E-Book, Deutsch, 559 Seiten
Reihe: Lübbe
Winter Träume aus Feuer
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-3071-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 559 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-3071-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Großkönigreich Le-Wajun ist die Ausübung von Magie verpönt. Im Nachbarland Kanchar hingegen hat man die dunkle Seite der Zauberei vervollkommnet. Zwischen beiden Reichen herrscht ein brüchiger Frieden. Doch die gefürchtete Gilde der Wüstendämonen schickt einen Attentäter aus, um den allseits beliebten Großkönig Tizarun zu töten.
Die Auftraggeber des Mords ahnen nicht, dass die Wüstendämonen ihre eigenen Ziele verfolgen - und einen Plan, der bereits vor vielen Jahren geschmiedet wurde. Ein Wüstendämon hat sich am Hof von Le-Wajun eingeschlichen, getarnt als Knappe eines Fürsten. Er kennt das dunkelste Geheimnis des Großkönigs, und für ihn steht alles auf dem Spiel.
Maja Winter ist das Pseudonym der erfolgreichen Autorin Lena Klassen, unter dem sie epische Fantasygeschichten veröffentlicht. 1971 in Moskau geboren, wuchs sie in Deutschland auf. In Bielefeld studierte sie Literaturwissenschaft, Anglistik und Philosophie. Neben ihren Fantasyromanen hat sie auch zahlreiche Kinder- und Jugendbücher sowie Romane für Erwachsene verfasst. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im ländlichen Westfalen.
Autoren/Hrsg.
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1. DER ROTE TELLER
Ich sehe das Feuer. Es ist überall, hell und heiß und hoch, es lodert bis in den Himmel. Weit, weit über mir verschlingt es die Tausend Monde, die sich als glitzerndes Band über den Himmel ziehen. Zuerst leckt es nur an ihnen, mit raschen, spitzen Zungen, dann schießen hunderttausend schlängelnde Flammenfinger aus seinem Rachen. Es wirft sich über den hellsten der Monde und erstickt ihn. Das blendende Licht des Feuers bezwingt das sanfte Leuchten der runden Scheibe. Es ist so hell, dass meine Augen schmerzen. Ich fühle, dass ich blind werde, als hätte ich zu lang in die Sonne geblickt, aber ich kann nicht wegschauen, ich kann nicht anders, als in das lodernde Gleißen zu starren. Wie ein Kaninchen, das sich zitternd duckt, vor sich den Rachen der Wildkatze.
Es tut so weh, dass ich schreien möchte. Ich weiß, dass ich es tun werde, aber noch nicht jetzt. Ein paar Augenblicke noch muss ich aushalten. Muss ich zuschauen, nichts darf mir entgehen. Wie das Feuer die Monde frisst, einen nach dem anderen, all die silbernen Perlen, die sich wie ein Bogen über der Erde wölben, sie alle.
Hinter mir ist die Nacht. Ich nehme sie wahr, kühl und fremd, und für einen Moment kommt sie mir stärker vor als der wütende Brand. Es ist ja dunkel, denke ich, hinter mir ist es kalt und dunkel und still. Nun, da mir die Ruhe hinter meinem Rücken auffällt, wird mir bewusst, wie laut das riesige Feuer vor mir ist. Es kracht und knallt und zischt und brüllt. Ich lausche mit gespitzten Ohren, denn ich weiß, wie wichtig es ist, dass mir nichts entgeht. Mir ist klar, dass dies eine Prüfung ist; später werden sie mich fragen, was ich gesehen habe, was ich gehört habe, was ich riechen und schmecken konnte. Das Feuer schmeckt bitter, es brennt auf meiner Zunge, die Dunkelheit hinter mir hingegen ist scharf und süß.
Da, sind das Stimmen? Jetzt höre ich sie auf einmal. Ich ziehe meine Aufmerksamkeit vom Geschmack fort, der sich herb und ekelerregend durch meinen Mund gräbt, und erkenne die Stimmen. Es ist nicht das Feuer, das brüllt. Es ist die Stimme meines Vaters. Es ist ein Geheul ohne Worte, ein Kreischen, wie ich es noch nie gehört habe. So laut und furchtbar, dass es mich bis ins Mark trifft. Dass es mich wie ein entsetzlicher Schmerz durch und durch erschüttert, denn was ich höre, sind Schmerzensschreie. Und weitere Stimmen gesellen sich hinzu, unzählige, Männer und Frauen und Kinder, schrill und hoch und so laut, dass mir das Trommelfell zu platzen droht. Und über all den vielen Stimmen dröhnt das Geschrei meines Vaters.
