Wippersberg | 14 Monate, 14 Jahre | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Wippersberg 14 Monate, 14 Jahre


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7013-6179-3
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-7013-6179-3
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das eigene Leben als Reportage, die eigenen Gedanken und Gefühle als Objekt der Betrachtung. Innerhalb von 14 Jahren in der Literaturzeitschrift '99' veröffentlicht, bieten diese Aufzeichnungen einen Querschnitt durch das Denken und Handeln des österreichischen Autors und Filmemachers Walter Wippersberg. Ob persönliche Einträge, Notizen oder Betrachtungen über die aktuelle Politik und Kulturszene - Wippersberg schreibt mit Humor und dem Abstand eines Dokumentarfilmers. Wie ein cineastischer Short Cut eröffnen sich dem Leser kurze Einblicke in das Leben eines Allroundtalents. Denn gerade weil 11 Monate jedes Jahres im Dunkeln liegen, zeigt sich am Ende ein Gesamtbild dessen, wie schöpferisches Werden und Sein den Alltag und die Gedanken eines Künstlers bestimmen.

Walter Wippersberg, geboren 1945 in Steyr, lebt als Schriftsteller, Regisseur und Filmemacher in Losenstein, Oberösterreich, und Wien. Er ist ordentlicher Universitätsprofessor an der Wiener Filmakademie (Universität für Musik und darstellende Kunst) und seit 1990 Leiter der Klasse 'Drehbuch und Dramaturgie'. Walter Wippersberg veröffentlichte Theaterstücke, Hörspiele, Romane, Kinderbücher und Essays. Darüberhinaus ist er als Autor von TV-Dokumentationen, Drehbüchern und Filmen tätig. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen.
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August 1998

Samstag, 1. August 1998, Gabicce Mare

Caro diario,
derTag begann so, daß Tonja um etwa ein Uhr »Aiuto!« schrie, was Hilfe heißt. Ich saß schon eine Weile auf dem Balkon des Hotelzimmers, auch Tonja wollte noch auf eine Zigarettenlänge herauskommen, sie schloß, auf daß keine lästigen Mücken ins Zimmer kämen, die Balkontür, und dann waren wir ausgesperrt, weil die Tür sich von außen nicht öffnen läßt.

Unten auf der Piazza alles ruhig, Gabicce Mare ist ein ruhiger Ferienort, um Mitternacht schließen die Bars; kein Mensch zu sehen, wir überlegen schon einmal, ob wir uns darauf einrichten müssen, die Nacht auf dem Balkon statt gleich nebenan im Bett zu verbringen, aber da kommt unten doch noch ein Auto an, Menschen steigen aus, die Hilfe schaffen könnten, und da schreit Tonja, der Landessprache ein wenig mächtig, »Aiuto!«, erregt Aufmerksamkeit damit und kann denen da unten irgendwie verständlich machen, worum es geht.

Ein paar Minuten später erlöst uns dann der Nachtportier.

Zu Mittag kommt eine junge Dame an unseren Tisch und stellt sich als unsere Animateurin vor. Ich sage, daß wir nicht animiert zu werden wünschen. Ich für meinen Teil, füge ich hinzu, möchte im Falle des Falles nicht einmal re-animiert werden. Unbeeindruckt davon sagt sie, daß wir am Nachmittag um halb vier am Swimmingpool gemeinsam spielen würden. Ich antworte ihr, daß ich schon als Kind von meiner Mutter davor gewarnt worden sei, mit wildfremden Menschen zu spielen, ich lozelach mir einen Wolf, bis ich merke, daß die junge Dame, falls überhaupt etwas, grad die paar Sätze auf deutsch versteht, die sie selber sagt.

Am Abend dann auf einer Piazza hinterm Rathaus zerren Animateure alle Damen unter 45, die nicht bucklig sind und weniger als hundert Kilo wiegen, zur Wahl der Miss Gabicce 98 auf eine kleine Bühne. Ein Hauch von Mallorca weht uns an, der Ballermann läßt grüßen. Und wir wissen immerhin, welche Ortsteile wir künftig meiden müssen.

Wir sind am Freitag von Losenstein weggefahren, wollten irgendwo unterwegs übernachten, sind dann so schnell vorangekommen, daß wir im Hotel angerufen haben, ob das Zimmer auch schon eine Nacht früher als reserviert frei wäre, und siehe, es war frei. Also ist das schon der erste ganze Urlaubstag, aber der Kopf ist noch zu Hause.

