E-Book, Deutsch, 700 Seiten
Witt Fortgeschritten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-5035-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die blendenden Himmel von Uranor
E-Book, Deutsch, 700 Seiten
ISBN: 978-3-7543-5035-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit 2016 schreibt Christian Witt (auch unter dem Pseudonym "Angstkreis Creepypasta") Kurzgeschichten und Romane irgendwo in der Twilight Zone zwischen Horror, Dark Fantasy und Sci-Fi, garniert mit philosophischen oder gesellschaftlichen Überlegungen über Dystopien, Utopien und das allgemeine (Un)Menschsein. Neben den Romanen "Knochenwald" und "Hüter des Verfalls" und der Kurzgeschichtenreihe "Angstlust" gilt sein Herzblut vor allem der Fortgeschritten-Saga um den Dimensionsreisenden "Adrian", deren zweiter Band inzwischen erschienen ist.
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Kapitel 1 - Ankunft
Im seltsamen, verwirrenden Licht dieser Welt halte ich es zuerst für einen Traum. Für ein künstlerisches Werk meines Unterbewusstseins, welches Sandra, Garwenia, Ilivia, Scavinee und all die anderen Frauen, die in meinem Leben einmal eine Rolle gespielt haben, zu einer einzigen, entrückten Mariengestalt verschmolzen hat, die nun über den noch immer regennassen Boden wie der Avatar einer lange ersehnten Erlösung auf mich zuschreitet. Als ich jedoch näher komme, erkenne ich, dass ich mich irre. Die Frau, die mir entgegenkommt, trägt zwar ein Kind auf dem Arm, was die religiöse Anmutung noch unterstützt, aber dennoch ist sie keine mythische Figur irgendeiner verstaubten Religion, sondern eine ganz reale Erscheinung. Es ist SIE. Das Ziel meiner Reue, der Anlass meiner Umkehr und SIE ist das letzte, was ich hier – nur wenige Minuten Fußmarsch von der seltsamen Höhle entfernt – vorzufinden erwartet hatte. Noch dazu, wo SIE zwar nicht topfit wirkt, aber doch kräftig genug, um ein Insektenbein vor das andere zu setzen. Allein das erscheint mir schon wie ein Wunder, denn das letzte Mal, als ich SIE gesehen, als ich sie VERLASSEN hatte, hatte sie praktisch im Sterben gelegen.
Ich blicke auf das Kind in ihrem Arm. Soweit ich es erkennen kann, handelt es sich dabei um Andy, in dessen weitestgehend menschlichem Gesicht riesige Facettenaugen wohnen und dessen Oberkörper – mit den scherenbewehrten Greifarmen – fast vollständig an eine Kreuzung aus Käfer und Ameise erinnert, während sein Unterleib wieder der eines Menschen ist. Ich fand ihn – wie ich gestehen muss – immer äußerst abstoßend, doch nun wo ich ihn wiedersehe, geht mein Vaterherz trotz allem bei seinem Anblick auf, zumal auch sein Mund sich zu einem Lächeln verzieht und ein babyhaftes Glucksen daraus hervordringt. Doch wo sind unsere anderen Kinder?
IHR Gesicht gibt mir darauf keine Antwort und ohnehin kann ich nicht so leicht darin lesen. IHRE menschliche Haut liegt wie eine unbewegte Maske über ihrem Insektenschädel, da SIE offenbar schlicht keine Muskeln besitzt, die SIE für ihre Mimik einsetzen könnte. Natürlich habe ich in all der Zeit mit IHR gelernt in IHR zu lesen. In IHREM Verhalten, in der Haltung der Fühler, der Neigung des Kopfes oder dem Klang der Laute, die aus IHREM Mund dringen. Gerade jedoch fällt es mir schwer zu sagen, wie SIE fühlt oder denkt. SIE muss sich verraten fühlen, und zwar zu Recht. Ich habe SIE in der Stunde IHRER größten Not zum Sterben zurückgelassen. Erwartet mich nun der Tod? Das Urteil durch IHRE Hand? Andererseits wäre es dann wohl nicht besonders logisch ein kleines Kind dafür mitzuschleppen.