Ich wanke rückwärts, fort von dem Feuer und dem Schmerz, und spüre, wie sich mein eigener Schrei in meiner Kehle zu regen beginnt, als würde etwas Lebendiges erwachen. Ich taumele rücklings in die Nacht hinein und spüre für einen kostbaren Moment die Stille und die Kühle, die mich empfängt wie das klare Wasser einer tiefen Quelle. Und dann sehe ich, wie eine Hand nach mir greift, eine schwarze verkohlte Hand an einem schwarzen verkohlten Arm, wie ein Ast, den man aus dem Lagerfeuer zieht. Ich sehe die schwarzen gekrümmten Finger, die sich nach mir ausstrecken, und ich bleibe gebannt stehen. Ich kann mich nicht rühren, ich starre auf die entsetzliche Hand, und als sie sich um meinen Knöchel legt, hart und unerbittlich, und mich zurück zum Feuer zieht, da endlich bricht mein Schrei aus mir heraus. Es ist, als würde ich zerbrechen, ich krampfe mich zusammen, und dann drängt das Heulen aus mir heraus, ein Schwall nach dem anderen, während ich mich zusammenkrümme und nach Luft schnappe. Aber der Schrei ebbt nicht ab, ich schreie und schreie und schreie …
»Schsch, Anyana! Wach auf! Wach auf!«
Die kleine, mollige Frau rüttelte das Mädchen, das sich schreiend in dem riesigen Himmelbett wälzte. Schließlich packte sie Anyana bei den Schultern und schüttelte sie, und als auch das den endlosen, ohrenbetäubenden Schrei nicht zum Verstummen brachte, holte sie den goldenen Wasserkrug, der auf dem elfenbeinernen Waschtischchen stand, und schüttete der Träumenden die ganze Ladung ins Gesicht.
Sofort trat Stille ein. Die Prinzessin öffnete die Augen, schluchzte noch einmal und fragte dann verwirrt: »Was ist passiert?« Sie setzte sich auf. Die roten Locken hingen ihr wild ins Gesicht, und im flackernden Licht der Lampe sah ihr Gesicht viele Jahre älter aus als zwölf. Ihre aufgerissenen Augen waren die Augen einer Botin, die eine schreckliche Nachricht zu überbringen hat.
»Du hast geträumt, Anyana. Nur geträumt. Es ist alles in Ordnung.« Die kleine Frau setzte sich auf die Bettkante und nahm das Mädchen in die Arme.
Aber Anyana befreite sich aus ihrem Griff. Sie schüttelte sich. Sie atmete. Sie fühlte die weiche Matratze, auf der sie saß, das glatte, seidene Laken, den feinen Stoff auf ihrer Haut. Sie fühlte die Haarsträhnen auf ihrer Stirn und ihren Wangen und die Wassertropfen, die ihr über das Gesicht rannen. Da war kein Feuer.
»Ich brauche ein Handtuch.«
»Natürlich, Prinzessin, natürlich. Kommt sofort.«
Ihre Amme sprang auf und kramte in der Schublade des Waschtisches. »Dein schönes Nachthemd ist nass. Du brauchst ein neues.«
Sie wollte ihr helfen, das durchnässte Kleidungsstück auszuziehen, doch Anyana wehrte ihre Hände ab. »Das kann ich selbst. Warum hast du mir bloß Wasser ins Gesicht geschüttet, Baihajun? Sogar mein Kissen ist ganz nass. Jetzt brauche ich auch noch ein neues Kissen.«
Baihajun lächelte. Im Schein der kleinen Öllampe sah ihr Gesicht geheimnisvoll aus wie das einer Lichtgeborenen aus dem Wald.
»Gleich kannst du weiterschlafen, Prinzessin. Ich wollte nur nicht, dass du das ganze Schloss aufweckst.«
Anyana streifte sich ein trockenes Nachthemd über. »Ich habe geträumt«, sagte sie langsam. Träge sah sie zu, wie ihre Kinderfrau das feuchte Kissen entfernte und in einer ihrer Kisten nach einem anderen kramte.