Noch denke ich an Thomas W.s Drehbuch, mit dem er zum ersten Diplom antreten will, und ob das auch richtig ist, was ich ihm dazu geschrieben hab.

Noch denke ich an die Jurysitzung für den Landeskulturpreis, die am Donnerstag stattgefunden hat, wo der Preis einstimmig Thomas Baum zuerkannt wurde, der noch nichts weiß davon.

Am Mittwoch hab ich den neuen Roman an den Verlag geschickt, und mir drängt sich diese viel zu pathetische Formulierung auf: Die Wunden, die er gerissen hat, sind noch nicht geschlossen. So stimmt das natürlich nicht, aber irgendwas ist tatsächlich noch offen. Jener große Topf, darin das Unbewußte vor sich hin köchelt und blubbert und aus dem, wenn wir schreiben, all das kommt, worüber wir uns, wenn’s erst da ist, selber wundern. Zuerst läßt sich der Deckel gar nicht so heben, aber noch schwerer ist es, ihn wieder auf den Topf zu setzen, wenn man, was daraus aufsteigt, nicht mehr braucht, weil (wie in diesem Fall) der Roman fertiggeschrieben ist. So wird noch ein Weile ins Bewußtsein treten, was ich jetzt dort gar nicht mehr haben will, und ein paar Nächte mit höchst seltsamen Träumen stehen mir noch bevor.

Auch sonst läuft der Motor (das Hirn) immer noch auf hohen Touren, aber im Leerlauf. Stoppen kann man ihn nicht, er muß langsam auslaufen.

Das mit den Wunden, vorhin schnell hingeschrieben, stimmt wenigstens zum Teil. Zwei Jahre, genau zwei Romane und ein Drehbuch lang, hab ich mich jetzt mit Figuren von höchst unappetitlich rechtsextremer, wenigstens autoritärer Gesinnung schreibend abgegeben und insofern auch eingelassen, als man, wenn man sie beschreiben und glaubwürdig handeln lassen will, versuchen muß, in ihre (kranken?) Gehirne hineinzukriechen. Sowas hinterläßt tatsächlich Spuren, Wunden merkwürdiger Art, in der eigenen Psyche.

Sonntag, 2. August 1998, Gabicce Mare

Aufstehen. Frühstücken. Die kleine Treppe zum Strand hinuntergehen. Herumliegen. Eine halbe Stunde im Wasser, schwimmen kann man das bei mir nicht nennen, bei Tonja schon, aber ich steh nach Art der Einheimischen die meiste Zeit nur bis zum Hals im Wasser herum. Dann, nachdem Tonja sich umgezogen hat, die seit Jahrzehnten zum Urlaubsritual gehörende Feststellung »Die Bar ist geöffnet.« Un café. Ist es noch zu früh für einen Gin Tonic? Aber nein. Dann ist es eh Zeit zum Mittagessen. Siesta im angenehm klimatisierten Zimmer. Wieder Strand, wieder herumliegen, Robert Gernhardt »Die Blusen des Böhmen« fertiggelesen (ein paar Dinge drin sind schon ganz hübsch, aber genau genommen ist der Titel das Beste). Im Wasser herumstehen, und die Strandbar ist immer noch geöffnet. Abendessen. Dann, Tonja läßt es sich nicht ausreden, ein bissel spazierengehen. Schließlich eine Bar fünfzig Meter überm nächtlichen Meer. Die Kellnerin hat so enge Hosen an, daß sie sich nicht bücken kann. Immer noch 38 Grad Celsius. Die Sehnsucht nach ein bißchen Wind. Das Hotelzimmer, wie gesagt, hat erfreulicherweise eine Klimanlage.

Montag, 3. August 1998, Gabicce Mare

Normalität stellt sich ein, man ist die zwei Hauptstraßen des kleinen Ortes schon rauf- und runtergegangen, man weiß, wo die Animateure toben, und die Kellnerinnen und Kellner in den Bars wissen schon, was man trinkt.

Dreimal am Tag im Hotel ein paar Sätze über dies und das mit dem Oberkellner, den wir, wiewohl er auch zu Mittag und am Abend die übrigen Kellner und Serviererinnen kommandiert, den Frühstücksdirektor nennen. Stets ist er, der Hitze nicht achtend, sehr elegant und der jeweiligen Tageszeit entsprechend gekleidet, dies hier nennt sich immerhin Grand Hotel. Sein ziemlich perfektes Deutsch hat er als Gastarbeiter in Aachen gelernt, und er hat prachtvolle Zahnlücken, die unübersehbar sind, wenn er lacht, und er lacht gerne.

