Wirtz | Die Kunst der letzten Stunde | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Wirtz Die Kunst der letzten Stunde

Kriminalroman aus der Eifel
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95441-125-2
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman aus der Eifel

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-95441-125-2
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Malu und Markus Poschen sind ein erfolgreiches Autorenpaar. Wenn ihre Bücher im Ausland die Bestseller-Listen stürmen, sind sie doch in ihrer Eifelheimat nahezu unbekannt. Als Markus beim Nordic-Walking buchstäblich über den schwerverletzten Lokalpolitiker Jean-Marie Caspers stolpert, ist es mit der Eifeler Beschaulichkeit vorbei. Caspers ist einer der Protagonisten im erbittert geführten 'Eifeler Schulstreit', bei dem die etablierten Schulen der Nordeifel um die immer geringer werdende Anzahl von Schülern ringen. Wurde Caspers von den Gegnern des neuen Schulprojekts attackiert, für das er sich im Gemeinderat stark macht? Was ist dran an den Gerüchten über eine Beziehung zu einer Schülerin des Gymnasiums, an dem Caspers als Kunstlehrer arbeitet? Die Polizei nimmt schon bald einen Schüler unter dringendem Tatverdacht fest, doch die Poschens forschen weiter - jeder in eine andere Richtung. Und ganz unerwartet schlägt der Täter ein weiteres Mal zu. Doch diesmal kostet es in Menschenleben.

Ebenso wie ihre beiden Hauptfiguren, die Poschens, leben Rosa und Thorsten Wirtz in Nettersheim, in einem rund 300 Jahre alten Fachwerkhaus. Es gibt einen Sohn (wie bei den Poschens) und eine Katze (wie bei den Poschens), aber keinen Hund! Rosa (Jahrgang '74) stammt aus Euskirchen und hat im Buchhandel ihre Berufung gefunden. Sie ist (natürlich auch berufsbedingt) eine absolute Vielleserin, kommt im Jahr auf mindestens 50 Romane, ein Großteil davon Krimis. Das Schreiben ist für sie neu. Thorsten (Jahrgang '71) ist in Mechernich-Vussem aufgewachsen. Seit 1993 journalistisch tätig, aktuell Redakteur beim 'Wochenspiegel' in der schönen Vulkaneifel. Fiktional ist der Roman (neben einigen unveröffentlichten Kurzgeschichten und einem Krimi-Hörspiel) auch für ihn ein absoluter 'Erstling'.
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Mittwoch, 2. Februar


Markus

Auf dem Weg nach Gemünd in die Redaktion des hatte ich auf den letzten fünf Kilometern einen hypervorsichtigen Autofahrer vor mir. Das wirklich nur mit ganz wenig Schnee bedeckte Bergabstück der B 266 ab der Wallenthaler Höhe absolvierte er mit gefühlten 35 Stundenkilometern. Es schien ihn auch nicht im Geringsten zu stören, dass ich bis auf einen Sicherheitsabstand von wenigen Zentimetern an seine Stoßstange aufgefahren war und dass sich hinter ihm eine bis fast an den Horizont reichende Fahrzeugkolonne gebildet hatte. Als ich am Ortseingang von Gemünd endlich überholen konnte, sah ich, dass der Fahrer den Kragen eines katholischen Geistlichen trug. Bevor er den ausgestreckten Mittelfinger meiner rechten Hand bemerkte, den ich ihm entgegengestreckt hatte, gelang es mir, die Hand wieder um 180 Grad zu drehen und mit einem freundlichen Winken zu beginnen, das von dem Mann Gottes ebenso freundlich erwidert wurde. Dazu hatte er jedoch ein beinahe diabolisches Grinsen aufgesetzt, und als ich mich noch darüber wunderte, zuckte bereits der grell-orangefarbene Blitz der mobilen Radar-Anlage, die am Straßenrand installiert worden war.

Zwei Herren im modischen Blau winkten mich heraus. Während ich noch in den unendlichen Tiefen der Innentasche meiner Winterjacke nach meinen Papieren kramte, zog die ganze Fahrzeugschlange langsam und – so kam es mir jedenfalls vor – mit einem genüsslichen Grinsen an mir vorbei. Satte 95 Euro sollte mich der Spaß kosten (25 Euro für die Geschwindigkeitsüberschreitung innerorts von 12 km/h und 70 Euro für das »Überholen unter Nichtbeachtung entsprechender Verkehrszeichen«). Und zur Krönung des Ganzen sollte die Aktion auch noch mit einem neuen Punkt in Flensburg garniert werden. Na super.