Doch als SIE direkt vor mir steht, versucht SIE mit IHREN dürren Klauen-Armen nicht, mir den Kopf von den Schultern zu reißen, sondern schließt mich in die Arme, was nicht nur zu einem Moment seltsamer Vertrautheit führt, sondern mir vor Rührung die Tränen in die Augen treibt. Ich spüre Gnade in dieser Umarmung, Vergebung, auch wenn ich nicht weiß, ob ich sie annehmen kann. IHRE Nähe und die Pheromone, die aus IHREM Mund dringen führen neben dem immer noch latent vorhandenen – aber längst nicht mehr so heftigen – Ekel auch zu eher unpassenden Reaktionen meines Körpers, die ich jedoch ignoriere.
„Was ist geschehen?“, frage ich SIE, als SIE sich wieder von mir löst. Natürlich erwarte ich keine Antwort, aber da ich mein Leben lang daran gewöhnt war Gespräche selbst mit den seltsamsten Humanoiden führen zu können, lassen sich solche Angewohnheiten schwer ablegen.
„Besser“, krächzt SIE, auch wenn es in etwa klingt, als würde ein scharfkantiger Stein in einer leeren Fabrikhalle über ein rostiges Stück Metall gezogen. Dennoch. Sie spricht. Nach all der Zeit, in der ich gedacht hatte, dass das unmöglich ist.
„Du kannst reden?“, frage ich verblüfft.
Doch SIE schüttelt den Kopf, zeigt mit IHREN Zangen-Händen auf IHREN Mund und dann auf meinen Rucksack und irgendwie begreife ich. SIE kann reden. Versteht meine Sprache zumindest ansatzweise, doch besitzt kaum die nötige Anatomie, um mehr als nur ein paar Worte formulieren zu können. Doch offenbar hat SIE begriffen, dass es möglich ist Sprache in schriftlicher Form festzuhalten und anscheinend will SIE, dass ich IHR zeige, wie das geht. SIE scheint demnach deutlich intelligenter zu sein, als ich gedacht hatte.
„Du willst, dass ich dir das Schreiben beibringe?“, frage ich und SIE nickt, begleitet von einem aufgeregten Zirpen.
„Gut, dann komm mit mir“, sage ich lächelnd und gemeinsam mit Andy machen wir uns auf den Weg zurück in die Höhle, die ich erst vor wenigen Minuten verlassen habe. In mir herrscht dabei große Aufregung, denn einmal mehr habe ich die Chance ein Geheimnis zu lüften. Das Geheimnis eines noch unentdeckten Seelenlebens, einer unerforschten Gedankenwelt. Ich werde SIE unterrichten, so gut ich es kann und so vielleicht eine Menge Dinge erfahren. Zum Beispiel, wie SIE genesen konnte, was der Schwarm dazu sagt, dass SIE den Stock verlassen hat und was mit unseren anderen Kindern geschehen ist. Zwischendurch jedoch werde ich es mir nicht nehmen lassen, meine eigenen Aufzeichnungen fortzuführen. Angefangen mit meinen alles andere als himmlischen Erlebnissen in den blendenden Himmeln von Uranor.
-1-
Meine Augen brannten. Es war, als hätte Razza oder ein anderer Andrin sich meiner angenommen und es sich zur heiligsten Aufgabe gemacht, in jeden einzelnen meiner Sehnerven eine unendlich feine, weiß glühende, gezackte Nadel einzuführen. Dieses Licht würde meine Augen verdorren lassen und selbst mein Gehirn in ein trauriges Häufchen Asche verwandeln, noch bevor es eine gnädige Blindheit vor diesem mörderischen Photonenbeschuss schützen könnte. Davon war ich zutiefst überzeugt.
