E-Book, Deutsch, 607 Seiten
Reihe: Lübbe
Winter Träume aus Eisen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-3988-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 607 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-3988-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die wahnsinnige Großkönigin Tenira hat den von ihr angezettelten Krieg gegen das Kaiserreich Kanchar verloren. Die Niederlage ist umso bitterer, als sie ihren Sohn Sadi als Unterpfand des Friedens in Kanchar zurücklassen muss. Karim, der Bastard des toten Großkönigs, sieht seine Chance gekommen. Um seine Ansprüche auf den Sonnenthron von Le-Wajun zu festigen, macht er sich auf die Suche nach der verschollenen Erbin Dilaya. Das ruft seine Gegner auf den Plan - und beschert ihm unerwartete Verbündete.
Maja Winter ist das Pseudonym der erfolgreichen Autorin Lena Klassen, unter dem sie epische Fantasygeschichten veröffentlicht. 1971 in Moskau geboren, wuchs sie in Deutschland auf. In Bielefeld studierte sie Literaturwissenschaft, Anglistik und Philosophie. Neben ihren Fantasyromanen hat sie auch zahlreiche Kinder- und Jugendbücher sowie Romane für Erwachsene verfasst. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im ländlichen Westfalen.
Autoren/Hrsg.
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1. Das andere Schloss
Es war Anta’jarim, und es war nicht Anta’jarim.
Seit Anyana im sagenhaften Kato, das die Götter für ihre Kinder geschaffen hatten, an Land gegangen war, wurde sie von der Menge an Seltsamkeiten und Wundern überwältigt. Die Landschaften, die sie bisher gesehen hatte, glichen in verblüffender Weise der Welt der Menschen, so wie die leicht verschwommene Spiegelung auf der Oberfläche eines Teichs der Wirklichkeit glich. Bei näherer Betrachtung erst fielen die Unterschiede auf. Das Schloss, das sich inmitten der verwunschenen Wälder erhob, ähnelte dem Ort, an dem Anyana aufgewachsen war, nur auf den ersten Blick. Genau wie der echte Herrschaftssitz der Königsfamilie von Anta’jarim bestand auch der hier in Kato aus vielen Häusern und Burgen und Türmen. Sie waren zusammengewürfelt wie ein Haufen Bauklötze, mit dem ein Kind gespielt hatte, gingen ineinander über oder wirkten wie aufeinandergestapelt. Und doch ergaben die einzelnen Teile ein unvergleichliches Ganzes.
Alles war so ähnlich und fühlte sich dennoch ganz anders an. Dies war keine Heimkehr. In Kato lebten die Toten, die nicht die vollständige Reise zu den Göttern hinter sich gebracht hatten, und Anyana musste nur zur Rechten auf ihre Tante Lugbiya oder zur Linken auf ihren Vetter Maurin blicken, um daran erinnert zu werden. Sowohl Lugbiya als auch Maurin waren in dem Feuer gestorben, das Anyanas ganze Familie ausgelöscht hatte. Sie hier in Kato wiederzutreffen, ihre Tante verjüngt, ihr kleiner Spielkamerad Maurin zu einem hübschen jungen Mann gereift, war zugleich erschreckend und wunderbar.
Auch der Mann, der vor ihnen ritt, war ihr auf unheimliche Weise vertraut. Fürst Wihaji, einst die rechte Hand des ermordeten Großkönigs Tizarun, hatte ihr schon einmal das Leben gerettet. Nun stand sie erneut in seiner Schuld, da er sie und ihren kleinen Sohn davor bewahrt hatte, von den Soldaten des Flammenden Königs verhaftet zu werden. Sie hatte noch tausend Fragen, doch der stolze dunkelhäutige Fürst ritt ihnen voran und wandte sich nicht zu ihr um.
