Witkiewicz | Abschied vom Herbst | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 443 Seiten

Witkiewicz Abschied vom Herbst

Roman
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-492-99031-8
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 443 Seiten

ISBN: 978-3-492-99031-8
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der polnische Avantgardist beschreibt in dieser politisch-sozialen Groteske den Verfall der europäischen Kultur, die zum Opfer eines neuen Gesellschaftskonzepts wird. Atanazy, ein junger Adliger, ist mit der hübschen Zosia verlobt. Dann lernt er die faszinierende Hela Bertz kennen, deren teuflische Schönheit im Zerfallsprozess der polnischen Salonwelt zum erregenden Ferment wird. Die exklusive Gesellschaft flieht in die Karpaten, wo sie sich in der Idylle eines Kurorts Sex- und Alkoholexzessen hingeben. Zosia erträgt es jedoch nicht länger, Atanazy mit Hela zu sehen und nimmt sich das Leben. Doch auch Hela bringt ihm kein Glück, auf der Flucht vor den Schergen eines totalitären Polens stirbt Atanazy im Kugelhagel. »Visionen des Untergangs, düstere Zukunftsprognosen entwirft Witkacy in seinen Romanen.« Die Zeit (Lisaweta von Zitzewitz) 

Stanis?aw Ignacy Witkiewicz, genannt Witkacy, geboren 1885 in Warschau. Romancier, Dramatiker, Philosoph, Maler, Kunst- und Kulturkritiker. Mit acht Jahren schrieb er seine ersten Stücke und stellt mit siebzehn erstmals seine Bilder aus. 1939 beging er Selbstmord. Wietkiewicz, ein Vorläufer der europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts, dessen Bedeutung erst Ende der 1950er Jahre erkannt wurde, beeinflusste u.a. Autoren wie Bruno Schulz, Witold Gombrowicz und Czeslaw Milosz.
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I. Kapitel


Hela Bertz

Es war ein Nachmittag im Herbst. Atanazy Bazakbal, sehr unbemittelt, weit über zwanzig, ausgezeichnet gebaut und ungewöhnlich gut aussehend, brünett, kleidete sich eilig und doch sorgfältig an. Seine hellgrünen Augen, seine gerade Nase und sein recht stolzer, gewölbter Mund von der Farbe roher Leber stellten eine verhältnismäßig sympathische Gruppe der sichtbaren Organe seines Körpers dar. Der Duft der schwarzblau gemusterten Krawatte erinnerte ihn an seine vorletzte Geliebte, eine Blondine mit langen, schlanken Beinen und einem fehlerhaften Nasenansatz. Die Erinnerung an die sinnlosen Worte, die sie beim endgültigen Abschied gesagt hatte, explodierte wie eine ferne Granate und fiel mit dem Verschwinden schwacher Parfumdüfte in sich zusammen.

Vor einer halben Stunde hatte Atanazy endgültig beschlossen, zu Hela Bertz zu gehen. Er war übrigens schon mehrmals dort gewesen, aber nie deswegen … Jedenfalls nicht programmatisch. Der Zweck dieses Besuchs entsetzte ihn, aber gleichzeitig war alles so klein und unwichtig wie diese paar Fliegen, die um die nicht angezündete Lampe an der Zimmerdecke herumflogen im gelben Abglanz der Sonne, der von dem Haus gegenüber reflektiert wurde. Die lnkommensurabilität der inneren Zustände und des tatsächlichen Materials würgte wie ein Polyp, der sich von innen her in die wesentlichsten, lebenspendenden Eingeweide eingesaugt hatte – vielleicht war es das Herz.

Atanazy hatte sich zu diesem Schritt entschlossen, weil er es nicht länger ertragen konnte. Nicht etwa ohne Hela Bertz, obgleich sie ihm einmal ganz gefährlich gut gefallen hatte – nein: Er konnte einfach das gewaltige Übermaß seiner Liebe zu seiner Verlobten nicht. mehr ertragen, die er gerade in dieser Zeit zu sehr zu lieben begonnen hatte. Kann man auf der Basis von Gegenseitigkeit zu sehr lieben? Unsinn – und dennoch war Atanazys Situation fatal: die Liebe dieses gewohnheitsmäßigen Analytikers potenzierte sich auf eine fantastische Art, aus ihm völlig unverständlichen Gründen. Hela Bertz war natürlich Jüdin und zugleich die Verkörperung alles dessen, was Atanazy an einer Frau an sich gefallen konnte. Außerdem war sie, bis zu gewissen unüberschreitbaren Grenzen, eine notorisch leichtsinnige Frau. Davon hatte sich Atanazy bei einer Abendgesellschaft überzeugen können, die mit einer Trinkerei a la maniere russe geendet hatte. Doch ob diese Leichtigkeit beim ersten Mal auf weite Sicht nicht irgendwelche Hinterhalte verbarg?

