Witt | Fortgeschritten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 532 Seiten

Witt Fortgeschritten

Die Lebensmärkte von Deovan 1
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-5525-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Lebensmärkte von Deovan 1

E-Book, Deutsch, 532 Seiten

ISBN: 978-3-7562-5525-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach der Zerstörung von Uranor und dem fast geglückten Anschlag auf ihr Leben, folgen Adrian und Karmon, Kollom Nehmer in seine Heimat Deovan. Eine kapitalistische Dystopie am Rande des Abgrunds, in der Geld und Verträge das gesamte Leben bestimmen. Ihr Ziel: Sich das zurückzuholen, was Kollom ihnen genommen hat. Doch ihre Suche nach Rache, Antworten und lieb gewonnenen Weggefährten entpuppt sich als nicht so einfach wie gedacht. Und ihr erzwungener Rollentausch zwischen Symbiont und Wirt stellt die Freundschaft der beiden Grong-Shin auf eine harte Probe. Hier, an jenem Ort, an dem sich der Wert einer Freundschaft allein in Dominanten bemisst.

Seit 2016 schreibt Christian Witt (auch unter dem Pseudonym "Angstkreis Creepypasta") Kurzgeschichten und Romane irgendwo in der Twilight Zone zwischen Horror, Dark Fantasy und Sci-Fi, garniert mit philosophischen oder gesellschaftlichen Überlegungen über Dystopien, Utopien und das allgemeine (Un)Menschsein. Neben den Romanen "Knochenwald" und "Hüter des Verfalls" und der Kurzgeschichtenreihe "Angstlust" gilt sein Herzblut vor allem der Fortgeschritten-Saga um den Dimensionsreisenden "Adrian", deren dritter Band inzwischen erschienen ist.
Witt Fortgeschritten jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material



Es hatte Tarena und mich ziemlich viel Überwindung gekostet, unsere seelische Lähmung abzuschütteln und den unerwarteten Raum genauer in Augenschein zu nehmen, aber letztlich ist es uns gelungen. „Durch die Tür?“, schreibt Tarena in den staubigen Boden.

„Ja“, antworte ich, während ich Andy, der nicht weniger traumatisiert scheint, als wir, sanft über den Kopf streiche, „aber noch nicht direkt. Erst untersuchen wir die Kisten. Vielleicht gibt es dort etwas Nützliches zu finden.“

Tarena wirkt nicht begeistert von meinem Vorschlag, aber sie nickt trotzdem und so machen wir uns daran, die alten Kartons und Kisten zu durchwühlen. Leider ist das Ergebnis wenig berauschend. Die meisten Kisten sind gefüllt mit Tapetenfetzen, Pappstücken, alten Flaschen, Stoffresten und anderem wenig nützlichen Kram, der ausnahmslos feucht und klamm, wenn auch immerhin nicht verschimmelt oder verrottet ist. Dennoch bildet sich auf meinen Fingern bereits nach kurzer Zeit ein schmieriger, widerlicher Staubfilm, den ich instinktiv versuche, an meiner ohnehin schon dreckigen Kleidung abzustreifen, es jedoch schließlich aufgebe, da ständig neuer Staub den Platz des alten einnimmt.

In einigen Kisten immerhin, finden sich auch Dinge, die man nicht mehr nur als Müll, sondern mit etwas gutem Willen auch als Trödel bezeichnen kann.

Vieles davon ist Spielzeug. Alte LEGO-Figuren mit kleinen Schäden und oft verblassten Gesichtern, ein Kassettenrekorder mit Blümchenmuster, Actionfiguren mit Schwertern und Kanonen, traurig blickende Puppen mit dreckigen Kleidern und dergleichen mehr. Kindheitserinnerungen fluten meinen Kopf und eine Welle von Nostalgie erfasst mich, die schwermütig und beängstigend, aber nicht allein negativ ist und die mich sogar dazu bringt, eine der LEGO-Figürchen – einen schwarzen Ritter mit abgebrochener Lanze – einzustecken. Kaum da ich die Figur in meinem Rucksack verstaut habe, habe ich das Gefühl einen Teil meiner Selbstsicherheit zurückzugewinnen. Warum, kann ich nicht sagen, aber in dieser bedrückenden Umgebung nehme ich jedes bisschen Halt, das ich bekommen kann, dankend an.

