Winkler | Tellos Sohn | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 230 Seiten

Winkler Tellos Sohn

oder Welchen Wolf du fütterst
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-8850-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

oder Welchen Wolf du fütterst

E-Book, Deutsch, 230 Seiten

ISBN: 978-3-7504-8850-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Leben von Tello, einem bekannten Rockgitarristen, der die 60 überschritten hat, gerät aus den Fugen, als er einen anonymen Brief erhält: »Dein Sohn wird heute zwei Jahre alt. Bitte keinen Kontakt aufnehmen.« Dieser kurze Text zwingt den kinderlosen Musiker dazu, sein bisheriges Dasein radikal in Frage zu stellen. Was bedeutet ein Kind für ihn? Wie wird seine Frau reagieren, wenn sie von seinen One-Night-Stands erfährt? Warum schreibt die Mutter diesen Brief? Doch vor allem: Soll das Kind erfahren, wer sein biologischer Vater ist? Gerhard Winklers zweiter Roman erzählt amüsant und gleichzeitig ernst von der Wahrheit und Wirklichkeit des Lebens.

Gerhard Winkler, 1955 in Worms am Rhein geboren, unterrichtete als Deutsch-, Politik- und Jonglierlehrer an verschiedenen Gymnasien und Volkshochschulen in Süddeutschland. Er übt seit dreißig Jahren das meditative »Sitzen in der Stille«. 1997 schloss er eine Ausbildung als Psychotherapeut ab und assistiert regelmäßig in diesem Kontext. Jahrelange Auszeiten mit ausgedehnten Rucksackreisen und seit einem Jahrzehnt mit dem Wohnmobil erfüllen seine Träume vom Leben in und mit der Natur. Seit 2015 wohnt er mit Frau und Hund in einem kleinen Dorf an der Altmühl. Im gleichen Jahr erschien sein Debütroman »Die Müllsammlerin«.
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ERSTES KAPITEL


TELLO


TOM TELLMANN; Spitzname Tello. Nicht Othello, wie einst der Wellensittich meiner Frau, obwohl sie auch mir gegenüber ab und zu verzweifelt ausruft „Oh, Tello!“, sondern einfach Tello.

Bekannt geworden bin ich durch die Band, mit der ich seit vierzig Jahren als Gitarrist durch die Welt tingele.

Erfolgreich übrigens; hervorragend verkaufte Alben, Tourneen überall in der Welt. Obwohl – allmählich wird es ruhiger um uns, seitdem wir die Neunundfünfzig überschritten haben. Eine magische Zahl, die Sechzig; seitdem nenne ich mein genaues Alter nicht mehr. Bleibe Ende fünfzig, seit nahezu drei Jahren. Mit sechzig wird man als alt abgestempelt und als sinnlich-sexueller Mensch nicht wahrgenommen, hat mir eine Freundin erzählt. Wer will das schon!? Nur noch Opa oder weise sein? Nicht ich! Also: Ende fünfzig.

Eigentlich ist es cool, mein Leben. Jede Menge Auftritte und Reisen, genug Geld, eine große Altbauwohnung mit hohen Decken in einer angesagten Gegend von Nürnberg. Dazu Anja, seit fünfzehn Jahren meine Partnerin. Etliche Jahre jünger als ich, prima gehalten dank Yoga, fast vegetarischer Ernährung und täglichen ausgedehnten Spaziergängen mit dem Hund.

In einer Scheune im Nürnberger Land steht unser Wohnmobil; wir fahren, wann und wohin wir wollen, wenn nicht gerade Auftritte anstehen. Eltern gestorben, keine Kinder.

Easy, oder? Stellt sich die Frage, warum ich heute zum ersten Mal im Vorzimmer eines Psychotherapeuten sitze. Eben ist ein Mann aus dem Besprechungsraum gekommen, hat schüchtern in meine Richtung gegrüßt, weg war er. Habe nur vorsichtig hingelinst, wäre mir peinlich, hier von jemandem erkannt zu werden.

TELLO SITZT draußen. Hat vor zwei Wochen angerufen und dringend um ein Gespräch gebeten. Er muss über sechzig sein mittlerweile. Früher waren meine Frau und ich auf jedem Konzert, das seine Band in der Gegend hatte. In den letzten Jahren ist es ruhiger um ihn und vor allem bei uns geworden, seitdem ich über vierzig bin.

Wusste überhaupt nicht, wie Tello mit bürgerlichem Namen heißt.

Was ihn wohl hertreibt, den Mann, den hier jeder kennt und der sich trotzdem anscheinend aus Skandalen rausgehalten hat? Denn die Klatschspalten hat er nie gefüllt, höchstens die Kulturseite …

SCHWEIGEPFLICHT. Deshalb sitze ich hier. Worüber ich sprechen möchte, nein, muss, das möchte ich niemandem erzählen, der es weitergeben könnte. Etliche haben mir von diesem Herrn Heyhäuser vorgeschwärmt. Einfühlsam, überraschend, mit einfallsreichen Ideen und Experimenten habe er sie unterstützt und zu neuen Einsichten verholfen; keine starre Analyse mit Couch, wie man sich das so vorstellt, wenig einmischend, mitfühlend. Empathisch, wie es so schön heißt.

Egal. Ich muss mit jemandem reden, sonst drehe ich durch. Schlafe schlecht, seitdem vor zwei Monaten dieser anonyme Brief angekommen ist; bin verwirrt, spiele unkonzentriert, selbst den anderen ist es aufgefallen, bin sinnlos unfreundlich zu Anja. Ich will ja deswegen nicht gleich eine Therapie machen, das habe ich Heyhäuser am Telefon gesagt, aber aussprechen muss ich mich, raus muss es.

