Winter | Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 473 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 473, 64 Seiten

Reihe: Die Welt der Hedwig Courths-Mahler

Winter Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 473

Liebe lässt sich nicht erklären
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-8846-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Liebe lässt sich nicht erklären

E-Book, Deutsch, Band 473, 64 Seiten

Reihe: Die Welt der Hedwig Courths-Mahler

ISBN: 978-3-7325-8846-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Liebe lässt sich nicht erklären
Ein Meisterwerk um große Gefühle

Schon früh hat Linda, die Tochter eines einfachen Handwerkers, erfahren müssen, dass die Herkunft für manche Menschen von entscheidender Bedeutung ist. Was das für sie heißt, ist klar: Sie ist nur dann gut genug, wenn man ihre Hilfe benötigt. Ansonsten steht sie außen vor! Nie wird sie zu einer Party eingeladen, nie bittet man sie um eine Verabredung.
Je älter sie wird, umso mehr wird ihr bewusst, wie ungerecht das Leben ist. Und so beschließt sie, jede Chance zu ergreifen, um einmal im Glanz zu stehen ...

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Liebe lässt sich nicht erklären

Ein Meisterwerk um große Gefühle

Schon früh hat Linda, die Tochter eines einfachen Handwerkers, erfahren müssen, dass die Herkunft für manche Menschen von entscheidender Bedeutung ist. Was das für sie heißt, ist klar: Sie ist nur dann gut genug, wenn man ihre Hilfe benötigt. Ansonsten steht sie außen vor! Nie wird sie zu einer Party eingeladen, nie bittet man sie um eine Verabredung.

Je älter sie wird, umso mehr wird ihr bewusst, wie ungerecht das Leben ist. Und so beschließt sie, jede Chance zu ergreifen, um wenigstens einmal im Glanz zu stehen …

Als die Pausenklingel schrillte, atmeten alle in der Klasse auf. Die verhasste Lateinstunde war vorbei. Linda Bischoff drängte sich mit den anderen auf dem Flur.

„Ich hatte schon Angst, er würde eine Klassenarbeit schreiben lassen“, sagte ihre Banknachbarin Gisela Wildenhausen. „Das hätte mir gerade noch gefehlt. Wenn ich Latein nur nicht so nötig bräuchte!“ Sie seufzte abgrundtief.

„Soll ich dich bedauern?“, fragte Linda mit einem ironischen Lächeln.

„Du hast es gut, du bist die Beste in Latein. Dir macht das verdammte Vokabellernen nichts aus, aber wir armen geistigen Normalverbraucher. Wenn ich mir vorstelle, dass ich den Rest meines Lebens diese Sprache benötigen werde …“

Und darüber beklagt sie sich noch, dachte Linda. Giselas Vater war Arzt, und es war selbstverständlich, dass seine Tochter auch Medizin studieren und später einmal seine gut gehende Praxis übernehmen würde. Das war eine Aussicht, von der Linda geträumt hätte. Für Gisela dagegen schien sie nichts Verlockendes zu haben.

„Noch ein Vierteljahr, dann machen wir unser Abitur. Wenn ich es bestehe, dann gibt es bei uns drei Tage Tanz in allen Räumen“, sagte Gisela und versuchte zu lachen. Sie stand auf der Kippe, wie es im Schülerjargon hieß, es war keineswegs sicher, dass sie das Examen bestehen würde.

„Hallo.“ Ein schlaksiger junger Mann blieb vor den beiden Mädchen stehen, sein Gruß galt allerdings Gisela allein. „Ich gebe am Sonnabend eine große Party. Hast du Lust zu kommen? Meine Eltern sind nicht zu Hause, wir können machen, was wir wollen.“

„Ich habe sonst nichts vor, warum nicht? Wer kommt sonst noch?“

„Alle“, erklärte Thomas Mahrun. „So gegen acht. Wenn es geht, bringe was zu trinken mit. Möchte nicht die Weinvorräte meines alten Herrn gänzlich plündern.“ Er nickte Gisela lässig zu und schlenderte weiter.

Linda presste die Zähne tief in die Unterlippe. Alle würden kommen, hatte er gesagt – sie nicht. Sie gehörte nicht dazu. Sie ging zwar mit den anderen in eine Klasse, man schrieb auch gern von ihr die Hausaufgaben ab, aber ansonsten zog man es vor, unter sich zu sein.

„Eigentlich habe ich gar keine Lust hinzugehen“, sagte Gisela. „Immer derselbe Zinnober. Wenn die Jungen einen Schluck getrunken haben, dann glauben sie, sie könnten sich uns gegenüber alles herausnehmen.“

Linda lächelte verkrampft. Sie war noch nie auf einer richtigen Party gewesen und wusste daher nicht, wie es da zuging.

„Willst du hingehen?“, fragte Gisela.

„Nein. Er hat mich nicht eingeladen.“

„Nicht direkt“, pflichtete Gisela ihr bei, „aber es ist doch selbstverständlich, dass …“ Sie brach ab und krauste die Stirn. „Mach dir nichts draus“, tröstete sie Linda dann freundlich. „Es wird bestimmt wieder schrecklich langweilig.“

„Ich wäre sowieso nicht hingegangen“, log Linda Bischoff.

