E-Book, Deutsch, 258 Seiten
Winter Fernweh
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3683-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marie sucht das Weite
E-Book, Deutsch, 258 Seiten
ISBN: 978-3-7534-3683-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gigi E. Winter ist eine Autorin aus Schleswig-Holstein. Ihre große Liebe zur englischen Sprache, der britischen Kultur und den herzlichen Menschen ließ sie zahlreiche Städte in Großbritannien besuchen. Diese Reiseerfahrungen lässt sie gerne in ihre Geschichten einfließen. Am liebsten sitzt sie mit einem Notizbuch bewaffnet in einem Café - egal ob London, Edinburgh oder Tetenbüll - stets auf der Suche nach neuen Bücherideen.
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Kapitel 1
In Westerby veränderte sich nur selten etwas. Eigentlich nie. So fuhr wie ich gewöhnlich mit meinem alten, klapprigen Fahrrad die Hauptstraße des Dorfes entlang. Ich erwiderte die Begrüßungen von Bekannten, die mir entgegenkamen. Sie brachten ihre Kinder zur Schule, waren auf dem Weg zur Arbeit oder drehten die erste Runde mit dem Hund.
»Alles Gute zum Geburtstag, Marie!«, riefen sie mir winkend entgegen, und ich wünschte mir, dass ich mich tatsächlich über die Beglückwünschungen hätte freuen können. Später kamen die meisten von ihnen noch für einen kleinen Umtrunk vorbei, das war bei Geburtstagen oder an Feiertagen gang und gäbe in Westerby. Dieser Ort war ein beschauliches und eher verschlafenes Nest, in dem nichts Weltbewegendes geschah. Gedankenverloren schloss ich mein Fahrrad an und betrat die örtliche Bäckerei, um frisch gebackene Brötchen zum Frühstück zu kaufen.
»Na, Marie, was darf es an deinem Ehrentag denn sein?« Antje, die Inhaberin des Geschäfts, betrachtete mich aufmerksam.
»Das Gleiche wie immer«, antwortete ich.
»Och, seinen Geburtstag muss man doch feiern! Ich packe dir noch etwas schönes Süßes mit dazu.« Es hatte wenig Sinn, mit Antje zu diskutieren oder ihr zu erklären, dass ich womöglich den ganzen Tag lang mit Kuchen überhäuft werden würde und somit gar keine Lust auf noch mehr zuckrige Speisen hatte.
»Ich bin nachher natürlich auch dabei. Deine Mutter hat bestimmt schon den Sekt kaltgestellt.« Antje grinste wie ein Honigkuchenpferd. »Bleibst du jetzt vorerst länger bei deinen Eltern wohnen?«, fragte sie ganz unverblümt. Das Gespräch, oder genauer gesagt Antjes Monolog, driftete immer weiter in eine Richtung ab, auf die ich mich nicht einlassen wollte. Ich legte das Geld auf den Tresen und nahm meine Brötchen samt süßer Überraschung.
»Ich muss dann«, sagte ich im Gehen.
»Noch mal alles Gute, Marie. Heute ist dein Tag!«, rief Antje mir hinterher. Mit nicht der allzu besten Stimmung setzte ich meinen Weg fort. Ein Vibrieren in meiner Tasche lenkte mich ab, und ich holte mein Handy hervor. Die Nachricht war von meiner Schwester Linnea. Sie wünschte mir alles Gute und sagte, ich solle mich von den Dorfbewohnern nicht verrückt machen lassen. Ha. Sie hatte gut reden. Schließlich war sie weit von dieser Einöde hier entfernt. Und sie war fast sieben Jahre jünger als ich. Ihr stand doch die ganze Welt offen. Westerby war mir noch nie so trostlos vorgekommen wie an diesem Tag. Es herrschte der Eindruck, als würde nichts und niemand sich hier jemals bewegen. Unmotiviert in die Pedalen tretend passierte ich den kleinen Kiosk, an dem ich mir schon als Schulkind meine Naschitüten zusammengestellt hatte. Es wunderte mich überhaupt nicht, wenn an irgendeiner der bunten Karten, die draußen an dem maroden Holzhäuschen hingen, nach wie vor Preise in D-Mark aufgelistet waren. In diesem Ort wurden alle schlicht und ergreifend immer älter, so wie ich heute, doch außer der Anzahl an Kerzen auf der Torte veränderte sich rein gar nichts. Nach einer kurzen Fahrt hatte ich Bettys Salon erreicht. Sie selbst und Leila standen bereits draußen, waren mit Partyhüten dekoriert und hielten bunte Tröten in den Händen.
»Happy Birthday to you …«, stimmten sie an, als sie mich sahen. Es war schief, nicht synchron, und es war unmöglich, ein einziges Mal ein echtes rauszuhören.
»Alles Gute zum Geburtstag!« Betty, die eigentlich Bettina hieß, kam auf mich zu, zerquetschte mich fast zwischen ihren Armen und knutschte meine Wangen ab. Leila hingegen gratulierte mir etwas verhaltener, aber nicht weniger herzlich. Auch wenn es nicht ganz so rüberkommen mochte, war ich dankbar dafür, welchen Aufwand meine Kolleginnen für mich betrieben. Doch ich war mental derzeit wirklich nicht in der Verfassung, Geburtstag zu haben. Es war offen gesagt zu viel passiert. Leider blieb mir nicht die Möglichkeit, die Situation zu ändern. Meine einzige Option war, alles so hinzunehmen, wie es jetzt in diesem Moment war.
