E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Winter Die Schwierigen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-99200-188-0
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-99200-188-0
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Franz Winter war als Schauspieler in Berlin, Wien, Salzburg und im deutschen und österreichischen Fernsehen tätig. Er ist Regisseur internationaler Musikproduktionen, Autor von Novellen und Drehbüchern, Mitbegründer des Musiklabels Winter & Winter und künstlerischer Leiter für Aufnahmen von Bach bis Mahler. Bei Braumüller erschienen: Operation Rheingold (2011), Orfanelle (2012), Palazzo Vendramin (2013), Bach (2014) und Sommerfrische (2015).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1890
AUGUST
„Bitte vielmals die Störung zu entschuldigen, junger Herr, aber dero hochwohlgeborene Schwester haben mich heraufgeschickt, um Eure junge Erlaucht auf die Terrasse zu bitten, wo demnächst die ‚Dorfschwalben aus Österreich‘ gegeben werden und Komtesse Crescence selber das Vogelpfeiferl dazu spielen will.“
„Danke, Lukas, ich komm gleich. Grad sind sie ja noch im ‚Krapfenwaldl‘.“
Hans Karl merkte seine Homer’sche Odyssee mit einem gepressten, fast ins Orange changierenden Rosenblatt ein, schloss den in dunklem Blau gestanzten Einband und drehte sich nach dem Kammerdiener um, der da in der geöffneten Türe freundlich lächelnd verhielt.
„Ich möcht halt noch das eine oder andere einpacken, bevor ich morgen fahrn muss. Wann soll’s denn losgehn?“
„Um fünf bringt uns der Kutscher mit dem Landauer auf die Bahn nach Krems, dann geht’s über Salzburg nach Innsbruck und dann hinein ins Vorarlbergische, wo wir am Abend so um sechs in Feldkirch ankommen sollten. – Gut, dass die ganze Bagage vom jungen Herrn vorausgeschickt worden ist; die sollt schon längst dort sein, wenn wir ankommen. So haben wir uns um nichts als die Anschlüsse zu kümmern, und der junge Herr Graf können die Fahrt durch den schönsten Teil unseres Österreich so recht genießen.“
„Weiß nicht, ob ich das können werd, Lukas, es ist halt doch weit weg, dieses Feldkirch. Und ich bin Ihnen schon sehr dankbar dafür, dass Sie mich begleiten.“
„Hat Ihre verehrte Frau Mama so verfügt, weil die Frau Gräfin der Meinung ist …“
„… dass ein Bub mit grad zehn nicht allein so weit reisen sollt.“
„Ja, mein lieber junger Herr …“
„Sonst hätt halt die Mama selber mit müssen!“
„Aber das geht doch nicht, lieber junger Herr, das wissen doch selber, jetzt, am End des Sommers, wo immer das ganze Haus voller Gäst ist! – Und ich werd mein Möglichstes tun, Ihre junge Erlaucht so gut und wohlbehalten wie nur irgend möglich dort abzugeben, und denen Herren Paters schon sagen, was für ein Schatz ihnen da zur Obhut und Pflege überlassen wird, damit sie Ihm genau die Sachen beibringen, die ein junger Herr nun einmal brauchen wird in der großen Welt!“
Hans Karl warf das Buch zu den anderen, die er nach Format und Größe ausgerichtet in seinen flachen Kalbslederkoffer geordnet hatte, huschte fast an Lukas, der den zweiten Türflügel aufgestoßen hatte, vorbei, berührte dabei dessen linken Unterarm und lief mit „Jetzt kommen die Dorfschwalben!“ durch den Gang zu der breiten, mit einem grau gerändert kirschroten Läufer überspannten Sandsteintreppe, immer zwei Stufen überspringend, nach unten und durch die lichtdurchflutete Sala Terrena hinaus auf das von einem barocken Geländer im geöffneten Umriss eines Lindenblattes eingefasste Gartenparterre, wo sich einige Gestalten, den Walzertakt aufnehmend zu schwarzen Paaren verbunden, im gleißenden Gegenlicht zu drehen begannen.
Hans Karl erkannte sofort die Gestalt seiner Mutter, wie sie, unendlich anmutig schien ihm, an die Balustrade gelehnt, die um sie versammelten Gäste anhielt zu schweigen und sich neben ihr aufzureihen, um die Vogelstimmen zu hören, die Crescence unter dem wohlwollenden Lächeln der Musiker ihrem Pfeifferl zu entlocken verstand.
Hans Karl liebte seine Mutter, aber weit mehr und anders als ein zehnjähriger Bub seine Mutter eben liebt, nein, Kari, wie er von ihr und somit von allen genannt wurde, war in seine Mutter verliebt, er liebte ihre schmale Gestalt, ihr kastaniengold schimmerndes Haar, das sie manchmal so dicht um ihr Haupt geflochten trug wie die Kaiserin, er liebte ihre klare hohe Stirn, ihre lapislazulifarbenen großen Augen, von deren seelenvollem Blick er sich zutiefst erkannt und geliebt fühlte wie von niemandem sonst auf der Welt, er liebte ihren sanft geschwungenen Mund, den er seit einiger Zeit nicht mehr zu küssen wagte, seit jener Vollmondnacht, als er, hinter der gestickten Gardine seines Zimmers verborgen, seine Mutter lautlos aus dem Schlossteich steigen sah, und er sich wie Akteon fühlte, der, alle Verbote missachtend, Diana, der keuschen Göttin, aufgelauert hatte. Er liebte und verehrte sie so unsagbar, dass er bei dem Gedanken an die bevorstehende Trennung so etwas wie einen körperlichen Schmerz fühlte, einen Schmerz, der ihm fast das Bewusstsein raubte, und der unausweichlich zu vollziehende Abschied in der Frühe des morgigen Tages schnitt mit derselben Unerbittlichkeit in sein junges Herz, wie er sie aus den Briefen des Werther kannte, obwohl dieser nicht an der Trennung von seiner Mutter verzweifelte, sondern eben an der von seiner Geliebten.