Ich fahre damit fort, das Gerümpel auf Nützliches oder Aufschlussreiches zu durchsuchen. Die meisten Spielzeuge haben einen irdischen Ursprung, auch wenn ich gelegentlich Objekte entdecke, deren Form oder Zweck mir unbekannt ist und die manchmal mit seltsamen, fremden Schriftzeichen verziert sind. Ich entdecke sogar kleine Peitschen und Daumenschrauben, von denen ich vermute, dass man sie so auch in den Spielwarengeschäften von Andradon finden kann.

Während ich die muffigen, chaotischen Kisten durchwühle, erwacht auch Andy aus seiner Apathie und seine Insektenaugen scheinen jede meiner Bewegungen interessiert zu verfolgen.

„Was?“, krächzt Tarena ausnahmsweise mit ihrer kaum für menschliche Laute gemachten Stimme und deutet auf einen der Kartons.

„Das sind Spielzeuge. Man gibt sie Kindern zum Zeitvertreib, zum Lernen und vor allem, damit sie Spaß damit haben können. Seltsamerweise stammen die meisten davon aus meiner Heimatwelt“, erkläre ich ihr.

„Ich verstehe“, schreibt Tarena in den Staub, „unsere Jungen spielen auch manchmal. Mit Resten von Jagdbeute, mit Stöcken, mit Früchten. Aber nicht immer. Viele sehr fantasielos. Sehr ernst. Aber wenn aus deiner Welt, wie Dinge kommen nach Xakrischidaa?“

„Ich weiß es nicht“, gestehe ich ein, „um ehrlich zu sein, kann ich es mir gerade nicht einmal im Ansatz erklären, aber ich glaube nicht, dass es etwas Gutes bedeutet.“

„Vielleicht doch“, erwidert Tarena unerwartet, „schau dir Andy an.“

Ich gehorche. Andy gibt einen krächzenden, zirpenden, aber durchaus vergnügten Laut von sich und deutet wild auf die Kiste, die ich gerade durchsuche. Da ich natürlich ahne, was der Grund für sein Verhalten ist, halte ich ihm nacheinander ein paar der Spielzeuge entgegen, doch erst, als ich ihm eine dunkelhaarige, weibliche Puppe mit einem blau karierten Kleid präsentiere, nimmt er sie in seine Klauenarme und drückt sie fröhlich zirpend an sich.

„Womöglich hast du recht“, sage ich lächelnd, und Tarena, die der Anblick des glücklichen Andy wohl ebenfalls sehr zu rühren scheint, nimmt uns beide in den Arm. Für einen Moment brich die allgegenwärtige depressive Schwärze in mir auf, wie bei einem Ertrinkenden, der ein Loch in die Eisdecke des zugefrorenen Sees geschlagen hat, der ihn gefangenhält. Viel zu schnell jedoch wird dieses Gefühl wieder unter Eis begraben. Tarenas Umarmung endet und selbst Andys Zirpen verstummt. Trotzdem habe ich noch immer das Gefühl, dass die Hoffnungslosigkeit in mir, ein winziges Bisschen abgenommen hat.

Spätestens jetzt jedoch, verebbt mein Interesse an den Kisten und an allem anderen, was es hier zu finden geben könnte. Stattdessen beginnt der Raum schlagartig an subtiler Bedrohlichkeit zu gewinnen. Die Kisten sind nicht länger nur Kisten, sondern überreife Nester fremder, unaussprechlicher Kreaturen. Und der Staub, der wie Schneeanhäufungen zwischen ihnen liegt, beginnt wie durch einen unmerklichen Windstoß zu zittern und scheint sich dann ganz langsam, scheinbar aus eigenen Willen auf uns zuzubewegen. Es ist, als würde der Dachboden dagegen aufbegehren, dass wir die Frechheit besessen haben, in seinem Inneren auch nur für einen Augenblick so etwas wie Glück zu empfinden.