»Oh, welch sonderbare Formen kann der Wahnsinn gesunder Menschen annehmen« – so hatte neulich, das letzte Mal seine Hand drückend, Gina Beer, geborene Oslabedzka, die Frau eines reichen Juden und Cousine seiner augenblicklichen Verlobten, zu ihm gesagt. Zum ersten Mal dachte er über diesen scheinbar sinnlosen Satz nach. Eine Sekunde lang stand er vor einem Abgrund, der in seinem Inneren klaffte, unerwartet wie ein feuerspeiender Krater zwischen den langweiligen Feldern der masowischen Tiefebene: gurgito nel campo vasto – ein von wer weiß wo herbeigeirrter Satz. Wenn er wollte, könnte er in diesem Augenblick viele wichtige Dinge erfahren: er brauchte nur zu fragen, und eine geheime Stimme würde alles mit mathematischer Präzision beantworten und das Wesen der gewichtigsten Vorbestimmungen aufdecken. Doch Atanazy war – in diesem Zustand – von den kleinen Dingen des Lebens gefangen, noch dazu von denen des »sexuellen Bereichs«. Abscheulich! Wie viele derartige Momente hatte er schon einfach aus Faulheit vergeudet sowie durch Einfügung nicht entsprechender Zahlen an die Stelle von X und Ypsilon in jene Gleichungen des reinen Schicksals, die ihm der Zufall unverdienter Offenbarungen vor sein inneres Auge stellte. Heute waren seine Verlobte und Hela Bertz die Parameter; und die Variable, vielmehr ihr System, war wie gewöhnlich er selbst, aufgespalten in mehr als ein Dutzend Doppelgänger. »Warum gerade Hela Bertz, und nicht zum Beispiel die arme Gina« (so arm war sie wiederum nicht) »oder irgendeine von den anderen ehemaligen oder potenziellen Geliebten? Mit einer anderen wäre es kein Treubruch, ich muss sie aber wirklich betrügen. Hela ist die schönste und intelligenteste« (und reichste – flüsterte etwas) »Frau, die ich kenne. Sie allein entspricht jenem höchsten ›Standard‹ der Untreue, der notwendig ist. – Wozu dieser ›Standard‹? Es genügt, sie zu küssen – aber mit anderen …? Ja – das ist der Wahnsinn gesunder Menschen! Vielleicht bin ich wirklich wahnsinnig?« – Er war entsetzt, aber nur kurz: wieder sah er Zosias grüne Augen vor sich. »Sie würde mich sogar vor dem Wahnsinn retten«, dachte er mit maßloser, alle anderen Gefühle zermalmender Liebe. Er empfand sich selbst als kleines, nichtswürdiges Geschöpf und begehrte mit wahnsinniger Kraft irgendeine Erhöhung über sich hinaus. Vorläufig jedoch änderte er seine Entschlüsse nicht. Das war eben sein fatales Schicksal. Aber was ging das irgend jemanden an? Und dennoch …

Seinen widerlichen Plan beschloss Atanazy a coup sur auszuführen. »Wenn ich nur nicht zufällig ein ganz gewöhnliches, kleines, gemeines, trauriges Schwein bin, ›un cochon triste‹?« dachte er und griff zum Telefonhörer.

»Fräulein Hela?«

»Ja, wer ist da?«

»Bazakbal. Sind Sie allein?«

»Ja. Das heißt … eigentlich …«

»Ich möchte kommen und mit Ihnen über Proust und Valery sprechen und so weiter …«

