E-Book, Deutsch, Band 34, 200 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm
Reihe: Mord und Nachschlag
Winter Land der wilden Zwiebeln
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-946938-62-0
Verlag: Oktober Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Chicago-Krimi mit Rezepten
E-Book, Deutsch, Band 34, 200 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm
Reihe: Mord und Nachschlag
ISBN: 978-3-946938-62-0
Verlag: Oktober Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frank Winter ist Autor und Redakteur. 'Land der wilden Zwiebeln' ist sein achter Roman und der erste Krimi mit dem Deutsch-Amerikaner Max Meyer. Winter ist in Karlsruhe geboren und aufgewachsen. Einer seiner Vorfahren, Johann Winter, emigrierte etwa 1845 von Baden nach Carmi, das wie Chicago zu Illinois gehört. Mit seinen Cousins, denen das Buch gewidmet ist, hat Winter regelmäßig Kontakt. Er trifft sie in Baden und Illinois sowie ständig im Internet. 'Land der wilden Zwiebeln' entstand auf solider Datengrundlage: historische wie zeitgenössische Bücher und Quellen. Im Anhang finden sich u. a. badische Rezepte und ein Glossar, das badisch-amerikanische Begriffe enthält.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel eins: Bier aus deutschen Landen
Chicagos Maisonne lachte ins Zimmer und gäbe es gegenüber nicht dieses unförmige Rathaus, hätte Max Meyer den Tag optimistisch begonnen. Wie eine deutsche Wasserburg, Stein für Stein abgetragen und neu aufgebaut! Unschön wurde der schwere, rote Vorhang, Zimmer in Büro und Schlafbereich teilend, zur Seite gerissen: Tantchen hatte ihr braunes Haar zum Knoten gezüchtigt, trug ein bodenlanges Kleid und Stiefeletten. Selbst in ihren Fünfzigern war Paula hübsch und schlank und hätte mit etwas gutem Willen auch Fee sein können. Max ging an ihr vorbei und setzte sich an den Eichenschreibtisch. Die langen Beine legte er über die Kante.
»Endlich aus dem Bett gefunden, junger Herr? Unten ist die Hölle los und du hältst Maulaffen feil.« Gleichermaßen fasziniert und abgestoßen betrachtete sie das Bücherregal. »Mein schönes Haus fällt noch zusammen, weil Herr Neffe unaufhörlich bedrucktes Papier heranschleppt!«
»Da ich das Nachthemd ausgezogen und mich angekleidet habe, trifft deine Vermutung zu. Wach bin ich.«
Paula steckte die Nase in einen blechernen Kaffeebecher und schien enttäuscht, dass er sauber war.
Nicht zum ersten Mal argwöhnte Max, dass es unklug sein könnte, bei Verwandten zu leben. »Wie ist das Befinden, mein Tantchen?«
»Bin seit fünf Uhr früh auf den Beinen! Der Herr schenkte uns Sonnenlicht, damit wir den Tag weidlich nutzen, und wer ein Geschäft führt, faulenzt nicht!«
»Tell me something new.«
»Maximilian! In meinem Haus wird Hochdeutsch gepflegt!«
»Ich sollte mehr Schreibutensilien zum Wegräumen für dich kaufen.«
»Was zum Beispiel?«, fragte sie begierig.
»Notizbücher, Tinte, Federn, große Bögen Papier.«
»Kakerlak, ich höre dich krabbeln! Mit deinem Kokolores lassen sich bereits mehrere Trödelmärkte versorgen.« Paula tippte sich den Zeigefinger an die Nase. »Was rieche ich in deiner Kammer?«
Meyer hob die Hände in die Luft. »Gewöhnlich gehst du von verschimmeltem Papier aus, oder?«
»Nein!«
»Dann ist es der Walspeck, den du für unsere Lampen erstanden hast. Nun, was gibt es?«
»Unten wartet jemand auf dich.«
»Weiblicher Besuch?«
»Es würde dir so passen! Nein, ein stattlicher Herr, vornehm gekleidet und mit ausgesuchten Manieren. Welch edle Gestalt!«
»Zu mir will er?«
»Mach keinen Grottenbuckel! Setz dich gerade hin!«
Meyer schritt auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. Paula hegte eine Schwäche für dunkelhaarige Männer mit schwarzen Augen, erst recht, wenn sie groß waren wie die Meyers, dreißig Jahre alt wie ihr Neffe, und so schön rasiert.
»Kunde«, säuselte sie.
»Ein Klient, meinst du?«
»Nein, Kunde!« Sie fuchtelte wild mit den Händen: »Im Laden.«
»Was macht er dort?«
»Da fragst du?! Soll ich ihn etwa in deine Rumpelbude führen? Hoffentlich hast du dir die Hände ordentlich gesäubert! Druckerschwärze löst sich beim Waschen schwer!«
»Keine Sorge. Da du meine Kaffeetasse mehrfach hast, könntest du den Herrn jetzt nach oben bitten?«
Paula schnappte nach Luft. »Deine Zugehfrau bin ich nicht.«
»Schön, dann mache ich es selbst.«
Im Erdgeschoss befand sich Meyers Gemischtwarenladen. Seine Verwandten handelten mit Zucker, Kaffee, Tee, Schokolade, Käse, Eiern, Milch, Brot, Würsten, Bürsten, Besen, Schnaps, Wein, Essig, Öl, Stärke, Zahnpulver, Waschzubern, geräucherten Bücklingen und Bindfäden. Er kam noch rechtzeitig: Onkel Herbert, gemütlicher Mann mit üppigem Schnurrbart, der im Haus strittig war, wollte Haare schneiden. Im Großherzogtum Baden absolvierte Herbert ehedem die Ausbildung und seine Urkunde flatterte in den atlantischen Ozean. Der Besucher saß nur aus Höflichkeit auf dem guten, geplüschten Wohnzimmerstuhl, frequentierte offensichtlich einen guten Frisör. Die Hose war nach der Mode lang geschnitten, das Jackett auf Taille. Meyer bedeutete seinem Onkel, die Schere wegzustecken.
