E-Book, Deutsch, 575 Seiten
Reihe: Lübbe
Winter Träume aus Asche
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-3990-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 575 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-3990-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Kaiserreich Kanchar hat man die dunkle Seite der Magie vervollkommnet und mit ihr eine Armee aus belebten Eisentieren erschaffen. Dazu wurden die Seelen der Toten in den Eisentieren eingekerkert. Durch den Krieg mit Le-Wajun wurden jedoch viele von ihnen zerstört und die Seelen freigesetzt. Diese irren nun im Land umher und terrorisieren die Lebenden. Um ihrer Herr zu werden, fasst Sadi, der neue Großkönig von Le-Wajun, einen verzweifelten Plan. Doch der gefährdet das komplette Gefüge der Welt ...
Maja Winter ist das Pseudonym der erfolgreichen Autorin Lena Klassen, unter dem sie epische Fantasygeschichten veröffentlicht. 1971 in Moskau geboren, wuchs sie in Deutschland auf. In Bielefeld studierte sie Literaturwissenschaft, Anglistik und Philosophie. Neben ihren Fantasyromanen hat sie auch zahlreiche Kinder- und Jugendbücher sowie Romane für Erwachsene verfasst. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im ländlichen Westfalen.
Autoren/Hrsg.
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1. Die Prinzessin und ihre Träume
Nebelschwaden leckten mit weißen Zungen über den felsigen Strand. Zunächst als feine Streifen, die wie Schnecken quälend langsam über die Steine krochen, dann folgten bizarre Gebilde in der Größe von Pferden, die den Wellen entsprangen, auf den Hafen zutrabten und in die Dünen der Sandwüste einfielen, wo die unbarmherzige Sonne sie auflöste. Sie versuchten es erneut, wieder und wieder – Hirsche und Soldaten aus Nebel, die die Küste eroberten, die sich verformten, weiterkrochen, sich aufbäumten, den Nebelhafen überfielen, weiterwanderten. Wolkenartige Ungeheuer, Türme, Gebirge verschmolzen schließlich zu einer einzigen weißen Wand.
Die Menschen, die am Nebelhafen wohnten, dort, wo das Königreich Daja endete und das Ungewisse begann, waren Nebelfluten gewohnt. Sie schlossen Türen und Fenster und warteten ab, bis das dichte Weiß sich verzog. Der Nebel, der alle Sinne auslöschte, das Auge blind machte, das Ohr taub, die Haut klamm und fröstelnd, war harmlos, wenn man ihn nicht unterschätzte. Jedes Jahr verirrten sich ein paar Leichtsinnige und fielen über die Kaimauer ins Wasser, wo sie ertranken, da niemand ihre Schreie hörte. Andere wanderten in die Wüste hinein im Glauben, sie gingen den Strand entlang, und fanden sich irgendwann, wenn die Schwaden sich verzogen, in der glutheißen Hölle wieder, wo es keinen Schatten, kein Wasser, keine Rettung gab. Diesmal war es anders.
Elida, die Tochter der Heilerin vom Nebelhafen, meinte an diesem Morgen, trotz des Nebels seltsame Geräusche zu hören. Stimmen, die durcheinanderriefen, den Klang von marschierenden Soldaten, von klirrenden Waffen und dem Dröhnen unzähliger Hufe. Sie öffnete die Tür und spähte vorsichtig hinaus. Ein Schritt aus dem Haus, und sie war allein auf der Welt. Ein weiterer Schritt, und sie wusste nicht mehr, wo sich die Haustür befand. Hinter ihr oder neben ihr? Musste sie sich nicht einfach umwenden und wäre wieder in der Sicherheit ihrer eigenen vier Wände? Sie streckte die Arme aus, tastete nach den vertrauten Holzbalken, die das Vordach trugen, doch da war nichts. Nicht einmal die Geräusche, die sie aus der Sicherheit herausgelockt hatten, waren noch zu hören.
Panik konnte tödlich sein, also zwang Elida sich zur Ruhe. Wenn es nicht ein Schritt war, dann vielleicht zwei? Zwei hierhin und wieder zurück, zwei dorthin und wieder zurück. Ein Tanz, der sie unweigerlich zu ihrem Türrahmen bringen musste.
