E-Book, Deutsch, 486 Seiten
Witt Fortgeschritten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-5773-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Lebensmärkte von Deovan 2
E-Book, Deutsch, 486 Seiten
ISBN: 978-3-7578-5773-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit 2016 schreibt Christian Witt (auch unter dem Pseudonym "Angstkreis Creepypasta") Kurzgeschichten und Romane irgendwo in der Twilight Zone zwischen Horror, Dark Fantasy und Sci-Fi, garniert mit philosophischen oder gesellschaftlichen Überlegungen über Dystopien, Utopien und das allgemeine (Un)Menschsein. Neben den Romanen "Knochenwald" und "Hüter des Verfalls" und der Kurzgeschichtenreihe "Angstlust" gilt sein Herzblut vor allem der Fortgeschritten-Saga um den Dimensionsreisenden "Adrian", deren dritter Band inzwischen erschienen ist.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1 – Neue Freiheit
Tarena blickt auf das abgenagte, blutige, aber von seiner Statur noch immer beeindruckende Skelett der toten Rorak. Dann wandert ihr Blick zu ihrem Sohn und dessen fremdartigen, aufgedunsenen, blutverschmierten Kopf. Sie hat selbst schon oft lebendiges Fleisch gefressen, hat sogar ihre eigenen Kinder verspeist, während ihr Sohn, ihr unschuldiger Sohn lediglich totes Fleisch verzehrt hat. Und doch stößt sie sein Anblick ab, wie es sich eigentlich nicht für eine Mutter gehört. Ist das hier noch Andy, oder hat sie bei ihrer Flucht lediglich einen Teil von Nollotsch mit sich genommen, der die Gestalt ihres Sohnes angenommen hat? Ist es ihre eigene Veränderung, die ihren Blick verzerrt? Die Folgen eines Traumas? Ein Zeichen unverzeihlichen Egoismus? Oder ist es lediglich eine weitsichtige, innere Stimme, die sie warnt?
So gut sie kann, versucht Tarena diese kreisende Fragen und vor allem diese unangenehme Empfindung zu verdrängen, ist Andy doch eine der wenigen verbliebenen Konstanten in ihrem immer chaotischer werdenden Leben.
Sie schüttelt ihren Ekel ab, geht auf ihren Sohn zu und nimmt ihn einmal mehr auf den Arm, wobei sie immerhin erkennt, dass die kompromisslose, blinde Gier, die ihn in den letzten Minuten beherrscht hat, der Vergangenheit angehört. Sein Hunger ist gestillt. Dennoch hat sie fast den Eindruck, dass er sich noch weiter verändert hat. Dass er noch weicher, größer und unförmiger geworden ist. Sie ist sich nicht sicher, nein, aber dennoch treten Angst und Sorge an die Stelle ihrer mühsam verdrängten Abscheu.
„Danke“, sagt sie dennoch knapp, an Any gerichtet und heißt die Gelegenheit willkommen, ihren Blick von ihrem Sohn abzuwenden.
„Kein Problem. Auf diese Weise dient der Tod dem Leben. Ein sinnvoller Kreislauf“, antwortet Any, „außerdem haben wir hier keinen Mangel an Feinden. Die Leichenproduktion steht nicht still, wenn du verstehst.“
Ein kurzes Lächeln huscht über Anys cremeweiße Lippen. Wie um ihren Worten recht zugeben fährt eine weitere Erschütterung durch das Efryum und droht sie erneut von den Füßen zu reißen. Diesmal gelingt es Tarena jedoch besser, die Balance zu halten.
„Nachschub für die Produktion?“, fragt Tarena.
„Sieht ganz so …“, beginnt Any, als ihre Worte von einem ohrenbetäubenden Krachen unterbrochen werden.
„Was war das?“, fragt Tarena besorgt, als der Lärm endlich nachlässt und die dumpfe Taubheit aus ihren Ohren weicht, „das klang anders als zuvor.“
Any antwortet nicht darauf. Ihr Blick ist starr auf die Treppe gerichtet. Tarena fährt herum und sieht in dieselbe Richtung.