Durch das Haupttor gelangten Anyana und ihre neuen Reisegefährten in einen Hof, der direkt auf das hohe Portal des Schlossteils zuführte, der dem König zustand. Rechts und links davon befanden sich die Gebäudekomplexe, die die anderen Mitglieder der Königsfamilie beherbergten: das sogenannte altdunkle Schloss – während Anyanas Kindheit das Heim ihrer Familie – und das helle Schloss, in dem die Familie ihres Onkels Nerun gewohnt hatte. Sonnenlicht spiegelte sich in den Pfützen zwischen den Stallungen und dem Wachturm, aber es hatte nicht die richtige Farbe, es war milchig weiß statt golden. Menschen schritten geschäftig hin und her und nahmen sich dennoch die Zeit, den Fürsten, der hier der Aufrechte oder der Freie Mann genannt wurde, ehrfürchtig zu grüßen. Etwas war seltsam an ihnen. Es war, als würden sie sich langsamer bewegen und geschmeidiger, wie Leute, die durch tiefes Wasser wateten.
Das Leben in Kato war wie das Leben in einem Traum. Nur einer schien wirklicher als alles, ein Halt im Wogen des Nebels: Wihaji. Der in diesem gespiegelten Anta’jarim kein verfemter Königsmörder, sondern König war.
Anyana ließ sich beim Absteigen helfen und presste ihr Kind enger an sich, während sie zu dem zuckerwerkartigen Turm hinaufstarrte, der in zahnweißem Marmor aus dem Wirrwarr aus Gebäuden ragte.
»Ja, es ist seltsam, aber man gewöhnt sich daran«, sagte Lugbiya. »Soll ich den Kleinen halten, während du dich umschaust?«
Ihr war nicht wohl dabei, Lijun auch nur für einen Atemzug fortzugeben. Tante Lugbiya war genauso wie das Schloss vertraut und überraschend fremd. Sie war die Frau, die Anyana viele Jahre gekannt hatte, und doch war sie ganz anders: Ihre Augen leuchteten, sie wirkte jung und strahlend und voller Mut. War sie früher tatsächlich so streng und übelgelaunt gewesen, dass sie es jedem schwer gemacht hatte, sie zu mögen?
»Dort war kein solcher Turm«, sagte Anyana. Instinktiv hielt sie Lijun noch fester, und der Kleine begann sich zu regen. »Und es wuchsen keine violetten Blumen um das Hauptportal herum.«
»Dies ist das Anta’jarim der Lichtgeborenen, nicht deins«, gab ihre Tante zurück. »Und außerdem sind das keine gewöhnlichen Blumen, sondern Weinreben. Sie haben hier außergewöhnlich große Blüten und später gelbe Trauben, groß wie Pflaumen. Nur zu, sieh dich um. Das ist dein neues Zuhause.«
Ist es nicht, dachte Anyana, aber wem wollte sie etwas vormachen? Sie war über das Nebelmeer gesegelt, um ihren Verfolgern zu entkommen, und konnte nicht einfach wieder nach Le-Wajun zurückfahren. Den Grauen Kapitän hatte sie sich zum Feind gemacht, weil sie ihm erst ihren Sohn als Reisezoll versprochen und dann mit Lijun geflohen war, und Mago, ihr Weggefährte auf der Flucht, war von den Schergen des Flammenden Königs verschleppt worden. Irgendwie musste sie in dieser fremden Heimat Fuß fassen, also zwang sie sich zu einem Lächeln.
»Danke, dass du dich um ihn kümmern willst.« Sie streichelte über Lijuns Köpfchen, reichte ihn Lugbiya und wandte sich dem Portal zu, in dem Fürst Wihaji gerade mit großen Schritten verschwand. Das Königsschloss, in dem in der wirklichen Welt König Jarunwa gelebt hatte, als Anyana ein Kind gewesen war.
»Onkel Jarunwa ist nicht hier?«, fragte sie.
Maurin, ihr ehemals kleiner Cousin, schüttelte den Kopf. »Nein, ist er nicht. Ich glaube, er ist schon einen Schritt weitergegangen, zu den Göttern. Der Glückliche.«
»Gibt es eine Erklärung dafür, wer nach dem Tod hier landet und wer nicht?« Anyana dachte an ihre Mutter, deren Gesicht sie im Nebelmeer gesehen hatte. Unzählige Seelen füllten das Meer zwischen Kanchar und Kato. Waren sie zu schuldig und daher zu schwer gewesen, um in die Höhe zu steigen? Waren die weniger Schuldigen hier – und die Guten hatten es bis zu den Göttern geschafft?