Normalerweise schickte ich die Texte für die Kolumne natürlich per E-Mail in die Lokalredaktion. Ich hatte nach dem Besuch der beiden Polizeibeamten am Dienstagmorgen aber mit Rudi telefoniert und gefragt, ob er nicht mal wieder Lust auf eine Tasse Kaffee mit mir hätte. Rudi Bäcker arbeitete schon so lange ich denken konnte im Außenposten des investigativen Lokaljournalismus. Als ich während meiner Schulzeit einmal ein zweiwöchiges Praktikum beim absolviert hatte, war Bäcker jedenfalls schon da gewesen, damals noch als einfacher Reporter. Und als ich später während meines Geografie-Studiums nach einem Job als Freier Mitarbeiter suchte, war es ebenfalls Bäcker gewesen, der mich (dann bereits als Redaktionsleiter) unter seine Fittiche genommen hatte.

Mittlerweile stand Rudi Bäcker kurz vor der Pensionierung, und um seine Nachfolge war ein erbitterter Wettlauf zwischen den Redakteuren entbrannt. Dabei stand noch nicht einmal fest, ob die kleine Gemünder Redaktion überhaupt erhalten werden sollte. Es gab nicht wenige, die es für wahrscheinlich hielten, dass die Eifeler Dependance mit der Lokal-Redaktion des in der fernen Kreisstadt Euskirchen zusammengelegt werden würde, wenn Bäcker in die »Freistellungsphase der Altersteilzeit« eintrat.

»Warum bewirbst du dich eijentlich nich für den Job? Wird gar nicht so schlecht bezahlt«, hatte er mich neulich noch am Telefon gefragt.

»Nee, lass mal, Rudi. Malu und ich sind eigentlich sehr zufrieden, wie es im Moment läuft.«

»Ja, na klar hast du da Changzen! Ich würd mich jedenfalls echt freuen. Ich kann dir ja mal ein unverbindliches Gespräch in Köln vermitteln!« Rudis sonore Stimme war viel lauter, als es eigentlich nötig oder für ein solches Gespräch angemessen gewesen wäre.

»Sag mal, kann es sein, dass die Kollegen in der Redaktion gerade ganz große Ohren bekommen?«

»Worauf du aber einen lassen kannst, mein Junge!«

Ich holte Rudi in der Redaktion ab und wir stapften durch den Schnee ins nahe in der Dreiborner Straße. Dort bestellten wir einen Cappuccino und einen Latte Macchiato, und ich hörte ganz deutlich, wie die Bedienung »zweimal Milchplörre, einmal im Glas, einmal inner Tasse« an der Theke in Auftrag gab.

»So, watt is jetzt mit dem Caspers?«, fragte Bäcker. »Datt der im Krankenhaus liegt, ist ja kein Geheimnis mehr, datt hab ich jestern schon aus seiner Fraktion jehört.«

»Ja, aber weißt du auch schon, dass die Polizei ermittelt?«

»Polizei?«

»Ja. Die Kripo. War gestern Morgen bei mir in Nettersheim.«

»Jetzt lass dir doch net jedes Wort us de Naas trecke! Watt häst du dann damit ze donn?« Im Zustand gesteigerter Erregung wechselte Bäcker ganz zwangsläufig ins Idiom seiner rheinischen Heimat.

Ich erzählte ihm also ausführlich, wie ich am Sonntag den bewusstlosen Caspers gefunden und ins Krankenhaus hatte expedieren lassen. »Ich dachte halt, der wäre gestürzt und hätte sich dabei am Kopf verletzt. Obwohl ich es natürlich auch sofort sehr merkwürdig fand, dass der über den matschigen Acker gelaufen sein soll.«

»Und die Kripo sacht jetzt, da wär Fremdeinwirkung mit im Spiel jewesen?«

Bäcker und ich hatten inzwischen unseren Kaffee bekommen, und trotz Rauchverbots hatte sich der Journalist eine seiner stinkenden, filterlosen Reval-Zigaretten in den Mundwinkel gesteckt, zum Glück jedoch darauf verzichtet, sie anzuzünden.

»Genau. Im Krankenhaus haben die Ärzte nämlich festgestellt, dass nicht alle Verletzungen von dem Sturz herrühren können. Der hat wohl auch einen kräftigen Schlag gegen die Brust abbekommen, was zu inneren Verletzungen geführt hat. Sieht gar nicht gut aus, haben die von der Kripo gesagt. Da kann ich dir übrigens auch noch ein Foto schicken, das ich am Sonntag auf dem Acker gemacht hab – nur zu deiner Info, nicht für in die Zeitung!«

Mit finsterer Miene kam die Kellnerin auf unseren Tisch zugestapft, aber als sie sah, dass Bäcker keine Anstalten machte, sich den Glimmstängel anzuzünden, drehte sie gerade rechtzeitig wieder ab, um am Nebentisch das wahrscheinlich noch aus den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts stammende Trockenblumenarrangement um einige Millimeter zu verschieben. Bevor ich ein Mineralwasser bei ihr bestellen konnte, hatte sie uns aber schon wieder den Rücken zugekehrt und trottete zur Theke zurück.

