E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
Winter Notärztin Andrea Bergen 1450
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2754-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leben auf der Straße
E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7517-2754-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rita stockt der Atem, als sie sich in dem weißen Spitzentraum im Spiegel betrachtet. Ihre Freundinnen haben recht: Nie hat es eine schönere Braut als sie gegeben - vor allem aber keine glücklichere! Ja, ich bin ein echtes Glückskind, denkt Rita überwältigt. Ich habe einen wunderbaren Beruf und den charmantesten aller Verlobten, Dennis. Und bald schon trete ich mit ihm vor den Traualtar, dann ist mein Glück perfekt ...
Später wird Rita sich noch oft an diese letzten glücklichen Minuten erinnern. Denn schon als sie kurz darauf mit ihrem Brautkleid über dem Arm das Brautmodengeschäft verlässt, geschieht das Unfassbare: Rita erleidet einen schweren Unfall - und danach ist nichts mehr, wie es war. Nach einer komplizierten OP und schlimmen Wochen im Krankenhaus verliert Rita Wohnung, Arbeitsstelle und den Mann, den sie liebt, und findet sich schließlich einsam, mittellos und ohne Hoffnung auf der Straße wieder ...
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Leben auf der Straße
Nur mit einer Pappe vor dem kalten Asphalt geschützt und einen Becher für Almosen vor sich – so habe ich die junge Rita Winkler vor meiner Lieblingsboutique angetroffen. Die junge Frau war vor wenigen Monaten nach einem Unfall schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht worden. Es folgten komplizierte OPs, lange Wochen der Reha – und dann die Entlassung in ein Leben, in dem nichts mehr war wie zuvor! Aus größtem Glück ist die schöne Frau ganz tief gesunken, hat ihre Freunde, den Job, die Wohnung und ihren Verlobten verloren und schlägt sich nun auf der Straße durch! All meine Hilfsangebote hat Rita vehement und unter Tränen abgelehnt – zu groß sind ihre Scham und Verzweiflung ...
Doch ich meine auch noch etwas anderes bei Rita gespürt zu haben: Todessehnsucht. Deshalb habe ich mich gleich heute wieder auf den Weg zu ihrem »Bettelplatz« gemacht. Aber er war verwaist – seit gestern hat niemand Rita mehr gesehen! Und ich mache mir die allergrößten Sorgen ...
Der Bleistift flog förmlich übers Papier, zauberte Linien, Schattierungen und Formen. Abgesehen vom leisen Schaben der Graphitmine auf dem weißen Blatt war es völlig still. Sonnenstrahlen fielen durch die großen Fensterfronten des modernen Gebäudes herein, fingen sich im Glas der Wasserkaraffe auf dem Schreibtisch und warfen faszinierende Reflexe auf die Tischplatte, den Sichtbetonboden, das Zeichenpapier.
Mühelos entstanden die Skizzen unter Ritas Hand. In ihrem Beruf als Innenarchitektin stand ihr eine ganze Reihe von modernen Grafikprogrammen zur Verfügung, doch besonders zu Beginn, wenn sie sich an ein neues Projekt machte, arbeitete sie gerne mit Stift und Papier. Die Entwürfe von Hand zu zeichnen fühlte sich für sie einfach am natürlichsten an.
Sie arbeitete gerade am Konzept für die Neugestaltung einer Luxuswohnung. Frau Arnfels, eine überaus wohlhabende Dame, hatte Kontakt zum Architekturbüro Friedmann aufgenommen. Sie hatte sich an ihrer alten Einrichtung sattgesehen und wollte alles neu, luftiger, frischer haben – dennoch luxuriös und hochwertig. Dabei hatte sie besonderen Wert darauf gelegt, dass Rita Winkler die Umgestaltung der Wohnung übernahm, denn von der jungen Innenarchitektin hatte sie bereits viel Gutes gehört.