Auf ebenjener Treppe entdeckt sie die schwarzen, mit dem Wappen von Astrera verzierten Uniformen von Rorak, Andrin und Bravianern, die nach- und nebeneinander die breiten Stufen heruntereilen, Schusswaffen in den Händen.
Tarena hat keine Waffe bei sich, abgesehen von Adrians Peitsche. Tarena aktiviert sie. Aber noch bevor sie auch nur daran denken kann, sie einzusetzen und sich den Eindringlingen entgegenzustellen, sieht sie eine Phalanx aus Gräber-Geschossen direkt auf die Kuppel zufliegen.
Any reagiert schneller als sie. Statt den Feinden im Kampf zu begegnen, schwingt sie ihr Pendel in einem komplizierten Zick-Zack-Muster. Noch ehe die Angreifer und die Masse der lebenden Geschosse das offene Tor erreichen, schließt es sich und versprüht ein schimmerndes, bläuliches Energiefeld, welches sich fast augenblicklich über die gesamte Kuppel ausbreitet. Drei Gräber jedoch schlüpfen durch die Öffnung, bereit ihre tödliche Bestimmung zu erfüllen.
Sofort lässt Tarena Andy auf den Boden sinken, schwingt ihre Peitsche und zerfetzt einem der rattenartigen Geschöpfe das Rückgrat. Zwei jedoch springen an ihr vorbei, direkt auf Any zu, die sie wohl instinktiv als ihre wichtigste Gegnerin erkennen.
Die Frau, die vollkommen versunken in ihrer Pendelarbeit ist, bekommt von diesem Angriff rein gar nichts mit.
„Vorsicht!“, ruft Tarena warnend, aber Any scheint sie nicht zu hören. Ihre Augen bleiben allein auf ihr Pendel gerichtet, selbst als sich die Gräber genüsslich in ihre gepanzerte Brust bohren.
„Verdammt, nein“, flüstert Tarena entsetzt, die als Adrian Gefährtin und Zuhörerin genau weiß, was das bedeutet. Ihre Beschützerin ist verloren. Ihr Körper mag vorerst noch atmen und sich bewegen, aber das ist eine Momentaufnahme, ein letztes, verzögertes Abbild der Vergangenheit. Im Grunde steht dort bereits eine Leiche. Eine zerfetzte, entstellte Leiche.
Entsprechend kümmert sich Tarena auch nicht mehr um die Hüterin des Efryums, deren schmackhafter Körper die lebenden Waffen zumindest eine Zeitlang davon abhalten wird, sich auf sie und Andy zu stürzen. Stattdessen blickt sie auf die kleine Einsatztruppe, die sich vor der Kuppel versammelt hat. Es sind etwa zwei Dutzend. Hauptsächlich Bravianer und Rorak. Frauen und Männer.
Sie sieht in ihre Gesichter. Gesichter, die weitaus individueller sind als es ihre Uniformen vermuten lassen. Viele von ihnen schmücken sich mit Tätowierungen. Mit bunten Sternen, verspielten Runen, unbekannten Tieren, klangvollen Namen, die ihnen selbst oder auch nahestehenden Personen gehören mögen oder auch mit kurzen Sinnsprüchen. Manche haben silbernes oder golden schimmerndes Haar, andere verschiedenfarbige Augen und einige außergewöhnlich breite oder längliche Gesichtsformen, die auf plastische oder genetische Eingriffe hindeuten.
Alles Merkmale, die exotisch und individuell wirken, jedoch nur selten bedrohlich. Genauso wie die Personen, die sie tragen. Sie scheinen entschlossen, ja sogar kriegerisch, wie es bei Soldaten zu erwarten ist, aber nicht böse. Nicht im eigentlichen Sinne. Nicht wie die Sadisten oder Psychopathen, die man unter dem Banner einer chaotischen Macht vermutet und die auch Tarena nach den Andeutungen von Any und Adrian erwartet hat.
