E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
Winter Notärztin Andrea Bergen 1515
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-7031-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Großeinsatz im Feriencamp
E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7517-7031-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In dieser Nacht ist in der Stadt die Hölle los. Wahrscheinlich liegt es an der anhaltenden Hitzewelle. Alle sind unkonzentriert. Dadurch kommt es zu mehr Unfällen. Und es gibt auch mehr Gewaltverbrechen als üblich, weil die Nerven der Leute blank liegen.
Ich befürchte, meine Nerven sind auch nicht mehr die besten. Die ganze Zeit mache ich mir Sorgen um meine Tochter. Franzi ist seit ein paar Tagen alleine in einem Feriencamp für Jugendliche. Die Nachrichten, die sie uns geschrieben hat, klingen durchweg positiv. Und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass ihre Fröhlichkeit nur aufgesetzt ist.
Mein Kollege meinte vorhin, dass meine Muttergefühle mit mir durchgehen. Vielleicht ist das so, wenn die Kinder selbstständiger werden und eigene Wege gehen. Vielleicht muss ich lernen, etwas mehr loszulassen. Ich hoffe sehr, dass meine Ängste unberechtigt sind und mich mein Mutterinstinkt diesmal trügt. Gerade werden wir zum nächsten Einsatz gerufen. Ferienlager Waldabenteuer. Oh nein! ...
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Großeinsatz im Feriencamp
In dieser Nacht ist in der Stadt die Hölle los. Wahrscheinlich liegt es an der anhaltenden Hitzewelle. Alle sind unkonzentriert. Dadurch kommt es zu mehr Unfällen. Und es gibt auch mehr Gewaltverbrechen als üblich, weil die Nerven der Leute blank liegen.
Ich befürchte, meine Nerven sind auch nicht mehr die besten. Die ganze Zeit mache ich mir Sorgen um meine Tochter. Franzi ist seit ein paar Tagen alleine in einem Feriencamp für Jugendliche. Die Nachrichten, die sie uns geschrieben hat, klingen durchweg positiv. Und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass ihre Fröhlichkeit nur aufgesetzt ist.
Mein Kollege meinte vorhin, dass meine Muttergefühle mit mir durchgehen. Vielleicht ist das so, wenn die Kinder selbstständiger werden und eigene Wege gehen. Vielleicht muss ich lernen, etwas mehr loszulassen. Ich hoffe sehr, dass meine Ängste unberechtigt sind und mich mein Mutterinstinkt diesmal trügt.
Gerade werden wir zum nächsten Einsatz gerufen. Ferienlager Waldabenteuer. O nein! ...
Dr. Andrea Bergen zog sich die Handschuhe von den müden Händen und ließ sie in den Abwurfbehälter fallen. Es war ein langer Tag voller Einsätze gewesen, die Erschöpfung machte die Glieder der Notärztin schwer und lastete auf ihren verspannten Schultern.
Ihre Gedanken wanderten durch die Ereignisse des Tages – der Verkehrsunfall am Morgen, bei dem ein junger Mann schwer verletzt worden war, der ältere Herr mit einem Herzinfarkt, den sie gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht hatten, und zuletzt das kleine Mädchen mit einer schweren allergischen Reaktion. Es war ein Tag voller Adrenalin und Anspannung gewesen.
Jetzt, da sie ihre Einsatzkleidung an ihren Spind gehängt hatte, konnte sie endlich aufatmen. Andrea freute sich auf den Feierabend und auf ihre Familie. Ihre Tochter Franzi, ihr Mann Werner und ihre Schwiegermutter Hilde warteten bereits zu Hause auf sie. Wie sie Hilde kannte, köchelte auf dem Herd bestimmt schon etwas Leckeres.
So sehr die Notärztin ihren Beruf auch liebte und so viel Erfüllung sie auch darin fand, Menschenleben zu retten: Manche Tage waren unsagbar anstrengend. Die Gewissheit, dass sie zu ihrer Familie zurückkehren konnte, war das Licht am Ende dieses Tunnels.