»Ja, Schatz, geträumt. Und ein schlimmer Traum, so wie sich das angehört hat. Sei froh, dass ich dich geweckt habe.«
»Ich muss diesen Traum jemandem erzählen«, sagte Anyana. Aber noch während sie sprach, begann das Bild des Feuers schon zu verblassen, und das Entsetzen, das sie zum Schreien gebracht hatte, verwandelte sich in ein dumpfes, ungutes Gefühl.
»Mir kannst du ihn erzählen«, ermunterte Baihajun sie und schüttelte das frische Kissen auf, bevor sie es Anyana in den Rücken stopfte.
»Da war …« Sie verstummte.
»Ja, mein Schatz?«
Anyana schüttelte den Kopf. Sie war jetzt nur noch müde. »Ich weiß nicht mehr. Es war … Ach, gute Nacht.«
»Ja«, sagte Baihajun leise, »schlaf jetzt einfach weiter, Liebes. Gute Nacht, Prinzessin.«
Der Frühstücksraum lag nach Osten hin. Warm tanzten die Strahlen der Morgensonne spielend über den Tisch und funkelten auf dem goldenen Besteck und den Kristallgläsern. In ihrem Licht leuchteten die Äpfel in der Schale und sahen zu kostbar aus, um gegessen zu werden. Aber niemand nahm darauf Rücksicht.
Winya genoss es, mit seiner Familie zu frühstücken. Seine Gemahlin, Prinzessin Hetjun von Anta’jarim, schälte gerade die zweite Frucht mit einem kleinen scharfen Messer, das sie flink zwischen ihren schlanken Fingern bewegte. Ihre Stirn hatte sie in Falten gelegt. Ihr sonst so schönes, ebenmäßiges Gesicht wirkte dadurch düster. Unter dem fixierenden Blick ihrer Mutter rutschte Anyana unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie trug ein smaragdgrünes Kleid, das Winya scheußlich fand, da das Mädchen darin wie eine Matrone aussah. Warum Hetjun darauf bestand, dass ihre Tochter solche Kleider trug, war ihm ein Rätsel.
»Baihajun sagte, du hättest wieder geträumt.«
»Hm, weiß nicht.« Anyana versteckte ein verlegenes Grinsen hinter einem mit Milch gefüllten Glas.
»Du weißt nicht, ob du geträumt hast?« Hetjun zog die Augenbraue hoch. »Du hast den halben Flur mit deinem Gebrüll geweckt.«
»Lass sie«, warf Winya ein. Hetjuns Verhöre konnten jedes gemütliche Beisammensein in eine Folter verwandeln. »Jetzt lass sie doch.« Vermutlich hatte es keinen Zweck, sich für Anyana einzusetzen. Hetjun machte sich oft genug darüber lustig, dass seine Stimme zu sanft sei, um irgendeine Wirkung zu erzielen. Doch er musste es wenigstens versuchen.
»Sei still, Winya. Und du, Anyana, du sagst mir um der guten Götter willen endlich, wovon du ständig träumst! Du bringst uns noch alle in Verruf!«
»Ja, darum geht es dir, nicht wahr?« Er kannte die Schwachstelle seiner Frau – die übergroße Angst davor, was die Leute sagen könnten.
Hetjun warf ihm einen Blick zu, als wollte sie ihn erdolchen oder lieber noch erwürgen, und wandte sich wieder Anyana zu.
»Nun? Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du am Morgen alles vergessen hast. So bleich und dünn, wie du den ganzen Tag herumschleichst! Und das nun schon seit … fünf Wochen?«
»Zehn«, flüsterte Anyana hinter ihrem Milchglas, »zehn Wochen.«
»Es ist ein Wunder, dass du noch nicht durchgedreht bist, und die armen Kreaturen, die in der Nähe deines Zimmers schlafen müssen, noch dazu!«
»Ja, Mutter.«
»Hetjun.« Winya begann diesmal etwas kraftvoller, doch Hetjun beachtete ihn gar nicht, sondern beugte sich vor, bis ihre langen rotbraunen Haare die Äpfel streiften. »Anyana. Das muss aufhören. Das ist dir doch klar. Wenn du einen Arzt brauchst – oder eine Freundin? Ich könnte doch deine Freundin sein. Du kannst mir alles erzählen, was dich bedrückt.«
Anyana nickte. »Ja, Mutter. Darf ich jetzt aufstehen?«
Winya winkte ihr, und sie sprang so schnell auf, dass der kunstvoll...




