Winkler | Die Tournee | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Winkler Die Tournee


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-6802-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-7562-6802-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Miriam und Leo mögen auf die Außenwelt wie ein ungewöhnliches Paar wirken: Sie ist eine erfolgreiche Violinistin, er ein blinder Psychologe. Ihr Leben pendelt zwischen einer innigen Zweisamkeit, in der sie in Gesprächen und in der Musik zusammenfinden, und den Tourneen von Miriam, die jedes Mal für beide eine fast unerträgliche Trennung bedeuten. Miriam reist von Stadt zu Stadt und fühlt sich in der Fremde trotz all der Menschen, die sie umgeben, allein. Leo bleibt in seiner Routine zu Hause zurück und sucht Gesellschaft mit Freunden und Familie, um die Leere in der Wohnung zu vertreiben. Doch diese eine Tournee wird mehr als eine örtliche Trennung sein. Sie wird zu einer unerwarteten Herausforderung.

Beate Winkler, 1973 in Hamburg geboren, studierte Medizin in Lübeck. Ihre Weiterbildung zur Kinderonkologin absolvierte sie in Tübingen und Würzburg. Seit 2015 lebt sie mit ihren zwei Söhnen in ihrer Heimatstadt. Sie arbeitet weiterhin als Ärztin und schreibt in ihrer Freizeit. Die Tournee ist ihr achter Roman.
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I


Er zögerte nur kurz in seinem Spiel, eine minimale kaum hörbare Verlangsamung des , als er hörte, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte. Tief Luft holend senkte er das Kinn in die Mulde seiner Violine und fuhr mit entschlossenem Strich fort. Im Hintergrund lauschte er den Geräuschen, wie sie die Schuhe von den Füßen streifte, der Reißverschluss ihrer Jacke, dann ihre leise tappenden Schritte. Sie hatte ihre Hausschuhe stehen gelassen, musste strumpfsockig sein, ihr schleichender, wie katzenhafter Gang. Seine Töne fluteten weiter den Raum, die rasche, wütende, kraftfolge Tonfolge, die er mit Macht seinem Instrument entlockte. Er war nicht voll auf seine Musik konzentriert, seine Finger senkten die Saiten wie fremdbestimmt, im Hintergrund arbeitete sein Radar, spürte er ihr Nahen. Er lockte sie weiter mit der Musik, bis sie ganz nah war, bis ihre Arme sich sanft um seine Hüften legten und sie einen zarten Kuss in seinen Nacken hauchte. Ihm lief ein Schauer über den Rücken, als er die Geige absetzte, sie und den Bogen fest in seiner Hand, diese nach unten gleiten ließ, in der Drehung, die er vollführte, mit der er sich ihr zuwandte. Seine freie Hand glitt ihren Arm hoch, umfasste mit aller Zärtlichkeit ihre Wange und er erwiderte ihren Gruß, seine Lippen fanden ihre. Noch in dem Temperament des Stückes gefangen drang seine Zunge mit aller Macht voller Wollen in ihren Mund. Sie erwiderte es, ein paar Takte der Musik hatten gereicht, sie in die gleiche Stimmung zu versetzen, in der er festhing. Seine Hand in ihrem Nacken drängte er ihr seinen Kuss auf, solange bis ihnen der Atem wegblieb. Er spürte sie Abstand nehmen.

»Die Zigeunerweisen von Sarasate?«

»Ja.«

»Ich habe sie dich noch nie spielen hören.«

»Ich glaube, ich habe sie zuletzt zu Schulzeiten gespielt.«

Seine Hand war immer noch in ihrem Nacken, er spürte ihr Kopfschütteln, sein Daumen auf ihrer Wange ihr Lächeln.

»Und du kannst sie immer noch auswendig? Du bist wirklich unglaublich! Sollen wir eine zusammenspielen?«

»Nein, lass mal. Wir können Abendbrot essen, der Tisch ist schon gedeckt.«

Er zog sie noch einmal kurz zu sich heran und löste sich schließlich aus der Umarmung. Er bemerkte ihr Zögern, die Frage, die ihr im Kopf herumging, aber sie ließ ihn.

»Ist gut. Ich geh schon mal in die Küche.«

Er verharrte noch einen Moment, während er ihr erneut mit seinen Ohren folgte. Sie hatte so gut gelernt, ihn mit ihren Worten informiert zu halten. Er genoss diese Interaktion, das Rücksichtsvolle, das Verständnis, das darin lag. Seine Hand glitt am Couchtisch entlang, bis sie auf den rauen Stoff des Geigenkastens stieß, vorsichtig bettete er sein Instrument hinein, verschloss das Gehäuse und stellte die Violine an ihren angestammten Platz neben dem Sofa.

»Ich mache einen Tee, ja?«, neben ihren Worten klackte schon der Deckel des Wasserkochers und der Wasserhahn begann sein Strömen.

»Wie wäre es mit einem Wein?«

»Haben wir etwas zu feiern?«

»Nein, einfach so. Einen roten, okay?«

Auf ihre Bejahung glitt er um den Küchentisch, seine Hand tastete nach der Arbeitsfläche, diese entlang, bis sie an den sie begrenzenden Kühlschrank stieß, ein wenig weiter nach hinten, das Gestell, das bis zu drei Weinflaschen beherbergen konnte. Er griff nach der obersten, drehte sie in der Hand so, dass sie das Etikett würde studieren können.