Die Angst immerhin ist eine Waffe, die sich wunderbar gegen die brütende Trostlosigkeit und Taubheit nutzen lässt. Und so gibt sie uns die Kraft, auf die Tür zu zurennen, die sich problemlos öffnen lässt. Dahinter erwartet uns ein gähnender, tiefer Abgrund, dessen Boden ich nicht erkennen kann, da lediglich eine mickrige, verdreckte Funzel an der Decke brennt.

Schon spüre ich, wie die Verzweiflung wieder ihren Griff um mich festigt, während ich hinter uns das leise Rascheln des näher kommenden Staubs höre. Bevor ich jedoch erneut in lähmende Resignation verfallen kann, bemerke ich, wie Tarena mich an der Schulter berührt. Ich sehe sie an und mein Blick folgt ihrer nach unten gerichteten Klaue. Erst jetzt entdecke ich eine hölzerne Leiter mit weit auseinander stehenden Streben.

„Was würde ich nur ohne dich machen?“, frage ich sie, während ich voller Sorge feststelle, dass der Staub weiterhin langsam auf uns zukriecht.

„Weiterreisen“, antwortet sie rau und ich denke an den Katalog und frage mich, ob sie recht hat. Hätte ich ohne Tarena gerade überhaupt nur die Kraft zu atmen?

Zum Glück muss ich diese Frage nicht beantworten, sondern lediglich klettern, was mir eine viel leichtere Aufgabe zu sein scheint. Also setze ich Andy auf meine Schultern und beginne den Abstieg. Der Kleine schlingt seine Klauenhände so fest um meinen Hals, dass er mir fast die Luft abdrückt. Erst als wir ein paar Schritte hinter uns gebracht haben und auch seine Mutter sich uns angeschlossen hat, entspannt er sich etwas.

Der Abstieg dauert lang. Sehr lang und als wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben, zittern meine Arme von der Anstrengung. Der Boden ist diesmal nicht aus Holz, sondern aus Stein. Die Wände sind mit altem, rissigen Putz bedeckt und an ihnen lehnen rostige Eisenstangen, Bettrahmen, sogar Fahrräder. Ein Keller. An der Decke flackert wieder jenes unangenehme, funzelige Licht. Auch hier liegt Staub, wenn auch etwas weniger und er scheint sich nicht eigenständig zu bewegen. Noch nicht. Dafür treibt er wirbelnd durch die Luft und lässt mich hin und wieder husten, was auch Tarena und Andy betrifft, nur dass dieses Husten bei ihnen schrill und fremdartig klingt. Tarena nimmt eine kürzere Eisenstange mit sich, was ich für eine gute Idee halte. Staub lässt sich damit zwar nicht bekämpfen, aber ich habe so das Gefühl, dass er nicht die einzige Bedrohung sein wird, mit der wir es hier zu tun bekommen werden.

Der Keller zieht sich schier endlos, macht Biegungen, bietet Abzweigungen, wird unterbrochen von Türen, hinter denen wieder nichts als unbewohnte, aber oft mit Gerümpel, Schrott und Sperrmüll voll gestellte Kellerräume warten. , frage ich mich und merke, wie mich die Leere der Gänge innerlich weiter aushöhlt und der Staub mich immer wieder niesen und husten lässt. Meine Schleimhäute fühlen sich an wie Sandpapier. Das Atmen fällt mir langsam auch schon schwerer. Ich bitte Tarena um etwas Wasser, welches sie in einem Beutel mit sich führt, der aus dem Organ irgendeines Tieres zu bestehen scheint. Sie reicht mir den Beutel und ich nehme einen großen Schluck. Die Feuchtigkeit tut erst gut, dann jedoch habe ich das Gefühl, dass sie lediglich all den Staub in meiner Kehle zu einem klebrigen Teppich verbindet, der noch unangenehmer ist, als das Kitzeln des Staubs an sich. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir so lange durch diese Gänge irren werden, bis wir verhungern oder verdursten.

Ich erwäge umzukehren, auch wenn ich mich nicht mehr sicher bin, ob ich den Weg noch wiederfinden kann und versuche durch eine der stets gleich...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.