E-Book, Deutsch, 550 Seiten
Witt Hüter des Verfalls
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-6546-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 550 Seiten
ISBN: 978-3-7526-6546-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Witt, geboren 1982, lebt in Herne und schreibt unter dem Pseudonym "Angstkreis Creepypasta" seit Ende 2016 regelmäßig Horrorkurzgeschichten und Creepypasta und hat neben "Hüter des Verfalls" bereits den Horror-Roman "Knochenwald", den Dark Fantasy-Roman "Fortgeschritten", sowie zwei Bände der Kurzgeschichtensammlung "Angstlust" veröffentlicht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Einladung
Die Einladung
-1-
Es war schon ein wenig unwirklich, nach so langer Zeit in die Heimat zurückzukehren. Allerdings war die einjährige Auszeit in Australien dringend nötig gewesen. Der Stress der letzten Jahre hatte sich mehr und mehr in mir aufgestaut, bis ich das Gefühl bekommen hatte, in einem undurchdringlichen Alltagskäfig gefangen zu sein, aus dem es so gut wie kein Entrinnen mehr gab. Ich hatte einfach die Reißleine ziehen müssen, um nicht vollends den Verstand zu verlieren. So gut mir aber die lange Erholungsphase auch getan hatte, so froh war ich nun, wieder in mein gutes altes Haus zurückzukehren.
Wie ich erfreut feststellte, hatte sich meine Schwester während meiner Abwesenheit wie versprochen aufmerksam und zuverlässig um mein Haus gekümmert. Schon von außen glänzte es wie frisch gebaut in der nachmittäglichen Frühsommersonne und auch innen war alles blitzblank und ordentlich. Sogar noch viel ordentlicher und aufgeräumter als vor meiner Abreise. Zufrieden räumte ich mein Reisegepäck aus und schlüpfte in meine Wohlfühlklamotten. Danach rief ich meine Schwester an, dankte ihr für die Pflege meines Hauses und versprach, sie zum Dank bald zum Essen einzuladen. Dann wollte ich mich eigentlich ins Bett legen. Immerhin war die Reise sehr anstrengend gewesen. Allerdings entschied ich mich nach kurzer Überlegung doch dafür, eine Runde um den Block zu drehen und wieder ein wenig Heimatluft zu schnuppern.
Schon als ich auf die Straße hinaustrat, bemerkte ich eine deutliche Veränderung. In den fast zwanzig Jahren, in denen ich hier gewohnt hatte – und nach Berichten von alteingesessenen Nachbarn auch schon weit davor - stand schräg gegenüber ein altes und verfallenes Haus, das aus unerfindlichen Gründen nie abgerissen worden war. Es sah wirklich schäbig und gruselig aus und stellte einen solchen Schandfleck für unsere ansonsten hübsche Nachbarschaft dar, dass die Grundstückspreise allein durch den Anblick dieser schäbigen Ruine deutlich in den Keller gegangen waren. Auch wenn ich natürlich davon profitierte - anderenfalls hätte ich mir das Haus damals nicht leisten können - so hatte mir die Bruchbude besonders nachts immer ein sehr ungutes Gefühl gegeben und ich hatte stets einen weiten Bogen darum gemacht.
Nun aber, gab es dieses Haus nicht mehr. Stattdessen stand dort ein schickes, weiß gestrichenes Anwesen, das erst vor Kurzem fertigstellt worden sein konnte. Neugierig ging ich auf die andere Straßenseite, um mir das Gebäude genauer anzusehen. Tatsächlich - stilvolle Vorhänge, eine saubere, intakte Tür, ein frisch gemähter Rasen, sogar Blumenkästen an den Fensterbänken. Kein Zweifel: Das Haus war wieder bewohnt und garantiert erst vor Kurzem neu errichtet worden, auch wenn es von seiner Grundform her überraschende Ähnlichkeit mit der alten Bruchbude aufwies, die zuvor hier gestanden hatte.
Als ich mich noch gedankenversunken über diese überraschende Entwicklung wunderte, öffnete sich die Tür und ein gepflegter Mann, der wie ich Anfang vierzig zu sein schien, trat hinaus. Um nicht als Stalker missverstanden zu werden, wollte ich mich reflexartig abwenden, aber da hatte er mich schon entdeckt. "Wohnen Sie im Haus dort drüben?", fragte er unvermittelt und zeigte dabei auf mein Zuhause.
"Ja, genau. Das ist mein Haus", antwortete ich ein wenig überrumpelt. Sofort machte sich ein warmes Lächeln auf dem Gesicht des Fremden breit. Er ging auf mich zu und bot mir seine Hand an. "Schneider. Timo Schneider. Ich und meine Frau sind neu in der Nachbarschaft".
Ich ergriff seine Hand, die sich rau und ein wenig feucht anfühlte. Er hatte einen sehr festen Händedruck. Fast schmerzhaft, um genau zu sein."Freut mich, Sie kennenzulernen.", antwortete ich, "Mein Name ist Christoph Manner. Ich bin auch gerade erst zurückgekommen. Schön, hier neue Gesichter zu sehen." Der Mann nickte und grinste noch breiter. Und auch wenn sein Lächeln fast schon comichaft war, so wirkte er zugleich doch sehr sympathisch.
"Meine Frau Hannah und ich bereiten gerade das Abendessen vor. Wollen Sie vielleicht heute Abend vorbeikommen? Dann könnten wir uns näher kennenlernen?", bot er an.