Hätte theoretisch auch ein Pfarrer sein können; bin allerdings vor dreißig Jahren aus der Kirche ausgetreten. Telefonseelsorger ging nicht, zu unpersönlich; ich will ein Gesicht vor mir haben. Ein Glück, dass Heyhäuser relativ schnell Zeit hatte für ein „Vorgespräch“, wie er es am Telefon nannte. Ich müsste mit einer mindestens halbjährigen Wartezeit für einen Therapieplatz rechnen, er sei ausgebucht. Therapie, nee, nicht ich, mein Herz erleichtern, reden will ich …

„WAS FÜHRT Sie zu mir, Herr … äh … Tellmann?“, beginnt der Therapeut. Ich merke, er hätte mich fast Tello genannt; muss trotz meiner miesen Lage grinsen.

„Was kann ich für Sie tun? Oder brauchen Sie zuerst Informationen, mit welcher Methode ich arbeite?“

„Nein. Ich habe genug Gutes über Sie gehört … ich benötige keine Therapie, aber ich muss Ihnen etwas erzählen, das …“, bricht es aus mir heraus.

Ich will es nicht, doch ein kurzes, trockenes Schluchzen schüttelt mich und unterbricht meinen Redefluss.

„… mich anscheinend sehr verwirrt hat“, bringe ich schließlich heraus.

Als der Typ gegenüber meint: „Scheint Sie ziemlich mitgenommen zu haben …“, laufen mir plötzlich die Tränen über die Backen.

„Das kenne ich nicht“, schnaube ich schnäuzend nach einer Weile. „Ich heule sonst nur, wenn ich ein paar Bier getrunken habe und in megaromantischer Stimmung bin … und das ist nicht so häufig der Fall, … das mit der megaromantischen Stimmung, meine ich“, versuche ich unter Tränen lächelnd einen dummen Scherz, um auf Augenhöhe zu kommen.

„Mmmh“, brummt es neutral vom anderen Sessel.

Scheiße, er fällt nicht auf meinen Gag mit dem Bier rein; gut, der will es wissen, wirklich wissen, was mit mir los ist.

„Also“, es ist für mich plötzlich unendlich schwer auszusprechen, warum ich da bin; schamvolle Verwirrung trocknet meine Kehle, hindert mich am Reden.

„Ich bring’s nicht raus, ich glaub’s selbst nicht … so kenne ich mich echt nicht“, verzweifelt äuge ich rüber.

„Scheint ein großes Ding zu sein“, antwortet der Therapeut trocken.

Das hilft mir.

„Ja, ist es. Weil …“, ich drücke mit Kraft die Luft aus meinen Lungen, „ich bin Vater geworden.“

„Mein Glückwunsch!“, lächelt der zufriedene Arsch im Sessel gegenüber.

„Ja, wenn es so einfach wäre“, presche ich vor, denn ich habe endlich meinen Faden gefunden, „das Kind ist nicht von meiner Frau.“

Und damit bricht es aus mir heraus. Ich erzähle offen, dass ich dann und wann, in früheren Jahren öfter, nach unseren Auftritten einen One-Night-Stand hatte.

„Klischee hin oder her, wir Musiker sind eine begehrte Ware … und ich war nicht schwer zu kriegen, wenn ich ehrlich bin. Wissen Sie“, meine ich entschuldigend, „es wurde nie was Ernstes. Ich stehe zu meiner Frau, aber ich war empfänglich, vor allem unter Alkoholeinfluss“, grinse ich, „für die Schönheit und die Sinnlichkeit anderer Frauen. Sie verstehen sicher, was ich meine.“

„Mmmh …“

Was will er mit diesem Brummen ausdrücken? Verständnis oder Kritik?

„Zugegeben, ich hatte Schuldgefühle hinterher … die hab ich mit dem Lustvollen des Geschehens ausgeglichen … ging nach ein paar Tagen Null auf Null auf …“

„Und jetzt sind Sie Vater geworden!?“, unterbricht mich der Therapeut.

„Ja, das ist der Punkt!“

„Und was wollen Sie in diesem Zusammenhang von mir?“

„Darüber reden, erzählen, was sich in mir aufgestaut hat“, rufe ich aufgeregt. „Endlich alles rauslassen!“

„Da haben wir ein Problem“, antwortet Heyhäuser gelassen. „Ich habe Ihnen ja am Telefon gesagt, ich bin für Monate ausgebucht. Wenn Sie ‚alles rauslassen‘ wollen, ist das eine Therapie, und … der nächste regelmäßige wöchentliche Platz wird möglicherweise erst in einem Jahr frei.“

EIN MONAT ist vergangen, seitdem ich bei Heyhäuser war. Es hat mir gut getan, mit ihm zu sprechen, diese eine Begegnung hat den Druck in mir gemildert. Weg ist er nicht. Gemildert. Wir haben vereinbart, dass er alle vier, fünf Wochen eine Stunde für mich reserviert, wenn es eben möglich ist oder ein Patient kurzfristig ausfällt. Habe eventuell einen Prominentenbonus. Andererseits bin ich zeitlich ziemlich flexibel.

„Hausaufgaben“ hat er mir vorgeschlagen für die Zeit dazwischen. Ich schreibe seitdem eine Art wildes Tagebuch; was in mir tobt, schmiere ich da rein…es erleichtert mich. Komisch, ziemlich oft taucht mein Vater auf, obwohl der seit über dreißig Jahren tot ist.

Fast so oft wie mein Sohn, über den schreibe ich natürlich...



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