»Na, kommt doch erst mal rein und lasst uns gemeinsam frühstücken, ehe die ersten Kunden kommen«, schlug Betty vor. Wie jeden Morgen betrachtete ich beim Betreten des Kosmetikstudios zuerst das riesige Bild von einem weißen Sandstrand, das über der Anmeldung hing. Es wäre buchstäblich zu schön, um wahr zu sein, wenn ich in diesem Moment an einem fernen Ort meine Zehenspitzen in das türkisfarbene Wasser halten könnte. Ich sah mich mit einem rot-weißen Sonnenhut aus einer Kokosnuss trinken, dort, wo mein altes Leben in Westerby keine Rolle spielte. Genau da, wo ich in aller Ruhe sein konnte, ohne Verpflichtungen oder Termine. Aber es war nur eine Tagträumerei.
»Sieh, was ich für dich gezaubert habe!« Mit einem breiten Lächeln im Gesicht kam Betty samt einer bunten Torte in den Händen aus der Teeküche. Für meinen Geschmack fand ich auf ihr zu viele Kerzen.
»Los, puste sie aus und wünsch dir etwas!«, sagte Betty, und Leila ermunterte mich ebenfalls. Ich war umgeben von zwei echten Frohnaturen, gegen deren Laune ich an diesem Morgen ausnahmsweise immun war. Trotzdem schloss ich meine Augen und holte tief Luft. In Gedanken sah ich nichts weiter als unbekannte Länder, aufregende Reisen und Abenteuer. Wenn ich nicht gewillt war, bald den Verstand zu verlieren, hatte ich keine andere Wahl als meine Träume festzuhalten. Wahrscheinlich war es sogar wichtiger als jemals zuvor. Und darüber hinaus sah ich mich in der Pflicht, alles dafür zu geben, sie wahr werden zu lassen. Auch wenn ich noch keinen blassen Schimmer hatte, wie das funktionieren sollte. Mit der Luft, die ich aus meinemMund pustete, versuchte ich, sämtliche Negativität abzuschütteln. Das Feuer der Kerzen erlosch, und das Einzige, was blieb, war eine graue Rauchwolke, deren Duft ich überaus gern einatmete. Zusammen machten wir uns über die Torte her. Als Betty gerade dabei war, das dritte Stück für sich abzuschneiden, schrillte die Glocke oberhalb der Eingangstür.
»Hallo ihr Lieben! Und da ist ja das Geburtstagskind!« Ich hatte gestern im Auftragsbuch gesehen, dass Paula Marquart heute einen Termin bei uns hatte. Sie war mit einigen schrillen Tüten beladen und stürmte auf mich zu.
»Nun ist es so weit, auch die Kleinen werden mal groß!« Sie umarmte mich und legte eine Kette aus Plastik um meinen Hals. An dieser waren zahlreiche Elemente eingefasst, die wie die Verkehrsschilder einer dreißiger Zone aussahen.
»Alles Gute zum Geburtstag, Marie! Ich habe dir auch ein Paar Kleinigkeiten mitgebracht« Paula holte die Pakete aus den Tüten hervor. Sie waren allesamt in dasselbe Geschenkpapier eingewickelt, das ebenfalls mit Verkehrsschildern, die das Tempolimit von 30 km/h anzeigten, bedruckt waren. Es war erst kurz nach neun Uhr morgens, und schon jetzt war dieser Tag für mich der reinste Alptraum.
»Na los, pack aus!«, forderte Paula mich auf. Ich hatte keine andere Wahl, als ihrer Anweisung nachzugehen. Ich zerriss das Papier und konnte es kaum erwarten, dieses endlich in die Mülltonne zu donnern. Wie kamen Menschen nur auf so bescheuerte Ideen? Und wer verkaufte überhaupt Geschenkpapier, das so geschmacklos war? Doch was ich nach der Vernichtung des Papiers in den Händen hielt, schlug dem Fass endgültig den Boden aus. lautete der Titel des Ratgebers. Wenn ich vorher schon niedergeschmettert gewesen war, rutschte ich jetzt noch weiter Richtung Erdkern. Ich knirschte mit den Zähnen.
»Lustig, nicht?«, sagte Paula und hatte wohl wirklich keine Ahnung, was sie gerade bei mir angerichtet hatte. »Ich fand das so passend bei deiner jetzigen Situation.« Sie lachte laut auf. Ich hatte den Eindruck, dass sie echt davon ausging, mit ihrer Aktion den Scherz des Jahres hingelegt zu haben. Am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass es überhaupt nicht lustig war, doch ich hatte schlichtweg keine Energie dazu. Meine Motivation, die weiteren Geschenke auszupacken, hielt sich dementsprechend in Grenzen.
»Du kommst am besten schon mal mit mir, dann können wir gleich anfangen.« Betty nahm Paula beiseite und führte sie nach hinten zu den Behandlungsräumen. Nur um dieses grässliche Papier nicht mehr sehen zu müssen, wandte ich mich auch den restlichen Paketen zu. Ich bekam jede Menge Pflegeprodukte, Cremes, Seren, Masken. Hauptsache Anti-Aging. Natürlich, das lag ja auf der Hand. Was schenkte man einer Kosmetikerin? Cremes. Und einem Bäcker Brötchen, einem Schuhmacher Schuhe und einer Frisörin Scheren … Ich verfrachtete die Waren in eine der Tüten und nahm mir vor, das alles mit weiteren unliebsamen Geschenken zu verbrennen, wenn sich die nächstbeste Gelegenheit dazu bot. Leila sah mich mit einem mitleidigen Blick an.
»Sie ist ein bisschen durch, weißt du doch. Gib da nicht zu viel drauf, da stehst du doch drüber. Bald werden wir über die ganze Geschichte nur noch lachen.« Leilas...