»Ich stand vor dem Flammentor«, sagte Maurin, »und ich hörte eine Stimme rufen. Jemand streckte mir eine Hand hin, aber ich habe sie nicht ergriffen. Ich wusste nicht, wo ihr wart, du und Dilaya, deshalb habe ich mich umgeschaut. Und dann war ich plötzlich hier. Ich lag im Wald auf weichem Moos. Ein Reh hat mich gefunden und hergeführt. Aus einem der Fenster im Turm lehnte sich meine Mutter, ihre Haare wehten im Wind, und sie lachte, als sie mich sah.«
Vielleicht war das alles ein Traum, überlegte Anyana, während sie sich nach links wandte zum altdunklen Schloss, dem Spiegelbild des Heims ihrer Kindheit. Jeder Schritt war wie ein Schritt in die Vergangenheit. Überwuchert von Weinranken mit dunkelrotem Laub, schimmerten die verwitterten Steine nur hier und da hervor. Es war eins der ältesten Gebäude im Gewirr der Erker und Türme, eine unübersichtliche Burg, in der sie als Kind immer wieder neue Räume entdeckt hatte. Ein Dutzend Stufen führten zu einem gewölbten Mauerbogen hinauf, der das hohe, zweiflügelige Portal beschattete. Anyana stemmte den schweren Türflügel auf.
Die kleine Eingangshalle war so vertraut, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Die Sprünge in den Bodenfliesen, das gemalte Blumenmuster, das sich über die verputzten Wände zog, rechterhand führte eine immer offen stehende Tür in den kleinen Salon mit dem Sessel und der Standuhr. Ging man daran vorbei, gelangte man in einen mit Steinplatten ausgelegten Saal, den eine Galerie umgab. Unter der Brüstung verbargen sich Türen in den Schatten. Alles war still, viel zu still.
Die vielen Menschen draußen schienen sich um das Königsschloss zu kümmern sowie um Lugbiyas herausgeputztes helles Schloss, denn hier hielt sich niemand auf. Keine Diener eilten geschäftig durch die Flure, keine Wächter standen gelangweilt an den Türen. Ansonsten wirkte auf den ersten Blick alles wie früher: Kein Staub hatte sich auf die Statuen gelegt, und die Porträts der Ahnen hatten so glänzende Rahmen, als hätte man sie gestern erst poliert. Es waren die gleichen Bilder, aber die Details stimmten nicht. Auf einem thronte ein alter König, der nur einen halben Schnurrbart besaß, auf einem anderen baumelte eine Kirsche vom Ohr einer edlen Dame. Den Hirsch – Wappentier der Königsfamilie von Anta’jarim – auf dem größten Bild betrachtete sie am längsten. In seinem Geweih wuchsen brennende Rosen, und auf seinem Rücken saß ein Kind, ein Junge. Anyana kannte diesen Jungen. Unzählige Male hatte sie von ihm geträumt. Unzählige Nächte hatte sie damit verbracht, mit ihm durch die Berge zu wandern. Er auf einem Pony, sie mit den nackten Füßen im kalten Schnee, während Flocken aus den Tannen rieselten und die Krähen in den Wipfeln schrien.
Ein Zittern durchlief sie. Rasch wandte sie sich ab. Die Geborgenheit, die sie im Traum stets in der Nähe des Jungen empfand, stellte sich nicht ein. Stattdessen fühlte sie sich aufgewühlt, verwirrt, zwischen Traum und Wachen, hilflos und gefangen. Sie rannte durch den Saal auf die hinterste Tür zu. Dahinter lag die Wendeltreppe, die in Le-Wajun zu den oberen Gemächern, darunter auch ihr eigenes Zimmer, führte. Leise keuchend stieg sie hinauf – die lange Schiffsreise nach Kato, auf der sie sich kaum hatte bewegen können, hatte ihr einen großen Teil ihrer Kraft geraubt.
Endlich kam sie oben an. Ihr wilder Herzschlag beruhigte sich wieder. Wie wunderbar vertraut alles hier war! Der lange Flur, die Türen zu den Zimmern. Es sah aus, als hätte das Schloss die ganze Zeit nur auf sie gewartet. Dort lag das Schlafgemach ihrer Eltern. Das Ankleidezimmer. Das Zimmer, in dem ihre Mutter Hetjun immer Briefe geschrieben hatte. Das Arbeitszimmer ihres Vaters. Und dann endlich ihr eigener Raum. Voller freudiger...