Doch das Nichts war überall. Sie wusste nicht mehr, ob sie wach war oder träumte. Ihr Verstand, gewohnt, sich auf die Sinne zu verlassen, scheute vor dem Weiß zurück. Da erhaschte sie wieder einen Laut. Gelächter, vielleicht gar Gesang?
Elida wollte einen weiteren Schritt tun, doch im letzten Moment zuckte sie zurück. Beinahe wäre sie gefallen. Sie hörte jetzt, wie die Wellen des Meeres wild gegen die Kaimauer schlugen. So weit war sie gegangen? Aus dem Weiß vor ihr tauchten plötzlich die Masten eines grauen Schiffs auf. Dunkle Striche, wie Äste oder Krähenfüße oder das Geweih eines Hirschs.
Ungläubig richtete sie den Blick auf das Schiff. Der Geruch änderte sich. Der Nebel, der nicht nach Salz und See roch, nicht nach Fisch oder Tang oder Tränen, sondern nach nichts, schien plötzlich zu duften. In der Luft lag ein Aroma wie von üppigen Sommerblumen, die Ahnung von einem fernen Land unter einem weißen Himmel.
Dann kamen die Reisenden. Der Verstand sagte ihr, dass sie mit dem Grauen Schiff gekommen sein mussten, dass irgendwo ein Steg ausgelegt worden war oder dass Boote sie an die Küste gebracht hatten, doch ihre Augen wussten es besser. Starr vor Schreck sah sie die Fremden durch den Nebel gleiten.
Der Erste war ein Mann von außergewöhnlicher Schönheit. Seine Haut war selbst in dem faden Weiß, das ihn umgab, nicht anders als golden zu nennen. Sein pechschwarzes Haar umrahmte ein edles Gesicht, das einem König gehören musste. Die schwarzen Augen blickten hart und kalt wie Steine. Blutrot wallte ein langer Umhang um seine Schultern und spielte um seine schwarze, mit goldenen Fäden bestickte Kleidung. Der Mann trat aus dem Nebel heraus, der vor ihm lichter zu werden schien, und betrat den Hafen. Hinter ihm erschien sein Gefolge, Krieger und noch mehr Krieger, ihre Gesichter weich und ein wenig verschwommen, als hätten sie einen Teil von sich selbst unterwegs verloren.
Elida rührte sich nicht von der Stelle, als der Mann mit dem roten Umhang an ihr vorbeischritt, und sie wünschte sich, unsichtbar zu sein, als seine nebelartigen Kreaturen an Land strömten. Viel mehr Menschen, als ein Schiff je fassen könnte, zogen an ihr vorbei.
Stumm verschwanden sie im Nebel, als hätten sie nie existiert.
Und mit ihnen eine Ahnung von Gesang und weiten Wiesen und stillen Waldseen, von einem brennenden Schloss und Rauch, der den leeren Himmel verdunkelte.
Sahiko, Prinzessin von Guna und seit einigen Wochen offiziell die Tochter des Edlen Kaisers von Kanchar, war nicht zum ersten Mal acht Jahre alt.
In der Nacht, nachdem Kaiser Liro von Kanchar, der mächtigste Mann zwischen Rack-am-Meer im Westen und den talandrischen Bergen im Osten, erfahren hatte, dass Sahiko keineswegs seine verschollene leibliche Tochter war, sondern stattdessen vermutlich das Kind seines verhassten Bruders Matino, hatte Sahiko einen Traum.
Sie war acht Jahre alt und ein anderes Mädchen. Da sie keinen Spiegel hatte, wusste sie nicht, ob sie im Traum ihr vertrautes Gesicht besaß, doch sie konnte ihre bloßen Arme sehen. Ihre Haut war dunkler, nachtschwarz, nicht von dem satten Rindenbraun, an das sie gewöhnt war. Sie hieß auch nicht mehr Sahiko. Der Mann, an dessen Hand sie sich klammerte, nannte sie Linua. Er war ähnlich gekleidet wie sie, in eine sandfarbene Hose und eine knielange, ebenfalls sandfarbene Kutte. Der Stoff war schmutzig und schweißgetränkt und scheuerte auf ihrer Haut. Auch die Sandalen passten nicht richtig, und ihre Füße schmerzten. Sie hatte Blasen an den Zehen, und wenn sie nach unten schaute, konnte sie das Blut zwischen den ledernen Riemen hervorquellen sehen.