Trotz ihrer Lage nimmt sie sich die Sekunde, einige der Slogans zu entziffern. „Ich bin kein Zahnrad“, „Zufall ist der Treibstoff der Freiheit“, „Brich die Maschine“ und „Mein Leben gehört mir“ steht dort in verschiedenen Sprachen geschrieben, die für Tarena jedoch kein Hindernis darstellen.
Diese Leute treten offenbar für etwas ein, sei es nun eine schöne Lüge oder ein echtes Ideal. Aber dennoch werden sie wahrscheinlich nicht zögern, sie zu töten, wenn sie die Gelegenheit bekommen. Sobald die Gräber Anys Gehirn erreichen und die Barriere fallen würde, würden diese Leute in die Kuppel hineinstürmen und sie alle auseinandernehmen. Erst sie, dann Andy und zuletzt Adrian.
Und das kann Tarena ihnen nicht einmal wirklich übelnehmen. Sie sind Soldaten. Sie wähnen sich im Krieg und fühlen sich jener Mission verpflichtet, die sie hergeführt hat. Damit haben sie ihr einiges voraus. Tarena hat keine Mission. Über Anys wirkliche Absichten weiß sie viel zu wenig, um mit ihr zu sympathisieren, selbst wenn sie nicht tot wäre. Adrian ist – zumindest im Moment – praktisch ein Zombie und Andy ist genauso sehr ihr Kind, wie ein Fremder.
Wenn überhaupt, dann ist am ehesten Nollotsch ihre Mission und den würde sie am liebsten in Flammen aufgehen lassen. Trotzdem würde sie sich verteidigen, würde ihr Leben schützen, wie es jedes Lebewesen tut, wenn es in Bedrängnis gerät.
Aber würde sie das wirklich? Muss sie das wirklich? Sie kann kämpfen, ja. Aber letzten Endes ist sie eine Diplomatin. Ob sie nun will oder nicht.
„Hört mich an!“, ruft sie in der Sprache der Bravianer, „das hier muss keine lange, blutige Belagerung für euch werden. Ich bin nicht eure Feindin. Diese Frau hat mir Zuflucht gewährt, ja, aber ich bin nicht ihre Verbündete. Ich weiß nichts über euren Konflikt. Lasst mich, meinen Freund und meinen Sohn ziehen. Dann öffne ich euch die Kuppel und erzähle euch alles, was ich weiß. Und wenn ihr mögt, könnt ihr mir von eurer Mission berichten, vielleicht kann ich euch sogar helfen, sie zu erfüllen. Zeigt mir das Ulandora, wenn ihr einverstanden seid.“
Kaum da sie die ersten Worte gesprochen hat, bemerkt Tarena, wie ihr Selbstbewusstsein wächst. Ihre Stimme hallt wie eine Offenbarung durch das Efryum. Laut, tragend und fast mystisch. Weder ihre Verzweiflung, noch ihre Todesangst sind ihr anzumerken und zu ihrer großen Überraschung beginnen die Angreifer angeregt miteinander zu diskutieren. Sie tun es leise, zu leise selbst für Tarenas Ohren, aber dass sie es tun, steht außer Frage.
Tarena verspürt den wachsenden Drang, nach Any zu sehen, nach Andy und Adrian, doch sie weiß, dass sie diesem Impuls nicht nachgeben darf. Sie muss alles vermeiden, was womöglich Misstrauen erregt oder das Ganze unnötig in die Länge zieht. Was sie hier tut, ist ein bloßes Pokerspiel. Immerhin weiß sie nicht, wie lange das Kraftfeld nach Anys Tod noch intakt bleiben wird. Wenn es ohne ihr Zutun verschwindet, kann sie sich ihre gesamte Diplomatie in die Haare schmieren.
Schließlich, nach gefühlt...




