt. Zwanzig Jahre waren sie verheiratet, vor vier Jahren die Trennung. Auseinandergelebt irgendwie. Keine wirklichen Gründe, mal abgesehen von einigen Liebschaften auf seiner Seite und einer größeren Verliebtheit auf der ihren. Schmerzhaft, sehr schmerzhaft war es am Anfang trotzdem, aber dann, nach einiger Zeit, sinnvoll. Er hatte die abbezahlte Eigentumswohnung behalten und das Wohnmobil, sie war mit den Bausparverträgen bei ihrem neuen Freund eingezogen. Eine faire Trennung, ohne unnötige Schmerzen und Intrigen, einen Anwalt hatten sie nicht gebraucht. Von einigen Freunden waren sie gar scherzhaft als das Scheidungspaar des Jahrhunderts tituliert worden.

Einige hässliche Szenen hatte es natürlich gegeben, doch als der erste Ärger und die eigentlich eher selbstbezogene Wut verraucht waren, er hatte sowieso bald gemerkt, dass bei ihm im Grunde mehr Angst vor dem Alleinleben als echter Zorn auf Esther im Hintergrund stand, waren sie allmählich wieder alte, vertraute Freunde. Ohne Sex zwar, klar, aber voller Verständnis für das Leben des anderen. Sogar streiten konnten sie noch, wie in ihrer Beziehungszeit, nur dass er schneller zurückzog und seine verletzende Art früher bemerkte. Es ging ja jetzt schließlich auch nicht mehr um ein Machtspiel in der Beziehung, sondern um eine Freundin, der man nicht sinnlos wehtun will …

Wo bin ich nur wieder gelandet?, bemerkt er plötzlich und wiederholt in sich: Ich will Esther anrufen … nur jetzt nicht, denn sie schläft noch, und er muss schauen, dass er in die Schule kommt.

Mit wem kann ich noch über das Ganze reden?, fragt er sich, als er zwischen den spätherbstlich herumwirbelnden Blättern die letzten Stufen zum Schulgebäude hoch läuft. Und da sieht...



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