»Tja, der Caspers hat einen ganz schönen Wirbel jemacht in den letzten Wochen wegen seiner Jesamtschule«, sinnierte Bäcker vor sich hin. »Datt haste aber alles mitbekommen, oder?«

Ich bejahte grundsätzlich, bat Bäcker aber dennoch um eine kurze Zusammenfassung.

Jean-Marie Caspers war eine schillernde Persönlichkeit in der hiesigen Szene: Der Maler, der heute mit seiner Familie, einer wesentlich jüngeren Ehefrau und drei kleinen Kindern, in Linkem lebte, stammte aus der Eifel, war nach seinem Abitur am St.-Gertrudis-Gymnasium aber zum Studium weggezogen. In den Siebzigerjahren hatte er sich mehr schlecht als recht als Künstler durchgeschlagen, nachdem er zuvor an der Düsseldorfer Kunstakademie abgelehnt worden war. Er gehörte 1971 zu den 142 nicht angenommenen Bewerbern, die Joseph Beuys aber trotzdem in seiner Klasse unterrichten wollte, weswegen der extrovertierte Kunst-Professor schließlich 1972 von Ministerpräsident Johannes Rau gefeuert wurde. Für Caspers folgten schräge Kunst-Performances, er lebte als Spät-Hippie in einer Land-Kommune und kam über die Fotografie schließlich zur Akt-Malerei, mit der er sich noch heute befasste. Vor ungefähr zehn Jahren war er in die Eifel zurückgekehrt, um seine an Demenz erkrankte Mutter zu pflegen. Mit etwas Glück hatte er als Quereinsteiger die Stelle als Kunsterzieher am Nettersheimer Gymnasium erhalten.

»Und für die Linkemer Sozis sitzt Caspers seit der letzten Kommunalwahl auch im Gemeinderat. War ein ziemlicher Aufreger unter den Genossen damals, dass er, quasi als Quereinsteiger, sofort den Vorsitz im Kultur- und Schulausschuss bekommen hat«, dozierte Bäcker weiter. »Der war ja erst kurz vor der Wahl in den Ortsverein eingetreten. Das hat ein paar altgedienten Genossen gar nicht gepasst, dass er da sofort Karriere machte.«

»Und wie kam es dann schließlich zu dieser Gesamtschul-Diskussion?«, fragte ich.

»So wat kann natürlich nur in Linkem passieren«, lachte Bäcker. »Datt is die einzige rote Jemeinde weit und breit. Aber, da muss ich dem Arnoldy schon recht geben: Gesamtschule macht in der derzeitigen Sittewation durchaus Sinn.«

Arnoldy war der amtierende SPD-Bürgermeister von Linkem. Für die nachtschwarzen Gemeinden in der Nachbarschaft war das Thema Gesamtschule natürlich schon seit den Siebzigern ein rotes Tuch gewesen. Doch der Vorschlag Arnoldys, über diesen Schultypus auch in der Eifel einmal genauer nachzudenken, war nicht zuletzt bei vielen Eltern gut angekommen. Und schien...


Ebenso wie ihre beiden Hauptfiguren, die Poschens, leben Rosa und Thorsten Wirtz in Nettersheim, in einem rund 300 Jahre alten Fachwerkhaus. Es gibt einen Sohn (wie bei den Poschens) und eine Katze (wie bei den Poschens), aber keinen Hund!

Rosa (Jahrgang '74) stammt aus Euskirchen und hat im Buchhandel ihre Berufung gefunden. Sie ist (natürlich auch berufsbedingt) eine absolute Vielleserin, kommt im Jahr auf mindestens 50 Romane, ein Großteil davon Krimis. Das Schreiben ist für sie neu.

Thorsten (Jahrgang '71) ist in Mechernich-Vussem aufgewachsen. Seit 1993 journalistisch tätig, aktuell Redakteur beim "Wochenspiegel" in der schönen Vulkaneifel. Fiktional ist der Roman (neben einigen unveröffentlichten Kurzgeschichten und einem Krimi-Hörspiel) auch für ihn ein absoluter "Erstling".



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