Winter | Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 500 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 500, 64 Seiten

Reihe: Die Welt der Hedwig Courths-Mahler

Winter Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 500

Das Gnadenbrot
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-9784-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das Gnadenbrot

E-Book, Deutsch, Band 500, 64 Seiten

Reihe: Die Welt der Hedwig Courths-Mahler

ISBN: 978-3-7325-9784-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was wärest du ohne mich? Beinahe täglich hört Norbert Witten diesen Satz. Enid, seine Frau spricht ihn aus, um ihn zu demütigen. Längst bereut er, die Tochter des reichen Professors Scheffler geheiratet zu haben. Damals hat er geglaubt, an ihrer Seite glücklich werden zu können. Heute weiß er es besser.

Was wärest du ohne mich?
Frei wäre ich, denkt der Mann, als er an der Garderobe nach seinem Mantel greift, um in der eleganten Privatklinik seines Schwiegervaters pünktlich seinen Dienst anzutreten. Ich wäre arm, aber frei ...

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Das Gnadenbrot

Einer der ergreifendsten Romane der Vergangenheit

Was wärest du ohne mich? Beinahe täglich hört Norbert Witten diesen Satz. Enid, seine Frau spricht ihn aus, um ihn zu demütigen. Längst bereut er, die Tochter des reichen Professors Scheffler geheiratet zu haben. Damals hat er geglaubt, an ihrer Seite glücklich werden zu können. Heute weiß er es besser.

Was wärest du ohne mich?

Frei wäre ich, denkt der Mann, als er an der Garderobe nach seinem Mantel greift, um in der eleganten Privatklinik seines Schwiegervaters pünktlich seinen Dienst anzutreten. Ich wäre arm, aber frei …

Enid trommelte nervös mit ihren schlanken, überaus gepflegten Fingern auf den Frühstückstisch.

„Es ist schon zwei Minuten nach acht“, stellte sie gereizt fest.

Norbert Witten hob ruckartig den Kopf von der Zeitung. Sein durchgeistigtes Gesicht wirkte müde und abgespannt.

„Was sagtest du?“, fragte er.

„Ich sagte, dass es schon zwei Minuten nach acht ist. Der Chef sollte seinen Leuten ein Beispiel an Pünktlichkeit geben. Es gefällt mir nicht, dass du dich in letzter Zeit so gehen lässt. Ich wünsche, dass du morgens und überhaupt immer pünktlich bist.“

„Ja, ich habe verstanden.“

„Dann richte dich gefälligst danach. Vater ließ gestern ein paar Bemerkungen fallen, die mir sehr zu denken gegeben haben.“

„Tatsächlich?“, äußerte Norbert bitter.

„Tatsächlich“, äffte seine Frau ihn nach. „Du musst schließlich froh sein, dass ich dich geheiratet habe. Ohne mich wärest du genau solch ein unbedeutender Assistenzarzt wie dein Bruder.“

Norbert Witten hatte sich erhoben und stand hinter seinem Stuhl.

„Hast du mir sonst noch etwas zu sagen?“, fragte er eisig.

„Allerdings noch recht viel. Ich spare es mir für später auf. Es ist inzwischen fünf Minuten nach acht geworden. Mein Vater ist niemals unpünktlich in die Klinik gekommen.“

„Was für ein tüchtiger Mann“, spottete der junge Arzt. Professor Scheffler war zwar ein tüchtiger Geschäftsmann, der mit seiner Klinik viel Geld verdiente, aber keineswegs ein hervorragender Arzt.

„Nun geh schon endlich und starr mich nicht so an! Ich weiß ja, dass du mich nicht aus Liebe geheiratet hast. Gut, ich will mich damit abfinden, aber deshalb verlange ich von dir dennoch Pflichterfüllung.“

Der Mann drehte sich um. Solche Auseinandersetzungen kannte er zur Genüge, und aus Erfahrung wusste er, dass es gar keinen Zweck hatte, sich mit Enid zu streiten.

Was wärest du ohne mich? Dieser Satz kam in jedem Gespräch vor. Frei wäre ich, dachte der Mann, als er in der Garderobe nach seinem Hut griff.

Er verließ die Villa und betrat den riesigen Park, in dem die große moderne Klinik lag, die Professor Scheffler vor einigen Jahren gebaut hatte.

Sein Schwiegervater würde erst später kommen und dann die Rechnungen überprüfen. Die ärztliche Betreuung überließ er dem jungen Arzt, dessen überragende Tüchtigkeit er wohl zu schätzen wusste, wenn er sich auch niemals ein anerkennendes Wort abrang.

„Guten Morgen, Herr Doktor“, wünschte die Schwester in der Empfangshalle.

Seine Sekretärin hielt schon den weißen Arztkittel für ihn bereit.

„Was gibt es Neues?“, fragte Norbert Witten gewohnheitsmäßig.

„Nummer zweiundsechzig möchte Sie sprechen.“

Norbert runzelte die Stirn.

„Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass wir hier nicht im Zuchthaus sind. Nennen Sie die Patienten gefälligst mit Namen.“

Der Kopf des jungen Mädchens ruckte empört in den Nacken.

„Der Herr Professor wünscht aber …“

„Das ist mir egal!“, schrie Norbert sie an. „Ich jedenfalls verlange, dass ich Namen zu hören bekomme. Wer liegt im Zimmer zweiundsechzig?“

„Herr Simon. Das nervöse Magenleiden.“

„Gut. Sonst noch etwas?“

„Nein“, gab das junge Ding schnippisch zurück.