»Andrea, warte mal kurz!«, rief ihr Kollege Dr. Clemens Stellmacher, als sie gerade die Tür zum Personalraum öffnen wollte. »Ich wollte nur sagen, dass du heute großartige Arbeit geleistet hast. Der Herzinfarkt-Patient hat nur dank deiner schnellen Reaktion überlebt.«
»Danke, Clemens«, antwortete Andrea mit einem müden Seufzen. »Aber jetzt brauche ich wirklich eine Pause. Wir sehen uns morgen.«
»Genieß deinen Feierabend«, sagte er und klopfte ihr auf die Schulter, bevor er sich wieder den Patientenakten widmete.
Sobald sie hinaus an die frische Luft trat, erwachten ihre Lebensgeister wieder, und sie fühlte sich munterer. Die warme Abendsonne empfing sie auf dem Krankenhausparkplatz und zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen.
Sie stieg in ihr Auto, ließ sich auf den Sitz fallen und schloss für einen Moment die Augen. Die Anspannung des Tages fiel von ihr ab. Sie massierte kurz ihren schmerzenden Nacken mit den Fingerspitzen, dann ließ sie den Motor an und drehte das Radio auf.
Sommerliche Hits tönten aus den Lautsprechern, und der Moderator plauderte fröhlich über die Freibadsaison, deren Ende noch lange nicht in Sicht war. Die Sonne brannte aus voller Kraft vom Himmel herab. Je später der Sommer wurde, desto heißer wurde es, als würde die Sonne jetzt wirklich alles geben.
Andrea setzte ihre Sonnenbrille auf, ließ das Fenster herunter und summte zur Musik, während sie nach Hause fuhr.
***
Als sie die Einfahrt der hübschen Jugendstilvilla erreichte, in der sie mit ihrer Familie wohnte und in der ihr Mann Werner seine Kinderarztpraxis eingerichtet hatte, konnte sie bereits die vertrauten Geräusche und Düfte ihres Heims wahrnehmen.
Das Summen des Rasenmähers, den Werner durch den Garten schob, das fröhliche Lachen von Franzi, die mit der Hündin Dolly tobte, und der verlockende Duft von Hildes berühmtem Apfelkuchen, der durchs offene Küchenfenster nach draußen strömte.
Mit beschwingten Schritten ging Andrea den Weg zur Haustür entlang und wurde von Franzi mit einem breiten Lächeln und einer herzlichen Umarmung begrüßt.
»Mama, du bist endlich zu Hause! Komm, Omi und ich haben Kuchen gebacken«, sagte Franzi und zog sie ins Haus. »Den gibt es zum Nachtisch.«
Andrea konnte nicht anders, als zu lächeln. Dies war ihr Zufluchtsort, ihr Anker in einer Welt voller Hektik und Notfälle. Hier, mit ihrer Familie, konnte sie Kraft tanken und einfach nur sie selbst sein. Sie gab Werner, der jetzt auch ins Haus kam, einen herzlichen Kuss und begrüßte Hilde mit einer warmen Umarmung.
Wenig später saßen sie um den Esstisch versammelt. Hilde, die dem Ehepaar bei jeder Gelegenheit unter die Arme griff, stellte einen dampfenden Gemüseauflauf und einen frischen Salat auf den Tisch.
»Du bist wirklich ein Goldschatz«, seufzte Andrea dankbar. »Was täten wir ohne dich?«
Hilde grinste. »Keine Ahnung. Dann müsstet ihr vermutlich eine Möglichkeit finden, euch zu klonen.«
Da hatte sie nicht unrecht. Als Ärzte hatten Andrea und Werner Bergen eine Menge um die Ohren. Ohne Hilde, die im Haushalt half, Franzi zu Freizeitterminen fuhr und jederzeit bei Notfällen bereitstand, wäre der Alltag jedenfalls nicht ansatzweise so reibungslos abgelaufen.
Andrea ließ sich das Essen schmecken. Dabei fiel ihr plötzlich auf, dass Franzi und Hilde immer wieder verschwörerische Blicke austauschten.