Rita lächelte. Es schmeichelte ihr, dass Frau Arnfels ausdrücklich nach ihr verlangt hatte, nicht etwa nach ihrem Chef, Werner Friedmann, der das Architekturbüro vor fünfundzwanzig Jahren gegründet hatte, und auch nicht nach einem ihrer Kollegen, die allesamt gute Arbeit ablieferten.
Ritas Ruf eilte ihr voraus. Das Einrichtungskonzept, das sie letztes Jahr für eine Villa außerhalb der Stadt erarbeitet hatte, war ihr besonders gut gelungen. Was für ein glücklicher Zufall, dass Frau Arnfels mit dem Besitzer der Villa gut befreundet war und ganz begeistert gewesen war!
Sie war jetzt schon sicher, dass die wohlhabende Dame mit ihrer Arbeit zufrieden sein würde. Aus Ritas Kopf sprudelten unzählige gute Ideen. Sie hatte jetzt schon klar vor Augen, wie die großzügigen Räumlichkeiten perfekt zur Geltung kommen würden. Aber sie beherrschte nicht nur ihren Beruf ausgezeichnet, sondern hatte auch einen guten Draht zu den anspruchsvollen Kunden. Sie verstand, was Frau Arnfels vorschwebte, und hatte die Kundin schon in den ersten Gesprächen und beim Besichtigen der Wohnung ganz von sich eingenommen.
»Frau Winkler ... Darf ich Rita sagen? Ich bin jetzt schon froh, dass ich bei Ihnen angefragt habe«, hatte Frau Arnfels gesagt und sich dabei geziert die platinblonden Locken hinters Ohr gestrichen. »Das wird ganz wunderbar aussehen.«
Ein Klopfen an der Tür ließ Rita aus ihrer Arbeit hochschrecken. Sie hob den Kopf und sah zuerst nur einen riesengroßen Blumenstrauß, der sich durch die Tür schob, gefolgt von Ritas Kollegin Martha.
»Der wurde unten am Empfang für dich abgegeben. Schon wieder! Sogar noch schöner als der letzte. Sag mal, dein Dennis hat sich nicht zufällig etwas zuschulden kommen lassen? Laut Klischee schenken Männer doch vor allem dann Blumen, wenn sie etwas ausgefressen haben.« Martha versuchte, es wie einen Witz klingen zu lassen, aber ihr Lächeln fiel dünn aus, und ihre Stimme hatte einen spitzen Unterton.
Rita überging die Bemerkung, die völlig unsinnig war. Dennis liebte sie einfach! Er war verrückt nach ihr, deswegen bereitete er ihr gerne eine Freude, beglückte sie mit Blumen, kleinen Geschenken und anderen Aufmerksamkeiten. Sie wusste, woher der Wind wehte: Martha war eifersüchtig.
Es versetzte Rita einen kleinen, mitleidigen Stich: Es tat ihr leid, Martha so zu sehen. Für ihre rothaarige, hübsche Kollegin musste es schwer sein, das Beziehungsglück anderer Paare hautnah mitzuerleben.
Vor ein paar Monaten hatte Marthas Freund sie für eine andere Frau verlassen. Martha war aus allen Wolken gefallen; in der ersten Zeit nach der Trennung hatte Rita sie immer wieder durch die Bürotür hindurch weinen gehört.
Martha hatte sich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, denn Trost wollte Rita nicht annehmen. Doch ihren geröteten Augen hatte man angesehen, dass es ihr nicht gut ging.
Mittlerweile hatte sie sich gefangen, doch sie hatte neulich in der Mittagspause darüber geklagt, dass sie seither nur schreckliche Dates hatte. Sie tummelte sich auf Tinder und anderen Dating-Plattformen, doch alle Treffen waren die reinsten Reinfälle gewesen. Es sei unmöglich, einen wirklich netten Mann kennenzulernen, hatte sie gejammert.
Und nun musste sie tagtäglich mit ansehen, wie glücklich Rita mit Dennis war. Ob er ihr Blumen ins Büro schickte oder sie nach der Arbeit abholte, um sie in ein tolles Restaurant auszuführen: Rita und Dennis schwebten im siebten Himmel.
