E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
Winter Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 742
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-7129-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das unverzeihliche Schweigen
E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7517-7129-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anja und ihr Gatte Wolf Baron von Dinkesbühl sind sich in innigster Liebe zugetan. Leider ist ihr Glück nicht ungetrübt. Denn Baronin Katherina zeigt ihrer Schwiegertochter offen ihre Ablehnung, weil sie nichts mit in die Ehe einbrachte und es ihr nicht gelingt, ihrem Mann endlich einen Erben zu schenken.
Ihr Sohn bleibt von ihren Vorwürfen gänzlich unberührt. Doch eines Tages ändert sich das jäh. Auf Dinkesbühl hat ein Feuer die Ställe und Scheunen vernichtet, und der Baron steht vor dem Ruin. Zu allem Unglück findet er in einer Illustrierten Fotos seiner über alles geliebten Anja mit einem anderen Mann. Als Anja zu seinen Anklagen schweigt, verstößt er sie. Ihr Herz bricht.
Neun Monate später findet die alte Baronin Katherina einen wimmernden Säugling auf der Schwelle von Dinkesbühl ...
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Das unverzeihliche Schweigen
Warum ihre einzigartige Liebe ein so jähes Ende fand
Anja und ihr Gatte Wolf Baron von Dinkesbühl sind sich in innigster Liebe zugetan. Leider ist ihr Glück nicht ungetrübt. Denn Baronin Katherina zeigt ihrer Schwiegertochter offen ihre Ablehnung, weil sie nichts mit in die Ehe einbrachte und es ihr nicht gelingt, ihrem Mann endlich einen Erben zu schenken.
Ihr Sohn bleibt von ihren Vorwürfen gänzlich unberührt. Doch eines Tages ändert sich das jäh. Auf Dinkesbühl hat ein Feuer die Ställe und Scheunen vernichtet, und der Baron steht vor dem Ruin. Zu allem Unglück findet er in einer Illustrierten Fotos seiner über alles geliebten Anja mit einem anderen Mann. Als Anja zu seinen Anklagen schweigt, verstößt er sie. Ihr Herz bricht.
Neun Monate später findet die alte Baronin Katherina einen wimmernden Säugling auf der Schwelle von Dinkesbühl ...
»Was hast du denn durch diese Heirat erreicht?«
Die alte Dame sah ihren Sohn mit ihren noch immer von einem unbändigen Lebenswillen sprühenden Augen forschend an.
»Mutter ...« Wolf von Dinkesbühl machte einmal mehr einen schwachen Versuch, seiner Mutter zu erklären, dass er durch die Heirat nichts erreichen, sondern einfach glücklich werden wollte. Und das war ihm mit Anja gelungen. Aber seine Mutter wollte ihn nicht verstehen.
Für sie waren alte Namen, Tradition, Ehre, Ruhm und Reichtum alles. Und er, der einzige Sohn, hatte sie in der Beziehung mehr als enttäuscht. Gewiss, er war auf seine Vorfahren stolz, aber er überschätzte es keinesfalls, dass sein Urahn vor vielen hundert Jahren zum Ritter geschlagen worden war!
»Diese Frau schenkt dir noch nicht einmal einen Erben!«, schleuderte die alte Dame ihm nun böse entgegen.
In diesem Punkt musste Wolf seiner Mutter recht geben. Anja und er waren nun bereits seit einigen Jahren verheiratet, und noch immer hatte sich ihr Wunsch nach einem Kind nicht erfüllt. Seine Frau litt darunter mehr als er.
»Es gibt viele Ehen, die jahrelang kinderlos bleiben, und eines Tages stellt sich dann doch ein Kind ein, Mutter.«
»Glaubst du, ich bin blind?«, ereiferte die Baronin sich. »Meinst du, ich wüsste nicht, wie viele Ärzte deine Frau schon konsultiert hat? Und mit welchem Erfolg?«, höhnte sie.
Wolf zuckte zusammen.