Jetzt, als die sehnsüchtig lockende Hauptmelodie der Dorfschwalben wiederkam, löste sie sich aus der Reihe der Zuhörer, kam auf ihn zu, beugte sich mit einem angedeuteten Knicks zu ihm nieder, „Du erweist mir doch die Ehre“ flüsternd, worauf er ihre nach Buchs riechende Hand küsste, die seine auf die mit einem Seidengürtel angedeutete Taille ihres weich fallenden Leinenkleides legte und ihre Drehung aufnahm, der sie sich dann, schein bar ihm die Führung überlassend, hinzugeben schien.
In dem geradezu stürmisch zu nennenden Ap plaus der etwa fünfzig Gäste zählenden Nachmittagsgesellschaft nahm sie ihn an der Hand und führte ihn auf einen hochgewachsenen Mann zu, der, aus dem Park kommend, während der letzten Takte die wenigen Stufen zur Terrasse emporgestiegen war.
„Darf ich dich dem Baron von Arnstein vorstellen, dessen Gut ganz weit dahinten ein schmales Stückl lang an das unsrige grenzt, um das er sich aber erst seit dem viel zu frühen Tod seiner verehrten Mutter im letzten Jahr kümmert. Die Baronin, die euch sehr gern gehabt hat, war uns eine sehr liebe Freundin, wie du vielleicht erinnern kannst, und so ist aus einem ferneren Nachbarn nun ein lieber und näherer Freund geworden. – Baron, das ist er also, mein Kari.“
„Servus Kari, wenn ich dich auch so nennen darf, ich hab schon viel von dir ghört, und ich freu mich, dass wir auch einmal zusammen reden, grad jetzt, wo du morgen in die Stella gehst.“
Hans Karl befreite unwillkürlich seine Hand aus der des Barons, irgendetwas in ihm hatte sie ihm gar nicht geben wollen, aber er wusste, dass es ausgeschlossen war, sie ihm zu verweigern.
„Weißt, es is gar nicht so schlimm wie immer gsagt wird, mein Vater hat’s auch überlebt, und die Zeiten sind ja auch andere geworden seit damals, Gott sei Dank möchte man sagen.“
„Ja, Gott sei Dank! Aber ich werd das alles selbst sehn, morgen dann, wenn ich dort bin. Der Lukas bringt mich hin. – Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte, Baron von Arnstein, aber ich muss meiner Schwes ter unbedingt ein Bussl geben für ihre fabelhaften Vogel stimmen“, replizierte Hans Karl formvollendet und lief auf seine Schwester zu, umarmte sie und zog sie fast hastig in den Garten hinunter, während das Salon orchester das fernwehe Vorspiel zu den „Rosen aus dem Süden“ in die frühen Abendgesänge der Amseln flocht.
„Möchst so gar nicht hin, gell?“, begann Crescence, als sie die große Wiese zwischen den hohen Ahornbäumen im englischen Teil des Parks erreicht hatten.
„Nein, so überhaupt nicht! – Warum macht der Papa das, glaubst du?“
„Sicher weil ihm irgendjemand vom Herrenhaus oder vom Club eingeblasen hat, dass diese Stella eine der besten Schulen Österreichs ist und ein Jesuitenkolleg dazu.“
„Aber du darfst doch auch weiter vom Herrn Neugebauer unterrichtet werden, warum ich nicht?“
„Wahrscheinlich weilst der einzige Sohn bist, und da darf’s halt immer noch ein bissl mehr sein. Du kennst doch den Papa …“
Hans Karl ging weiter, er sagte nichts. Er schien nachzudenken. Plötzlich blieb er stehen und sah seiner Schwester in die Augen.
„Fast nicht eigentlich, er is ja nie da, und war auch so gut wie nie da, außer zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten und zu die Jagddiners. Immer nur jagen und jagen und jagen, hier und in Ungarn und in der Steiermark und im Salzkammergut und in Tirol und in die Karpaten und in Afrika, und das Herrenhaus. Weißt du, was er eigentlich sonst noch macht? Hohenbühl führt doch eh die Mama, und Wien auch, nicht er. Aber pikiert schaun tut er, wenn ihm was nicht passt, und mitm Silberstift Kritiken auf sein Huber&Lerner-Block nebn dem Teller kritzeln, wenn ihm was nicht schmeckt.“
Crescence hob die Schultern, zeigte auf eine Bank, die um eine riesige Buche gebaut worden war, und lief auf sie zu.
„Du musst kommen, Kari! Schau dir das an! Es is wie im Theater!“
Hans Karl ging den kleinen Hügel hinunter, setzte sich neben seine Schwester und sah, was sie meinte: im Abendlicht das...