In sehr schlechter Stimmung begann Dr. Norbert Witten die morgendliche Visite. Die Patienten merkten nichts von seiner Verstimmung, denn er konnte sich gut zusammennehmen.

„Sie wollten mich sprechen?“, fragte er Herrn Simon im Zimmer zweiundsechzig. „Was gibt es denn?“

Der Mann, fast zum Skelett abgemagert, schaute geradezu flehend zu ihm hoch.

„Herr Doktor, ich möchte hier raus.“

„Sie wollen entlassen werden?“ Norbert Witten schüttelte ungläubig den Kopf. „Ausgeschlossen, lieber Herr Simon. Richten Sie sich auf zwei oder drei Monate Krankenhausaufenthalt ein. Wir probieren eine neue Diät aus und müssen abwarten, wie sie bei Ihnen anschlägt.“

„Ich möchte hier raus“, wiederholte der magere Mann leise.

„Das kann ich nicht verantworten.“ Norbert hatte Mühe, seine Stimme zu beherrschen. Er durfte dem Patienten ja nicht sagen, wie ernst es um ihn stand.

„Es steht ernst um mich“, sagte da Simon in seine Gedanken hinein. „Das weiß ich wohl, Herr Doktor. Aber jetzt bin ich schon neun Wochen hier, und besser geworden ist mein Magen noch nicht. Ich möchte entlassen werden.“

„Und was haben Sie dann vor?“, erkundigte sich der Arzt gereizt. „Arbeiten können Sie doch nicht, das wissen Sie. Wollen Sie einen Kollegen von mir konsultieren?“

„Herr Doktor … ich sollte es Ihnen vielleicht gar nicht sagen, aber gestern war meine Frau hier. Sie besucht mich jeden Tag, müssen Sie wissen, und … und sie hat mir den Rat gegeben.“

„Ah, Ihre verehrte Gattin hat wohl Medizin studiert?“

Simon kroch förmlich in sich zusammen.

„Das nicht, Herr Doktor. Es ist nur so … wir haben einen Nachbarn, und der hat es auch am Magen gehabt, noch schlimmer als ich.“

„Und?“ Das klang scharf wie ein Peitschenhieb.

„Und an dem haben sie auch erst herumgedoktert. Da ist er zum Wunder-Witten gegangen. Das ist kein Arzt, aber er macht die Leute wieder gesund.“

„Ich weiß. Fünf Mark jede Behandlung. Und wer arm ist, der braucht gar nichts zu zahlen. Menschenskind, Simon, machen Sie keine Dummheiten! Bleiben Sie hier. Ich kann die Verantwortung für Ihre Entlassung nicht übernehmen.“

„Das ist nicht nötig. Das tue ich schon selbst. Wenn Sie so gut wären und meine Papiere fertig machen würden.“

„Gut. Wie Sie wollen. Dass man doch immer noch an Wunder glaubt! Ich habe sechs Jahre lang studiert, aber mir traut man nichts zu. Solch ein Mann, wie mein … wie dieser Witten, der nicht studiert hat, soll viel besser sein! Was für eine Welt ist das nur.“

„Er hat schon vielen geholfen“, erinnerte Simon ihn leise. „Und wenn man krank ist, so richtig krank, Herr Doktor, und wenn man merkt, dass die Ärzte immerzu nur an einem rumprobieren …“

„Ist gut. Ich schicke Ihnen die Papiere nachher herunter.“ Grußlos verließ Norbert Witten das Krankenzimmer.

Sie glauben also immer noch an ihn, dachte er. Wie ist es nur möglich, dass er solche Erfolge hat? Glaube versetzt Berge, heißt es. Als Kind glaubte ich ja auch an seine übernatürlichen Kräfte. Es wirkte manchmal wie ein Wunder, was er vollbrachte. Aber es gibt keine Wunder. Es gibt nur ärztliche Kunst.

Norbert Witten stellte sich am Ende des Ganges vor das Fenster. Wie es ihm wohl gehen mag?, dachte er. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Er hat seine Praxis also immer noch. Johannes Witten – ein Mann mit einem fast legendären Ruf.

Und sein Vater.

???

Zur gleichen Zeit wie Norbert Witten aß man auch im Hause des Heilpraktikers Johannes Witten das Frühstück. Frau Ina schaute voll banger Sorge in das asketisch schmale Gesicht des geliebten Mannes.

„Iss doch noch ein Brötchen“, drängte sie sanft.

Johannes Witten schreckte hoch. Dann lehnte er ihren Vorschlag mit mildem Lächeln ab.

„Ich brauche nicht mehr so viel. Aber du, Sabine, solltest mehr essen“, wandte er sich an seine Tochter.

„Ich habe schon mein drittes Brötchen beim Wickel“, erklärte das Mädchen lachend. „Aber Mutter hat recht, du siehst sehr schmal aus. Ich fürchte, du arbeitest einfach zu viel. Wann willst du dich denn endlich einmal zur Ruhe setzen?“

„Das hat noch Zeit“, wehrte der magere Mann ihre Worte ab. „Später einmal.“

„Das sagst du nun schon seit langen Jahren“, schalt Frau Ina liebevoll. „Unsere Kinder sind jetzt groß, und was wir brauchen, das haben wir. Sabine hat recht, schließ deine Praxis.“

Der Mann senkte die Lider über seine leuchtend blauen, zwingenden Augen.

„Später“, sagte er noch einmal.

„Wenn du im Grab liegst, dann erst hast du Ruhe. Johannes, wir meinen es doch nur gut mit dir. Wir haben...



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