E-Book, Deutsch, 608 Seiten
Witt Fortgeschritten
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-1053-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 608 Seiten
ISBN: 978-3-7519-1053-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Witt, geboren 1982, lebt in Herne und schreibt unter dem Pseudonym "AngstkreisCreepypasta" seit Ende 2016 regelmäßig Horrorkurzgeschichten und Creepypasta und hat zuvor bereits den Horror-Roman "Knochenwald" und zwei Bände der Kurzgeschichtensammlung "Angstlust" veröffentlicht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Fernweh ist eine Sucht. Eine Krankheit. Ein rücksichtsloses und im Grunde unheilbares Fieber, das es einem schier unmöglich macht, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Die Erreger sind überall. Dokumentationen, die fremde Städte, Landschaften und Sehenswürdigkeiten zeigen, und Filme und Serien, die sie mit faszinierenden Abenteuern füllen. Exotische Düfte und Klänge, die verlockende Bilder in unsere hilflosen Gehirne injizieren, wie unsichtbare, aber zutiefst aggressive Skorpione. Reiseberichte von anderen Erkrankten, die mit jedem ihrer wohlgesetzten Worte das Virus weiterverbreiten, und Reisebüros, die mit dem Leid der Infizierten gnadenlos Profite machen, indem sie ihnen unwiderstehliche Angebote für den nächsten Schuss, den nächsten Fieberschub, unterbreiten.
Ihr mögt meine Ansichten für übertrieben halten. Für das Gequatsche eines verbitterten Zynikers. Was ist schon verkehrt daran, neue Länder kennenzulernen, seinen Horizont zu erweitern und seine kleine, enge Alltagswelt von Zeit zu Zeit hinter sich zu lassen?
Nun, rein gar nichts. Genauso wenig, wie es verderblich ist, gelegentlich ein Glas Wein zu trinken oder sich eine Tafel Schokolade zu gönnen. Wie so oft, macht die Dosis das Gift.
In kleinen Dosen ist Fernweh unproblematisch und vielleicht sogar bereichernd für unser Leben. Aber es gibt Menschen, denen ein Gläschen nicht reicht. Die nicht erkennen können oder wollen, wo ihre Grenzen liegen.
Ich bin so ein Mensch, und ein kleiner Pauschalurlaub von Zeit zu Zeit stellt mich schon lange nicht mehr zufrieden.
Eigentlich stamme ich aus Deutschland. Genauer gesagt aus einer miefigen, ländlichen Gegend dieses Landes. Der Wunsch, mehr von der Welt zu sehen, begleitete mich schon seit meiner Kindheit. Leider haben meine Eltern weder das Geld noch die Zeit für großartige Urlaubsreisen gehabt. Und ich freute mich umso mehr über jede der seltenen Gelegenheiten, zu denen sie mit mir wenigstens in eine der größeren Städte fuhren, auch wenn das oft genug zu Problemen führte.
Denn nicht selten stahl ich mich bei der erstbesten Gelegenheit davon, um jede einzelne Gasse, jeden Hinterhof und jede Seitenstraße zu erforschen. Oft mussten meine Eltern mich stundenlang suchen und gelegentlich sogar die Polizei einschalten. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass mir das eine Menge Ärger eingebracht hat.
Alles in allem hasste ich meine Kindheit, und da mir die Möglichkeit von realen Reisen verwehrt blieb, nutzte ich jede Chance, wenigstens geistig auf Reisen zu gehen.
Ich konsumierte alles, was ich in Büchern, im Fernsehen oder im Internet über fremde Länder fand. Ich dachte auch öfter darüber nach, online Kontakte zu Menschen aus anderen Ländern zu knüpfen, sah aber letzten Endes davon ab. Es hätte das Mysterium zerstört. Wenn ich eins nicht wollte, dann war es zu erfahren, dass die Menschen in diesen Ländern letztlich auch nicht anders waren als ich. Ich wollte keine Völkerverständigung, keine Überwindung von Unterschieden.
Ich wollte das Fremde, das Unbegreifliche, das Seltsame. Ich wollte Orte besuchen, an denen ich mir wunderbar verloren vorkam. Deshalb sehnte ich mich mit der Zeit auch nicht mehr danach, internationale Großstädte zu besuchen, in denen es ohnehin überall die gleichen Clubs, Burger-Buden und Szene-Treffs gab. Ich suchte vielmehr nach lokalen Eigenarten, bizarren Bräuchen, kuriosen Überlieferungen und dergleichen und verlor mich mehr und mehr in derlei Fantasien und Tagträumen.
Wahrscheinlich wäre es unter normalen Umständen auch bei meinen Träumereien geblieben. Selbst unsere Klassenfahrten führten uns nicht über die Landesgrenzen hinaus, und auch wenn ich die Schule einigermaßen ordentlich abschloss (was vor allem an meiner Begeisterung für Geografie, Geschichte und Fremdsprachen lag), so kam ich bei meinen Plänen, einen Beruf zu ergreifen, der meinem Fernweh entgegenkam oder der mir zumindest genügend Geld für weite Reisen einbrachte, kaum voran. Bei allem, was nicht mit Sprachen oder fremden Ländern zu tun hatte, fehlten mir schlichtweg die Konzentration und die Motivation, um wirklich gut oder auch nur akzeptabel darin zu sein.
Aber das Schicksal eröffnete mir einen anderen Weg zur Befriedigung meiner Sucht.