»Antz ist mein Name.«
»Sehr angenehm. Darf ich Sie in mein Büro bitten?«
»Gerne«, antwortete er, Onkel Herbert zunickend. »Vielleicht ein anderes Mal, mein Herr?« Auf der Treppe sagte er zu Meyer: »Der Geschäftsinhaber scheint sehr vielseitig zu sein?«
»So kann man es auch sehen. Haare schneiden ist aber eher sein Hobby.«
Sein Besucher schaute gequält. »Sie sind Max Meyer, ja?«
»Yes, Mister Antz. Don’t worry.«
»Karlsruhe, Großherzogtum Baden?«
»Kennen Sie unsere City?«
»Als Kind war ich einmal dort. Schloss und Menschen blieben mir in Erinnerung. Ihre Anzeige habe ich in der Illinois Staatszeitung entdeckt: Max Meyer, privater Detektiv, löst alle Fälle schnell, zuverlässig, günstig. English, German and Badisch spoken.«
»So ist es«, erwiderte Meyer und tauchte seine Lieblingsfeder ins Tintenfässchen.
»Es liegt mir fern, Sie zu beleidigen. Mir fiel nur auf, dass Diskretion in der Anzeige ausgespart wurde …«
»Ich verbürge mich für höchste Geheimhaltung. Sie ist im Wort zuverlässig enthalten.«
»Gilt das auch für Ihre Frau Mama?«
»Meine Mutter wohnt in Karlsruhe.«
»Verzeihen Sie bitte, aber die Dame, die mich empfing …«
»Wer? Nein, äh, ja, das war Frau … Tante Paula. Warum erzählen Sie mir nicht einfach, was Sie auf dem Herzen haben.«
»Es geht um einen Angestellten.«
»Ihre Branche?«
»Wie bitte?«
»In welchem Bereich sind Sie tätig?«
»Bier. Ein Arbeiter wird vermisst. Aufgeweckter junger Mann. Vor sieben Tagen erschien er zum letzten Mal im Betrieb, und ich möchte gerne die Angehörigen verständigen.«
»Es wundert mich, dass die Familie noch nichts davon erfuhr. Gerüchte wandern schnell in Chicago.«
»Seine Leute wohnen in New York City.«
Meyer griff nach der Zinnkanne, die auf dem kleinen Ofen in der Ecke ihren Platz hatte.
Antz betrachtete neugierig die bunten Fische auf dem hellgrauen Gefäß.
»Eine schöne Kanne haben Sie da.«
»Danke. Sie stammt aus Pennsylvanien.« Er drehte die Kanne leicht. »Etwas Coffee vielleicht?«
»Danke, nein.«
»Wie heißt der Herr?«
»Walker, Paul Walker.«
»Seit wann arbeitet er bei Ihnen?«
»Ungefähr ein Jahr. Wie lange sind Sie schon in Ihrem Beruf tätig, Herr Meyer?«
Unausstehliche Frage! Fehlte nur noch, dass er »junger Mann« sagte.
»Lange genug. Welchen Job macht Walker in Ihrer Firma?«
»Er ist sehr jung, Anfang zwanzig, und arbeitet in der Produktion. Bierbrauen habe ich in Bayern gelernt.«
»Sie besitzen auch zwei Bierhallen, nicht wahr?«
»Beide befinden sich auf der North Side. Außerdem gehört mir ein Biergarten in der Goethe Street. Wo immer Deutsche sich niederlassen, fließt unser Leibgetränk in Strömen. Auch so mancher Ire und Amerikaner liebt es. Lesen Sie die Statistiken. Laut Wirtschaftsspiegel der ›Democratic Press‹ wurden vorletztes Jahr in Chicago etwa 16.000 Fässer produziert. Das reichte aber beileibe nicht aus für unsere durstigen Einwohner. Aus Milwaukee mussten zusätzlich gut 25.000 Fässer herbeigeschafft werden.«
»Trinken unsere Landsleute dort kein Bier?«
»Doch, aber Chicago boomt und die Menschen in Wisconsin konsumieren noch nicht so viel. Schwiegersohn Peter Lehmann ist mir eine große Hilfe bei allem. Ein aufstrebender Gentleman, den ich nach der Hochzeit zum Geschäftsführer ernannte. Zudem bekam er Anteile an der Firma. Genügte leider nicht. Doch es führt uns zu weit vom Grund meines Besuchs weg, Mister Meyer.«
»Woher kennen Sie Herrn Walker?«
»Es scheint mir deutlich zu sein. Young Mister...