„Hast du dich geärgert?“, wollte Gisela wissen. „Eingebildetes Pack. Nur weil dein Vater Maler ist …“

„Anstreicher“, verbesserte Linda sie verbissen. „Und noch nicht einmal Meister. Aber ich werde es ihnen schon zeigen, das sage ich dir. Was die können, das kann ich schon lange.“

„Ärgere dich doch nicht“, murmelte Gisela. „Du wirst jedenfalls von uns allen das beste Abitur machen.“

„Und dann in irgendein Büro gehen“, fuhr Linda wütend fort. „Dafür würde auch ein mittelmäßiges Abitur reichen.“

„Warum studierst du nicht?“

„Weil mein Vater nicht so viel verdient. Es ist für meine Eltern schon ein Opfer, mich zum Gymnasium zu schicken. Noch länger möchte ich ihnen nicht auf der Tasche liegen. Ich werde einmal als Sekretärin arbeiten und das tun, was ein anderer mir sagt, weil ich zu dumm bin, selbst Entscheidungen zu treffen. Vielleicht darf ich einmal Briefe selbstständig beantworten, nachdem der hohe Herr mir gesagt hat, was drinstehen soll.“

„Ein Jammer, dass du nicht studieren willst. Du würdest die Medizin leicht schaffen. Ich wünschte, ich hätte dein Gedächtnis. Was man da alles pauken muss.“

Wie gern würde ich es tun, dachte Linda.

„Hast du nicht schon einmal daran gedacht, dich um ein Stipendium zu bewerben?“

„Natürlich. Aber das Geld reicht nicht. Ich würde meinen Eltern immer noch auf der Tasche liegen. Wenn ich im Büro arbeite, kann ich ihnen etwas abgeben.“

„Hast du die Matheaufgaben verstanden?“, wechselte Gisela das Thema.

„Es ist ganz einfach, wenn man es erst verstanden hat.“

„Für dich ist alles einfach“, seufzte Gisela. „Die Pause ist schon rum. Merkwürdig, eine Viertelstunde Pause ist kurz, eine Viertelstunde Latein eine Ewigkeit. Da sage mir jemand, die Zeit würde objektiv gemessen.“

???

Als die Schüler wieder in der Klasse saßen, war Mahruns Party Gesprächsthema Nummer eins. Die Mädchen diskutierten, was sie anziehen wollten, die Jungen unterhielten sich über die Schallplatten. Linda hörte zu und fühlte sich wieder einmal entsetzlich ausgeschlossen.

Sie hatte keine richtige Freundin in der Klasse, auch Gisela Wilderhausen nicht. Gisela war allerdings netter zu ihr als die anderen Mädchen, für die sie nur die Handwerker-Tochter war.

Wie boshaft man sie immer wieder daran erinnerte, dass ihr Vater kein Akademiker war. Die Schule lag in einem teuren Villenvorort. Wer hier wohnte, hatte es zu etwas gebracht und besaß Geld.

Die Bischoffs bewohnten eine ehemalige Hausmeisterwohnung in einer herrschaftlichen Villa. Es waren ganz hübsche Räume, sie lagen nur etwas tief. Für das Personal waren sie gut genug gewesen und für die Bischoffs auch. Dafür bezahlten die Leute ja auch nicht viel Miete, nicht wahr?

Und der Mann war geschickt und willig. Wenn irgendetwas im Hause zu machen war, dann erledigte er es gern. Und man gab ihm auch stets ein gutes Trinkgeld.

„Mahrun“, rief der Mathematiklehrer den Jungen an die Tafel. „Nun zeigen Sie uns einmal, dass Sie diese Aufgabe verstanden haben.“

Thomas trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen, während er hilflos auf die Gleichung schaute, die an der Tafel stand. Er hatte keine Ahnung, wie man sie lösen musste.

„Wieder mal geschlafen, Mahrun?“, fragte der Lehrer ironisch. „Linda, zeigen Sie ihm, wie einfach es ist, die Gleichung aufzulösen.“

Linda stand auf und trat an die Tafel. Es war keine einfache Aufgabe, aber ihr bereitete sie keine Schwierigkeiten.

„An Linda sollten Sie sich ein Beispiel nehmen, Mahrun. Setzen Sie sich.“

Die meisten grinsten hämisch, als Thomas zu seinem Platz trottete. Sie gönnten ihm die Blamage fast alle. Thomas bildete sich reichlich viel auf das Geld seiner Eltern ein. Er bekam mehr Taschengeld als irgendein anderer und besaß sogar schon ein eigenes Auto, ein Geschenk zu seinem achtzehnten Geburtstag.

„Idiotische Mathematik“, knurrte er, als er sich setzte.

Der Lehrer hatte seine Bemerkung gehört.

„Im Abitur könnten solche Aufgaben drankommen, lieber Mahrun. Ich weiß nicht, ob Sie sich eine Fünf in Mathematik erlauben können.“

Mahrun konnte es nicht, und sein Mathematiklehrer wusste es genau. Er bekam in verschiedenen Fächern Nachhilfeunterricht, denn er sollte unbedingt das Abitur machen und anschließend studieren.

Für die Mahruns galt nur ein Akademiker als Mensch. Dass ihr Junge nicht das Zeug dazu hatte, wollten sie nicht begreifen. Seit vielen Jahren schon bekam er Nachhilfeunterricht und war trotzdem einmal sitzen geblieben.

„Danke, Linda.“ Der Mathematiklehrer lächelte seiner Lieblingsschülerin zu. „Sie würden eine ausgezeichnete Mathematikerin werden“, meinte er, als sie zu ihrem Platz ging. „Überlegen Sie sich, ob Sie nicht vielleicht doch studieren wollen. Ich würde ein Stipendium sehr befürworten. Und nun kommen wir zur nächsten Aufgabe.“

Als die anderen mittags hastig die Schule verließen, schlenderte Linda hinter ihnen her, den Kopf gesenkt. Sie merkte nicht, dass Thomas Mahrun auf sie wartete. Erst als er sie anstieß, nahm sie ihn wahr.

Sie musste zu dem langen Kerl hochschauen. Da stand er nun neben seinem Auto und lächelte...



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