»Wie lange duldest du noch, dass sie sinnlos dein Geld aus dem Fenster wirft?«, schob die alte Dame noch schnell hinterher.
»Das tut Anja niemals, und niemand weiß das besser als du, Mutter!«
»Wer bezahlt denn die Reisen zu den berühmten Ärzten?«
Wolf von Dinkesbühl biss sich auf die Lippen. Warum marterte ihn seine Mutter so sehr und hörte nicht auf, Anklagen gegen Anja zu erheben?
Sah sie denn nicht, wie liebenswert, wie selbstlos und großherzig sie war? Anja fuhr doch nur seinetwegen von einem Arzt zum anderen, dabei hatte er ihr noch niemals ihrer Kinderlosigkeit wegen Vorwürfe gemacht.
Leider hatte seine Mutter insofern recht, dass die letzten Ernten nicht gerade die besten gewesen waren. Geld hatte er im Moment bestimmt nicht übrig. Sie spielte immer wieder auf das leidige Geld an, weil seine Frau einst nichts besessen hatte.
Anja war der letzte Spross eines völlig verarmten Adelsgeschlechts und hatte sich als Gesellschafterin ihr Brot verdient, als er sie kennen und lieben gelernt und kurze Zeit später geheiratet hatte.
Seine Mutter vergaß ihm niemals, dass er seine langjährige Jugendfreundin Senta nicht zum Altar geführt hatte. Denn Senta besaß alle Vorzüge, die sie von seiner Frau erwartete! Sie war schön, ehrgeizig und reich – eine wunderbare Repräsentantin eines Hauses! Die alte Dame vergaß nur, dass er Senta zwar schätzte, aber keinesfalls liebte.
»Gestern sah ich Senta an mir vorbeifahren«, sagte Baronin Katherina da auch schon. »Sie steuerte schon wieder einen neuen großen Wagen.«
»Sie liebt elegante, schnelle, kostspielige Autos, und wie ich gehört habe, lässt ihr Mann ihr wohl in jeder Hinsicht jeden Willen.«
»Und wenn sie uns eines Tages besuchen würde?« Die hellen Frauenaugen waren voller Spannung.
»Ich könnte sie nicht daran hindern, Mutter.«
Senta hatte kurz nach ihm geheiratet, und Wolf wusste, dass sie den ersten besten Mann genommen hatte, der ihr einen Antrag gemacht hatte. Sie wollte Wolf zeigen, wie wenig ihr an ihm als Ehemann gelegen hatte.
Wolf hatte nicht gewusst, wie fest Senta daran geglaubt hatte, dass es zu einer Verbindung zwischen ihr und ihm kommen würde. Sie war ihrem betagten, aber steinreichen Gatten, einem Bankier, dann in die Großstadt gefolgt, und Wolf war froh darüber.
In letzter Zeit hielt sich Senta nun immer häufiger längere Zeit in der Heimat auf und machte mit ihren gewaltigen Straßenkreuzern die Gegend unsicher.
Natürlich war es im Laufe der Jahre unvermeidlich gewesen, dass man sich gelegentlich getroffen hatte, aber diese Begegnungen waren immer schnell und schmerzlos vorübergegangen. Und niemals hatte Senta bisher ihren Fuß über die Schwelle dieses Hauses gesetzt, in dem sie einst ein und aus gegangen war!
Nun wollte sie offenbar einmal kommen. Baron Wolf ahnte, dass sie nicht glücklich geworden war.
»Senta ist noch so schön wie einst«, schwärmte Baronin Katherina.
»Ich habe noch zu tun, Mutter, du erlaubst wohl, dass ich mich zurückziehe«, sagte der junge Baron, ohne darauf einzugehen.
Seine Mutter nickte.
???
Schnellen Schrittes eilte Baron Wolf zu seiner Frau. Er musste Anja sehen und ihre weiche, klangvolle Stimme hören. Ähnliche Unterredungen mit seiner Mutter häuften sich in letzter Zeit.