Eines Tages, als ich wieder ziellos und frustriert durch die Straßen meines provinziellen Kuhkaffs streifte, in dem ich im Übrigen so gut wie keine Freunde hatte, da niemand meine Leidenschaft für fremde Länder in gleicher Weise teilte und ich kein Interesse daran hatte, meine Zeit mit Smalltalk über die üblichen Themen zu vergeuden, entdeckte ich an einer Bushaltestelle etwas sehr Interessantes.
Das heißt, auf den ersten Blick war es eigentlich gar nicht interessant. Vielmehr handelte es sich um den zerfledderten Prospekt eines Reisebüros. Normalerweise war ich zwar nicht der Typ, der Müll von der Straße aufhob, aber da ich sonst nichts zu tun hatte, hob ich den Prospekt auf und setzte mich damit auf einen der beiden leeren Sitze des Wartehäuschens. Der Prospekt war ziemlich dick und trug das Logo einer Reisegesellschaft, die mir vollkommen unbekannt war. Dies allein war schon bemerkenswert, da ich mich schon oft nächtelang durch die Angebote der verschiedensten Anbieter gewühlt hatte. Aber ein Reisebüro mit dem Namen „Endless Horizons“ war mir bislang noch nicht begegnet. Auch das Logo, welches zwei Wellen zeigte, deren Schwung zusammen die Zahl „69“ bildete, war mir vollkommen unbekannt.
Das Cover, das einen zerfallenen und von Ranken zugewucherten Maya-Tempel inmitten des Dschungels abbildete, übte aber – obwohl ziemlich zerknittert – die nötige Faszination auf mich aus, um mich zum Durchblättern dieses Fundstücks zu bewegen.
Ich schlug also eine der vorderen Seiten auf und blickte auf eine chinesische Marktszene. Der Markt war gut besucht. In den Auslagen befanden sich Obst-, Gemüse-, aber auch Fleischsorten, wie man sie hierzulande kaum findet, aber auch getrocknete Kräuter, verschiedene Wurzeln, lebende Tintenfische, Insekten und vielerlei weitere exotische Köstlichkeiten. Zwischen den Menschenmengen deuteten sich kleine, schmale Gassen an, und neugierig, wie ich war, fragte ich mich sofort, was sich dahinter befinden könnte. Meine von unerfüllter Sehnsucht geschulte Fantasie fütterte meinen Geist mit einer Flut von Bildern und möglichen Szenarien, und plötzlich meinte ich sogar, die würzigen, intensiven Düfte wahrnehmen zu können und die feuchte, warme, stickige Luft auf meiner Haut und in meinem Mund zu fühlen.
Genießerisch schloss ich für einen kurzen Moment die Augen, und als ich sie wieder öffnete, war ich dort.
Ich stand tatsächlich in einer dieser schmalen Gassen, in der sich die Eingänge zu den anliegenden Wohnhäusern befanden, und konnte vor mir die Hauptstraße mit den Marktständen sehen. Kein Zweifel: Ich war hier. Ich war wirklich und leibhaftig zum ersten Mal in meinem jämmerlichen Leben in einem fernen Land.
Ich, der kaum je aus diesem verschissenen Kaff herausgekommen war. Irgendwie hatte mich dieser alte, zerknitterte Reisekatalog hierher gebracht. Es war fast wie in einem dieser Märchen, von denen mir meine Mutter als Kind immer viel zu wenige vorgelesen hatte. Aber das war jetzt egal. Das hier war real. Das war alles, was zählte. Ich spürte Feuchtigkeit auf meiner Wange und realisierte, dass ich weinte. Freudentränen. So musste sich ein Gefangener fühlen, der nach zwanzig Jahren Haft zum ersten Mal wieder einen Schritt in Freiheit tat.
Plötzlich hörte ich eine aufgebrachte Stimme hinter mir. Als ich mich daraufhin umdrehte, sah ich dort eine alte, runzlige Frau. Zwar verstand ich nicht im Geringsten, was sie sagte, aber ihre Gesten gaben mir deutlich zu verstehen, dass ich aus dem Weg gehen sollte. Ich lächelte sie an und trat tatsächlich zur Seite. Sie ging ohne ein weiteres Wort an mir vorbei, wobei sie mir noch einen schrägen Blick zuwarf.
Das Gefühl, hier fremd zu sein, wurde vollkommen übermächtig. Niemand kannte mich hier. Niemand verstand meine Sprache oder meine Kultur und ich nicht die ihre, wenn man von ein paar Klischees und Vermutungen einmal absah. Ich hatte keine Ahnung, wo genau ich war und wie – oder ob – ich wieder nach Hause kommen würde. Ich hatte nicht mal mehr das Gefühl, überhaupt noch eine Heimat zu haben. Vielen Menschen würde dieser Gedanke Angst machen, aber in mir löste er eine ungeahnte Euphorie aus. Mein ganzes Leben über war ich regelrecht mit Heimat zugeschüttet worden. Hatte an ihrem Tropf gehangen und hatte ihre erstickende Geborgenheit wie einen Kloß in meinem Hals gefühlt. Hier aber war ich frei.
Dennoch wagte ich ein Experiment und versuchte mir für einen Moment wieder die dreckige Bushaltestelle vorzustellen, an der ich eben noch gestanden hatte. Ich schloss die Augen und versuchte das Bild meiner sogenannten Heimat in meinem Geist genauso lebendig werden zu lassen wie das des chinesischen Marktes, auf dem ich mich nun befand.
Es funktionierte sogar einigermaßen. Die Bilder meines Heimatdorfes wurden...