»Wie weit ist es noch?«, fragte sie.
Der Mann antwortete nicht.
Gemeinsam wanderten sie durch eine Ebene, die von einem Horizont zum anderen reichte. Wenige Hügel erhoben sich aus dem Land. Über ihnen setzte die Sonne den Himmel in Flammen. Die Luft war so heiß, dass es wehtat, sie einzuatmen, und die Erde unter ihren Füßen war so trocken, dass bei jedem Schritt eine Staubwolke hochwirbelte.
»Wohin bringst du mich, Vater?«, fragte Linua.
»Ich bin nicht dein Vater«, entgegnete der Mann schroff. »Das habe ich dir schon unzählige Male gesagt. Bist du blind? Deine Haut ist schwarz wie Pech, meine ist braun wie Harz. Wie könnte ich dein Vater sein?«
»Wohin gehen wir, Vater?«, wiederholte das Mädchen unbeeindruckt. »Und wonach riecht es hier?« Ein süßlicher und zugleich bitterer Geruch mischte sich in den Staub. Er kitzelte in ihrer Nase.
»Nach Tod«, antwortete der Mann. »Wohin sonst sollte ich dich bringen? Wir gehen nach Jerichar, in die Stadt des Todes.«
Sie wollte nach Hause, aber er hielt ihre kleine, verschwitzte Hand fest, und sie hatte Angst davor, ihn loszulassen. Außerdem, wie hätte sie allein nach Hause finden sollen? Sie waren seit vielen Tagen unterwegs, und das Eisenpferd, mit dem sie gekommen waren, hatten sie am Fuß eines Hügels stehen lassen. Linua konnte es sehen, wenn sie sich umdrehte. Mit gesenktem Kopf schien es auf sie zu warten.
Der Mann führte sie auf eine langgestreckte Erhebung zu. Er keuchte, während sie die Steigung erklommen, und tupfte sich die Stirn ab. Linua wurde ungeduldig. Ihre Angst war vergessen. Sie riss sich los und lief flink voraus, bis sie die Kuppe des Hügels erreichte. Vor ihr lag eine Ansammlung niedriger Hütten, farblos wie die Erde ringsum, die sich in den Staub duckten.
»Das soll eine Stadt sein?«, fragte sie enttäuscht. »Es sind bloß ein paar Häuser.«
»Oh, du wirst dich noch wundern«, sagte der Mann, der schnaufend neben sie trat. »Es ist größer, als du denkst. Ein Schloss, errichtet auf Gebeinen und Blut. Der Meister des Todes erwartet dich bereits.«
Linua verschränkte die Arme vor der Brust. »Es gefällt mir hier nicht. Ich will lieber nach Hause, zurück in die Berge. Ich will Schnee und das Tal und den Ausblick aufs Nebelmeer. Ich will das Graue Schiff sehen, wenn es an der Küste vorbeisegelt, und ich will durch die Tunnel im Bergwerk streifen.«
»Du wirst die Berge vergessen«, sagte er, »und den Schnee und das Schiff und die Wege durchs Gestein.« Er lachte leise, als eine Gestalt sich aus dem Schatten der Häuser löste und auf sie zuhielt. »Das ist dein neuer Vater. Nun beginnt dein neues Leben. Dies ist deine Bestimmung.«
Während der Fremde näher kam, wurde der Duft, von dem ihr Vater gesagt hatte, es sei der des Todes, immer stärker. Nach etwas Verbranntem, nach nassen Felsen, von Eisenerzadern durchzogen, nach verfaulendem Obst und nach etwas anderem, das sie nicht kannte. Das Gesicht des Fremden war ganz Lächeln, seine Augen blitzten vor Freude, und dann legte er die Hände auf ihre Schultern.
»Ich bin Meister Joaku«, sagte er. »Willkommen in Jerichar.«
»Sahiko! Prinzessin Sahiko, wacht auf!«
Sahiko blinzelte. Einen Moment fragte sie sich, ob das überhaupt ihr Name war, ob sie nicht in Wahrheit ganz anders hieß. War sie nicht Linua? War sie nicht gerade in Jerichar angelangt?
Doch die Luft war angenehm kühl an diesem frühen Morgen. Das fahle Licht enthüllte die kostbaren Möbel, an die sie sich immer noch nicht recht...