»Ein Merlot? Wäre das recht?«

»Absolut. Ich hole die Gläser«, ihre sich entfernende Stimme, »möchtest du zum Essen etwas Musik? Wir könnten den Sarasate noch weiter genießen.«

»Lieber etwas Ruhigeres.«

Ihr Lachen. »Du hast doch eben wie ein Verrückter gespielt.«

»Du hast doch den ganzen Tag Musik gemacht. Klingeln dir nicht die Ohren?«, er hörte, wie sie neben ihm Platz nahm, nur eine Ecke des Tisches zwischen ihnen, und reichte ihr die Flasche, »schenkst du ein?«

»Du weißt, dass es für mich nie genug Musik sein kann«, das Plätschern des Weines, der sich im Glas verfing, »hier.«

Er griff nach dem Weinglas und ließ die Hand mit dem Glas über dem Tisch schweben, wartend auf ihr Näherkommen. Das reine , als ihre Gläser zusammenstießen. Er lächelte innerlich bei dem Gedanken an ihren Weinglas-Kauf damals. Sie hatten sich mit den verschiedenen leeren Weingläsern zugeprostet, sie aneinander klingen lassen und ihre Wahl nach dem Ton getroffen, der erklungen war. Er hatte die Verwirrung des Verkäufers gespürt und ihn informiert, dass sie Musiker waren, der Klang eines Glases eine besondere Bedeutung habe. Es hatte dem Verkäufer ein erstauntes Lachen entlockt.

Er lauschte dem Ton hinterher.

»Du weißt genau die richtige Füllhöhe?«

Sie lachte: »Ja. Wir können ja erstmal genau so viel trinken, bis wir uns einen Ton tiefer wieder treffen?«

Das Treffen der Gläser, der Gleichklang, wie in ihrem Leben. Er nahm einen Schluck des fruchtig, vollmundigen Weins. Seine Hand glitt suchend nach ihrer über den Tisch. Sie stellte ihm ihre zur Verfügung, sanft strich er über ihren Handrücken, ihre Finger verhakten sich ineinander.

»Entspann dich und genießen wir den Wein.«

»Ein ?«

»Lieber als eine Tonleiter«, er lauschte dem Chopin, den sie aufgelegt hatte, »wie war dein Tag?«

Sie berichtete, das Orchester, der ziemlich gestresste Orchesterleiter, wie immer, wenn sie kurz vor ihren Aufführungen standen. Am Nachmittag der Unterricht, die unterschiedlichen Schüler, der hochbegabte Dreizehnjährige, der an nichts dachte, außer seine Musik, sein Außenseiterstatus, danach das fünfzehnjährige Mädchen, an dem alles Protest schien, von den aufgerissenen Jeans, dem tief-schwarzen Look bis zu ihrer blau-gefärbten wilden Haarmähne.

Er unterbrach sie: »Damit … mit diesem Aufzug, was zeigt sie damit? Du verstehst es als ein Statement, oder?«

»Ja, sicher.«

»Erklär es mir.«

»Sie zeigt damit, dass sie anders ist. Sie schreit es sozusagen heraus, dass sie sich auf keinen Fall anpassen will.«

Er schüttelte den Kopf: »Ihr seid wirklich verrückt. Wenn du ihren Aufzug abziehst, ist sie dann wirklich so?«

Er hörte, wie sie die Luft ausstieß.

»Warte«, ein kleines Lachen, »ich schließe übrigens gerade die Augen, um, wie hast du gesagt, ›den Aufzug abzuziehen‹.«

Auch er lachte: »Wahrscheinlich eine gute Idee. Willkommen in meiner Welt.«

»Also, den Aufzug abgezogen«, ihre Stimme war nachdenklich, langsam formulierte sie ihre Worte, »sie … sprachlich ist sie sehr … wohlerzogen, sehr eloquent, eigentlich fast fein. Sie ist ehrgeizig. Sie spielt wirklich gut Geige.«

»Macht dir der Unterricht mit ihr Spaß?«

»Ja, mehr als mit den meisten anderen.«

»Du bewunderst sie ein bisschen für den Mut, ein klassisches Instrument zu spielen in einem Outfit, das so gar nicht dazu passt?«

»Kann sein. Sie ist mir sympathischer als die superfleißigen Langweiler.«

»Als du fünfzehn warst, bist du auch ausgebrochen? Hast du nach außen zu verstehen gegeben, dass du dich … anders fühlst?«

»Nein, ich war immer angepasst. Meine Eltern hätten niemals zugelassen, dass ich mich so kleide.«

»Hättest du es gern gemacht?«, er strich über ihre Hand, die weiter warm in seiner lag.

Für einige Momente, bis ihre Antwort kam, hingen nur die Töne von Chopin in der Luft, eine der wunderbaren Solopassagen aus dem zweiten Klavierkonzert.

»Vielleicht. Ich weiß nicht. Ich … scheue Auseinandersetzungen. Ich falle nicht gern auf.«

»Du fällst auf, sobald du deine Geige in der Hand hältst.«

»Das ist etwas anderes.«

»Als Solistin stehst du voll im Rampenlicht, so sagt man das, oder?«

»Hm. Ich … mag das nicht wirklich.«

»Aber du kannst es«, mit den Worten zog er sie auf seinen Schoß und umarmte sie. Seine Hände suchten ihr Gesicht, er umfasste es mit beiden Händen und schenkte ihr einen zärtlichen Kuss.

Sie widmete sich ihm, ihre Finger durchkämmten sein Haar, sie verfingen sich kurz in seinen Locken.

Schließlich lösten sich ihre Lippen von seinen.

»Und dein Tag?«

»Alles wie immer.«

»Und deshalb spielst du wie ein Teufel Sarasate?«

Er schmiegte sich an sie. Sie würde spüren, dass ihn etwas umtrieb.

»Weißt du, dass es ein Buch gibt, dass ›Der Teufelsgeiger‹ heißt?«

»Leo, du lenkst ab.«

Er seufzte: »Ich … mag nicht...



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