»Anja«, sagte er, als er auf die zarte Frau zueilte und sie in die Arme schloss.
Frau Anja schmiegte sich an seine Brust. Sie wusste, dass er von seiner Mutter kam. Die junge Frau ahnte auch, warum ihr Mann dann immer so aufgewühlt war, obwohl er dieses Gefühl vor ihr zu verbergen suchte.
»Liebster«, flüsterte sie. »Ich liebe dich so sehr.«
Baron Wolf saß jetzt neben ihr auf dem Sofa. Ihre weichen, schönen Hände umschlossen sein Gesicht, und sie hoffte, er möge nicht die Angst in ihren Augen sehen, die Angst vor kommendem Unheil.
»Du bedeutest mir alles auf der Welt«, gab Wolf von Dinkesbühl innig zurück. Der Frauenkopf ruhte an seiner Brust. Anja fühlte sich glücklich und geborgen.
Kurze Zeit später musste Baron Wolf seine geliebte Frau allerdings allein lassen. Nach einem innigen Abschied wollte er zum Förster fahren, um mit ihm über das Schlagen der Tannenbäume zu Weihnachten zu sprechen.
»Komm bald wieder«, sagte Frau Anja. Wolf nahm den warmen Ausdruck ihres schönen Gesichtes, das Leuchten ihrer Augen mit. Sie schaute ihm nach, bis nichts mehr von seinem alten, klapprigen Wagen zu sehen war.
Es stand nicht gut um Dinkesbühl, das wusste sie. Doch Wolf tat alles, um ihr diesen Zustand zu verheimlichen. Stellte sie wirklich einmal eine diesbezügliche Frage, lachte er sie nur aus und nahm sie in die Arme.
»Närrchen«, raunte er ihr dann ins Ohr. »Du brauchst nicht zu fürchten, bei mir hungern zu müssen!«
Baronin Anja lächelte, als sie wieder einmal daran dachte, wie reich das Schicksal sie durch Wolfs innige Liebe beschenkt hatte.
Da klopfte es, und gleich darauf erschien auch schon ein altes Weiblein.
»Ich bringe nur ein Tässchen Tee«, sagte Resel.
Sie war bereits alt gewesen, als sie in dem Hause des völlig verarmten Freiherrn von Gulden als Mädchen für alles fungiert hatte. Aber die treue Seele war immer für die kleine Anja da gewesen.
Die gute Resel hatte das junge Mädchen getröstet, als es fassungslos am Grabe ihrer Mutter und kaum ein Jahr später an dem des Vaters bittere Tränen vergossen hatte. Plötzlich hatte Anja ganz allein auf der Welt gestanden und musste sich als Gesellschafterin einer nörgeligen alten Dame ihr Geld verdienen.
Nach einigen schweren Jahren hatte Anja Wolf von Dinkesbühl kennen und lieben gelernt und war innerhalb sehr kurzer Zeit seine Frau geworden.
Gleich nach der Hochzeit hatte die junge Frau ihren Gatten gebeten, die liebe alte Resel zu sich nehmen zu dürfen, was der ihr gern bewilligt hatte.
Seit einigen Tagen nun bestand Resel darauf, dass Frau Anja jeden Tag eine Tasse Tee trank, den sie ihr eigenhändig aus allerhand Kräutern zusammenbraute.
»Das wird der Frau Baronin guttun«, behauptete sie stets, wenn Anja nach dem Grund fragte.
Auch wenn die junge Baronin den nicht erfuhr, trank sie willigt den Tee, denn sie vertraute Resel vollkommen, und die würde schon wissen, warum sie ihr den Trank täglich braute.
???
Einige Tage später fuhr ein schnittiger Wagen auf den Gutshof. Senta Müllerstedt, wie die einstige Baroness nach ihrer Verheiratung hieß, entstieg ihm. Frau Anja stand am Fenster und beobachtete den großen Auftritt der Nachbarstochter. Sie erkannte ohne Neid die Schönheit und die Eleganz dieser Frau an. Sicher war...