»Danke, Martha«, sagte Rita nur und nahm den großen Strauß entgegen. Dabei glitzerte der Verlobungsring an ihrer linken Hand im Licht atemberaubend schön. Ritas Herz machte einen Satz. Nicht mehr lange bis zur Hochzeit!
»Gern geschehen«, erwiderte Martha knapp, und schon war sie wieder verschwunden und hatte die Tür hinter sich geschlossen.
Rita seufzte. Dass sie so glücklich verlobt war, während Martha in der Liebe gerade nur Pech hatte, war nicht der einzige Grund für die Eifersucht der Kollegin. Sie hatten gemeinsam studiert und dann zeitgleich im Architekturbüro Friedmann angefangen. Doch während Martha nach wie vor eher für die einfachen Aufträge eingesetzt wurde, legte Rita eine steile Karriere hin.
Und dabei wusste Martha noch gar nicht, dass Rita demnächst Teilhaberin wurde! Vor Aufregung begann es in Ritas Bauch wild zu kribbeln, als sie daran dachte. Mit ihrem Chef Werner war bereits alles besprochen und in die Wege geleitet. Die harte Arbeit lohnte sich!
Rita stand auf, stellte den Strauß in eine Vase, drapierte ihn auf dem Fensterbrett und schnupperte genussvoll an den duftenden Blumen. Dabei fiel ihr die kleine Karte auf, die zwischen den cremefarbenen Blüten beinahe ganz verschwand.
Für meine Traumfrau, hatte Dennis mit seiner geschwungenen Handschrift geschrieben.
Noch mal kam ein Seufzen über Ritas Lippen, doch diesmal war es ein seliges.
»Und du bist mein Traummann«, flüsterte sie, obwohl er sie nicht hören konnte.
Prickelndes Glück erfüllte sie bis in die Fingerspitzen. Manchmal konnte sie kaum glauben, wie gut es ihr ging. Sie hatte alles, wovon sie träumen konnte! Sie blickte über den Rhein, auf den man aus dem luxuriösen Bürogebäude einen hervorragenden Blick hatte, betrachtete die dahinfließenden Wassermassen, ließ den Blick dann durch ihr hochmodernes Büro im zehnten Stock schweifen und erfreute sich an dem, was sie in ihren jungen Jahren schon erreicht hatte.
Dann setzte sie sich wieder an den Schreibtisch und vertiefte sich in ihre Arbeit. Sie ergänzte die Mappe mit den Entwürfen um Stoffproben und Farbkarten, die verdeutlichen sollten, wie sie sich das Einrichtungskonzept vorstellte. Zufrieden schloss sie die Mappe und verließ das Büro. Es war Zeit für ihren Feierabend, und sie konnte es kaum erwarten, Dennis gleich zu treffen.
Auf dem Gang gab ihr Werner einen Wink und beorderte sie in sein Büro. »Wie läuft es mit dem Arnfels-Auftrag?«, erkundigte er sich.
»Ausgezeichnet«, erwiderte sie selbstbewusst. »Das wird wirklich schön. Die Räumlichkeiten haben viel Potenzial, und ich werde das Beste herausholen.«
Der weißhaarige Mann mit den eisblauen Augen nickte zufrieden.
»Daran zweifle ich gar nicht. Super, weiter so. Die Arnfels hat den Ruf, schwierig zu sein. Aber bei dir ist sie ja ganz zahm. Du hast ein Händchen für die Kunden und ein Auge für Architektur. Übrigens«, er zwinkerte, »der Teilhabervertrag wird gerade vom Notar geprüft.«
Rita schwebte förmlich aus dem Bürogebäude. Das Leben meinte es gut mit ihr.
Ich bin ein echtes Glückskind, dachte sie selig und lief dann freudig ihrem Verlobten entgegen, der auf dem Parkplatz gerade aus seinem Cabrio stieg und ihr entgegenlächelte.
***
Tief schaute Rita in Dennis' graue Augen, in denen sich die...