»Was heckt ihr beide denn da aus?«, fragte sie schließlich skeptisch.
Werner schaute verwirrt drein. Worum es auch ging, er war offensichtlich nicht eingeweiht worden.
Als wäre das das Stichwort gewesen, auf das sie gewartet hatte, sprang Franzi auf und lief kurz aus dem Esszimmer, nur um gleich darauf mit einer Broschüre zurückzukommen, die sie vor ihren Eltern auf dem Tisch ausbreitete.
»Mama, Papa, meine Freundinnen fahren in dieses supertolle Feriencamp«, sprudelte es aus dem Mädchen heraus. »Es klingt richtig toll und ist auch gar nicht weit weg. Guckt mal, was für spannende Sachen da angeboten werden. Es gibt Workshops, in denen man lernt, wie man in der Wildnis überleben könnte. Wie man Lagerfeuer macht und so weiter. Und Bogenschießen kann man lernen. Und man kann im See schwimmen oder Boot fahren.«
»Ich finde, das klingt nach einer wunderbaren Sache«, schaltete sich Hilde ein. »Unsere Franzi geht ja nun auf die Pubertät zu. Da muss man froh sein, wenn die Kinder Zeit an der frischen Luft verbringen, statt nur im Internet zu surfen, den lieben langen Tag Videospiele zu spielen oder gar noch viel schlimmere Dinge anstellen.«
Andrea schmunzelte. So wie es aussah, hatte Franzi Hilde eingeweiht und sich ihre Unterstützung gesichert.
Sie warf einen Blick in die Broschüre. Auf den Bildern sah man rustikale Blockhütten und Zelte, lachende Kinder und Jugendliche und eine idyllische Landschaft. Tatsache, das Ferienlager war gar nicht weit von der Stadt entfernt. Es lag in einem Waldstück an einem See.
»Die Sommerferien sind doch schon in vollem Gange. Solche Camps sind oft lange im Voraus ausgebucht«, gab Andrea zu bedenken. »Meinst du denn, da sind noch Plätze frei, Franzi?«
Eifrig nickte Franzi. »Lilys Eltern haben sich da neulich erst erkundigt, als sie sie angemeldet haben. Es gibt noch ein paar Restplätze, aber man muss schnell sein. Darf ich, Mama, Papa? Bitte! Das wäre so toll. Lily und ich hätten da so viel Spaß.«
Lily war seit einer Weile Franzis beste Freundin. In der Schule saßen sie nebeneinander, und in der Freizeit unternahmen sie oft etwas gemeinsam, besuchten sich gegenseitig und waren unzertrennlich.
Andrea suchte Werners Blick. »Was meinst du, Schatz? Ich finde, das klingt gar nicht übel.«
Er nickte. »Klingt doch super. Ich war auch mal in so einem Camp, habe ich das mal erzählt? Mutter und Vater haben mich hingeschickt, weil sie fanden, das würde mir nicht schaden.«
Lächelnd stupste Hilde ihren Sohn von der Seite an. »Hat dir ja auch nicht geschadet.«
»Ich habe Rotz und Wasser geheult, weil ich nicht wollte und schon vor dem Losfahren Heimweh hatte.« Werner lachte herzlich. »Aber schon am ersten Tag war ich total hin und weg und wollte danach gar nicht mehr nach Hause, so gut hat es mir gefallen. Ich gebe Mutter recht – da lernen die Kiddies was Vernünftiges. Allemal mehr, als wenn sie auf TikTok und anderen Plattformen abhängen. Sie lernen, die Natur zu respektieren und den Wert von Zusammenhalt und Teamwork zu schätzen.«
Andrea musste jetzt auch lachen. »Du klingst ja noch enthusiastischer als diese Werbebroschüre. Na schön, also an mir soll es nicht scheitern! Ich rufe gleich mal dort an, Franzi. Wenn noch ein Platz frei ist, kannst du gerne dorthin.«
***
Franzi tänzelte förmlich in ihr Zimmer. Am liebsten hätte sie laut vor sich hin...