»Gerne – aber gleich. Um fünf Uhr fahren Kuba und ich zu dieser Ausstellung von Scheußlichkeiten. Niemand versteht es, so wie er …« Atanazy legte plötzlich den Hörer auf. Ihn überkam die bekannte Atmosphäre des sogenannten wirklichen »Dämonismus«, dieser »weiblichen Welt«, dieser Schweinerei, in der Körper, Seelen und Kleider nur lockende Ergänzung selbstständig lebender Geschlechtsorgane sind, wie Blütenblätter um Stempel und Staubfaden. Nur, dass es da schön ist … Ein wahnsinniger Ekel vor dem Geschlecht überhaupt schüttelte ihn von Grund auf. »Oh, wäre es doch hermaphroditisch wie bei den Schnecken, ohne diese Spaltung der Persönlichkeit! Ach, wer hat diese ganze wilde Phantasmagorie erdacht! Nun ja, wir gewöhnen uns so daran, dass es für uns aufhört, sonderbar zu sein. Doch wenn man darüber nachdenkt, dass jemand das da in jenes und dabei …« Die metaphysische Scheußlichkeit der Erotik wurde ihm klar wie noch nie. Und dennoch stand seine Verlobte Zosia gewissermaßen außerhalb. »Liebe ist etwas anderes, muss es sein – und wenn das nicht an sich schon so ist, werde ich es bewusst erschaffen. Nur diese Zutaten … Eine einzige Frau lieben wie einen Freund (auch das ist ekelhaft) und außerdem eine beliebige Anzahl von Geliebten haben (was gibt es Ekelhafteres?) – das wäre das Ideal. Und sie ebenso? Nein – Symmetrie ist hier ausgeschlossen. Der Treubruch einer Frau ist etwas ganz anderes als der Treubruch eines Mannes.« »Wir stecken nur das da in jenes, sie aber stecken Gefühl hinein (wo hinein?)«, erinnerte er sich an den peinlichen Satz eines ehemaligen Freundes, des bolschewisierenden Poeten Sajetan Tempe. »Den grundsätzlichen Unterschied beider Arten von Treubruch beweist auch das Märchen von dem Experiment mit einem weißen Kaninchenweibchen. Nachdem diese Dame ihren weißen Gatten nur ein einziges Mal mit einem schwarzen Geliebten betrogen hatte, gebar sie bis an ihr Lebensende ab und zu scheckige Kinder.«

Die transzendentale Ausweglosigkeit der Situation und die Unlösbarkeit der mit ihr verbundenen Probleme wurden ihm klar wie die Sonne, wie 2 x 2. Und trotzdem musste man weiter in dieses Knäuel von Widersprüchen, Leben genannt, eindringen, in jenes Leben, von dem man in psychologischsozialen Dimensionen spricht, in dieses sogar in seinen kleinen Ungewöhnlichkeiten gewöhnliche Leben; schlimmer noch, man musste in das ganze Dasein eindringen, bereits auf der zweiten Etage der Probleme, dort, wo unveränderliche, notwendige Begriffe und ihre notwendigen Verbindungen bestehen, in die Sphäre der allgemeinen Ontologie. Die Unvereinbarkeit beider Welten wurde immer quälender und sinnloser. Wie eine Emulsion aus Öl und Wasser immer – auch wenn sie noch so sorgfältig gemischt ist – bei hinreichender Vergrößerung stets einzelne Fettkügelchen aufweisen wird. »Dennoch steckt am Grunde des Daseins, an seinem Ursprung selbst irgendein höllischer Nonsens, obendrein noch ein langweiliger Nonsens. Aber diese Langeweile ist das Ergebnis der heutigen Zeiten. Früher war das groß und schön. Heute ist das Geheimnis auf den Hund gekommen, und es gibt immer weniger Menschen, die noch darum wissen. Bis am Ende eintöniges Grau alles bedeckt, für viele, viele Jahre, noch bevor die Sonne erlischt.« Atanazy fiel Arrhenius’ Buch Das Schicksal der Planeten ein, und eine Unlust, nicht mehr metaphysisch, sondern geologisch-astronomisch, bedrückte ihn eine Weile lang zutiefst. Also ein kompletter »Aprenuledelüschisme«? Und die Menschheit, und die allgemeinen Ideale, und das allgemeine Glück? »Aus der Gesellschaft kannst du dich nicht davonstehlen, Brüderchen – aus ihr bist du gekommen, und keinerlei Abstraktionen werden dir da helfen«, hatte dieser verfluchte Tempe einmal gesagt. Der Kreis der Widersprüche schloss sich bei diesem Gedanken wie Wasser über einem hineingeworfenen Stein. Genug. Atanazy erstarrte plötzlich in dem Gefühl, dass die Resultate seiner Entschlüsse unwiderruflich seien. (Die frühere Welt versank lautlos in irgendeiner vom Zuschauerraum des Bewusstseins aus unsichtbaren Versenkung.) Selbst wenn er zur Zeit ausgehalten worden wäre (was man ihm wegen der Romanze mit Frau Beer unterstellte),...



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