Am Strand fange ich an, »Ins unentdeckte Österreich« von Karl-Markus Gauß zu lesen.

Starker Wind am Abend. Wie wird das Meer morgen sein? Im Urlaub ist man (wieder) wetterabhängig.

In der Bar hoch überm Meer am Nebentisch ein Mann mit einem Mädchen von – was weiß ich – sieben oder acht Jahren. Er geht sehr zärtlich mit ihm um. Ein wenig zu zärtlich vielleicht? Die Hand des Mannes auf dem kleinen Hintern des Mädchens, eigentlich fast schon zwischen ihren Beinen. Tonja und ich sehen uns an und wissen nicht, ist das ein Kinderschänder – oder ist man selber durch all das, was man gehört hat in letzter Zeit, sozusagen übersensibilisiert? Daß der Mann, was er tut, ganz öffentlich tut, könnte ein Hinweis darauf sein, daß es ganz harmlos gemeint ist. Aber wer sagt uns, daß wir nicht einfach neben einem besonders ungenierten Kinderschänder sitzen?

Dienstag, 4. Oktober 1998, Gabicce Mare

Der Ort hat zwei Teile: Gabicce Mare unten am Meer, Gabicce Monte, wie auch hier der Name nahelegt, oben auf einem Berg. Dort hinauf kann man mit einer Art Liliputbahn fahren, was Tonja, die ja auch das Karussellfahren liebt, unbedingt tun muß. Also tun wir’s, und des Blickes wegen von da oben aufs Meer hinaus lohnt es sich allemal: Der gekrümmte Horizont legt die Vermutung nahe, die Erde sei, wie es so viele behaupten, eine Kugel.

Was den Aufenthalt hier – neben anderem – sehr angenehm macht: Keine Gelsen, keine Mücken, keine Moskitos. Wo sind die Viecher hingekommen, die einen vor Jahrzehnten, auch vor ein paar Jahren noch, in diesen Gegenden oft im Wortsinn bis aufs Blut gequält haben? Der Oberkellner im Hotel weiß nur, daß irgendwer irgendwas dagegen unternommen hat, was genau, weiß er nicht.

Gestern, fällt mir noch ein, im Fernsehen, das wir laufen haben, wenn wir uns zum Abendessen anziehen, ein RTL-Bericht über das Nitsch-Spektakel in Prinzendorf. Brigitte Bardot, so erfuhren wir, sei extra nach Wien gekommen, um die Ochsen vor Nitschens Schlachtern zu schützen. Eine Wiener Rechtsanwältin, Nitsch-Adorantin der verzücktesten Art, verteidigt, was sie meint, verteidigen zu müssen, und beantwortet die Frage, ob nicht auch Menschenopfer rituellkünstlerische Qualitäten haben könnten, mit dem Hinweis, daß sie sich das wohl vorstellen könne und sie wahrscheinlich einem solchen Akt auch beiwohnen würde. Man kann in der Tat manchmal gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte. Nicht nur, weil ich mich immer noch wundere, daß sich die Erde nicht blitzschnell auftut und jemanden, der so deppert ist, einfach verschlingt. Diese blöde, blutverzückte Kuh hat in der Tat einfach nicht kapiert, daß die Prinzendorfer Großheurigen-Besucher auf eine Stufe mit Mördern gestellt werden sollten. Vor allem aber dies: Als ob öffentliche Menschenschlachtungen und Hinrichtungen nicht über Jahrhunderte hinweg Volksbelustigungen allerersten Ranges gewesen wären! Und als ob nicht RTL heute, falls Hinrichtungen im Fernsehen...


Walter Wippersberg, geboren 1945 in Steyr, lebt als Schriftsteller, Regisseur und Filmemacher in Losenstein, Oberösterreich, und Wien. Er ist ordentlicher Universitätsprofessor an der Wiener Filmakademie (Universität für Musik und darstellende Kunst) und seit 1990 Leiter der Klasse "Drehbuch und Dramaturgie". Walter Wippersberg veröffentlichte Theaterstücke, Hörspiele, Romane, Kinderbücher und Essays. Darüberhinaus ist er als Autor von TV-Dokumentationen, Drehbüchern und Filmen tätig. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen.



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