Das überraschte mich ein wenig. Die meisten meiner Nachbarn waren bislang eher zurückhaltend gewesen und schätzten ihre Privatsphäre und eigentlich war es auch nicht meine Art, mich so schnell mit Wildfremden anzufreunden. Aber der Mann strahlte etwas wirklich Angenehmes aus und so sagte ich zu. "Gerne. Wann soll ich vorbeikommen?". Der Mann, Timo, sah auf seine schwarze Armbanduhr. "Würde Ihnen 20 Uhr passen?". Ich nickte, verabschiedete mich freundlich und kehrte in meine Wohnung zurück, um noch ein wenig zu schlafen.
Als der Wecker meines Smartphones klingelte, fühlte ich mich seltsamerweise ausgeruht und frisch, auch wenn ich nur ungefähr vier Stunden geschlafen hatte. Voller Neugier auf meine neuen Nachbarn machte ich mich auf den Weg und klingelte an der nagelneuen Tür. Hannah, Timos Frau, öffnete mir und präsentierte mir ein strahlendes Lächeln, welches gut zu dem ihres Mannes passte. Sie trug ein rotes Abendkleid und lockige, mittellange, braune Haare. Sie war recht gut aussehend und mir ebenfalls äußerst sympathisch. Sie bat mich, einzutreten, und machte eine einladende Geste. Ich folgte ihrer Einladung.
Innen war es stilvoll eingerichtet. Viele helle Cremetöne, helles Holz und ein großes, weißes Sofa. Der ebenfalls weiße, großzügige Esstisch war mit vielerlei Speisen gedeckt, die schon mehr nach einem Buffet als nach einem einfachen Abendessen aussahen. Es gab Wildbraten, eine Obstplatte, Kartoffelgratin, einen Salat und viele weitere Köstlichkeiten. Und es duftete verführerisch, auch wenn ich gleichzeitig einen leicht modrigen Geruch wahrnahm, der so gar nicht zu den leckeren Speisen passen wollte. Ich tat das als Einbildung ab und setzte mich zu den beiden an den Tisch. Nachdem wir mit einem irgendwie exotisch schmeckenden, trockenen Weißwein auf gute Nachbarschaft angestoßen hatten, begannen wir mit Small Talk und ich erfuhr so einiges aus dem Leben der Schneiders. Timo war wohl ein selbstständiger Unternehmensberater, Hannah die Filialleiterin einer Bank in der Nachbarstadt. Sie hatten sich das Geld für den Hauskauf lange zusammengespart und genauso lange nach einem passenden Grundstück gesucht, bis sie auf die alte Ruine gestoßen waren. Seltsamerweise beharrten die beiden darauf, dass sie sie renoviert und nicht einfach abgerissen und ein neues Haus gebaut hatten. Das überraschte mich.
Ich hätte nicht gedacht, dass das bei der alten Ruine überhaupt möglich gewesen wäre. Während die beiden mir von ihrem Leben erzählten, langte ich beim Essen ordentlich zu. Es schmeckte wirklich hervorragend, allerdings auch anders, als ich es bei vergleichbaren Speisen bisher gekostet hatte.
Als ich die beiden nach den Zutaten fragte, verwiesen sie auf exotische Gewürze und ein Familienrezept. Ich dachte nicht weiter darüber nach und genoss es einfach.
So vergingen die Stunden mit Gesprächen, gutem Essen und viel Wein; und ehe ich mich versah, war es bereits drei Uhr nachts. Da ich morgen meine gewohnten Jogging-Runden plante und mir zudem ein wenig unwohl war – was wohl am wenigen Schlaf und dem Alkohol liegen mochte -, verabschiedete ich mich und versprach, bald wieder vorbeizukommen. Als ich zu Hause ankam, hatte sich mein Unwohlsein in eine ausgewachsene Übelkeit verwandelt und ich war kurz davor, mich zu übergeben. Da ich darauf aber so gar keine Lust hatte, schluckte ich Magentabletten, trank viel Wasser und kämpfte die Übelkeit erfolgreich nieder. Irgendwann schlief ich ein.
-2-
Als ich wieder erwachte, war es bereits später Nachmittag und ich hatte meine übliche Jogging-Zeit eindeutig verschlafen. Immerhin ging es mir etwas besser, auch wenn ich einen pelzigen Geschmack auf der Zunge hatte. Ich trank ein Glas Wasser, aber der Geschmack blieb, begleitet von leichten Kopfschmerzen. Ich nahm mir fürs Erste vor, nicht mehr so viel zu trinken, und blickte auf mein Handy. Meine Schwester hatte bereits dreimal angerufen. Trotzdem hatte ich keine Motivation zurückzurufen. Ohnehin fühlte ich mich lustlos. Das Einzige, was etwas Vorfreude in mir auslöste, war die Aussicht auf ein weiteres Abendessen mit den Schneiders bereits in wenigen Stunden. Wir hatten uns für heute Abend erneut verabredet. Diesmal durfte ich aber nicht so viel trinken. Immerhin würde ich übermorgen bereits wieder im Büro sein müssen und wollte mich nicht daran gewöhnen. Warum ich mich so auf den Abend freute, wusste ich nicht. Vielleicht spielte neben der angenehmen Gespräche und des interessanten Essens auch Hannah eine Rolle, die mir irgendwie gefiel, auch wenn ich mich natürlich schuldig fühlte. Immerhin war sie verheiratet.
-3-
Als es endlich zwanzig Uhr war, stand ich wieder vor der Tür und Hannah öffnete. Ihre grünen Augen blickten mich freundlich an und irgendwas anderes schien auch noch in ihrem Blick zu wohnen. War es Begehren? Ich verscheuchte den Gedanken und begab mich an den Esstisch. Diesmal gab es Lachs, Mousse au...