Vorerst aber geschah weder das eine, noch das andere. Weder Blindheit noch Todesschwärze lösten den stechenden Schmerz ab und da ich weder die Augen schließen, noch meinen Kopf abwenden konnte, tat ich das einzige, was mir blieb: Ich schrie aus voller Kehle und schloss mich damit dem dissonanten Chor der Schreie an, der seit meiner Ankunft in Uranor um mich herum ertönte. In einem der Schreie erkannte ich Sandras Stimme, maß dem aber nicht sonderlich viel Bedeutung zu. Welche Rolle spielten schon Namen? Immerhin gab es nur einen Schmerz, nur einen Schrei und darin waren wir alle verbunden. Dieser Zustand hielt für Äonen an oder für Minuten – damals konnte ich das nicht mit Sicherheit sagen.
Heute jedoch tippe ich auf Letzteres und dennoch war ich nur noch ein wimmerndes Häufchen Elend, als der Schmerz wie auch die Helligkeit endlich etwas nachließen und meine doch nicht erblindeten Augen wieder in der Lage waren etwas anderes wahrzunehmen, als reinstes Weiß. Was sie erblickten, war die Quelle des Lichts und zugleich wahrscheinlich das Schönste, was sie je gesehen hatten. Es war eine Festung. Eine Festung mit hohen, glatten Mauern aus weißem Marmor auf deren von verspielten, spitzen Türmen geschmückten Zinnen ein wahres Meer aus saftigen Gräsern, bunten Blumen, sich in einem sanften Wind wiegenden Sträuchern und kleinen Bäumen wuchs. Manche davon waren wie gewöhnliche Pflanzen, manche aber auch aus flüssig scheinendem Silber, andere aus Gold oder schillernden, roten, blauen, violetten oder gar regenbogenfarbenen Kristallen. Am Fuß der Mauer, von der das zuvor so peinigende und nun so verlockend sanfte und Geborgenheit verheißende Licht ausging, gab es ein Tor. Ein offenes Burgtor aus lebendigen Blüten in einem robusten Drahtgitter aus silbernem Plasma, welches über einem Burggraben lag, in dem ein Meer aus Sternen und kosmischen Nebeln schwamm und von der Macht der Ewigkeit erzählte. Obwohl das Burgtor offenstand, konnte ich nicht erkennen, was innerhalb der Stadt lag, da der Lichtschein, der wie eine Heiligenerscheinung daraus hervorbrach, sämtlich Details verschlang.
Dennoch hörte ich Stimmen darin sprechen. Glückliche Stimmen, begleitet von Lachen und ungekannter Fröhlichkeit. Ich musste dorthin. Mich diesen schmerzhaft schönen Stimmen anschließen. In ihrer Fröhlichkeit baden. In ihrem Glück neu entstehen. Scheiß auf den verfluchten Katalog, dachte ich, scheiß auf Sandra. Scheiß auf mein verdammtes Leben. Es wäre ohnehin wertlos, wenn es mir nicht gelingen würde dort hinein zu kommen.
Dort zu leben, und sei es als niedrigster unter den niedrigsten Dienern, war jedes Opfer wert. Aber es ging nicht. Sobald ich wieder in der Lage war, mich zu bewegen, kroch ich, robbte ich wie von Sinnen auf diese Festung des Glücks zu und stieß doch letztlich auf Widerstand. Es gab eine Barriere, eine Barriere aus weißem Licht und goldenem Gras, die ich einfach nicht überschreiten konnte. Der Versuch es zu tun, tat nicht einmal weh. Nicht körperlich. Ich wurde lediglich zurückgestoßen, so als prallte ich an eine flexible Membran. Und doch war allein diese grausame Zurückweisung, die Unfähigkeit diesen Segensort zu betreten, mehr als ich ertragen konnte. Ich begann zu weinen. Ein...




